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An die Grenzen strenger Kausalität gestoßen. Zu Andreas Reckwitz „Singularisierungs-Spätmoderne“

Ob hier nicht eher eine paradoxale Logik vorliege und eben gerade nicht die lineare Ablösung einer Logik durch eine andere, fragte Jeanette Hofmann Andreas Reckwitz im Anschluss an seinen Vortrag zu seiner aktuellen Veröffentlichung „Die Gesellschaft der Singularisierung“ von 2017. Reckwitz hatte seine Thesen am 11.12.2018 im Rahmen der Redenreihe „Making Sense of the Digital Society“ vorgetragen, ein Kooperationsprojekt des Alexander von Humboldt Instituts für Internet und Gesellschaft HIIG und der Bundeszentrale für politische Bildung. Dessen Direktor Thomas Krüger wiederum reagierte auf Reckwitz mit Einblicken in die Widersprüchlichkeiten der aktuellen Arbeit und der Herausforderungen der bpb: Politische Bildung habe gerade Hochkonjunktur, die bpb hätte aber keine Lösungen.

Mit dieser kurzen Frage und prägnanten Problembeschreibung brachten Hofmann und Krüger das Problem auf den Punkt: Ist die hier von Reckwitz eingesetzte Logik einer kohärenten und konsistenten großen Erzählung, ohne Widersprüche, Brüche und Paradoxien, mit einer strengen Kausalität zugeordneten Zahlen, Denkfiguren, Umbrüchen und Techniken bzw. Technologien tatsächlich angebracht, um die aktuellen Ereignisse zu beschreiben?

In seiner Publikation „Die Gesellschaft der Singularitäten“ von 2017 erzählt Reckwitz, Soziologe an der Viadrina Universität und jüngst Leibnitz-Preisträger, die Geschichte einer Ablösung der Logik des Allgemeinen durch eine  Logik des Besonderen. Hierbei handelte es sich bisher um eine philosophische Denkformel, wie sie beispielsweise Immanuel Kant in seiner Kritik der Urteilskraft (1790) diskutierte und die Reckwitz nun aus einer gesellschaftstheoretischen Perspektive soziologisiert, in ein zeitliches Modell übersetzt und historischen Epochen zuordnet. Während die industrielle Moderne, die er ab 1900 bis in die 1970er Jahre ansetzt, auf eine Logik des Allgemeinen ausgerichtet war, sei mit den 1970er Jahren, mit der sogenannten Spätmoderne, eine Zäsur zu vermerken, da seither mit einer Logik des Besonderen operiert würde. Diese Zäsur gehe mit dem Bedeutungswandel der Technik einher: die industriellen Techniken hätten zu digitalisierenden Technologien gewechselt und mit ihnen entsprechend die Strukturierungsformen des Sozialen.

Reckwitz belegt beide, von ihm beobachteten sozialen Formen mit signifikanten Formeln, einprägsamen Leitbegriffen und griffigen Beispielen: „doing generality“ sei von „doing singularity“ abgelöst, die industrielle Moderne sei von einer Standardisierung und Universalisierung gekennzeichnet (siehe die Industriestädte, die Volksparteien, die homogenisierten Arbeitsbereiche), die Spätmoderne von einer Singularisierung und Einzigartigkeit (siehe die möglichst einzigartigen Profile von Arbeitssubjekten, die Aufmerksamkeits- und Attraktivitätsmärkte, die Überproduktion von Kulturformaten). Dass sich Reckwitz für den Begriff der Singularisierung und gegen den der Individualisierung entschieden hat, ist der Überlegung geschuldet, dass sich die beobachtbaren Singularisierungspraktiken seit den 1970er Jahren nicht nur auf Subjekte beziehen, sondern auch auf Objekte, Räumlichkeiten, Zeitlichkeiten und selbst auf Kollektive. Die Singularisierungstendenzen seien also strukturbildend für die gesamte Gesellschaft und ihre Lebensführung in Form von Lebensstilen, Subjektformen, Arbeitswelten und Klassen. Der Begriff der Individualisierung hätte aus historischen und philosophischen Gründen zu stark den des Einzelsubjekts fokussiert.

Der Strukturwandel von der sozialen Logik des Allgemeine zur sozialen Logik des Besonderen, von der „doing generality“ zur „doing singularity“ sei von verschiedenen, miteinander verzahnten Bedingungen geleitet: erstens durch kulturelle Bedingungen (zu beobachten in einem post-romantischen Wertewandel), zweitens durch ökonomische Bedingungen (zu beobachten in dem Übergang vom industriellen zum kulturellen Kapitalismus) und drittens, und hierzu führt Reckwitz im Folgenden umfangreich aus, durch technologische Bedingungen, konkret durch die „digitale Revolution“.

