{"id":4536,"date":"2026-10-19T14:11:57","date_gmt":"2026-10-19T13:11:57","guid":{"rendered":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=4536"},"modified":"2026-10-19T14:48:20","modified_gmt":"2026-10-19T13:48:20","slug":"marina-daria-und-erika-2026-reloaded","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=4536","title":{"rendered":"Marina, Daria und Erika 2026 Reloaded"},"content":{"rendered":"\n<p>Vor gut 20 Jahren wurde <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Marina_Abramovi?\">Marina Abramovi<\/a>c zur Kronzeugin der Begr\u00fcndung einer <a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buch\/erika-fischer-lichte-aesthetik-des-performativen-t-9783518123737\">\u201e\u00c4sthetik des Performativen\u201c<\/a> (2004) durch die Theaterwissenschaftlerin <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erika_Fischer-Lichte\">Erika Fischer-Lichte<\/a>. Gleich auf den ersten Seiten ihres Einf\u00fchrungskapitels f\u00fchrte Fischer-Lichte umfangreich zu Abramovics zweist\u00fcndiger Performance <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lips_of_Thomas\">\u201eLips of Thomas\u201c<\/a>, 1975 in der Innsbrucker Galerie Krinzinger aus, in der sie entkleidet ein Kilo Honig a\u00df, einen Liter Rotwein trank, mit dem anschlie\u00dfend von ihr zerbrochenen Weinglas ein <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pentagramm\">Pentagramm<\/a> um eine an der Wand h\u00e4ngende Fotografie zeichnete, sich mit einer Rasierklinge ein Pentagramm in den Bauch ritzte, dann mit einer Peitsche den R\u00fccken gei\u00dfelte, bis auch dieser blutete, sich auf ein Kreuz aus Eisbl\u00f6cken direkt unter einen Heizstrahler legte, der den geritzten Stern auf ihrer Bauchdecke verst\u00e4rkt bluten lie\u00df, bis einzelne Zuschauer die Tortur abbrachen, die regungslose Abramovic vom Kreuz nahmen und sie aus dem Raum trugen.\u00a0<br \/><\/p>\n\n\n\n<p>Fischer-Lichte extrahiert hieraus zwei f\u00fcr ihre Theorie wesentliche Axiome: Erstens w\u00fcrde die Beziehung zwischen Kunstproduzierenden und Publikum neu organisiert, die beteiligten Zuschauer zu Akteuren transformiert. Diese These reiht Fischer-Lichte in religi\u00f6se <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ritual\">Rituale<\/a> und Jahrmarktspektakel, mit denen Bu\u00dfgesellschaften durch die Jahrhunderte Bu\u00dfpraktiken und Strafrituale verrichteten und dadurch Affizierungen des Publikums stattf\u00e4nden. Zweitens w\u00fcrde die Beziehung zwischen K\u00f6rper und Material auf der einen Seite und deren Zeichenhaftigkeit auf der anderen Seite oszillieren: Pentagramm, Honig und Wein, das Kreuz w\u00e4ren als <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Semiotik\">Zeichen<\/a> zwar dechiffrierbar. Letztlich w\u00fcrde aber die Materialhaftigkeit der Handlung und das involvierende und transformierende Ereignis der Erfahrung, w\u00fcrden die \u201ephysiologischen, affektiven, volitionalen, energetischen und motorischen Reaktionen\u201c, die zu Handlungen herausforderten, dominieren, statt sie verstehen zu wollen. Jetzt h\u00e4tten wir es mit einem Ereignis zu tun, das kaum noch oder zumindest nicht mehr wie bisher separieren w\u00fcrde, etwa zwischen einem Publikum hier und einem B\u00fchnengeschehen da, und das liminale Erfahrungen der Besuchenden in Gang setze. Mit dem Begriff der Liminalit\u00e4t kn\u00fcpft Fischer-Lichte an die Ritualforschung an, die Grenz- und \u00dcbergangserfahrungen untersucht und mit dem