{"id":4301,"date":"2025-01-25T15:09:21","date_gmt":"2025-01-25T14:09:21","guid":{"rendered":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=4301"},"modified":"2025-01-25T18:17:14","modified_gmt":"2025-01-25T17:17:14","slug":"tanzhermeneutisches-danke-an-die-trisha-brown-dance-company","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=4301","title":{"rendered":"Tanzhermeneutisches \u2013 danke an die Trisha Brown Dance Company"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Positionen zu halten, ist anstrengend.<\/li>\n\n\n\n<li>Positionen im Raum zu finden, gibt der Raum vor.<\/li>\n\n\n\n<li>Positionen zueinander einzunehmen, ist keine alleinige Entscheidung.<\/li>\n\n\n\n<li>Narration ist 1. nicht gegeben, umfasst 2. eine Anzahl von Elementen und 3. kombiniert diese.<\/li>\n\n\n\n<li>Nicht gesehen zu werden, bedeutet nicht, nicht zu existieren.<\/li>\n\n\n\n<li>Imagination findet genauso au\u00dferhalb des Rahmens statt.<\/li>\n\n\n\n<li>Serialit\u00e4t vermehrt (manchmal auch nur scheinbar).<\/li>\n\n\n\n<li>Abst\u00e4nde sind Mittel, Instrumente.<\/li>\n\n\n\n<li>Br\u00fcche steigern die M\u00f6glichkeiten.<\/li>\n\n\n\n<li>Geschwindigkeit ist relational.<\/li>\n\n\n\n<li>Gegenl\u00e4ufigkeit unterbricht.<\/li>\n\n\n\n<li>Widerstehen ist mindestens ein Zeitvektor.<\/li>\n\n\n\n<li>Erinnern ist auch ein interrelationaler Akt, durch Bez\u00fcge, Referenzen, Echo.<\/li>\n\n\n\n<li>Gleich ist h\u00f6chstens \u00e4hnlich.<\/li>\n\n\n\n<li>Kombination ist nicht Komposition.&nbsp;<\/li>\n\n\n\n<li>Auch 1 ist eine Konstellation.<\/li>\n\n\n\n<li>Tr\u00e4gheit ist Schr\u00e4gheit.<\/li>\n\n\n\n<li>Unwahrscheinliches ist nicht unwahrscheinlich, ebenso nicht Unvorhersagbares.<\/li>\n\n\n\n<li>Fallen ist auch eine Figur.<\/li>\n\n\n\n<li>Kontext potenziert.<\/li>\n\n\n\n<li>Choreografie verhandelt und \u00fcberbr\u00fcckt Prek\u00e4res.<\/li>\n\n\n\n<li>Ausdauer! Immer noch und wieder neu.<\/li>\n\n\n\n<li>\u2026<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Dieses Beobachtungen entstanden im Anschluss an <a href=\"https:\/\/www.berlinerfestspiele.de\/performing-arts-season\/programm\/2024\/spielplan\/glacial-decoy-in-the-fall-working-title\">die Auff\u00fchrungen \u201eGlacial Decoy \/ In the Fall \/ Working Title\u201c<\/a> der <a href=\"https:\/\/trishabrowncompany.org\">Trisha Brown Dance Company<\/a> in Zusammenarbeit mit No\u00e9 Soulier, die im Rahmen der <a href=\"https:\/\/www.berlinerfestspiele.de\/performing-arts-season\">Performing Arts Season 2024\/25 am Berliner Festspielhaus<\/a> aufgef\u00fchrt wurden. Die drei Choreografien entstanden in den Jahren 1979, 2023 und 1985. W\u00e4hrend \u201eGlacial Decoy\u201c und \u201eWorking Title\u201c von der US-amerikanischen T\u00e4nzerin, Choreografin und documenta-Teilnehmerin <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Trisha_Brown\">Trisha Brown<\/a> (1936-2017) stammen, choreografierte \u201eIn the Fall\u201c der franz\u00f6sische T\u00e4nzer und Choreograf <a href=\"https:\/\/cndc.fr\/en\/noe-soulier\/bio\">No\u00e9 Soulier<\/a> (geboren 1987) auf Einladung der Trisha Brown Dance Company in Auseinandersetzung mit ihrem Werk.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2 Ikonen, 4 Fotografien, 4 T\u00e4nzerinnen<\/strong>, <strong>4 W\u00e4nde<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eGlacial Decoy\u201c von 1979<\/strong> ist Trisha Browns erste Arbeit f\u00fcr die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Guckkastenb\u00fchne\">Theaterb\u00fchne<\/a> mit ihrer nur einen offenen Wand zum Publikum. An der hinteren Wand sind die Projektionen von vier raumhohen Schwarz-Weiss-Fotografien mit abgerundeten Ecken von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Robert_Rauschenberg\">Robert Rauschenberg<\/a> zu sehen. Die Motive, die in der n\u00fcchtern dokumentarischen Bildsprache der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Neue_Sachlichkeit_(Fotografie)\">Neuen Sachlichkeit<\/a> \u00e4sthetisiert wurden, wandern alle 5 Sekunden