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Das Unbehagen der Geschichte(n), künstlerisch-investigativ er- und vermittelt

1950 beschrieb Hannah Arendt die Eindrücke ihres ersten Nachkriegsbesuches von Deutschland in ihrem Essay „Besuch in Deutschland. Die Nachwirkungen des Naziregimes“: Die Verwandlung von Tatsachen in Meinungen sei wohl der erschreckendste Aspekt einer deutschen Realitätsflucht, hier insbesondere die Haltung, „mit Tatsachen so umzugehen, als handle es sich um bloße Meinungen“. Eine Hinterlassenschaft des Naziregimes sei, so Arendt, „die Realität nicht mehr als Gesamtsumme harter, unausweichlicher Fakten wahrzunehmen, sondern als Konglomerat ständig wechselnder Ereignisse“.

Diese Verantwortungsflucht, dieses Empathievakuum, diese Erinnerungs- oder auch Moralleerstelle, kurz diese „Gleichgültigkeit“ und „Apathie“ (Hannah Arendt) mögen seither und zwar bis heute ursächlich für diejenigen Geschehnisse sein, die die Regisseurin, Schauspielerin und Politikwissenschaftlerin Christiane Mudra recherchiert, montiert und in einen szenischen Text überführt hat und dessen nüchtern-klarer Titel „Kein Kläger. NS-Juristen und ihre Nachkriegskarrieren“ unzweifelhaft die Stoßrichtung vorgibt.

Dabei verführt die Anhäufung der hier zusammengeführten Absurditäten dazu, von der wissenskonkurrenzierenden Gattung „schon gewusst?“ absorbiert zu werden: Schon gewusst, dass

  • die milden Urteilsverkündungen 1924 im Hitler-Ludendorf-Prozess gegen Hitler und weitere Angeklagte wie auch das Urteil 2018 gegen die fünf NSU-Angeklagten von Gesinnungsgenossen unter den BesucherInnen applaudierend honoriert wurden?
  • 1953 72 Prozent der BGH-Richter bereits in der NS-Justiz tätig waren, 1962 es dann 80 Prozent waren?
  • seit dem Ulmer Einsatzgruppen-Prozess von 1958  die Tendenz existiert, die Täter, ob in Einsatzgruppen, NS-Euthanasie-Einrichtungen und Konzentrationslagern, nicht als Täter, sondern lediglich als „Gehilfen“ zu kategorisieren, mit der Folge, dass nur eine sehr begrenzte Zahl von Tätern verurteilt wurden.
  • in den Gerichtsprozessen über die NS-Taten insgesamt nur 150 lebenslängliche Freiheitsstrafen und 14 Todesurteile ausgesprochen wurden und die meisten Verurteilten Haftstrafen unter fünf Jahren erhielten?
  • kein einziger Richter oder Staatsanwalt nach 1945 von einem deutschen Gericht aufgrund seiner NS-Vergangenheit rechtskräftig verurteilt wurde?
  • verschiedene ranghohe Beamte, Staatsrechtler und akademische Juristen in Westdeutschland (wie Otto Palandt, Eduard Dreher, Wolfgang Fränkel, Walter Roemer, Franz Massfeller und Theodor Maunz) zur Zeit des Nationalsozialismus aktiv in ihren Funktionen zur Legitimierung des NS-Regimes beitrugen?
  • die Urteile im Auschwitz-Prozess rechnerisch auf die Formel „ein Toter = 10 Minuten Gefängnis“ (Oberstaatsanwältin Barbara Just-Dahlmann) kamen?
  • Adolf Eichmann in seinen letzten Worten an das Gericht 1962 darauf hinwies, dass er „kein verantwortlicher Führer“ gewesen sei, „lediglich Instrument der Führung“ und sich „daher nicht schuldig fühle“?
  • Theodor Maunz, der als Hochschullehrer für Staats- und Verwaltungsrecht an der LMU München das NS-Regime juristisch legitimierte und den Führer als „oberstes Rechtsgebot“ deklarierte, später dann  für die CSU als bayrischer Kultusminister tätig war?
  • das EGOWiG (das Einführungsgesetz zum Ordnungswidrigkeitengesetz), erlassen am 24.5.1968, das Strafmaß für NS-Straftaten mit einer Höchststrafe von 15 Jahren milderte, da viele Tatbestände zu Ordnungswidrigkeiten herabgestuft wurden und damit als eine kalte Amnesie wirkte?
  • deportierte Überlebende in bayerischen Verfassungsschutzberichten erwähnt wurden?
  • Hans Filbinger 1978 seinen Rücktritt vom Amt des MP Baden-Württembergs mit den Worten erklärte, dass ihm „schweres Unrecht angetan [wurde]“? Filbinger war als Marinerichter zwischen 1943 und 1945 an vier Todesurteilen beteiligt.
  • Franz Josef Strauß als Bayerischer MP einforderte, dass „ein Volk, das diese wirtschaftlichen Leistungen erbracht hat“, ein Recht darauf habe, „von Auschwitz nichts mehr hören zu wollen“?
  • der § 130 StGB, Abs. 3  erst seit 1984 die Leugnung oder Verharmlosung von „unter der Herrschaft des Nationalsozialismus begangenen Handlung“, wie etwa den Holocaust gesetzlich verbietet?
  • die Todesurteile gegen 120 im Jahr 1942 verhaftete Widerständige der „Roten Kapelle“ erst 2009 aufgehoben wurden?
  • 0,1% der Deutschen während der NS-Zeit im Widerstand aktiv waren?