sie die \u00e4sthetische Erfahrung als eine Schwellenerfahrung bestimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus diesen beiden Verschiebungen und Neubestimmungen der Verh\u00e4ltnisse (erstens der Relation Subjekt\/Objekt und zweitens Material bzw. K\u00f6rper\/Bedeutung) \u2013 leitete Fischer-Lichte f\u00fcr die Kunstgeschichte und Kunsttheorie einflussreiche Annahmen ab: In den fr\u00fchen sechziger Jahren h\u00e4tte in den K\u00fcnsten der westlichen Kultur, in der bildenden Kunst, der Musik und Literatur sowie im Theater eine <a href=\"https:\/\/literaturkritik.de\/id\/8997\">performative Wende<\/a> eingesetzt. Eine neue Kunstgattung, die Aktions- und Performancekunst, w\u00e4re durch diesen Performativierungsschub entstanden. Diese Kunstgattung w\u00fcrde die wiederholt beobachtete Entgrenzung der K\u00fcnste auf einen Begriff bringen. Auf den Wechsel vom Werk zum Ereignis und die \u00dcberarbeitung von bisherigen Relationen, weg von den referentiellen hin zu den performativen Funktionen m\u00fcsse mit der Entwicklung einer neuen \u00c4sthetik begegnet werden. Das war die Geburtsstunde von Fischer-Lichtes \u201e\u00c4sthetik des Performativen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Abramovics k\u00fcnstlerische Karriere ist von dieser performativen Wende gepr\u00e4gt, so wie sie diese Wende pr\u00e4gte. Nachhaltig ihre fr\u00fchen Performances wie &#8222;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rhythm_0\">Rhythm 0&#8243;<\/a> 1974 in Neapel, ihre gemeinsamen Performances mit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ulay\">Ulay<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Balkan_Baroque\">\u201eBalkan Baroque\u201c<\/a> auf der Biennale in Venedig 1997, ihre Gr\u00fcndung einer Stiftung f\u00fcr Performancekunst (MAI), die sich um den Erhalt und die Erforschung von Performancekunst k\u00fcmmert oder auch ihre Einzelausstellungen unter anderem <a href=\"https:\/\/www.moma.org\/calendar\/exhibitions\/964\">&#8222;The Artist is Present&#8220; 2010 im New Yorker MoMA<\/a>, so dass das<a href=\"https:\/\/time.com\/2882156\/watch-waiting-hours-in-line-for-marina-abramovics-512-hours\/\">Time Magazine sie 2014<\/a> zu den 100 einflussreichsten Pers\u00f6nlichkeiten der Welt z\u00e4hlte.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>2026 nun gastiert Abramovic mit ihrem <a href=\"https:\/\/www.berlinerfestspiele.de\/performing-arts-season\/programm\/2026\/spielplan\/balkan-erotic-epic\">\u201eBalkan Erotic Epic\u201c im Rahmen der Performing Arts Season 2026\/27 der Berliner Festspiele am Festspielhaus<\/a>, f\u00fcr drei Stunden, ohne Pause, mit einer Altersempfehlung ab 16 Jahren. Vorher schon hatte Abramovic ihren Epos <a href=\"https:\/\/factoryinternational.org\/whats-on\/marina-abramovic-balkan-epic\/\">2025 in Manchester bei Factory International<\/a> und <a href=\"https:\/\/www.ruhrtriennale.de\/de\/programm\/balkan-erotic-epic\/199\">2026 bei der Ruhrtriennale im Landschaftspark Duisburg-Nord<\/a> als <a href=\"https:\/\/www.nachtkritik.de\/nachtkritiken\/deutschland\/nordrhein-westfalen\/ruhrtriennale\/balkan-erotic-epic-ruhrtriennale-marina-abramovic-zeigt-immens-aufwaendige-rituale-zwischen-brustmassage-und-fruchtbarkeitstaenzen\">eine vierst\u00fcndige immersive Version mit unz\u00e4hligen Performer*innen, T\u00e4nzer*innen, Musiker*innen, Figurenspieler*innen und Videok\u00fcnstler*innen aufgef\u00fchrt<\/a> und \u201eBalkan Erotic Epic\u201c im Sommer 