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An Echo is an echo is an eho is an eo is an o. Michaela Melián feat. Julia Mann

In der antiken Mythologie heißt es: „Echo unterhielt im Auftrag von Zeus dessen Gattin Hera mit dem Erzählen von Geschichten, damit Zeus Zeit für amouröse Abenteuer hatte. Als Hera dieses Komplott entdeckte, beraubte sie Echo zur Strafe der Sprache und ließ ihr lediglich die Fähigkeit, die letzten an sie gerichteten Worte zu wiederholen.“ Aufgehoben ist in diesem Plot nicht, dass der Wiederholungsvorgang nicht unendlich und nicht gleich stattfindet. Aus ECHO wird Echo wird echo wird eho wird eo wird o und dann … Stille. Bis zum nächsten Echo. Und aus ROSE wird Rose wird rose wird ose word o und dann … Stille. Hier setzt Gilles Deleuze mit seinem Denkentwurf in „Differenz und Wiederholung“ (1969)  an, der unser Selbst- und Weltverständnis von einem ontotheologisch-hierarchisierenden Blick löst und in der Wiederholung der Differenz das Potential für Veränderungen sieht. Differenz zerstreut und dezentriert, Wiederholung wird notwendig verschoben und verschiebt. Es entstehen Polyphonie und Polyvalenz, Lücken und Leerstellen. 

Für ihre Ausstellung „Echo“ in der Overbeck-Gesellschaft Lübeck nimmt sich Michaela Melián zweier Motive an: einer Kindermelodie und eines Bildmotivs. Beide wirft sie mit einem methodischen Kalkül in den Echoraum ihrer künstlerischen Strategien, um zu schauen und zu reflektieren, wie sich hieraus etwas formt und bildet, was wir Subjekt nennen: Julia Mann, geborene da Silva-Bruhns. Julia ist die Mutter von Thomas und Heinrich Mann, die nur wenige Meter von der Overbeck-Gesellschaft entfernt wohnten, zur Schule gingen und ihr Abitur machten, um von hier aus ihre schreibende Weltkarriere zu starten. Julia, 1851 in Paraty, Brasilien als Julia da Silva-Bruhns geboren, war Tochter des nach Brasilien ausgewanderten Lübecker Farmers Johann Bruhns und der Brasilianerin Maria Luísa da Silva, Tochter eines Großgrundbesitzers portugiesischer Herkunft. Bis zu ihrem sechsten Lebensjahr lebte Julia in kolonialen Verhältnissen in Brasilien, bevor sie mit dem Tod der Mutter nach Lübeck verschickt wurde, hier im Internat aufwuchs, den späteren Senator Mann ehelichte, von ihren Söhnen in deren Texten als Mutter und Muse verklärt wurde, nicht aber als Pianistin und Sängerin und als Autorin und Salonnière in Erscheinung trat, in Erscheinung treten konnte.

Exakt diese beiden Praktiken der Subjektivierung greift Melián als Material auf:

Die Kindermelodie „Molequinho do meu pai“ ist ein afro-brasilianisches Lied, das Julia von ihrer Amme, der Sklavin Anna in Paraty vorgesungen wurde. Julia sang sie wiederum ihren Kindern in Lübeck vor und sollte die Melodie und den Text 50 Jahre später in ihren Kindheitserinnerungen erinnernd notieren. Melián nimmt diese Melodie, reichert sie mit Samples an, mit Vogelgezwitscher, Lübecker Kirchenglocken, Orgel und Bläsern, verlangsamt den Rhythmus und kreiert damit einen sphärisch tragischen Sehnsuchtssound, der als Lebensmelodie Julia da Silva-Bruhns, verheiratete Mann, unerzählte Pianistin, Sängerin, Autorin und Salonnière vorstellbar ist. Metaphorisch passend dazu dringt die Melodie in vier Einzelspuren aus vier Klangmuscheln, die Melián als 3D-Drucke angefertigt, auf fragilen, hochbeinigen Stahlhalterungen installiert und zu einer Audioskulptur („Cochleae“) gruppiert hat. Das kammermusikalische Klangbild fügt sich zu einem Gesamtklang allein im Ohr der Rezipient*innen zusammen.

