Schlagwortarchiv: Volksbühne

„It’s not a musical, dear Florentina, it’s …“

Bis zum tosenden Applaus war nicht klar, ob in der Schlussszene auf den fäkalienerprobten Brettern der Berliner Volksbühne tatsächlich wie am Fließband Körperflüssigkeiten ausgeschieden, aufgewischt und wieder neu entleert wurden – Körperflüssigkeiten in verschiedenen Beige-, Rot- und Brauntönen, die sich in unterschiedlichen Festigkeiten auf dem Bühnenboden ergossen und dazu führten, dass die knapp 20 Akteurinnen nackt oder in kurzen weißen Arztkitteln und mit OP-Hauben auf ihren Köpfen ausrutschten, sich wieder aufrafften und erneut wegschlitterten. So entstand eine riesige Slapstick-Sauerei mit vier oder fünf sowohl munter als auch schamvoll ausscheidenden weiblichen Körpern, mit Fontänen spritzenden, aufgesockelten WC-Schüsseln und mit gut dreifacher Menge an weiblich medizinischem Personal, das mit Mullbinden, Reinigungsmaterial und Aufwischeimern diesen Kloake-Explosionen nicht „Herr“ werden konnte. Diese Szenerie wurde ein wenig mit von oben rieselnden Schneeflocken beruhigt, die sich in einem kühl diffusen Licht im Laufe der Zeit poetisch auf die Sauerei legten und die Dringlichkeit der Endzeitstimmung theatral abdichteten. Über allem drehte auf dem Dach eines auf der Bühne platzierten White Cubes aus Glas eine nackte Schlittschuhläuferin ihre Pirouetten und selbst nachdem die Akteurinnen sich nach einmaliger Verbeugung verabschiedet hatten und auf die Seitenpanele der Volksbühne in großen schwarzen Buchstaben „NO END“ projiziert wurde, tanzte und tanzte sie auf ihren gut 20 Quadratmetern Grundfläche, während der Schnee weiter rieselte, der dystopische Elektrosound lautstark dröhnte und das Volksbühnenpersonal schon die Bühne abräumte. Spätestens hier wurde klar, dass es sich um künstliche Fäkalien handelte, denn im Zuschauerraum der Volksbühne verbreitete sich ein chemikalischer Geruch.

© Mayra Wallraff

Florentina Holzingers „A Year Without Summer“ wirkt am Ende des heißen Sommers 2026 mit 550.000 Hektar in Europa abgebrannter Fläche und mit über 16 Tausend Toten allein in Deutschland einigermaßen anachronistisch. Denn während sich die Lage des Planeten weiter politisch, klimatisch und militärisch aufheizt, erzählt Holzinger die umgekehrte Richtung: Uns würde – und hierfür stünde pars pro toto die westliche Medizinhistorie, die sich von einer Sorge um den verletzten und zu heilenden Körper zu einer Sorge um den unendlich lebenden und das Altern überwindenden Körper wandelt – der Gegenstand der Medizin und die fürsorgende Wärme abhanden kommen. Im Format eines Musicals erzählt sie eine Geschichte, die mit der Monstererfindung von Dr. Frankenstein durch Mary Shelley an einem Tag ohne Sommer im Sommer 1816 am Genfer See gestartet hätte, ein Tag, an dem ein Vulkanausbruch den Himmel mit Asche verfinsterte, die Sonne verschwinden ließ und sich Shelley mit Gleichgesinnten in ein Haus am Genfer See rettete, um Hoffnung in Gruselgeschichten zu finden. Flankiert wird dieser Plot mit musikalischen Episoden unter anderem zum NS-Verbrecher Adolf Mengele, der als Lagerarzt in Auschwitz an Zwillingen, Frauen, kleinwüchsigen Menschen sowie Sinti und Roma Medizinverbrechen vornahm oder zu Sigmund Freud, der mit seinen psychoanalytischen Theorien von sogenanntem Penisneid, sogenannter Kastrationsangst und sogenannter Hysterie den weiblichen Körper, die weibliche Psyche und die weibliche Sexualität zu domestizieren oder zu pathologisieren versuchte. Dr. Frankenstein wirft hier als Experiment die lange Fluchtlinie der Monsterschaften, die auf Körper marginalisierende und disziplinierende Macht ausüben, bis in das 21. Jahrhundert hinein. Doch wenngleich dieser Handlungsstrang auf der Bühne erzählt, im Programmblatt notiert und in den Rezensionen wiederholt wird und er zeitlinear im Stil eines Musicals mit sich lose aneinanderreihenden Dialogen, mit Gesang, Tanz-, Revue- und Akrobatikeinlagen, mit tanzenden Infusionsständern, akrobatischen Trampolinsprüngen, Federboas und amputierten Armen aus Pappmaché dramaturgisch kreiert wurde, die eigentliche Geschichte ist eine andere: nicht die einer Entfremdung und Abkühlung, die in Form eines musiktheatralischen Musicals schon allein durch das Genre humorvoll, ja komisch und heiter, manchmal auch albern und kitschig und dramaturgisch nicht sehr konzise und medizinhistorisch informiert konterkariert wird. 

