{"id":4278,"date":"2024-12-30T23:22:42","date_gmt":"2024-12-30T22:22:42","guid":{"rendered":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=4278"},"modified":"2024-12-30T23:22:42","modified_gmt":"2024-12-30T22:22:42","slug":"special-project-der-bau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=4278","title":{"rendered":"special project: Der Bau"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Tarane Bazrafshan<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>5.12.2024, zug\u00e4nglich zwischen 19 und 21 Uhr, studio.box, Theater Erfurt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"450\" height=\"600\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_Tarane01.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4279\" style=\"width:458px;height:auto\"\/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"450\" height=\"600\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_Tarane02.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4281\" style=\"width:457px;height:auto\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Franz Kafka war, so wird gerade in seinem 100. Todesjahr informiert, ein leidenschaftlicher Schwimmer. Tarane Bazrafshan l\u00e4sst Kafkas Erz\u00e4hlung<em> Der Bau<\/em> (1923\u201324) von einer Rennradfahrerin in Aktion erz\u00e4hlen. In einem k\u00f6rpernahen schwarzen Zeitfahranzug, mit einem aerodynamischen, wei\u00dfen Profihelm auf dem Kopf, unter dem festgeflochtenes dunkles Haar zum Vorschein kommt und in schwarzen Radschuhen mit Klickpedalen sitzt die Performerin inmitten der studio.box des Theaters Erfurt auf ihrem Carbon Rennrad, das auf einem Rollentrainer montiert ist. Sie radelt und radelt und radelt, ohne dass wir Rezipient*innen einen Anfang oder ein Ende erleben. W\u00e4hrenddessen liest sie den monologischen Textstrom wei\u00df auf schwarz von einem vor ihr installierten Teleprompter. Links und rechts vor ihr spenden silbergl\u00e4nzende Ventilatoren Luft, in der N\u00e4he \u00fcberwacht ein Sanit\u00e4ter das Geschehen. Dass Kafka Sportler gewesen sei, ist hier nicht mehr als eine anekdotische Korrelation. Vielmehr f\u00fchrte Bazrafshan Lekt\u00fcre von <em>Der Bau<\/em> sie zu dieser bildlich-performativen \u00dcbertragung, die die isolierte und ausweglose Selbstbez\u00fcglichkeit des Ich-Erz\u00e4hlers in den Blick nimmt. Ein nicht n\u00e4her bestimmtes Tier gibt sich in Kafkas Erz\u00e4hlung den Optimierungsma\u00dfnahmen seines unterirdischen Baus hin und nimmt dabei in selbstvergessener Sicherheitsparanoia den Kampf mit einem wohl von ihm selbst produzierten Ger\u00e4usch auf.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"450\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_Tarane04.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4283\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Closed Circuit wird die R\u00fcckkopplung (sowohl die auditive als auch die visuelle) zwischen In- und Outputsignalen eines Aufnahme- und Wiedergabesystems bezeichnet. Diese R\u00fcckkopplung f\u00fchrt zu einer Signalverst\u00e4rkung und generiert ein geschlossenes Feedbacksystem. In der bildenden Kunst wurde in den 1970er Jahren (u.a. durch Dan Graham, Nam June Paik und Bruce Nauman) installativ und videoskulptural dazu gearbeitet, um sowohl mediale, aber auch \u2013 wie im vorliegenden Fall \u2013 physisch-psychische Wahrnehmungsparadigmen zu untersuchen. Unerm\u00fcdlich, bald schon atemlos k\u00e4mpft die Performerin auf ihrem Rennrad mit den Mitteln der paratheatralischen Experimente aus Jerzy Grotowskis <em>special projects<\/em> gegen die Ver\u00f6dungsgefahr des geschlossenen Systems an. Denn ein System, das nur sich selbst und nichts dar\u00fcber hinaus produziert, wird, so