2026 als eine <a href=\"https:\/\/www.berlinerfestspiele.de\/gropius-bau\/programm\/2026\/ausstellungen\/marina-abramovic\">Kunstausstellung im Gropius Bau<\/a> pr\u00e4sentiert. Hier nun im Auftrag der Berliner Festspiele als Deutsche Erstauff\u00fchrung \u201eThe Stage Version\u201c vor einem sichtlich und h\u00f6rbar begeisterten Heimpublikum. Zehn einzelne Szenen falten multimedial  ein von Elke, der fl\u00e4mischen Wissenschaftlerin in wei\u00dfem Kittel und mit gro\u00dfer Brille, zwischendurch anmoderiertes Ritual auf. Elke operiert als ein Scharnier zwischen der Performance und der Stage Version, zwischen B\u00fchne und Publikum. Bei den Szenen handelt es sich beispielsweise um das Ritual, \u201edie G\u00f6tter einzusch\u00fcchtern, um den Regen aufzuhalten\u201c aus der T\u00fcrkei des 11. Jahrhunderts, in dem sechs Frauen wiederholt ihre schweren schwarzen R\u00f6cke l\u00fcften und ihre nackten Vulven dem Himmel entgegenstrecken. Mit lautstark ekstatischen Schreien spreizen sie ihre Beine, um die G\u00f6tter dazu zu bringen, die starken Niederschl\u00e4ge zu stoppen. Das Ritual \u201eLiebestrunk 1\u201c aus Serbien des 16. Jahrhunderts schl\u00e4gt die Rezeptur eines Getr\u00e4nks vor, das verhindern k\u00f6nnen soll, dass Frauen von ihren M\u00e4nnern verlassen werden. Eine gekochte und sp\u00e4ter dann gefilterte Mixtur aus Haaren und Menstruationsblut soll in einem Glas Rotwein dem liebenden Gatten \u00fcbergeben werden und damit sicherstellen, dass seine Liebe niemals endet. F\u00fcr den \u201eLiebestrunk 2\u201c aus S\u00fcd-Dalmatien des 14. Jahrhunderts soll mit gleicher Absicht \u00fcber Nacht ein Fisch in die Vagina eingef\u00fchrt werden, um diesen am Morgen zu m\u00f6rsern und in den Kaffee des Ehemannes einzur\u00fchren. Andere Rituale unter anderem aus Nordmazedonien, Albanien, Bosnien oder Bulgarien sollen vor Impotenz sch\u00fctzen, die Fruchtbarkeit von Obstb\u00e4ume garantieren oder Geburten beschleunigen. Dabei spielen motivisch erigierte Penisse oder ejakulierende M\u00e4nner eine dominierende Rolle.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2560\" height=\"1707\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2026_Abramovic_01-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4539\" srcset=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2026_Abramovic_01-scaled.jpg 2560w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2026_Abramovic_01-768x512.jpg 768w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2026_Abramovic_01-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2026_Abramovic_01-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Marina Abramovic: Balkan Erotic Epic. \u00a9 VG Bild-Kunst, Bonn 2026; Foto: Marco Anelli, Instagram @marco_anelli_studio.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Mit diesen Genitalien-fokussierenden Ritualen surft Abramovics Ensemble von gut 30 S\u00e4nger*innen, T\u00e4nzer*innen und Musiker*innen drei Stunden lang singend, tanzend, musizierend, schreiend, entbl\u00f6\u00dfend, brustmassierend, gei\u00dfelnd, kopulierend nicht zeitlinear durch die Jahrhunderte und kreiert einen geografischen Kulturraum, der irgendwann als \u201eBalkan Magic\u201c gefeiert wird. Eine Blechbl\u00e4serband zelebriert zusammen mit Percussion, Akkordeon und Geige die einzelnen Stationen, die dramaturgisch mit der Lebensgeschichte von Abramovics Mutter Daria, so informiert das Programmheft,\u00a0 verwoben werden. Im Verlauf der Abfolge der Szenen, die zwischen Feiern, Gebeten, Beerdigungen und Befreiungen oszillieren, emanzipiert sich Daria von einer streng kontrollierten und kontrollierenden <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Josip_Broz_Tito\">Tito<\/a>-Partisanin zu einer begehrenden und begehrten Frau. F\u00fcr Abramovic sei diese Inszenierung, so wird sie im Programmheft zitiert, \u201edas Befreiendste\u201c, das sie je f\u00fcr sich gemacht habe und damit auch \u201edas Autobiografischste\u201c, was sie je geschaffen habe.