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SIGNA for doc14: Die Bestimmung des „Realen“

Unfreiwillig eröffnete das Hamburger Schauspielhaus seine erste Spielzeit unter der neuen Intendantin Karin Beier mit einer SIGNA-Produktion. Programmatisch hätte dem Haus nichts Besseres passieren koennen.

Für Uneingeweihte des SIGNA-Konzepts mag es eigenwillig oder paradox klingen:
Alle Beteiligten des „Theaterstücks“, und hierbei handelt es sich sowohl um die Darstellenden als auch um die Besucher, vereinbaren sich auf ein „Theaterstück“, indem sie das „Theaterstück“ unsichtbar einvernehmlich negieren und diese gemeinsame Täuschung in Form einer scheinbaren Spontaneität genießen und verstärken.

In der aktuellen Produktion „Schwarze Augen, Maria“ werden aus den Darstellern Bewohner des „Hauses Lebensbaum“, die zum ersten Mal ihr Haus für einen „Tag der offenen Tür“ öffnen und sich den Fragen einer interessierten Öffentlichkeit stellen.

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Die 7 Familien Traub, Wager, Gerstein, Kiebuzinski, Sternlieb, Millstein und Brink verbringen in je unterschiedlichen Personenkonstellationen (Alleinerziehende mit Bruder, gemeinsam mit der Schwiegermutter aus Leipzig, Familie mit 2 Kindern, Ehepaar mit 1 Kind…) ihr Leben zusammen im Rahmen eines betreuten Wohnens, nachdem das Schicksal sie 1993 durch einen Verkehrsunfall miteinander verbunden hat.

Begründer des „Hauses Lebensbaum“ (die Assoziation zum Konzept Lebensborn ist sicher nicht zufällig) ist Dr. Marius Mittag, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, der vormittags „Klinische Forschung und Entwicklung“ für Asklepios betreibt und den zweiten Teil des Tages mit seinen Studien an den Probanden des von ihm begründeten Teiresias-Syndrom verbringt: Denn bei allen, in unmittelbarem Anschluss an den Unfall geborenen Kindern „imponiert phänomenologisch eine beidseitige Nigriridie (Schwarzäugigkeit)“, „Störungen der Sensomotorik“, „interaktive und kommunikative Störungen“, „autoagressive Impulsdruchbrüche“ etc., wie es in den neurobiologisch aufbereiteten medizinischen Ausführungen Dr. Mittags heisst.

Soweit zum narrativen Setting, das Darsteller und Besucher – nunmehr nicht mehr Adressaten – zueinander führt und die Kommunikationen bestimmt, bestimmen könnte. (Inhaltliche Details sind in der Kritikerrundschau von Nachtkritik nachzulesen.)

Das dramaturgische Narrativ (Geschichte des Teiresias-Syndroms und Tag der offenen Tür) verflicht sich mit dem Raum (die ehemalige Elise-Averdieck-Schule im Hamburger Stadtteil Uhlenhorst transformiert in ein betreutes Wohnen mit 6+1 Wohnappartments, 2 Treppenhäusern, Ärztezimmer, Saal und anliegender Küche) und der Zeit (zwischen 14 und 18h, 18:30 und 22:30h und einem gemeinsamen abschließenden Fest mit „buntem Programm, Tanzmusik und leckeren Snacks im großen Saal“). Punktuelle Termine und Verabredungen (wie Gesprächstherapien, medizinischer Vortrag, Familienaufstellung) setzen/halten die Dynamik der Ereignisse im „Haus Lebensbaum“ in Gang; Licht, Sound und Gerüche inklusive…

Das Ergebnis ist eindrucksvoll, nämlich…
…dem, was wir Realitaet nennen, ihren Konstruktions- und Inszenierungsfaktor abzuringen.
…das, was wir Realitaet nennen, als einen momentan konsistenten Horizont von Gesten, Worten, Klängen, Gerüchen, Texten, Symbolen, Codierungen zu begreifen.
…das eigene Verhalten eng an Ritualisierungen und kommunikative Vereinbarungen gekoppelt zu reflektieren.
…Unausgesprochenes als anwesende und wirksame Handlungsmatrix wahrzunehmen.
…die Emergenz des sozialen Geflechts auf Einzelbestandteile zu dekomplexieren.
…die empirische Dimension (unsere Erfahrung der Wirklichkeit) und die phänomenologische Dimension (die Erscheinung unserer Wirklichkeit) im Zugriff auf Welt zu favorisieren.
…Selbst- und Fremdreferenz unentscheidbar miteinander zu verschränken.
…taktloses und taktvolles, sichtbarmachendes und unsichtbarhaltendes Verhalten in der Kunst zusammenzuführen.
Normen, Regeln, Vereinbarungen, Rituale werden in 1. Ordnung performiert und in der vorliegenden Konstruktion zugleich in 2. Ordnung im Schutz einer einvernehmlichen Unsichtbarhaltung reflektiert.

Signa nimmt eine überragende Fusion darstellender und bildender Kunst durch die Performanz von Raum, Zeit und Relationalitäten vor (daher die Gattung „Performance-Installation“, besser noch, so der Vorschlag, „Diskursperformierung“), inmitten einer Ästhetik, die durch Louise Bourgeois, Annette Messager, Isa Genzken und Thomas Hirschhorn bestimmt ist, abzueglich deren tlw. poppigen, bunten oder intensiven Farbgestaltungen, denn in „Haus Lebensbaum“ ist alles in gedämpften Pastelltönen unter Neonlicht gehalten.
(Das alles in unmittelbarer Nähe zur Hochschule für bildende Künste Hamburg.)

…eine konsequente konzeptionelle und ästhetische Eng- und Weiterführung verschiedener dOCUMENTA13-Beiträge wie Theaster Gates‘ „Hugenottenhaus“, Pierre Huyghes „Untilled“, Pedro Reyes „Sanatorium“ und Tino Sehgals Soundskulptur, die eine Komplexierung von Wahrnehmungs- und Reflexionsebenen vornimmt, ein erster Kandidat für Adam Szymczyk, den jüngst benannten Leiter der Documenta 14.

Konzept: Signa und Arthur Köstler, in Zusammenarbeit mit Sebastian Sommerfeld und Mona el Gammal
Regie: Signa Köstler mit Sebastian Sommerfeld
Bühne und Kostüme: Signa Köstler mit Mona el Gammal
Mediendesign: Arthur Köstler
Sound Design: Christian Bo
Dramaturgie: Sybille Meier
Produktion: Deutsches Schauspielhaus Hamburg

Noch bis zum 15.12.2013, Karten online: http://www.schauspielhaus.de/de_DE/repertoire/schwarze_augen_maria.951189