warnt die Thermodynamik, von einem entropischen Zustand eingeholt; hier werden alle Unterscheidungen aufgehoben, denn hier existiert kein Input, der Unterschiede zu erzeugen in der Lage w\u00e4re. Wie eine Hochleistungsrennradfahrerin ist dabei die Performerin auf sich selbst und nur auf sich selbst zur\u00fcckgeworfen. Sie radelt und radelt und radelt und liest Kafkas <em>Der Bau, <\/em>mal atemlos, mal aufb\u00e4umend, mal ersch\u00f6pft. Nur ein einziges Mal wird sie zur Wasserflasche greifen. Radikalperformativ arbeitet sie gegen die versperrten Zug\u00e4nge und verstopften Ausg\u00e4nge des Textgef\u00e4ngnisses an und will sich ganz offensichtlich aus der Enge der paranoiden Projektionen des selbstgeschaffenen Labyrinths befreien. Aber ganz offenbar geht es ihr nicht nur um den literarischen Text, es geht ihr um mehr. Neben ihrem Kopf erscheint im Raum die filmische Projektion eines \u00fcberdimensionierten Closeup ihres Kopfes. Die paranoiden Imaginationen scheinen sich zu verdoppeln, sie greifen in den Raum, werden ausgelagert. Und dennoch bewegt sich die Performerin auf ihrem Rennrad keinen einzigen Millimeter vorw\u00e4rts. Eine am Rollentrainer montierte App \u00fcbersetzt das raumlose Durch-Fahren des Raumes in eine Umgebungssimulation. Mit diesen Bildern wurden die Besucher*innen auf einem am Eingang der studio.box installierten Monitor empfangen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"450\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_Tarane05.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4284\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend Kafka aus dem Closed Circuit einen textlichen Ausweg anbietet, indem er den letzten Satz seiner Erz\u00e4hlung offen h\u00e4lt, verschlie\u00dft ihn sein Herausgeber Max Brod. Der 1931 posthum publizierte letzte Satz hei\u00dft: \u201eAber alles blieb unver\u00e4ndert.\u201c Dabei hatte es gehei\u00dfen: \u201eAber alles blieb unver\u00e4ndert, das &#8211; \u201c. Bazrafshan \u00fcbersetzt Kafkas Erz\u00e4hlung 2024 in der studio.box des Erfurter Theaters in eine multimediale, kinematografisch-installative Performance, die die Rezipient*innen ungehindert durchlaufen k\u00f6nnen. Und hierin findet sie ihren Ausweg: Mit den Mitteln der \u00c4sthetik verhindert Bazrafshan die Ver\u00f6dungsgefahr des geschlossenen Systems, das durch die K\u00fcrzung des letzten Satzes an das Lesepublikum \u00fcbergeben wurde. Denn parallel zu den k\u00f6rperlichen Anstrengungen der Performerin, gegen das allegorische Gef\u00e4ngnis anzufahren, weitet Bazrafshan den Theaterraum. Sie l\u00fcftet mit Bildern, medialisiert mit Digitalit\u00e4t, mobilisiert die Gattungen und bringt die Rezipient*innen wie das Publikum der bildenden (und nicht der darstellenden) K\u00fcnste in Bewegung. Damit entl\u00e4sst sie uns mit hoffnungsvollen Aussichten \u2013 sowohl auf die Potentiale der K\u00fcnste als auch auf die Sinnhaftigkeit offener Systeme.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"450\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2024_Tarane06.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4285\"\/><\/figure>\n\n\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/f314f072e05f447a931b5286265ccbf1\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\/>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tarane Bazrafshan 5.12.2024, zug\u00e4nglich zwischen 19 und 21 Uhr, studio.box, Theater Erfurt Franz Kafka war, so wird gerade in seinem 100. Todesjahr informiert, ein leidenschaftlicher Schwimmer. Tarane Bazrafshan l\u00e4sst Kafkas Erz\u00e4hlung Der Bau (1923\u201324) von einer Rennradfahrerin in Aktion erz\u00e4hlen. 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