© Nicole Marianna Wytyczak

Ihre großen Momente hat die Inszenierung, wenn Holzinger im Format der Performances hinein- oder besser herausinszeniert, wenn sie ihren Akteurinnen – und sie ist eine davon – Zeit und Raum gibt, inmitten des Theatersettings (Sound, Musik, Licht, Requisiten, Nebel) in situ Situationen zu entwickeln. Und diese Gelegenheiten gibt sie als dramaturgische Klammer am Ende der Inszenierung und am Anfang: Gleich zu Beginn entledigten sich 18 Akteurinnen – unterschiedlichen Alters, von Twens bis über 80-jährige Frauen, mit unterschiedlichen Hautfarben und körperlichen Versehrtheiten – ihrer Kleidung, sie näherten sich in warmem Licht und Nebel einander an, begannen, sich in immer wieder ändernden Konstellationen zärtlich zu umarmen, zu streicheln und zu küssen, bis sich unter dem begleitenden Sound von Elektrobeats eine intensive Begehrensfeier auf der Bühne entwickelte, die zu keinem Moment Pornografisches evozierte, da sie durch das warme Licht und den Nebel eine intensive Intimität von sich umeinander sorgenden Körper ermöglichte, schützte und wahrte. Unter Wagners Fanfaren und Trommeln entstand ein Moment vom „Ursprung der Welt“, nicht nur textlich auf die Bühne projiziert, sondern auch installativ, indem auf der Bühne ein riesiges Stück Stoff zu dem „Ursprung der Welt“ von Gustave Courbet von 1866 aufgeblasen wurde. Während Courbet die Vulva eines nackten, weißen Frauentorsos als Bildmotiv seines naturalistischen Ölgemäldes (46 × 55 cm) wählte (das Bild war zwischenzeitlich im Eigentum des französischen Psychiaters und Psychoanalytikers Jacques Lacan, der eine Freud-Relektüre initiierte), wurde hier der „Ursprung der Welt“ überdimensioniert als ein aufblasbarer hellbrauner XXL-Torso auf der Bühne installiert und die Vulva zu einer Tür von der Hinter- auf die Vorderbühne für die Akteurinnen umfunktioniert.

© Nicole Marianna Wytyczak

Darüber entstanden eindrucksvolle bildkulturelle Momente, die statt von Kälte und Kühle von Fürsorge, Intimität, Wärme, Lust, Begehren und körperlichen Schönheiten erzählten. Holzinger unterläuft mit theatralen und performativen Mitteln Michel Foucaults Theoriekonzept der Bio-Macht – eine Machttechnologie, die seit dem 18. Jahrhundert disziplinierte Körper und eine re-produzierende Bevölkerung zur Erzeugung von Reichtum und Gütern hervorbringt – und performiert stattdessen eine Variante der Bio-Ermächtigung, bei der es sich nicht lediglich um eine kitschige oder nostalgische Idee der Rückbesinnung auf einen machtbefreiten menschlichen Körper handelt, der in den Kontrast zu aktuellen Technologien gestellt würde. Vier Roboterhunde wurden aus dem sie einsperrenden White Cube auf die Bühne entlassen, auch sie stellten später ihre Kompetenzen in den Dienst der medizinischen und betreuenden Umsorgung der menschlichen Körper. Und auch wenn das letzte Bild eines des kalten Lichts, des harten Sounds, der fehlenden Akteurinnen und einer einsamen Schlittschuhläuferin war, wehte der Hauch weiblicher und institutioneller Fürsorge. 