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1708\" height=\"2560\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2026_Abramovic_02-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4541\" srcset=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2026_Abramovic_02-scaled.jpg 1708w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2026_Abramovic_02-768x1151.jpg 768w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2026_Abramovic_02-1025x1536.jpg 1025w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2026_Abramovic_02-1366x2048.jpg 1366w\" sizes=\"auto, (max-width: 1708px) 100vw, 1708px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Marina Abramovic: Balkan Erotic Epic. \u00a9 VG Bild-Kunst, Bonn 2026; Foto: Marco Anelli, Instagram @marco_anelli_studio.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die in situ Performances auf der B\u00fchne werden mit Videos meist in schwarz-weiss auf der B\u00fchnenr\u00fcckwand angereichert und damit bildlich multipliziert. Die anmoderierten Rituale werden mit leichtem und humorvollem Strich als animierte Schwarz-Wei\u00df-Comics \u00fcbergro\u00df auf die Wand projiziert. Requisiten wie <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Josip_Broz_Tito\">Tito<\/a>-Fotografien, bunte Lichterketten, Skelette, S\u00e4rge, Kreuze oder Grabsteine und Szenografien wie eine Balkan-Bar, ein in Nebel getauchter Friedhof oder eine schneiende Winterlandschaft erzeugen eine Abfolge enthemmter und entfesselter Rituale \u00fcber K\u00f6rper, Lebensenergie und Begehren, die auf der B\u00fchne zu dem Satz \u201eLong live our slavic faith\u201c verdichtet werden. Dem Ereignis auf der B\u00fchne zufolge d\u00fcrfte es sich bei Abramovics Konzept des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Slawen\">Slawischen<\/a> um etwas handeln, das partriarchalisch, monogam, gesangs- und tanzliebend, feierfreudig und polytheistisch aufgestellt ist, das Ackerbau und Viehzucht betreibt, Dinge und Helden verehrt, an D\u00e4monen glaubt und Br\u00e4uche zelebriert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2560\" height=\"1707\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2026_Abramovic_04-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4544\" srcset=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2026_Abramovic_04-scaled.jpg 2560w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2026_Abramovic_04-768x512.jpg 768w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2026_Abramovic_04-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2026_Abramovic_04-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Marina Abramovic: Balkan Erotic Epic. \u00a9 VG Bild-Kunst, Bonn 2026; Foto: Marco Anelli, Instagram @marco_anelli_studio.