Das Bildmotiv der Haselnüsse, zwei kleiner Birnen und einer Quitte entstammt einer Zeichnung Julias in dem Poesiealbum einer Mitschülerin, die als eine der wenigen Quellen im Lübecker Buddenbrockhaus erhalten ist und ausgestellt wird. Dieses Motiv ist Ausgangspunkt einer Vielzahl künstlerischer Verarbeitungen durch Melián: In einem Blau-Ton ist es als Rapport auf einem raumhohen Fahnentuch gedruckt, multipliziert sich dadurch, wird häufiger und blauer und unübersichtlicher und ornamentaler … In einem Grisaille-Ton ist es übergroßes Einzelmotiv eines Gobelins der Größe 1,65 x 3,90 Meter, kombiniert mit historischen Darstellungen des brasilianischen Urwalds aus dem 19. Jahrhundert. Bevor sie als Collage Motiv des Gobelins – einer bevorzugten Kunstgattung des 19. Jahrhunderts – wurden, durchliefen sie einen mehrfachen Medientransfer: von Julias Zeichnung in dem Poesiealbum und reproduzierten Motiven in naturkundlichen Bildatlanten von Julias Zeitgenossen, über Meliáns Handyfotos von Archivmaterial, bis hin zur Übersetzung der digitalen Reproduktionen durch einen Webstuhl, der das Motiv haptisch in Wolle und Baumwolle übersetzt. Und selbst Unschärfen dieser medialen Übersetzungsprozesse haben es in den Gobelin geschafft: Im linken Teil des Gobelins sind ähnlich wie der sphärische Sound der Kindermelodie Reminiszenzen an das Merging der künstlerischen Techniken zu sehen, die ahnen lassen: Erinnern und Imaginieren fallen zusammen. Oder mit Siri Hustvedt formuliert: Unsere innere Erfahrung von Bildern, Gedanken, Erinnerungen, Phantasien verfüge über keine Ähnlichkeit mit den objektiven Realitäten von Hirnregionen, synaptischen Verbindungen, neurochemischen Stoffen und Hormonen (vgl. Siri Hustvedt: Drei emotionale Geschichten, in: Leben, Denken, Schauen, Reinbek bei Hamburg 2014).

Sechs weitere bedruckte raumhohe Fahnentücher können sich daher noch weiter im Echoraum von Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten (Sigmund Freud, 1914) vom Ausgangsmotiv entfernen: Sie zeigen collagierte Abbildungen von brasilianischem Kaffee und Zuckerrohr, den Anbauprodukten Julias Vater, naturkundlichen Stahlstichen aus Bildatlanten des 19. Jahrhunderts entnommen. Sie zeigen den vergrößerten Ausschnitt eines Handyfotos Meliáns, das das Fell des ausgestopften Bärens referenziert, den Julia da Silva-Bruhns und Thomas Johann Heinrich Mann zur Hochzeit geschenkt bekamen und im Eingangsbereich der Lübecker und später Münchener Familienvilla stand. Und sie zeigen ebenfalls vergrößert den Ausschnitt eines Handyfotos des Taufbeckens in St. Petri. So werden Stationen von Julia Manns Leben zu Bild- und Medienmotiven und als raumhohe und durchscheinende Fahnenstoffe zu Raumteilern: ihre Kindheit im 19. Jahrhundert, inmitten von Kolonialisierung, industrieller Revolution und bürgerlichem Lübeck, von Darstellungsformen, Materialien, Prestige und Religionen. Denn kaum, dass sie den brasilianischen Katholizismus ihrer ersten Lebensjahre verlassen musste, wurde sie evangelisch umgetauft und umerzogen.

So präsentiert ein Miniaturmodell die dreigeschossige, aristokratische Villa der Familie Mann in München-Bogenhausen am Herzogpark, installiert als ein Taubenhaus auf einem Metallfuß. Während Thomas Mann in der Villa in der Poschinger Str. 1 an den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ und an seinem „Zauberberg“ arbeitete, starb Julia Mann 1922 nach rastlosen Jahren mittellos in einem Landgasthof südlich von München, in Weßling. Aus dem Modell „Mann Family House“ dringen Fragmente der Lieblingsmusiken der Familie Mann und werden Zitate aus den Korrespondenzen der Familie Mann nach 1933 angeschrägt auf die Wand projiziert: „Deutsche Weltbürger“, „Falsche Problemstellung!“, „deren Flügel die Schnelle der Blitze hätten“, „daß die Schiefigkeit in der Welt wäre“. 1933 wurde das Münchner Wohnhaus der Manns beschlagnahmt und versteigert. Mittlerweile ist die Fassade als Replik nachgebaut, wird aber durch einen überhohen Zaun vor rezeptiven Blicken „geschützt“.

Ihre künstlerische Methodik des Echos setzt Melián an einem zweiten Ort fort. Und auch hier wird es sich um ein Geflecht aus Spuren, Referenzen und Indizes handeln, die ihrerseits die Frage aufdrängen, wie eine Biografie, wie eine Geschichte erzähl- und darstellbar ist, welche Techniken und Materialien sinnvoll einzusetzen sind, schreiben doch auch sie sich in die Geschichte ein, schreiben doch auch sie Geschichte.