Heribert Prantl kommentierte 2018 diese „Lage“ in der Süddeutschen Zeitung folgendermaßen: „Die alten Nazis waren in der jungen Bundesrepublik überall – in der Verwaltung, in der Justiz, in den Parlamenten. Die Nazi-Richter hatten das Hakenkreuz von der Robe gerissen und richteten weiter. Die Jura-Professoren hatten die braunen Sätze aus ihren Büchern radiert und lehrten weiter. Die Beamten hatten Adolf Hitler von der Wand gehängt und verwalteten weiter.“ Konrad Adenauer (der 2003 von ZDF-Zuschauern zu dem „besten Deutschen“ gewählt wurde), beschwichtigte, „es handele sich um Leute, die von früher was verstehen“.

Christiane Mudras These, dass eine stringente und zwar rechte Kontinuität und Plausibilität etwa der Einzeltäterthese vom Nationalsozialismus über den Hitler-Ludendorff-Prozess wegen Hochverrats 1924 in München über die Auschwitzprozesse ab 1963 und die bundesrepublikanische Justiz, über den Nationalsozialistischen Untergrund, das Attentat am Münchner Olympia-Einkaufszentrum 2016  und dem NSU-Prozess in München zwischen 2013 und 2018  bis zur vorerst letzten Etappe*, dem Mord am Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke behauptet werden könne, ist damit kaum noch zu entkräften – und vielleicht ist das auch die Programmatik der Inszenierung: Es ist kein Widerspruch möglich. Oder mit Arendt formuliert: „Harte, unausweichliche Fakten“ sind Tatsachen, keine Meinungen, die „nihilistisch zu relativieren“ wären. Mudras „Kein Kläger“ ist aktuell von der Nachtkritik in die „Top 10 des Theaters“ aufgenommen.

Die Route durch den Münchener Stadtraum, vom Parkhaus in der Nähe des Olympia-Einkaufszentrum, wo David Sonolby am 22.7.2016 neun Menschen mit Migrationshintergrund ermordete, vorbei an dem städtischen Mahnmal, das mit seiner Einschrift einen „Amoklauf“ deklariert, dann zum Gerichtsgebäude, in dem zwischen 2013 und 2018 das Gerichtsverfahren gegen fünf Personen stattfand, die angeklagt waren, an den zehn Morden und 43 Mordversuchen des rechtsextremen NSU beteiligt gewesen zu sein und der wie 1924 mit unerwartet milden Haftstrafen endete, zum Löwenbräukeller, einem Veranstaltungsort von Holocaustleugnern 1990, hin zum Justizpalast, in dem Hans und Sophie Scholl und weitere Mitglieder der „Weißen Rose“ wie Christoph Probst, Willi Graf und Alexander Schmorell 1943 zum Tode verurteilt wurden, zum Zentralinstitut für Kunstgeschichte, dem ehemaligen NSDAP-Verwaltungsgebäude in der Katharina-von-Bora-Straße, wo zum Schicksal Philipp Auerbachs informiert wurde, der ab 1946 als Staatskommissar für die Wiedergutmachung ehemaliger Verfolgter des NS-Regimes zuständig war und 1951 in einem antisemitisch ausgerichteten Prozess wegen Veruntreuung und Betrug für schuldig erklärt, 1954 dann rehabilitiert wurde, hin zum Königsplatz, der nach der Machtübernahme der NSDAP ab 1934 zum „Königlichen Platz“ und damit München zur „Hauptstadt der Bewegung“ umgestaltet wurde und auf dem 1933 einer der deutschlandweiten Bücherverbrennungen stattfand. Die Route endete am NS-Dokumentationszentrum, das seit 2015 zu der Geschichte des NS-Regimes im Allgemeinen und der Rolle Münchens im Besonderen informiert.