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Mindestens zwei Erkenntnisse ergeben sich aus Abramovic 2026 und Fischer-Lichte 2004:\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Erstens: Hier, an diesem Ort, innerhalb von \u201ePerforming Arts Season\u201c und durch die \u201eStage Version\u201c einer urspr\u00fcnglich als immersiven Version konzipierten Performance wird abermals plausibel, dass und warum Fischer-Lichte ihre Theorie zur \u201e\u00c4sthetik des Performativen\u201c nicht oder nur partiell anhand von Theaterauff\u00fchrungen entfaltet hat. Stattdessen orientierte sie sich in ihrer Theoriebildung vornehmlich an Beispielen der Performancekunst, bei denen tradierte Trennungen, wie etwa die von Zuschauerraum und B\u00fchne, ohnehin aufgehoben sind. Die \u201e\u00c4sthetik des Performativen\u201c muss augenscheinlich an anderen Orten, wie zum Beispiel im klassischen Theaterdispositiv, in dem das Publikum getrennt von der Auff\u00fchrung im Zuschauerraum im Modus einer distanzierten Betrachtung verbleibt, noch einmal anders gedacht und konzipiert werden, der \u201ePerformativierungsschub\u201c anders beobachtet werden. Denn sie begrenzt sich nicht auf die von Fischer-Lichte f\u00fcr eine \u201e\u00c4sthetik des Performativen\u201c extrahierten Kennzeichen Autopoiesis, Emergenz, Unvorhersagbarkeit und Unwiederholbarkeit. Eine \u201e\u00c4sthetik des Performativen\u201c kann nicht nur auf die Gattung der Kunstperformance beschr\u00e4nkt und mit ihr in eins gedacht werden. Die Ausrichtung von \u201eBalkan Erotic Epic\u201c auf eine \u00fcberw\u00e4ltigende Wirkungserzielung jedenfalls l\u00e4sst ein anderes <em>Ereignis <\/em>entstehen als dasjenige, von dem Fischer-Lichte behauptete, dass es \u201eeine neue, eine eigene Wirklichkeit\u201c (2004, S. 19) konstituiere und zuallererst in seinen Auswirkungen erfahren w\u00fcrde. Hier wirken die Parameter des jeweiligen Dispositivs, und dazu geh\u00f6ren an diesem Abend der Ort, die Architektur, die Institution, aber auch dem Dispositiv zugeh\u00f6rige Signalelemente wie B\u00fchne, Szenografie, Licht und Requisite sowie die wirksamen kulturellen Bez\u00fcge, die Erwartungshaltungen und das Verhaltensrepertoire. Und damit wirken auch hier performative Operationen, die nicht gattungszentriert und -begrenzt zu denken sind. Das Transformationspotential f\u00fcr die an Performances Beteiligten, die Fischer-Lichte mit ritualtheoretischen Konzepten des Rollenwechsels, der Liminalit\u00e4t und der Rahmenkollision st\u00fctzt, ist empirisch ohnehin nicht zu belegen. Das begeisterte Publikum, das vornehmlich, wie ich h\u00f6ren konnte, verschiedene slawische Sprachen sprach und abschlie\u00dfend das Ensemble euphorisch feierte, erlebte einen auf mehreren Ebenen opulenten Abend. Dass aber eine \u201eleibliche Ko-Pr\u00e4senz von Akteuren und Zuschauern\u201c als eine Variante k\u00f6rperlicher Intersubjektivit\u00e4t stattfand, dass liminale Erfahrungen der Besuchenden in Gang gesetzt wurden und die \u00e4sthetische Erfahrung als eine Schwellenerfahrung stattfand, ist fraglich.<\/p>\n\n\n\n<p>Zweitens und eng mit erstens verbunden: Es wird offenkundig, dass Fischer-Lichtes Theorie zur \u201e\u00c4sthetik des Performativen\u201c, mit der sie den zuvor schon erarbeiteten Theorien des Performativen 2004 eine \u00e4sthetische Theorie der Auff\u00fchrung hinzuf\u00fcgt und daf\u00fcr an Beispielen der Performancekunst entfaltet, zu einem eklatant methodischen Gr\u00fcndungsfehler f\u00fchrte, der uns noch heute davon abh\u00e4lt, das Performative unabh\u00e4ngig von Performances im Kunstfeld zu entdecken. Fischer-Lichte wendete nach etwa 15 Jahren den kulturwissenschaftlich seit den 