{"id":4179,"date":"2024-06-21T21:35:18","date_gmt":"2024-06-21T20:35:18","guid":{"rendered":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=4179"},"modified":"2024-06-27T08:51:21","modified_gmt":"2024-06-27T07:51:21","slug":"immer-theater-mit-der-kunstfreiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=4179","title":{"rendered":"Immer Theater mit der Kunstfreiheit"},"content":{"rendered":"\n<p>Der Dramaturg und Intendant <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Matthias_Lilienthal\">Matthias Lilienthal<\/a> formulierte 2010 in der Akademie der K\u00fcnste, f\u00fcr ihn sei Theater, wenn Menschen davorst\u00fcnden und glaubten, es sei Theater. <em>Friedman im Gespr\u00e4ch mit Barrie Kosky und Christian Schertz zum Thema Kunstfreiheit<\/em> l\u00e4sst das Dargebotene in diesem Sinn auch als ein Theaterst\u00fcck einordnen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"296\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/Friedman-Kosky-Schertz_Buehnenbild-Sessel.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4180\" style=\"width:799px;height:auto\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Am 13.06.2024 wurde <em>Friedman im Gespr\u00e4ch mit Barrie Kosky und Christian Schertz zum Thema Kunstfreiheit<\/em> im Gro\u00dfen Haus des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Berliner_Ensemble\">Berliner Ensembles<\/a> uraufgef\u00fchrt. Bei diesem St\u00fcck sitzt der Gastgeber Michel Friedman (gespielt von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Michel_Friedman\">Michel Friedman<\/a>) in der Mitte der B\u00fchne auf einem Sesselstuhl und ist als Einziger frontal zum Publikum ausgerichtet. Die beiden Gespr\u00e4chspartner, Christian Schertz in der Rolle des Medienanwalts <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Christian_Schertz\">Christian Schertz <\/a>und Barrie Kosky in der Rolle des Opern- und Theaterregisseurs sowie ehemaligen Intendanten der Berliner <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Komische_Oper_Berlin\">Komischen Oper<\/a> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Barrie_Kosky\">Barrie Kosky<\/a>, sitzen im rechten Winkel zu ihm und richten ihren Blick dadurch zumeist vom Publikum abgewendet in Richtung Friedman aus. Am Ende des knapp 90-min\u00fctigen Einakters erheben sich die drei Darsteller und stehen dem Publikum zugewandt zwischen den Sesselst\u00fchlen und der B\u00fchnenrampe. Das Publikum applaudiert. Kosky und Scherz stehen f\u00fcr diesen Applaus auf gleicher H\u00f6he wenige Schritte vor der Rampe, Friedman etwas dahinter zwischen ihnen. N\u00e4herungsweise verneigen sich Kosky und Schertz, Friedman breitet seine Arme aus. Fragen oder Anmerkungen aus dem Publikum sind in einem One-to-many-Format nicht eingeplant. Ob es weitere Auff\u00fchrungen geben wird, ist nicht bekannt. Soweit zum theatralen Setting dieses prozessualen Theaterst\u00fccks und der hier aufgerufenen Theaternomenklatur.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn, wie in diesem Rahmen zu erwarten war, nicht alle aktuellen Fragen um das Thema Kunstfreiheit thematisiert oder sogar beantwortet wurden, war der Abend ein interessanter Auftakt, ein paar blinde Flecke deutscher Gegenwartsauseinandersetzungen anzugehen bzw. den medial und politisch dargebotenen Ver(w)irrungen im- und explizit etwas zu entgegnen. Fortsetzungen sind daher auch in anderer Personenkonstellation erw\u00fcnscht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Einiges blieb dennoch unscharf oder auch unpr\u00e4zise oder hatte \u2013 wie etwa die Passagen \u00fcber geforderte Wortbereinigungen bei Pippi Langstrumpf oder Karl May \u2013 mit der Kunstfreiheit nicht direkt zu tun. Denn hierbei geht es um aus heutiger Sicht kritisierbare Textpassagen im Konflikt mit den W\u00fcnschen von zumeist Rechtsnachfolger:innen, ihre bisher bestehenden Auswertungsmaschinen fortbestehen zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwar ist sowohl