Mit den Mitteln der Kontextkunst und Institutionskritik (und zwar der Kritik an der Institution bundesrepublikanischer Rechtsstaat/lichkeit, konkret der Judikative) greift Mudra im städtischen Raum auf das Repertoire der Musik, der bildenden und darstellenden Kunst zurück. Die fünf in neutralem, zeitlosen, besser überzeitlichen, farblosen Weiss eingekleideten SchauspielerInnen (Ursula Berlinghof, Sebastian Gerasch, Melda Hazirci, Stefan Lehnen und Murali Perumal) und die Sängerin Corinna Ruba erzählen, klagen an, kommentieren, konfrontieren, singen, wüten, streiten, mahnen, klagen. Immer wieder heißt es: „Es muss doch auch mal Schluss sein. Wir wussten doch von nichts.“, immer wieder wechseln die fünf SchauspielerInnen die Rollen, es fallen Täter und Opfer, Angeklagter und Anklagender in eins. Immer wieder kommentieren die fünf SchauspielerInnen die Sachlage im Format eines antiken Chors und stimmen ein zu einem choralen „Tradition!“ – und bilden damit das erzählte Narrativ der schlüssigen Kontinuität, der Vergangenheit, die immer wieder in die Zukunft gereicht wird.

Mudra und ihr Team lassen die Besucherinnen an Originalschauplätzen aufhalten, staunen, nachdenken, erinnern, vergleichen, irritieren, sich schämen, wundern, parallel über eine eigens entwickelte, downloadbare App „Kein Täter“ Wissensfragen, aber auch Gewissensfragen beantworten wie: War deine Familie in das NS-Regime verwickelt und wenn ja, wie? Hältst du die juristische Aufarbeitung von NS-Verbrechen durch deutsche Gerichte für erfolgreich? Interviews mit ZeitzeugInnen des NS-Regimes wie mit Gerhard Wiese, Staatsanwalt im ersten Auschwitzprozess 1963, Walter Sylten, Sohn des ermordeten Pfarrers Walter Sylten, und mit Saskia von Brockdorff, Tochter der Widerstandskämpferin Erika von Brockdorff, werden auf den Zwischenwegen wie in der U-Bahn oder im Alten Botanischen Garten auf Tablets oder Smartphones als Zusatzinformation dazu gespielt (Das Material ist online über eine Webseite, über YouTube und Twitter archiviert und zugänglich.)

Drei Stunden Textfülle und Textverdichtung, an exemplarischen und tatsächlichen Schauplätzen, mit konkreten Biografien, Urteilen, Staatskarrieren und Einzelschicksalen, drei Stunden, die zeigen, was politisch relevante Kunst sein kann: eine Mischung aus sozial- und politikwissenschaftlicher Recherche, Dokumentation, Oral History, Forensik, Archiv, Bildung, Storytelling, Augmented Reality (AR), Virtual Reality (VR) – in situ und genius loci, gemeinschaftbildend und gemeinschaftswundernd. Diese Form des Umgangs ist von Mudra im Plural als „investigative Theater“ gelabelt, das damit auch schon in die Ausdifferenzierung geht und sich vom sog. Recherchetheater  (turbo pascal, neue dringlichkeit), von der Bürgerbühne (Dresden) oder vom Theater der „Experten des Alltags“ (Rimini Protokoll) abgrenzt, dabei ihre eigene Technik im Namen trägt: das untersuchende, nachforschende und aufdeckende, damit unbequeme und aufklärende Aufspüren (lat. investigare), bisher mit dem Journalismus in Verbindung gebracht. 