1990er Jahren stark akzentuierten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Performativit\u00e4t\">Begriff der Performativit\u00e4t<\/a> f\u00fcr die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Theaterwissenschaft\">Theaterwissenschaft<\/a> an und griff f\u00fcr ihre Argumentation empirisch verengend auf <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Performance_(Kunst)\">k\u00fcnstlerische Performances<\/a> zur\u00fcck, und das, obwohl sie gleichzeitig schon beobachtete, dass eine \u201e\u00c4sthetik des Performativen\u201c die Bereiche Kunst, soziale Lebenswelt und Politik kaum voneinander trennen k\u00f6nne. Als performativ gilt aber, was als Kunstperformance bezeichenbar ist. Mit dieser Gattungsvereindeutigung und Synonymsetzung verdeckte Fischer-Lichte die konstitutiven Unterscheidungen von Performativit\u00e4t, Performance und Performativ. Der Effekt ist auf mehreren Ebenen folgenreich: Definitions-, Identifikations- und Erkenntnisfragen zum Begriff der Performativit\u00e4t werden einzig in der Optik k\u00fcnstlerischer Performances behandelt. Performativit\u00e4ten in anderen k\u00fcnstlerischen Gattungen, f\u00fcr Grenzbereiche und Grenz\u00fcberschreitungen des Kunstfelds, ja selbst f\u00fcr Fachbereiche und Disziplinen bleiben unber\u00fccksichtigt \u2013 st\u00e4rker noch formuliert: sie bleiben verborgen, verdeckt, versenkt. Und damit bleiben die Potentiale von Performativit\u00e4ten im Kunstfeld und des beobachteten Performativierungsschub ungehoben. Um Plausibilit\u00e4t herzustellen musste Fischer-Lichte ihre eigenen Grundpr\u00e4missen streng fundamentalistisch aufstellen: Fischer-Lichte setzt \u201eKunst\u201c, ohne deren Grundpr\u00e4missen zu kl\u00e4ren und nutzt das Repertoire des Performativen f\u00fcr einen Methodenimport inside the box. Weder scheint von Interesse zu sein, mittels performativer Akzente den Ausgangsgegenstand, \u201edie Kunst\u201c, zu analysieren und Grenzdebatten zu f\u00fchren, noch findet eine vertiefende Diskussion des Performativit\u00e4tskonzept im Verh\u00e4ltnis zum Fach und dessen Pr\u00e4missen statt. Das alles ist f\u00fcr den Aufschlag einer Theorie absolut anerkennenswert, nur kann es nicht bei der Darlegung bleiben. Die Fortsetzung f\u00fcr das Kunstfeld steht aus \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Im Auftrag von Berliner Festspiele; Factory International, Manchester; Gran Teatre del Liceu; Malta Festival, Pozna?; Park Avenue Armory; Ruhrtriennale; Les Th\u00e9\u00e2tres de la Ville de Luxembourg; und WestK Performing Arts, Hong Kong.<\/p>\n\n\n\n<p>Produziert von Factory International, Manchester.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marina Abramovi<\/strong>c\u00a0\u2013\u00a0K\u00fcnstlerin, Regie, Konzept, Design\u00a0<br \/><strong>Georgine Maria-Magdalena Balk<\/strong>\u00a0\u2013\u00a0Co-Regie\u00a0<br \/><strong>Blenard Azizaj<\/strong>\u00a0\u2013\u00a0Choreografie\u00a0<br \/><strong>Billy Zhao<\/strong>\u00a0\u2013\u00a0Regie Durational Performance\u00a0<br \/><strong>Nabil Elderkin<\/strong>\u00a0\u2013\u00a0Filmregie\u00a0<br \/><strong>Marko Nikodijevi<\/strong>c\u00a0\u2013\u00a0Komposition\u00a0<br \/><strong>Luka Kozlovacki<\/strong>\u00a0\u2013\u00a0Komposition, Sounddesign\u00a0<br \/><strong>Urs Sch\u00f6nebaum\u00a0<\/strong>und\u00a0<strong>Georg Veit<\/strong>\u00a0\u2013\u00a0Lichtdesign\u00a0<br \/><strong>Anna Sch\u00f6ttl<\/strong>\u00a0\u2013\u00a0Setdesign\u00a0<br \/><strong>Roksanda