In der fünfschiffigen gotischen, weiß getünchten Hallenkirche St. Petri, die bis auf wenige Prinzipalstücke wie die Orgel, der Altar, das Kreuz und das Taufbecken leer geräumt ist, ist nun in der scheinbaren Mitte – denn es gibt in St. Petri keine Mitte und damit auch keine Symmetrieachse – eine sich drehende, runde Sitz- und Liegeskulptur im Durchmesser von etwa drei Metern installiert. „Andante Calmo“ ist stofflich mit einem Fahnenstoff bezogen, auf den die Materialität des etwa 20 Meter entfernt, an die Seite gerückten und weitestgehend unzerstörten Taufbeckens aus Terrazzo vergrößert gedruckt ist. Im langsamen Tempo (Andante Calmo) dreht es sich im Kreis und lädt ein, sich darauf zu platzieren und dem Sound der Kindermelodie „Molequinho do meu pai“ zu lauschen, die hier im Kirchenraum opulenter als in der Overbeck-Gesellschaft von Melián produziert wurde.

Hinzu kommen in die Kirchenschiffe gehängte Fahnentücher: In den äusseren Schiffen schweben sechs Fahnen mit den Rapporten sowohl von erhaltenen Deckenfresken in St. Petri als auch von 1945 zerstörten Kirchenfenstern, die Melián im Lübecker Stadtarchiv recherchiert hat. In den inneren Schiffen schweben Fahnen mit Ansichten von vier blauen Himmeln, dem Himmel über Rio de Janeiro, Lübeck, Bayern und dem Mittelmeer. Sie liefern den zerstreuten und dezentrierten Blick und den zerstreuten und dezentrierten Standort. 


„Aus dem situierten, perspektivischen Wissen heraus öffnet sich ein Reflexionsraum – ein Ort, an dem Geschichte neu gehört, anders wahrgenommen und im Widerhall befragt werden kann“, schreibt Thorsten Schneider, einer der Kuratoren der Ausstellung. Und hierbei handelt es sich nun nicht mehr nur um die Geschichte Julia Manns, geborene da Silva-Bruhns und transgenerational um die der Familie Mann, um die Geschichte von Motiven, Darstellungstechniken und Lebensformen, sondern nun auch der Zerstörungsgeschichte St. Petri, damit der Geschichte der Hansestadt Lübeck und dies inklusive der Kolonialisierungsvergangenheit ihrer Auswanderer, die wesentlich zu dem heutige Wohlstand und zur Attraktivität der Stadt beigetragen hat. Geschichte wird damit zu einem Geflecht aus persönlichen und städtischen, politischen und wirtschaftlichen, materiellen und imaginierten Geschichten, voller Polyphonie und Polyvalenz, Lücken und Leerstellen …

Overbeck-Gesellschaft Kunstverein Lübeck, St. Petri zu Lübeck:

Michaela Melián: Echo, 22.02. bis 29.03.2026

kuratiert von Paula Kommoss und Thorsten Schneider

Medientechnik: Jürgen Galli

ERÖFFUNG
Samstag, 21. Februar
14-16 Uhr, Soft-Opening im Overbeck Pavilion
17 Uhr, Eröffnung in St. Petri zu Lübeck

Freitag, 6. März, 17 Uhr
Overbeck-Gesellschaft
Künstlerinnen-Gespräch mit Michaela Melián
Anmeldung unter info@overbeck-gesellschaft.de

Freitag, 27. März, 18 Uhr
St. Petri zu Lübeck
Konzert Michaela Melián Trio
Ruth May, Geige
Elen Harutyunyan, Bratsche
Michaela Melián, Cello, Stimme,
Elektronik

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Christian Jankowskis konzeptuell eingebaute „Übergriffigkeit“

Es funktioniert, statt dass es nicht funktioniert: Kleidung in der unterkühlten brutalistischen Architektur der Wichern-Kirche, elektronische Medien in der prachtvoll geschmückten Backsteinkirche St. Jakobi, Bio-Lebensmittel in der Evangelisch-reformierten Gemeinde, die ihren Ort in einem umgebauten Stadtpalais gefunden hat, Ruhe- und Rückzugsmöbel in den leeren, weiß geschlemmten, gotischen Kirchenschiffen St. Petris.