Dabei wird auch offenkundig, welche Techniken zur früh nach dem Ende des NS-Regimes startende und bis heute andauernde Schlussstrichdebatte bzw. -forderung eingesetzt werden, die sich aktuell darin zeigen, wenn Björn Höcke 2017 von einem „Denkmal der Schande“ oder einer „lähmenden“ und „dämlichen Bewältigungspolitk“ spricht oder wenn Alexander Gauland die NS-Zeit als „Vogelschiss“ in der tausendjährigen deutschen Geschichte bezeichnet: Für den „Schlussstrich“ wird simplifiziert, passiviert, positiviert, übertrieben, schuldumgekehrt, gezweifelt, absurdisiert, normalisiert.

Der Spaziergang durch die Zeiten, Stimmen und Institutionen endet am NS-Dokumentationszentrum, wo sich Justitia, die römische Göttin der Gerechtigkeit (Corinna Ruba) mit einer Hebebühne in die Lüfte gehoben und mit starken Scheinwerfern angestrahlt, die sie blind haltende Augenbinde von den Augen reisst und mit einer Arie in Zwölftontechnik donnernd fordert, doch den NS-Verbrechen ins Auge zu blicken („Diese Schuld zerbricht alle Rechtsordnungen“): „doch ich Justitia so oft missbraucht durchtherapiert völlig geschlaucht lass mich nicht brechen lass es mir nicht nehmen ich benenne die taten als das, was sie sind weder voreingenommen bin ich noch blind ich glaub an die Freiheit heb notfalls das Schwert die Menschenwürde ist es mir wert.“ Danach ermattet sie, fällt in sich zusammen, und die letzten szenischen Worte, ein Zitat von Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, ertönen: „und die Luft würde gereinigt werden, wenn endlich mal ein menschliches Wort fiele.“

Weitere Kritik auf nachkritik

Wagner, Jelinek und Piketty oder…

…von Wotan und Brünnhilde übers Geld (G–>G‘) zum NSU 

Knapper und eindeutiger kann ein Plot nicht aufgerufen werden. Der Titel ‚Rein Gold‘ – ohne h – verweist als Vorabend von Wagners Tetralogie „Der Ring des Nieblungen“ auch auf Wotan, der sich von den zwei Riesen Fasolt und Fafner die Götterburg Walhall bzw. – so die aktualisierte Fassung Elfriede Jelineks – ein Eigenheim bauen lässt und – entgegen der kanonisierten Deutung, dass Wotans Herrschaft auf Vertragstreue gegründet sei – durch Vertragsbruch und Niedriglohnarbeit im Kontext der Finanz- und Immobilienkrise Schuld auf sich läd, die er nie wird ausgleichen können, auch nicht durch den titelgebenden Ring, der zugleich die Macht besäße, die herrschende Ordnung zu stürzen:

„Also. Papa hat sich diese Burg bauen lassen, und jetzt kann er den Kredit nicht zurückzahlen. Eine Situation wie in jeder zweiten Familie. […] Papa! Weisst du überhaupt noch, wenigstens ungefähr, wem du was schuldest und wieviel? Kennst du dich noch aus? […] Obwohl du es eigens aufgeschrieben hast, wolltest du nichts davon halten, keine Verträge, keine Lohnabsprachen, keine Leihverträge, keinen Leasingvertrag, keinen Ehevertrag, da fängts schon mal an. […] Papa. Das hast du geschafft, dass du allen was schuldest, sogar dir selbst, und dennoch kein Schuldgefühl hast. Du hast einfach kein Gefühl für deine Schulden. Du wirst noch herabgestuft werden, aber ich wüßte nicht, von wem! […] Diebstahl am Anfang, Diebstahl am Ende, dazwischen Betrug. Eigentum – Diebstahl. Eine endlose Kette der Enteigung, nur damit wir unser neues Haus kriegen! […]“

In ausufernden Sturzbächen von Assoziationsketten lässt Jelinek einen Disput zwischen Lieblingstochter Brünnhilde und Vater Wotan entwickeln, der auf dem Themenhintergrund von Helden, Versprechungen, Schuld und Schulden, Zukunftsaussichten und Rettungen direkt zum Triumph des Geldes führt:

„Du kannst das alles doch einfach anordnen, was dir Nutzen bringt, und aus. Wieso überhaupt bezahlen? Was kümmert es dich, ob der Wert deines neuen Einfamilienhauses nun durch den Arbeitsprozess seiner Errichtung geschaffen wurde, durch seine schöne Lage auf dem Berg oder durch Zauberei? An die hat nicht einmal Marx gedacht, und der hat an alles gedacht! […]“

Jelinek aktualisiert Wagner vor dem Hintergrund der Finanzkrise und liest ihn mit Marx gegen – genau genommen, nimmt sie mit ihrem „Bühnenessay“, so der Untertitel, von 2012, der im Münchener Prinzregentheater in einer einmaligen Urlesung im gleichen Jahr vorgetragen wurde, den aktuell stark diskutierten Titel von Thomas Piketty „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ aus dem Jahr 2013 (frz: „Le Capital au XXIe Siècle“) vorweg. Hierin legt Piketty dar, dass die aus der Vergangenheit stammenden Reichtümer sich im 21. Jahrhundert dank Renditen, Mieteinnahmen und Zinsen schneller vermehren als diejenigen, die durch Arbeit geschaffen und angespart werden können. Die Ungleichverteilung ererbten Kapitals, die Kapitalrenditen und die Lohnungleichheit seien die fundamentale Triebkraft einer Divergenz, so Piketty, die dazu führe, dass Kapitalquoten zu- und Lohnquoten weiter abnehmen werden. Gewinner dieses historischen Prozesses seien einzig die Kapitaleigner.

„Früher, als für Geld noch für einzelne Menschen gearbeitet wurde, da war es einfacher. Jezt arbeitet das Geld allein, ohne jede Aufsicht. […] Das Geld heißt jetzt Kapital. Seiner toten Gegenständlichkeit wird nicht länger mehr lebendige Arbeitskraft einverleibt. Den Gütern wird nicht mehr Güte einverleibt. Die Kraft tut nichts mehr, sie wird nicht mehr gebraucht; was auch immer erscheint, schön wird es nicht sein, gut, dass es verwandelt wird, ganz ohne Menschen, es wird verwandelt, ohne Waren, ohne Güter, es wird verwandelt, ohne Güte, ohne Eifer, ohne Zorn. Es wird verwandelt in Wert. […]“

In baldiger Aussicht würde das Geld, so Jelineks kapitalismuskritische Dystopie in der Rhetorik einer Utopie, in ganzer Freiheit zirkulieren: „Geld – es lebe hoch!!!“ – und Jelinek landet in ihren Suaden geradewegs beim NSU. Hierfür bedarf es nur des Wortes ‚Zwickau‘ und dreier Fahrradfahrer auf der Bühne. Pink Panther ist eines nur informativen Bildverweises schon zu viel, die Szene verpoppt, eröffnet dadurch aber das mittels eines projizierten Videos (Claudia Lehmann) gedankliche Angebot Jelineks, dass Beate Zschäpe am 4.11.2011 nicht nur ihre konspirative Wohnung in Zwickau-Weißenborn, sondern auch wenige Stunden zuvor das Wohnmobil der „beiden Uwes“ in Eisenach in Brand gesetzt haben könnte – denn wie bei Wagner geht auch beim NSU alles in Flammen auf. Ein gruseliger Kurzschluss in doppelter Bedeutung, der den Atem stocken und das Publikum nur verhalten applaudieren lässt – ein Publikum, das Wagner erhoffte und den NSU bekommt.

REIN GOLD

‚Taten sagen mehr als Worte‘ – Pappschilder werden von einem schweigenden Trio über die Bühne getragen (hat eigentlich schon jemand daran gedacht, den NSU-Prozess am Münchener Oberlandesgericht als ein Fortsetzungs- statt eines Aufklärungskapitels zu betrachten?) ‚Taten sagen mehr als Worte‘ – die gesprochene Sprache wird verweigert, sie verstummt wie bei und durch Zschäpe – und verweist auf ein sprachloses, schweigendes, geschlossenes, in Europa eingeschlossenes Deutschland, das Revolution nennt, wenn sich nichts ändert, so Jelinek.