Ilincic<\/strong>\u00a0\u2013\u00a0Kost\u00fcmdesign\u00a0<br \/><strong>Sonia Alc\u00f3n\u00a0<\/strong>\u2013 Regie\u00a0Animation\u00a0\u00a0<br \/><strong>Fredrik Nordbeck<\/strong>\u00a0\u2013 Co-Regie Animation\u00a0<br \/><strong>Marco Anelli<\/strong>\u00a0\u2013\u00a0Fotografie\u00a0<br \/><strong>Svetlana Spajic<\/strong>\u00a0\u2013\u00a0K\u00fcnstlerische Beratung, Gesang\u00a0<br \/><strong>Aleksandar Timotic<\/strong>\u00a0\u2013\u00a0K\u00fcnstlerische Beratung, Gesang\u00a0<br \/><strong>Dragana Jovanovi<\/strong>c\u00a0\u2013\u00a0K\u00fcnstlerische Beratung, Gesang, Bandleader\u00a0<br \/><strong>Elke Luyten<\/strong>\u00a0\u2013\u00a0Performance-K\u00fcnstler*in, Mitentwicklung der Rolle\u00a0<br \/><strong>Maria Stamenkovic Herranz<\/strong>\u00a0\u2013\u00a0Performance-K\u00fcnstlerin, Mitentwicklung der Rolle\u00a0\u00a0<br \/><strong>Rowan Schratzberger<\/strong>\u00a0\u2013\u00a0Stager, Assistenz Choreografie\u00a0<br \/><strong>Elena Cattardico\u00a0<\/strong>\u2013\u00a0Assistenz Choreografie\u00a0<br \/><strong>Helene Sch\u00f6nebaum<\/strong>\u00a0\u2013\u00a0Assistenz Setdesign\u00a0<br \/><strong>Tigger Blaize<\/strong>\u00a0\u2013\u00a0Intimit\u00e4tskoordination\u00a0<br \/><strong>Shanti Freed<\/strong>\u00a0\u2013\u00a0Kost\u00fcmkollaboration und -aufsicht\u00a0<br \/><strong>Rafi Gokay Wol<\/strong>\u00a0\u2013\u00a0K\u00fcnstlerische Beratung, Executive Producer f\u00fcr Marina Abramovi?\u00a0\u00a0<br \/><strong>Yasemin Kandemiroglu<\/strong>\u00a0\u2013\u00a0K\u00fcnstlerische Beratung, Producer f\u00fcr Marina Abramovi?<\/p>\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/29e3a3b31e9f457998fa2e2bec5fb5f7\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\/><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor gut 20 Jahren wurde Marina Abramovic zur Kronzeugin der Begr\u00fcndung einer \u201e\u00c4sthetik des Performativen\u201c (2004) durch die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte. Gleich auf den ersten Seiten ihres Einf\u00fchrungskapitels f\u00fchrte Fischer-Lichte umfangreich zu Abramovics zweist\u00fcndiger Performance \u201eLips of Thomas\u201c, 1975 in der Innsbrucker Galerie Krinzinger aus, in der sie entkleidet ein Kilo Honig a\u00df, einen Liter &hellip; <a href=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=4536\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Marina, Daria und Erika 2026 Reloaded<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,3,4],"tags":[896,718,894,901,579,902,903,898,900,897,899],"class_list":["post-4536","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artallgemein","category-artist","category-artservice","tag-balkan-erotic-epic","tag-berliner-festspiele","tag-erika-fischer-lichte","tag-liminalitaet","tag-performance","tag-performancekunst","tag-performativierungsschub","tag-performing-arts-season-2026-27","tag-ritual","tag-stage-version","tag-aesthetik-des-performativen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4536","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4536"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4536\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4553,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4536\/revisions\/4553"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4536"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4536"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4536"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}