Christian Jankowski, Initiator des Kunstprojekts „Heilige Geschäfte“ berichtet, er hätte eineinhalb Jahre für die Umsetzung dieser Idee in Lübeck aufwenden müssen, die er im Auftrag der Overbeck-Gesellschaft entwickelt hatte. Viele Kirchen in der Innenstadt hätten gezweifelt oder erste Zusagen zurückgezogen, viele Geschäfte hätten nach anfänglichem Interesse ihre Skepsis mitgeteilt und seien abgesprungen. Übrig blieben drei Kichen in der Lübecker Innenstadt und eine in Lübeck Moisling sowie vier Unternehmen: das Familientextilunternehmen Holtext, der Lübecker compustore JessenLenz, das genossenschaftlich organisierte Bio-Lebensmittel-Unternehmen Landwege und das skandinavische Designunternehmen Bolia.

Jankowski hätte das Thema in Lübeck selbst gefunden: Die dominierende Präsenz der sieben Kichtürme im Stadtbild der Hanse- und Handelsstadt Lübeck ließen ihn über das Thema nachdenken. Dass er Überzeugungsarbeit leisten musste und zum Teil auch erfolglos blieb, verwundert, drängen sich doch weitaus mehr Gemeinsamkeiten von Kirche und Handel auf als Unterschiede, die aber offenbar nicht in den Konsens gelangt sind: 

Der Handel erwirtschaftete das Finanzkapital für den Bau der Kirchen; sowohl die Kirchen als auch die Geschäfte sind Orte der Begegnungen; beiden Orten droht eine Bedeutungslosigkeit und beide suchen nach ihren Zukünften; Kirchen und Geschäfte sind Bühnen, Liturgien, Dramaturgien; sie sind Orte der Medienvielfalt; an beiden Orten werden Kapital und Werte geschöpft, verteilt und geschätzt, an beiden Orten wird im Sinne von curare (pflegen) kuratiert; symbolische Formen finden wie Performances hier und da statt, ebenso wie Tauschgeschäfte und Kommunikation; es gibt sowohl einen Fetischismus in der Religion, indem bestimmte Gegenstände verehrt werden, als auch einen Warenfetischismus, der ein quasireligiöses Verhältnis zu Produkten aufbaut; sowohl Kapitaltransferprozesse als auch -zirkulationen (Bourdieu) finden an beiden Orten statt … 

Daher wundert es auch nicht, dass die Besucher*innenbücher voller Lob über die Kooperationen zwischen Kirchen und Geschäften sind: Man hätte sich gleich beim Reingehen wohl und zu Hause gefühlt, eine beeindruckende Ausstellung, eine einmalige Idee, Kommerz und Glaube sei ein „uraltes Thema“, „toll und mutig“, „anregende Gespräche“, „trotz der Widrigkeiten ein großes und gelungenes Projekt“, „danke“.

Auch die Pastoren erzählen angeregt von den 14 Tagen des Projekts „Heiligen Geschäfte“ (vom 22.10. bis 5.11.2023): Für Pastor Bernd Schwarze ist seine Kirche wie die Kunst ein „Andersort“, Pastor Christian Gauer öffnen sich mit den Geschichten automatisch theologische Fragen, für Pastorin Imke Akkermann-Dorn geht es um rücksichtsvollere Lebensweisen. Jankowski hat allen Beteiligten einen räumlichen, zeitlichen und narrativen Rahmen gegeben, um Perspektiven einzunehmen, Anekdoten zu erzählen oder aus der Bibel zu zitieren.

Jankowskis „Heilige Geschäfte“ finden ihren konzisen Platz inmitten seiner bisherigen künstlerischen Projekte, in denen konzeptuell eine „Übergriffigkeit“ eingebaut ist: 

Für „Kunstmarkt TV“ ließ er sich 2008 auf Einladung der Art Cologne vom Format des Homeshoppings inspirieren, zwei TV-Moderator*innen des Senders QVC priesen Kunstwerke von Franz West, Vanessa Beecroft und anderen in Sprache, Rhetorik und Habitus des Live-TV-Shopping an und verkauften sie über eine Telefonhotline.

Für „The Perfect Gallery“ wurde Jankowski 2010 von der Londoner „Pump House Gallery“ eingeladen, pimpte hier die Galerieräume im Stil einer „Home-makeover-Show“, indem er die Fußleisten entfernen, das Lichtsystem vereinheitlichen, den Holzboden erneuern und schließlich die Wände mit der extra angemischte Wandfarbe „Jankowski Perfect Gallery White“ streichen ließ.

Für „Casting Jesus“ ließ er 2011 im Stil einer Casting Show 13 Schauspieler für die Rolle des Jesus vortragen, um eine Jury aus Mitgliedern des Vatikans den perfekt segnenden, Kranke heilenden, Brot brechenden und betenden Jesus finden zu lassen.

Weitere Informationen:

https://www.luebeck-tourismus.de/kultur/veranstaltungen/heilige-geschaefte