© Mayra Wallraff

„A Year Without Summer“ ist eine künstlerische Subversion: Zunächst wird eine dystopische Science Fiction von Dr. Frankenstein durch ein Musical unterlaufen und stellt qua des Genres populäre Anschluss- und Rezipierfähigkeit her. Dann wird ein Musical durch künstlerische Performances unterlaufen, die die (wenn auch locker) komponierte Kausalität und Popularität des Musicals aufheben. Und dann finden nächste Subversionen statt, indem die künstlerischen Genres durch soziale Performativitäten unterlaufen werden: Das erzählte Dystopie-Performativ wird durch die künstlerischen und sozialen Performances zu einem Solidaritäts-Dispositiv gestört bzw. transformiert. Insofern wundert es auch nicht, dass es inmitten der Inszenierung heißt: „It’s a … [Pause] … fantastic musical!“. Mit diesem Schlüsselsatz findet eine explizite (und performative) Anbindung der Dramaturgie an kulturwissenschaftliche Performativitätsforschungen statt, die den Ausruf „Es ist ein Junge!“ oder „Es ist ein Mädchen!“ nach der Geburt als ihren „Ursprung der Theorien“ setzen und hierin eine performative Äusserung sehen, die Subjekte und mit ihnen ihre Geschlechtsidentitäten hervorrufen. Subversion ist dabei die emanzipatorische Handlungsmöglichkeit, nicht exakt zu wiederholen oder auf-/auszuführen, sondern Störungen in die Wiederaufführungen und zwar mittels Performances und Theatralitäten einzubauen und darüber Verschiebungen zu produzieren. Um auch hier zu stören und eine nächste Verschiebung einzubauen: „It’s not a musical, dear Florentina, it’s …“ – etwas anderes . ;)

Am 10. Oktober 2026 haben Florentina Holzinger und ihr Team die Ehrung als eine der „10 bemerkenswertesten Inszenierungen des deutschsprachigen Raums“ des Theatertreffens 2026 in der Berliner Volksbühne in Empfang genommen: Saioa Alvarez Ruiz, Liane Jil Apel, Andrea Baker, Bear Boy, Sofia Borges, Born In Flamez, Gibrana Cervantes, Renée Copraij, Beatrice Cordua, Sophie Duncan, Luz de Luna Duran, Bláthin Eckhardt, Renée Eigendorff, Fibi Eyewalker, Paige A. Flash, Florentina Holzinger, Sahel van K, Chris Kringel, Annina Machaz, Achan Malonda, Ingeborg Middendorf, MING, Xana Novais, Netti Nüganen, otay:onii, Constanza Pérez de Lara Bonatti, Sue Shay, Gitti Ulm, Bärbel Warneke, Lucy Wilke. Herzlichen Glückwunsch!

© bkb, 2026.

Florentina Holzinger – Regie, Choreografie, Performance

Born In Flamez, Gibrana Cervantes, Stefan Schneider – Musikalische Leitung

Born In Flamez, Gibrana Cervantes, Josephinex Ashley Hansis, Noah Reis Ramma, Stefan Schneider – Komposition

Sofia Borges, Born In Flamez, Gibrana Cervantes, Bláthin Eckhardt, Paige A. Flash, MING, otay:onii, Stefan Schneider – Live-Musik

Philipp Hülsenbeck – Weitere Musikproduktion, Mixing, Arrangements

Stefan Schneider, Olivia Oyama – Sounddesign

Fernando Belfiore, Sara Ostertag, Felix Ritter, Michele Rizzo – Dramaturgie

Leonie Hahn – Dramaturgie Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz 

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Die Räumung der Volksbühne

Am 28.9.2017 wurde nachmittags auf Wunsch des Intendanten der Volksbühne Chris Dercon die Räumung der besetzten Volksbühne durch die Polizei Berlin vorgenommen.

Informationen zum Verlauf der sieben tägigen Besetzung

Presseschau Stand 28.9.2017

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Die selbsternannte Besetzung der Volksbühne

Parallel zur Bundestagswahl 2017 und dem Berlin Marathon hat am Freitagnachmittag, 22.9.2017, die Aktivistengruppe „Staub zu Glitzer“ das Gebäude der Berliner Volksbühne, nach Eigenaussagen, besetzt.

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Bewegt Euch!

Nachdem in den bisherigen 23 Jahren der Intendanz Frank Castorfs die produktionsästhetische Ebene erprobt und die Multimedialität der Inszenierungen experimentell auf der Volksbühne (Liveperformance, Video, Bühne, Sound, Licht) ausdifferenziert wird, scheinen Castorf/Neumann ihre aktuelle Inszenierung der Brüder Karamasow nun auf das Rezeptionsverhalten ihres Publikums auszurichten und sowohl die ästhetische Erfahrung (1) als auch den theoretisierenden Umgang (2) herauszufordern.