von links um eine Position nach rechts, um links ein n\u00e4chstes Stilleben in die Vierer-Reihung aufzunehmen: ein aufgewickeltes Kabel, ein M\u00f6beldetail, ein Baum, eine offene T\u00fcr, ein parkendes Auto, ein Verkehrsschild, eine H\u00e4userwand, W\u00e4sche auf der Leine, eine Uhr. Der kontinuierliche Fortlauf der insgesamt 159 Bilder \u2013 zwischen ihnen ein geringer wei\u00dfer Abstand \u2013 wird mit dem Klickger\u00e4usch eines Diaprojektors kombiniert, ansonsten herrscht (wie in den Stilleben) Stille auf der B\u00fchne und das Licht leuchtet die B\u00fchne (ebenfalls wie in den Stillleben) scharf aus. In 25 Minuten finden 4 T\u00e4nzerinnen in diaphan wei\u00dfen, weichen, fl\u00fcchtig k\u00f6rperumspielenden Kleidern, die an antike <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karyatide\">Karyatiden<\/a> erinnern (ebenfalls von Rauschenberg), die unterschiedlichsten Positionen und Proportionen zueinander und im Raum. Wie die Fassadengliederung antiker Geb\u00e4ude nehmen sie geometrisch die ganze Breite der B\u00fchne ein, verschwinden dabei auch in die Seitengasse, um sich seriell auf der anderen Seite der B\u00fchne wieder aufzuf\u00fcllen und damit auch ein Nebengeschehen au\u00dferhalb der B\u00fchne zu suggerieren. Mal eine, mal zwei, mal drei, mal vier T\u00e4nzerinnen \u2013 sie h\u00fcpfen, springen, kippen, gehen, laufen, rutschen, st\u00fcrzen, schlittern, galoppieren in je unterschiedlichen Kombinationen, Tempi und Qualit\u00e4ten. Und manchmal verursachen sie auf dem B\u00fchnenboden Ger\u00e4usche.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2560\" height=\"1454\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_BerlinerFestspiele_TrishaBrown_GlacialDecoy2-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4305\" srcset=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_BerlinerFestspiele_TrishaBrown_GlacialDecoy2-scaled.jpg 2560w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_BerlinerFestspiele_TrishaBrown_GlacialDecoy2-768x436.jpg 768w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_BerlinerFestspiele_TrishaBrown_GlacialDecoy2-1536x872.jpg 1536w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_BerlinerFestspiele_TrishaBrown_GlacialDecoy2-2048x1163.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Glacial Decoy \/ Working Title \/ In the Fall @ Maria Baranova<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Serialit\u00e4t der T\u00e4nzerinnen suggeriert ihre Unendlichkeit, wenngleich die T\u00e4nzerinnen schon allein durch die beweglichen Kleider nicht stereotypisiert wurden, sondern auch \u00fcber Frisuren, K\u00f6rperproportionen und Hautfarben individualisiert werden. Ihre Bewegungsstudien reflektieren k\u00f6rperliche Verfasstheiten ebenso wie Zuordnungen und Abl\u00e4ufe: kontradiktorische Bewegungen, gleiche, gleitende, wiederholende, versetzte, symmetrische, spiegelbildliche Bewegungen, parallele, aus dem Takt geratene, unterbrechende, unerwartete, unvorhersagbare, unwahrscheinliche, sich ber\u00fchrende, einander wegsto\u00dfende Bewegungen, als Solo, im Duett, im Terzett, im Quartett. Wie die stark kontrastierten Fotografien von Alltagsmotiven im Hintergrund werden hier sowohl allt\u00e4gliche Bewegungen (ohne in private oder \u00f6ffentliche, intime oder distanzierte Bewegungen zu differenzieren), als auch Proportionen, Zuordnungen und Geschwindigkeit streng konzeptionell, ja beinahe systematisch in ihrem Optionsspektrum ausgeleuchtet. Die selbst leuchtenden Fotografien im Hintergrund und ihre alle 5 Sekunden stattfindende kontinuierliche Bewegung von links nach rechts laufend deuten intermedial auf den Film hin. Wie ein verz\u00f6gerter Experimentalfilm (die Bildfrequenz lag in der Anfangszeit der bewegten Bilder bei 16 Bilder pro Sekunde) montiert \u201eGlacial Decoy\u201c (Gletschert\u00e4uschung) nicht nur kinematografisch zweidimensionale Bilder, sondern mit den Ereignissen auf der B\u00fchne drei- und vierdimensionale, kompositorische Figurationen, die, so scheint es, sich w\u00e4hrend des St\u00fccks dynamisieren und beschleunigen, um zum Ende wieder in einen langsameren Rhythmus zur\u00fcckzufallen. Die halbrunden Ecken der Schwarz-Weiss-Fotografien bringt noch ein weiteres mediales Element in das Gef\u00fcge und aktualisiert \u201eGlacial Decoy\u201c um die Materialit\u00e4t von Smartphones-Displays.