{"id":4288,"date":"2025-01-05T15:49:46","date_gmt":"2025-01-05T14:49:46","guid":{"rendered":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=4288"},"modified":"2025-01-05T15:49:46","modified_gmt":"2025-01-05T14:49:46","slug":"was-ohne-titel-10-000-watt-von-ioannis-oriwol-war-ist-und-sein-wird-eine-geschichte-in-drei-akten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=4288","title":{"rendered":"Was &#8222;ohne Titel (10.000 Watt)&#8220; von Ioannis Oriwol war, ist und sein wird. Eine Geschichte in drei Akten."},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>(1)<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor <em>ohne Titel (10.000 Watt) <\/em>zu einer installativen Lichts\u00e4ule wurde, war sie<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>10 Spiegelscheinwerfer, VEB NARVA \u201eRosa Luxemburg\u201c (Berliner Gl\u00fchlampenwerk), 1.000 W, 24 V<\/li>\n\n\n\n<li>10 Transformatoren, VEB Ger\u00e4tebau Brieselang DDR, 24 V<\/li>\n\n\n\n<li>meterlanges, schwarz ummanteltes Stromkabel in verschiedenen St\u00e4rken<\/li>\n\n\n\n<li>2 6-Kanal-Dimmer, Fa. Robert Juliat.<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Ioannis Oriwol entdeckte die Einzelbestandteile w\u00e4hrend seiner ortsspezifischen Recherchen im ausgelagerten Fundus des Theaters Erfurt. Er w\u00e4hlte sie aus, deklarierte sie damit zu Objets trouv\u00e9s, zu gefundenen Gegenst\u00e4nden, kunsthistorisch als Ready-mades genrefiziert. Er montierte sie zu einer vertikalen S\u00e4ule, indem er die Spiegelschein-werfer in ihrem kreisrunden, industrie-\u00e4sthetischen Geh\u00e4use paarweise anordnete und daf\u00fcr ihre Leuchtfl\u00e4chen begegnen lie\u00df, indem er Transformatoren einsetzte, damit diese den Strom in eine Niederspannung mit gleichzeitig entstehender h\u00f6herer Stromst\u00e4rke umwandeln konnten und indem er die Scheinwerfer und die Transformatoren durch Stromkabel miteinander verband. Aufgeh\u00e4ngt in die Vertikale innerhalb eines modularen Ger\u00fcsts, unterteilt durch horizontale Streben, sollte diese S\u00e4ule f\u00fcr drei Stunden am Abend des 5. Dezembers 2024 auf der Probeb\u00fchne des Theaters Erfurt installiert sein und leuchten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"450\" height=\"600\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_Oriwol01.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4290\"\/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"450\" height=\"600\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_Oriwol02-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4298\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>(2)<\/p>\n\n\n\n<p><em>ohne Titel (10.000 Watt) <\/em>ist eine raumhohe Lichts\u00e4ule, montiert aus zehn 1.000 Watt-Spiegelscheinwerfern, deren massive Industriematerialit\u00e4t imponiert. Installiert auf der abgedunkelten Probeb\u00fchne des Theaters Erfurt an einem Dezemberabend 2024 ist sie ein Geschenk von Ioannis Oriwol an das Theater f\u00fcr seine Freude an den im Fundus archivierten Objekten. Aus den schmalen Zwischenr\u00e4umen der sich begegnenden Leuchtfl\u00e4chen der Scheinwerfer dringt glei\u00dfendes Licht. Wie an einem Tropf h\u00e4ngen die zehn Spiegelscheinwerfer an zehn Transformatoren, die auf dem Boden drapierten Stromkabel wirken wie \u00fcberdimensionierte Schl\u00e4uche, durch die die Infusionen transportiert werden. Hier sind die Infusionen elektrischer Strom, durch die Transformatoren in eine h\u00f6here Stromst\u00e4rke umgewandelt. Die Lichts\u00e4ule brummt, sie wird durch f\u00fcnf am Boden installierte LED-Scheinwerfer bernsteinfarben angestrahlt. Schatten des Ger\u00fcsts zeichnen sich an der Raumdecke ab. Die 10 mal 1.000 Watt stehen unter Strom, es steht uns ein starkenergetisches Modell mit hohem Stromverbrauch gegen\u00fcber. <em>ohne Titel (10.000 Watt) <\/em>irritiert: Wie ist es m\u00f6glich, dass zehn aufget\u00fcrmte 1.000 Watt-Spiegelscheinwerfer in ihrer Materialit\u00e4t, Massivit\u00e4t und Stromintensit\u00e4t transluziert und poetisch wirken k\u00f6nnen? Mit Andacht stehen wir vor der Lichts\u00e4ule, umrunden sie in respektvollem Abstand, fl\u00fcstern, bemerken unseren and\u00e4chtigen Habitus, registrieren Pathos und Erhabenheit bei gleichzeitigerSkepsis. Damit w\u00e4re angesichts der technischen Ausgangsbestandteile nicht zu rechnen gewesen. \u00dcbersummativit\u00e4t bezeichnet die emergenten Eigenschaften eines Systems, die nicht auf seine Einzelelemente zur\u00fcckzuf\u00fchren sind.