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Christian Jankowskis konzeptuell eingebaute „Übergriffigkeit“

Es funktioniert, statt dass es nicht funktioniert: Kleidung in der unterkühlten brutalistischen Architektur der Wichern-Kirche, elektronische Medien in der prachtvoll geschmückten Backsteinkirche St. Jakobi, Bio-Lebensmittel in der Evangelisch-reformierten Gemeinde, die ihren Ort in einem umgebauten Stadtpalais gefunden hat, Ruhe- und Rückzugsmöbel in den leeren, weiß geschlemmten, gotischen Kirchenschiffen St. Petris.

Christian Jankowski, Initiator des Kunstprojekts „Heilige Geschäfte“ berichtet, er hätte eineinhalb Jahre für die Umsetzung dieser Idee in Lübeck aufwenden müssen, die er im Auftrag der Overbeck-Gesellschaft entwickelt hatte. Viele Kirchen in der Innenstadt hätten gezweifelt oder erste Zusagen zurückgezogen, viele Geschäfte hätten nach anfänglichem Interesse ihre Skepsis mitgeteilt und seien abgesprungen. Übrig blieben drei Kichen in der Lübecker Innenstadt und eine in Lübeck Moisling sowie vier Unternehmen: das Familientextilunternehmen Holtext, der Lübecker compustore JessenLenz, das genossenschaftlich organisierte Bio-Lebensmittel-Unternehmen Landwege und das skandinavische Designunternehmen Bolia.

Jankowski hätte das Thema in Lübeck selbst gefunden: Die dominierende Präsenz der sieben Kichtürme im Stadtbild der Hanse- und Handelsstadt Lübeck ließen ihn über das Thema nachdenken. Dass er Überzeugungsarbeit leisten musste und zum Teil auch erfolglos blieb, verwundert, drängen sich doch weitaus mehr Gemeinsamkeiten von Kirche und Handel auf als Unterschiede, die aber offenbar nicht in den Konsens gelangt sind: 

Der Handel erwirtschaftete das Finanzkapital für den Bau der Kirchen; sowohl die Kirchen als auch die Geschäfte sind Orte der Begegnungen; beiden Orten droht eine Bedeutungslosigkeit und beide suchen nach ihren Zukünften; Kirchen und Geschäfte sind Bühnen, Liturgien, Dramaturgien; sie sind Orte der Medienvielfalt; an beiden Orten werden Kapital und Werte geschöpft, verteilt und geschätzt, an beiden Orten wird im Sinne von curare (pflegen) kuratiert; symbolische Formen finden wie Performances hier und da statt, ebenso wie Tauschgeschäfte und Kommunikation; es gibt sowohl einen Fetischismus in der Religion, indem bestimmte Gegenstände verehrt werden, als auch einen Warenfetischismus, der ein quasireligiöses Verhältnis zu Produkten aufbaut; sowohl Kapitaltransferprozesse als auch -zirkulationen (Bourdieu) finden an beiden Orten statt … 

Daher wundert es auch nicht, dass die Besucher*innenbücher voller Lob über die Kooperationen zwischen Kirchen und Geschäften sind: Man hätte sich gleich beim Reingehen wohl und zu Hause gefühlt, eine beeindruckende Ausstellung, eine einmalige Idee, Kommerz und Glaube sei ein „uraltes Thema“, „toll und mutig“, „anregende Gespräche“, „trotz der Widrigkeiten ein großes und gelungenes Projekt“, „danke“.

Auch die Pastoren erzählen angeregt von den 14 Tagen des Projekts „Heiligen Geschäfte“ (vom 22.10. bis 5.11.2023): Für Pastor Bernd Schwarze ist seine Kirche wie die Kunst ein „Andersort“, Pastor Christian Gauer öffnen sich mit den Geschichten automatisch theologische Fragen, für Pastorin Imke Akkermann-Dorn geht es um rücksichtsvollere Lebensweisen. Jankowski hat allen Beteiligten einen räumlichen, zeitlichen und narrativen Rahmen gegeben, um Perspektiven einzunehmen, Anekdoten zu erzählen oder aus der Bibel zu zitieren.

Jankowskis „Heilige Geschäfte“ finden ihren konzisen Platz inmitten seiner bisherigen künstlerischen Projekte, in denen konzeptuell eine „Übergriffigkeit“ eingebaut ist: 

Für „Kunstmarkt TV“ ließ er sich 2008 auf Einladung der Art Cologne vom Format des Homeshoppings inspirieren, zwei TV-Moderator*innen des Senders QVC priesen Kunstwerke von Franz West, Vanessa Beecroft und anderen in Sprache, Rhetorik und Habitus des Live-TV-Shopping an und verkauften sie über eine Telefonhotline.

Für „The Perfect Gallery“ wurde Jankowski 2010 von der Londoner „Pump House Gallery“ eingeladen, pimpte hier die Galerieräume im Stil einer „Home-makeover-Show“, indem er die Fußleisten entfernen, das Lichtsystem vereinheitlichen, den Holzboden erneuern und schließlich die Wände mit der extra angemischte Wandfarbe „Jankowski Perfect Gallery White“ streichen ließ.

Für „Casting Jesus“ ließ er 2011 im Stil einer Casting Show 13 Schauspieler für die Rolle des Jesus vortragen, um eine Jury aus Mitgliedern des Vatikans den perfekt segnenden, Kranke heilenden, Brot brechenden und betenden Jesus finden zu lassen.

Weitere Informationen:

https://www.luebeck-tourismus.de/kultur/veranstaltungen/heilige-geschaefte