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2560\" height=\"1706\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_BerlinerFestspiele_TrishaBrown_GlacialDecoy1-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4304\" srcset=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_BerlinerFestspiele_TrishaBrown_GlacialDecoy1-scaled.jpg 2560w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_BerlinerFestspiele_TrishaBrown_GlacialDecoy1-768x512.jpg 768w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_BerlinerFestspiele_TrishaBrown_GlacialDecoy1-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_BerlinerFestspiele_TrishaBrown_GlacialDecoy1-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Glacial Decoy \/ Working Title \/ In the Fall @ Maria Baranova<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Weiteres bei Interesse:<\/em><\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><a href=\"https:\/\/www.moma.org\/audio\/playlist\/40\/661\">https:\/\/www.moma.org\/audio\/playlist\/40\/661<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"http:\/\/walkerart.org\/calendar\/2025\/trisha-brown-and-robert-rauschenberg-glacial-decoy\/\">http:\/\/walkerart.org\/calendar\/2025\/trisha-brown-and-robert-rauschenberg-glacial-decoy\/<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/monoskop.org\/images\/1\/1f\/Brown_Trisha_Rainer_Yvonne_1979_A_Conversation_about_Glacial_Decoy.pdf\">https:\/\/monoskop.org\/images\/1\/1f\/Brown_Trisha_Rainer_Yvonne_1979_A_Conversation_about_Glacial_Decoy.pdf<\/a><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Browns Echo-Studien werden bei Soulier zu EchoHochVier (Brown, Newman, Malewitsch).<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eIn the Fall\u201c choreografierte No\u00e9 Soulier 2023<\/strong> auf Einladung der Trisha Brown Dance Company in Auseinandersetzung mit Browns Werk. Ebenfalls in 25 Minuten tanzen die vier vorherigen T\u00e4nzerinnen, erweitert um 4 weitere T\u00e4nzer*innen, nun in Hosenanz\u00fcgen in den Grundfarben rot, gelb und blau. Das Bewegungsrepertoire Browns wird von Soulier dialogisch aufgenommen und in seinen Bez\u00fcgen, Regeln und Aufbauten verst\u00e4rkt. Indem Soulier seine choreografischen Prinzipien wie ein Layer \u00fcber Trisha Browns Tanzstil legt, faltet er ihre <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Grammatik\">Grammatik<\/a> auf. Auch hier werden Pas de deux getanzt, Balancen und Drehungen in verschiedenen Posen gezeigt, die T\u00e4nzer*innen werden gehalten, gehoben, gef\u00fchrt, sie drehen sich und (in-)einander, sie springen allein, zu zweit \u2026 zu acht, sie beschleunigen und verkomplizieren. Auch hier wird der Raum vermessen, diesmal kombiniert mit einer Farbausleuchtung durch die Scheinwerfer und einem kontinuierlichen Grillenger\u00e4usch, das sp\u00e4ter mit Percussion zu einem breiteren Sound angereichert wird. Auch hier finden die verschiedensten Konstellationen und Kombinationen unter den T\u00e4nzer*innen, zum und im Raum statt. Wie Figuren aus einem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Suprematismus\">suprematistischen Bild<\/a> von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kasimir_Sewerinowitsch_Malewitsch\">Kasimir Malewitsch<\/a> springen sie aus der Bildfl\u00e4che in den B\u00fchnenraum und wirbeln, schleudern, strecken, kippen und wippen. St\u00e4rker aber noch als bei Trisha Brown werden hier die Interaktionen, Resonanzen und Referentialit\u00e4ten thematisiert sowie die Bewegungen durch Ausdehnungen, Gleichgewichte und Verz\u00f6gerungen reflektiert und dezentriert. Elemente aus dem <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Yoga\">Yoga<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Taijiquan\">Tai Chi<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Aikid?