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"450\" height=\"600\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_Oriwol03.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4293\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Lichts\u00e4ule lockt, sie historisch zu deuten: als eine Technikgeschichte, die wohl w\u00e4hrend des 1. Weltkriegs mit der Erfindung der Spiegelscheinwerfer-Technologie startete, die w\u00e4hrend des 2. Weltkriegs als Milit\u00e4rtechnik ihren Einsatz fand und dann im Zivilbereich in verkleinerter Variante zum Beispiel als Theaterb\u00fchnentechnik eingesetzt wurde. Sie k\u00f6nnte aber auch als eine deutsch-deutsch-deutsch-deutsche Geschichte erz\u00e4hlt werden, von der Anwendung der Technologie im monarchischen Deutschland, sp\u00e4ter dann im nationalsozialistischen Deutschland \u00fcber ihre Produktion in sozialistischen Fabriken in der DDR bis hin zu ihrer Wiederentdeckung 2024 im Fundus des Theaters Erfurt durch Oriwol im Rahmen seiner recherchenorientierten, ortsspezifischen und situativen Post-Studio-Practices. <em>ohne Titel (10.000 Watt) <\/em>k\u00f6nnte aber auch eine \u00f6kologische Geschichte von Energiege- und -verbrauch im 20. Jahrhundert, von fossilen Energietr\u00e4gern und der Neuentdeckung von Nachhaltigkeit bis zur Dekarbonisierung erz\u00e4hlen. Oder sie k\u00f6nnten zu einer Geschichte des Ready-mades anregen, die kunsthistorisch uneindeutig ist: Startete sie mit Lautr\u00e9amonts \u201eSch\u00f6n wie die Begegnung einer N\u00e4hmaschine mit einem Regenschirm auf einem Seziertisch\u201c 1874 oder war es Marcel Duchamp, der mit dem <em>Fahrrad-Rad<\/em> (1913), dem <em>Flaschentrockner<\/em> (1914) oder mit <em>Fountain<\/em> (1917) das Konzept des Ready-made begr\u00fcndete? J\u00fcngst verwirrte Siri Hustvedt, als sie in ihrem Roman <em>Damals<\/em> zu dem \u201eKunstverbrechen\u201c ausf\u00fchrte, dass <em>Fountain<\/em> statt von Duchamp von Elsa von Freytag-Loringhoven geschaffen wurde, sie aber \u201eaus der Geschichte herausgeschrieben [wurde]\u201c. Und noch ein medientheoretisches Deutungsangebot: <em>The Sublime Is Now <\/em>proklamierte Barnett Newman 1948 mit Blick auf seine monochromen und gro\u00dfformatigen Farbfeldmalereien, sp\u00e4ter entstand <em>Who\u2019s Afraid of Red, Yellow and Blue. <\/em>Kunst- und medienhistorisch ist es inspirierend,<em> ohne Titel (10.000 Watt) <\/em>als eine Fort-, \u00dcber- und Versetzung von Themen wie Erhabenheit und Pathos oder von Gattungen wie raumgreifende \u00d6l- oder Acrylbilder, diesmal aber mit anderen Medien zu lesen \u2013 und dazu geh\u00f6ren bei <em>ohne Titel (10.000 Watt)<\/em> ohne Frage auch die installativen, performativen und theatralen Dimensionen der Lichts\u00e4ule.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"450\" height=\"600\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_Oriwol04.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4294\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>(3)<\/p>\n\n\n\n<p>Nach ihrer Pr\u00e4sentation und Ausstellung am Abend des 5. Dezembers 2024 auf der Probeb\u00fchne des Theaters Erfurt wurde <em>ohne Titel (10.000 Watt) <\/em>in ihre Einzelteile demontiert. Spiegelscheinwerfer, Transformatoren, Stromkabel und Dimmer waren und sind im Eigentum des Theaters Erfurt, sie kehren in den Fundus des Theaters Erfurt zur\u00fcck. Die Objets trouv\u00e9s werden damit erneut zu unmarkierten und unausgew\u00e4hlten Gegenst\u00e4nden, die vielleicht auf ihre n\u00e4chste Wiederentdeckung warten \u2026 &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"450\" height=\"600\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_Oriwol05.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4295\"\/><\/figure>\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/7bf195bd1fb0498191a79aae35e7b928\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\/><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(1) Bevor ohne Titel (10.000 Watt) zu einer installativen Lichts\u00e4ule wurde, war sie Ioannis Oriwol entdeckte die Einzelbestandteile w\u00e4hrend seiner ortsspezifischen Recherchen im ausgelagerten Fundus des Theaters Erfurt. 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