Großartig, wie sich Jelinek in die Textvorlage einklinkt, Zwiegespräche mit Wagners Helden führt, Themen- und Gesprächsflüsse anhält, vertieft, problematisiert, wieder-holt und noch einmal wieder-holt, aktualisiert, im Text fortsetzt und erneut ein Motiv aufgreift, dieses nach gleichem Verfahren mäandern lässt und so ihre thematischen Bögen in die Textflächen spannt. Die Textgrundlage funktioniert hier wie ein Teppich, der an bestimmten Stellen aufgeknüpft wird, um in ihn neue Fäden einzuspinnen, einzuweben, um Leerstellen herzustellen oder aufzufüllen, das Vergangene zu aktualisieren, das bereits Erzählte zu absurdisieren oder das Bekannte zu verfremden. Wagners Werk wird zu einem ‚work in progress‘, der Text (Dramaturgie: Benjamin von Blomberg) wird gesprochen, gesungen, geschrien, gerappt, geflüstert, gezischt, gekreischt… und mit entsprechenden musikalischen Verfahren verdichtet: live über ein Synthesizer-System (Thomas Kürstner, Sebastian Vogel), das Module loopt, sampelt, remixt, aber Wagners Oper (Musiküberschreibung: David Robert Coleman) im Grundsatz belässt.

Großartig, wie Jelinek bzw. Regisseur Nicolas Stemann bzw. der musikalische Leiter Markus Poschner die Themen, Zeiten, Räume, Personen, aber auch die Genre miteinander verweben: Oper, Sprechtheater, Musiktheater, Schauspiel, aber auch Video, Licht, Raum bzw. Bühne (Katrin Nottrodt) – alles kulminiert in einem Duett zwischen Operngesang und Schauspiel bzw. Rebecca Teem und Philipp Hauß – Hauß liefert sich dem Gesangspart aus und wird von Teem und der Staatskapelle Berlin zur Partitur des Siegfried geführt…

Übrigens: All‘ das findet auf der Bühne des Berliner Schillertheaters inmitten von Betonmischern und Kabeltrommeln vor dem Hintergrund der plakatierten Baustelle der generalsanierten Staatsoper Unter den Linden statt, die seit 2013 fertiggestellt sein soll und deren Umbaubudget sich, so der aktuelle Stand von 239 auf 300 Millionen vergrößert hat. Gemutmaßt wird, dass das Haus nicht vor 2018 öffnet und sich die Kosten um ein Drittel auf 350 Millionen Euro erhöhen werden.

„Papa! Wir wissen alle, dass du das Darlehen, das nebenbei nie ausgezahlt, nur versprochen wurde, nie zurückzahlen kannst. Du wirst dir von deinen reichen Freunden helfen lassen müssen. Niedrigere Zinsen. Aber dass du eine solche Linke machst, so eine dicke Lippe riskierst, Papa, das hätte ich nicht gedacht. Dass du in die Krediklemme kommst, nur weil du dich mit den Falschen eingelassen hast und inzwischen gar nicht mehr weisst, wer die Falschen überhaupt sind. Egal, du hast ohnedies nicht vor, etwas zu zahlen, und als Schulder trifft man dich nicht an, weil du immer wandern musst, auf Reisen bist…“

Gesang: Rebecca Teem, Jürgen Linn, Narine Yeghiyan, Katharina Kammerloher, Marina Prudenskaya
Schauspiel: Katharina Lorenz, Philipp Hauß, Sebastian Rudolph
Foto: Jürgen Linn (Sänger | Wotan), Sebastian Rudolph, Katharina Lorenz, Philipp Hauß und Rebecca Teem (Sängerin | Brünnhilde), (c) Arno Declair

Video: http://staatsoper-berlin.de/de_DE/videos#repertoire/rein-gold/1009590

Zitate aus: Rein Gold, Ein Bühnenessay von Elfriede Jelinek, 2012, Rowohlt Verlag.