\">Aikido<\/a> scheinen integriert zu sein. Anstrengungen, Kraft und Konzentration dringen in die Bewegungen ein. Die T\u00e4nzer*innenk\u00f6rper werden in eine Aushandlung mit Tr\u00e4gheit und Schwerkraft gebracht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Souliers \u201eIn the Fall\u201c operiert wie ein zeitgen\u00f6ssisches Echo auf Brown, die Reflexionen von Bewegung und Raum werden daher um eine n\u00e4chste Reflexionsebene erweitert, n\u00e4mlich die eines historisch kanonisierten Tanzstils. Aber nicht nur das, reflektiert wird auch eine weitere kunsthistorische Ikone: Das \u00fcbergro\u00dfe \u00d6lgem\u00e4lde <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Who\u2019s_Afraid_of_Red,_Yellow_and_Blue\">\u201eWho\u2019s Afraid of Red, Yellow and Blue\u201c<\/a> von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Barnett_Newman\">Barnett Newman<\/a> Ende der 1960er Jahre verhandelt in seinen Versionen I bis IV die Verh\u00e4ltnisse der Farbfl\u00e4chen zueinander. W\u00e4hrend Newman die drei Grundfarben und die senkrechte Gliederung durch die Farbfelder in seinen Gem\u00e4lden beibeh\u00e4lt, die Verh\u00e4ltnisse der Farbfl\u00e4chen zueinander ver\u00e4ndert, indem er ihre Reihenfolge und Breite variiert, changiert Soulier nicht nur die Farben in ihrer Anzahl und Kombinatorik der T\u00e4nzer*innen, sondern l\u00e4sst auch die senkrechte Gliederung in den Gem\u00e4lden durch die Farbfelder in die Waagerechten und Schr\u00e4gen kippen. W\u00e4hrend Newman Gleichgewicht auslotet, Browns \u201eGlacial Decoy\u201c eine Kontrolle \u00fcber das Gleichgewicht vort\u00e4uscht, liegt Souliers Interesse bei \u201eIn the Fall\u201c, dem Titel zu urteilen, im Fallen. Die T\u00e4nzer*innen dehnen ihre K\u00f6rperposition sowohl physisch als auch zeitlich bis zu dem prek\u00e4ren Moment, in dem es kein Halten mehr gibt, sie aber nicht fallen, sondern mit einer Bewegung zu einer n\u00e4chsten K\u00f6rperposition gelangen. Dieser Moment, in dem die Kontrolle zu verlieren droht, wird von der Choreografie \u00fcberbr\u00fcckt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1800\" height=\"1200\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_BerlinerFestspiele_NoeSoulier_InTheFall.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4306\" srcset=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_BerlinerFestspiele_NoeSoulier_InTheFall.jpg 1800w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_BerlinerFestspiele_NoeSoulier_InTheFall-768x512.jpg 768w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_BerlinerFestspiele_NoeSoulier_InTheFall-1536x1024.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1800px) 100vw, 1800px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Glacial Decoy \/ Working Title \/ In the Fall \u00a9 Delphine Perrin<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Erz\u00e4hlen<\/strong> <strong>und<\/strong> <strong>Erinnern als Kombinatorik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hier h\u00e4tte der Abend enden k\u00f6nnen, nach einer Pause folgt <strong>\u201eWorking Title\u201c von Trisha Brown aus dem Jahr 1985<\/strong>. Die acht T\u00e4nzer*innen bewegen sich nun in matt farbenen Patchworkanz\u00fcgen zu einer experimentellen, improvisiert scheinenden Musik, bestehend aus Blasinstrumenten und Percussion, angereichert um Alltagskl\u00e4nge wie Pusten, Klopfen und Rauschen, ohne dass sie durch einen Rhythmus vereinheitlicht werden und damit eine Komposition h\u00e4tte erkenntlich werden k\u00f6nnen. Nur das heitere und muntere Klangbild wirkt und verbindet sich (scheinbar) mit den Bewegungen der T\u00e4nzer*innen in ihren bunten Kost\u00fcmen und dem bunten, den Raum transformierenden Licht. Das gleiche Bewegungsvokabular wie in \u201eGlacial Decoy\u201c und die gleiche ausbuchstabierte Bewegungsgrammatik in \u201eIn the Fall\u201c wirken