Nach „Dämonen“, „Erniedrigte und Beleidigte“, „Der Idiot“, „Schuld und Sühne“ und „Der Spieler“ hat die Berliner Volksbühne Dostojewskis letztes großes Werk, geschrieben zwischen 1878 und 1880, in der Inszenierung von Frank Castorf auf die Bühne von Bert Neumann gebracht: Vier Brüder im Kampf um und mit ihrem Vater Fjodor, eine Geschichte um den Mord an dem Vater als ein erzählerisches Geflecht aus Schuld, Moral, Religion und Religionsgeschichte, Psyche, Familienaufstellung, Politik, Geschlecht, Glaube, Erziehung, Bildung, Emanzipation und Kultur. (Inhaltliche Ausdeutungen hier und hier, Szenenbilder hier).

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Diese Geschichte wird im Haus der Volksbühne in sich an- und ineinander anschließenden Räumen inszeniert: in einer für das Publikum blick-unzugänglichen Sauna mit dampfendem Edelstahlrohr und anderen Holzverschlägen, im Esszimmer eines Jagdhauses in der weiten Tiefe der Bühne, in das das Publikum in der Ferne durch die Fenster einsehen kann, in einem russisch-orthodoxen Gebetsraum, der sich irgendwo im Haus der Volksbühne befindet, in einem Gartenpavillon, der beinahe als einziger „Raum“ mit direkten Blicken zugänglich ist, davor ein Wassergraben, den alle Schauspieler durchqueren (müssen), ein Wohncontainer im Rücken des Publikums, dessen zwei Etagen mit einer Feuertreppe verbunden sind, die eindringlich metallische Geräusche erzeugt, wenn die Schauspieler hoch- und runterlaufen, runter- und hochlaufen, deren Innenleben aber wie das der uneinsichtigen Sauna oder des Gebetsraumes oder der vielen Gänge neben der Bühne, auf dem Dach oder im Keller durch live gestreamte Videobilder auf einer großen, schräg auf der Bühne installierten Leinwand zu sehen sind. Die Bühne selbst, die zum Teil auch vom Publikum besetzt ist, ist größtenteils leer, denn sie löst sich in einen, mit schwarzer Folie ausgelegten Längsraum durch den Saal auf, in dem Bewegung, Geschwindigkeit, Tempo gemacht werden können. Überall und immerzu befinden sich alle in einem dauerhaften Transit und in permanenter Mobilität und Überstürzung – außer dem Publikum.

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Statt Showdown theatraler Mediatisierungsprozess, oder: Showdown als theatraler Mediatisierungsprozess?

Sicherlich ließe sich zur Frage spekulieren, ob Frank Castorf den US-Amerikanischen Performancekünstler von der Westküste Paul McCarthy in die Berliner Volksbühne eingeladen hat, nachdem Chris Dercon als sein Nachfolger bestellt wurde oder schon bereits zuvor. Entsprechend ließen sich „Rebel Dabble Babble Berlin“ und „Van Gogh Revisited“ deuten: Als nachträglich gesetzter Impuls im Umgang mit einer narzistischen Kränkung oder als längst schon praktizierte Zukunft, wie sie der Volksbühne unter Dercon prognostiziert wird. Also Perfekt bzw. Plusquamperfekt oder Futur, ggf. Futur II.

2015_Volksbuehne

Unabhängig von dieser mit boulevardesker und z. T. kunstwissenschaftlich reaktionärer Provinzialität geführten Debatte im Stil eines Showdowns zweier Männer als Repräsentanten zweier angeblich konträrer Systeme ließen sich „Van Gogh Revisited“ (eine Kooperation McCarthys mit dem Filmemacher und Performer Theo Altenberg) und „Rebel Dabble Babble Berlin“ (eine Kooperation McCarthys mit seinem Sohn Damon), als äußerst spannende Mediatisierungsprozesse, auch der Künste verstehen:

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Schneiders Triple in der Volksbühne

Mai 2012: Cryo-Tank Phoenix, ein mit flüssigem Stickstoff gefüllter Tank im Sternfoyer der Berliner Volksbühne, zum Zweck der Konservierungen schockgefrorener Menschen

2012_Schneider-Volksbuehne

19.9.-23.11.2014: Liebeslaube, verdoppelte Liebeslaube, Raum in Raum, Tischlerplatten auf Holzkonstruktion, 1 Fenster, 1 Lampe, 1 Wanne, 1 Heizkörper, 1 Wandschrank, 1 Bett, weissverputzte Wände und Decke, grauer Holzboden, Standort: Zuschauerraum/Rang, Zugelassen für ausschl. 2 Personen je Abendvorstellung, Erschwerter Zugang durch einen Tunnel (Maße: ca. 80cm x 90cm)

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