Kritikenrundschau: http://nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=9243:rein-gold-nicolas-stemann-inszeniert-an-der-staatsoper-berlin-ein-assoziierendes-musiktheater-nach-elfriede-jelinek-und-wagers-qringq&catid=582:staatsoper-berlin

Ein etwas anderer Blick auf den NSU-Prozess am Münchner OLG

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– Ort: Nymphenburger Str. 16, München
– Prozessbeginn: 9.30h
– Nächste Termine:

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– Weitere Informationen online: http://www.justiz.bayern.de/gericht/olg/m/presse/archiv/2013/03918/index.php
– für Zuhörer am besten gegen 7.30/8h anwesend sein
– Personalausweis wird kopiert und mit alphabetisch sortierten Namensregistern verglichen

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– Überprüfung mit Metalldetektoren
– Abtasten des Körpers durch Polizeibeamte
– Nur kleines Gepäck (Notizblock, Kugelschreiber) wird zugelassen
– restliches Gepäck inkl. ausgestelltem Handy wird im Austausch mit einer Nummer verwahrt
– schmale Treppe Richtung Tribüne
– Tribüne links: Zuhörer
– Tribüne rechts: Pressevertreter (Steckdosen vorhanden)
– Zugang von der Gesamttribüne zu den Toiletten (2 Kabinen für die Damen), einem Kaffeeautomaten und einem Aufenthaltsbereich
– TV-Kameras verlassen nach Eintritt der Angeklagten den Raum
– 3 Ein- bzw. Ausgänge: über dem rechten Ausgang das Kreuz und eine für alle sichtbare Uhr
– 8 Richter in schwarzen Roben sitzen mittig vor 3 Regalen mit schwarzen Aktenordnern, die weiss etikettiert und mit einem rotem Punkt versehen sind
– rechter Hand etwas tiefer gesetzt 4 Staatsanwälte in rot
– davor der Tisch für Zeugenbefragungen, leicht angeschrägt zum Richtertisch
– die Opferanwälte sitzen unterhalb der Tribüne
– davor ein Tisch für Sachverständige
– links: die Anklagten E., G., W., Z. und S. (Namen sind vollständig auf Namensschildern zu lesen) mit ihren Anwälten
– Stühle: schwarze Sitzfläche, orangene Rückenlehne
– Wandfarbe: eierschalen
– Angeklagte Z. teilt sich mit ihren Verteidigern eine rote Dose mit roten Bonbons, eine schwarze Dose mit weissen Bonbons und eine schwarze Dose mit schwarzen Bonbons der Firma Pulmoll
– ansonsten: Dextroenergy (Aprikose und Orange), Fisherman (rot/weiss, grün/weiss)
– Wasser in Plastikflaschen des Labels „ja!“
– Angeklagte trinken Wasser aus Tetra Paks in Plastikbechern
– vornehmlich PC, seltener Apple
– alle Rechtsvertreter protokollieren parallel zu den Befragungen auf ihren Rechnern
– Verteidiger von Z. arbeiten ausschliesslich digital, Verteidigerin S. notiert ihre extrahierten Fragen parallel handschriftlich
– Angeklagte werden von 8 Polizisten (darunter 1 Polizistin) bewacht, ausserdem 2 weitere uniformierte Justizangestellte
– jeweils unterschiedlicher Habitus der Beteiligten (vgl. Bourdieu 1982, 1997)
– eine Kamera oberhalb des Richtertisches filmt die Ereignisse im Saal
– 2 Videoprojektionen links und rechts des Richtertisches zeigen die Bilder auf grauem Farbuntergrund, Bereich der Angeklagten ist mit einem hellgrau monochromen Farbtrapez überdeckt
– die Personen der erste Reihe der Besuchertribüne sind in der Projektion zu sehen

Weiteres:
Presse des OLG München: http://www.justiz.bayern.de/gericht/olg/m/presse/aktuell/
Kontakt zur Presse des OLG: Pressestelle@olg-m.bayern.de
Übersicht über den Pressespiegel: http://blog.zeit.de/nsu-prozess-blog/

Erkenntnisse durch den Abgleich des 20. Prozesstages mit der dazugehörigen Berichterstattung (Spiegel Online, Zeit, Süddeutsche):

– Bei der Rezeption der medialen Berichterstattung ist zu berücksichtigen, dass es sich um eine Auswahl an Informationen, eine mediale Aufbereitung sowie eine Verdichtung der Ereignisse im Gerichtssaal mit der Aktenlage handelt.

– Die diskursiven Faktoren (Wer spricht? Wie wird gesprochen? Wann wird gesprochen? Wie wird gerungen? Wie wird konstatiert? Worauf wird geachtet? Wann wird geschwiegen? …) könnten in der Berichterstattung stärker berücksichtigt werden.