nun, kontextualisiert durch Licht, Farbe, Kost\u00fcme und Kl\u00e4nge, freudig, lebenslustig, vergn\u00fcgt, fr\u00f6hlich und launig \u2013 also in einer Stimmung. Auf einmal scheint etwas erz\u00e4hlt, statt n\u00fcchtern analysiert zu werden. Auf einmal scheint die vierte offene Wand zum Publikum durchsto\u00dfen zu sein. Und auf einmal dominiert nicht die Erinnerungsleistung der Choreografie durch die T\u00e4nzer*innen, denn hier scheinen sie in einer Geschichte aufgehoben zu sein, die sie durch die 25 Minuten des St\u00fccks leiten k\u00f6nnte. All das aber irrt\u00fcmlich, denn die experimentelle Komposition ist exponentiell eine Herausforderung, denn statt zu verbinden, zerteilt sie die Bewegungen, den Raum und sich scheinbar andeutetende Muster. Athletik und Ausdauer werden von den T\u00e4nzer*innen gefordert. \u201eWorking Title\u201c zeigt sich im Einsatz dieser beiden Anforderungen als ein optimistischer work-in-progress, in den 1980er Jahren in den USA wissentlich anders als heute 2025 zu bewerten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1800\" height=\"1200\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_BerlinerFestspiele_TrishaBrown_WorkingTitle.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4307\" srcset=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_BerlinerFestspiele_TrishaBrown_WorkingTitle.jpg 1800w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_BerlinerFestspiele_TrishaBrown_WorkingTitle-768x512.jpg 768w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_BerlinerFestspiele_TrishaBrown_WorkingTitle-1536x1024.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 1800px) 100vw, 1800px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Glacial Decoy \/ Working Title \/ In the Fall \u00a9 Delphine Perrin<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Daraus ergaben sich aber weitere Einsichten:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Positionen zu halten, ist anstrengend.<\/li>\n\n\n\n<li>Positionen im Raum zu finden, gibt der Raum vor.<\/li>\n\n\n\n<li>Positionen zueinander einzunehmen, ist keine alleinige Entscheidung.<\/li>\n\n\n\n<li>Narration ist 1. nicht gegeben, umfasst 2. eine Anzahl von Elementen und 3. kombiniert diese.<\/li>\n\n\n\n<li>Nicht gesehen zu werden, bedeutet nicht, nicht zu existieren.<\/li>\n\n\n\n<li>Imagination findet genauso au\u00dferhalb des Rahmens statt.<\/li>\n\n\n\n<li>Serialit\u00e4t vermehrt (manchmal auch nur scheinbar).<\/li>\n\n\n\n<li>Abst\u00e4nde sind Mittel, Instrumente.<\/li>\n\n\n\n<li>Br\u00fcche steigern die M\u00f6glichkeiten.<\/li>\n\n\n\n<li>Geschwindigkeit ist relational.<\/li>\n\n\n\n<li>Gegenl\u00e4ufigkeit unterbricht.<\/li>\n\n\n\n<li>Widerstehen ist mindestens ein Zeitvektor.<\/li>\n\n\n\n<li>Erinnern ist auch ein interrelationaler Akt, durch Bez\u00fcge, Referenzen, Echo.<\/li>\n\n\n\n<li>Gleich ist h\u00f6chstens \u00e4hnlich.<\/li>\n\n\n\n<li>Kombination ist nicht Komposition.&nbsp;<\/li>\n\n\n\n<li>Auch 1 ist eine Konstellation.<\/li>\n\n\n\n<li>Tr\u00e4gheit ist Schr\u00e4gheit.<\/li>\n\n\n\n<li>Unwahrscheinliches ist nicht unwahrscheinlich, ebenso nicht Unvorhersagbares.<\/li>\n\n\n\n<li>Fallen ist auch eine Figur.<\/li>\n\n\n\n<li>Kontext potenziert.<\/li>\n\n\n\n<li>Choreografie verhandelt und \u00fcberbr\u00fcckt Prek\u00e4res.<\/li>\n\n\n\n<li>Ausdauer! Immer noch und wieder neu.<\/li>\n\n\n\n<li>\u2026<\/li>\n<\/ul>\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/7bf195bd1fb0498191a79aae35e7b928\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\/><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieses Beobachtungen entstanden im Anschluss an die Auff\u00fchrungen \u201eGlacial Decoy \/ In the Fall \/ Working Title\u201c der Trisha Brown Dance Company in Zusammenarbeit mit No\u00e9 Soulier, die im Rahmen der Performing Arts Season 2024\/25 am Berliner Festspielhaus aufgef\u00fchrt wurden. Die drei Choreografien entstanden in den Jahren 1979, 2023 und 1985. 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