In seinem Vortrag „Digitalisierung und Gesellschaft der Singularitäten“ definiert Reckwitz zunächst die digitalen Technologien als sich aus drei Faktoren zusammensetzend: Aus erstens dem Computing (Rechenmaschine, Algorithmen), zweitens der Digitalisierung medialer Formate (Texte, Bilder, Töne, Spiele) und drittens der kommunikativen Vernetzung, die zur Entwicklung des Internets führte. Diese drei Bereiche wirk(t)en auf der Ebene der Infrastruktur im Sinne einer „doing generality“ im Hintergrund, im Vordergrund allerdings würde die „doing singularity“ operieren. Durch kulturelle wie auch maschinelle Singularisierungsprozesse entstünden singularisierte Subjekte, singularisierte Objekte und singularisierte Kollektive: singularisierte Subjekte durch die Aufmerksamkeitsökonomie des Internets, durch singularisierte und kompositorische Subjektdarstellungen in Form von Profilen, durch ein Streben nach Unverwechselbarkeit; singularisierte Objekte durch eine für den User maßgeschneiderte digitale Umwelt, durch eine Softwareisierung der Objektwelt; singularisierte Kollektive durch digitale Neogemeinschaften, die sich zu bestimmten Themen und in sich abgeschlossen kollektiv stiften. Alle diese Tendenzen würden das Besondere und eben nicht das Allgemeine fördern.

Die hieraus erwachsenen Konsequenzen für die digitale Singularisierung seien massiv: Es sei ein Profilierungszwang der Subjekte zu beobachten, weiterhin die Erosion einer allgemeinen Öffentlichkeit z. B. durch personalisierte Nachrichten, eine Gegenwarts- und Novititätsorientierung mit dem Zwang zu Neuem und Außergewöhnlichem und eine Affektkultur der Extreme, die stark mit Emotionen verbunden sei.

Tobi Müller, der die abschließende Diskussion zwischen Reckwitz, Hofmann und Krüger, zu späterer Stunde auch inklusive dem anwesenden Publikum und den Twitter-Beteiligungen moderierte, bat, sich auf drei Aspekte zu konzentrieren: auf die Singularisierung als Effekt der Digitalisierung (mit der Frage, ob hier wirklich Kausalitäten existieren), auf die Krise des Politischen (mit der Frage, ob wir wirklich von einer Krise des Politischen sprechen können) und auf Möglichkeiten der Agency, also der Handlungsmöglichkeiten. Denn: Ist eine Emphase für Singularisierungen nicht auch schon in der Romantik, also um 1800 zu beobachten, eine Phase, in der Selbstverwirklichung, Originalität, Einzigartigkeit, Authentizität Hochkonjunktur hatten? Und hat nicht auch der Buchdruck Singularisierung gefördert? Und fördert mit Walter Benjamin die Reproduzierbarkeit nicht eher den Auraverlust statt die Singularisierung? Und sind nicht aktuell eher umfangreiche Verwerfungen auch im Privaten durch eine Re-Politisierung zu beobachten? Und vertreten nicht Phänomene wie das Grundeinkommen oder die Gelbwestenbewegung in Frankreich allgemeine Forderungen im Interesse einer Allgemeinheit? Und lassen sich die neuen Kulturalisierungsphänomene tatsächlich mit den alten Begriffen (analog, digital, links, rechts) vermessen? Und sind die eigentlichen Affekte nicht eher im Kollektiven zu sehen, statt an Singularitäten gekoppelt? Und handelt es sich hinsichtlich der Algorithmen nicht vielmehr um eine Personalisierung statt um ein Singularisieren (Microtargeting)? Und empowern sich nicht gerade diejenigen, die aus der vorherrschenden Logik zwar herausgefallen sind, aber nun wieder in die politische Arena eintreten? Und ist tatsächlich die Digitalisierung als Leitursache auszumachen oder handelt es sich nicht vielmehr um einen umfassenderen Komplex der Verursachungen? Viele Fragen und Einwände tauchten auf, die Jeanette Hofmann vom HIIG mit der Beobachtung zusammenfasste, dass Reckwitz’ Publikation zur permanenten Suche nach Gegenbeispielen regelrecht zwinge, was Reckwitz einräumte.

Müllers finale Frage nach der Agency und unseren Möglichkeiten, die Negativeffekte der Digitalisierung eingeschränkt zu halten, beantworteten die drei PodiumsteilnehmerInnen mit kurzen und knappen Stellungnahmen: Reckwitz warnte, nicht in einen Technikdeterminismus zu verfallen und stellte fest, dass zumindest die Wissenschaft keine Agency in Gang setze. Dabei würden der Populismus, die Identitären und die gelben Westen beweisen, dass Agency nicht voraussehbar sei. Krüger wies auf die Brüchigkeit des Beutelsbacher Konsens’, den Grundsätzen der bpb für die politische Bildung hin: Das Überwältigungsverbot von Lehrenden gegenüber Schülern käme wie insgesamt die Disziplin der politischen Bildung aus einer Tradition, die die Emotionen (noch) nicht berücksichtigte. Diese seien nun aber gerade aktuell die größte Herausforderung. Hofmann sieht in einer Rechenschaftspflicht von Unternehmen hinsichtlich der Logiken der von ihnen eingesetzten Algorithmen, eine Möglichkeit, insbesondere die Generierung von Emotionalitäten weiter beobachten zu können. Ausserdem wies sie auf eine erforderliche Sensibilität für sog. Wedge Issues hin, immanent polarisierende Themen, die inhaltlich nicht selten überflüssig sind, aber sozial spalten.

Die Redenreihe des HIIG und der bpb „Making Sense of the Digital Society“  wird 2019 fortgesetzt.