der Werkbereich als auch der Wirkbereich k\u00fcnstlerischen Schaffens durch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Artikel_5_des_Grundgesetzes_f\u00fcr_die_Bundesrepublik_Deutschland\">Art. 5 Abs. 3 GG<\/a> gesch\u00fctzt, wie das Bundesverfassungsgericht 2019 verdeutlichte (<a href=\"https:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/SharedDocs\/Entscheidungen\/DE\/2019\/01\/rk20190128_1bvr173816.html\">1 BvR 1738\/16<\/a>). K\u00fcnstler:innen steht aber kein Recht zu, in einem bestimmten Medium, auf einem bestimmten Sendeplatz oder in einer bestimmten Ausstellung gezeigt, geh\u00f6rt oder pr\u00e4sentiert zu werden. Sollte den Rechteinhaber:innen die Bearbeitung eines historischen Werkes also missfallen oder sogar testamentarisch untersagt worden sein, darf das Werk dennoch in seiner bisherigen Form fortbestehen und auch dargeboten werden. Wenn aber zum Beispiel ein TV-Sender eine nicht \u00fcberarbeitete Ausstrahlung ablehnt, k\u00f6nnen die Rechteinhaber:innen andere Verbreitungsformen f\u00fcr das Original suchen. Genauso wenig, wie die Verbreitung eines Kunstwerkes der bildenden Kunst im Rahmen einer bestimmten Ausstellung verlangt werden kann, haben Radio- und Fernsehsender das Recht, ihre Inhalte weitgehend selbst auszuw\u00e4hlen. Dies gew\u00e4hrleistet <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Artikel_5_des_Grundgesetzes_f\u00fcr_die_Bundesrepublik_Deutschland\">Art. 5 Abs. 1 GG<\/a>. Die Kunstfreiheit wird hier genauso wenig eingeschr\u00e4nkt, wie Werke durch ihre Nichtber\u00fccksichtigung eingeschr\u00e4nkt worden sind, die zur Zeit der Entscheidung von Fernsehsendern f\u00fcr das Ausstrahlen von Pippi Langstrumpf, von Winnetou und Old Shatterhand nicht zum Zuge gekommen sind.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"311\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/Friedman-Kosky-Schertz_Buehnenbild-Titel.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4181\" style=\"width:798px;height:auto\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Christian Schertz pl\u00e4dierte entschieden f\u00fcr eine Trennung von Autor und Werk, wie er am Beispiel von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Richard_Wagner\">Richard Wagner<\/a> oder <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Michael_Jackson\">Michael Jackson<\/a> und deren musikalischen Werken festzumachen suchte. Ein Rausschneiden einzelner Sequenzen w\u00e4re aus seiner Sicht in keiner k\u00fcnstlerischen Gattung angebracht, weder in bildenden oder darstellenden noch satirischen Kunstformen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Still wurde es im Saal, als Friedman \u00fcberleitete: \u201eGut, dann sind wir bei der documenta, dann schauen wir uns das eine Bild an [Anm.: Gemeint war wohl das Bild <em>People\u2019s Justice<\/em> von Taring Padi] \u2026und dann schneide ich diese zwei, drei Teile raus?\u201c Schertz, der sich zu dem Bild an diesem Abend nicht final \u00e4u\u00dfern wollte, weil er den documenta-Fall zu wenig kenne, f\u00fcgte an, dass ein Rausschneiden f\u00fcr ihn nicht in Frage k\u00e4me. Man h\u00e4tte aber sagen m\u00fcssen, dass dieses Bild nicht gezeigt w\u00fcrde. Ob man dann aber das Ganze abbauen und wegh\u00e4ngen muss, weil es in Teilen bestimmte Bev\u00f6lkerungsgruppen verletze, sch\u00e4tzte er im Sinne einer Bilderst\u00fcrmerei als schwierig ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Barrie Kosky wies in diesem Zusammenhang auf die problematische, tief widerspr\u00fcchliche und komplexe Geschichte Deutschlands mit den Juden und J\u00fcdinnen hin. Das Thema w\u00fcrde ihn nicht nur bereits sein gesamtes Leben besch\u00e4ftigen, sondern f\u00fcr ihn auch nie enden.<\/p>\n\n\n\n<p>Er h\u00e4tte das inkriminierte Bild vor Ort gesehen und sei, wie er formulierte, \u201eein bisschen unbequem\u201c damit. Wenn aber in Deutschland irgendetwas mit Kultur verboten werden soll, erfasse ihn immer \u201eein Zittern\u201c. W\u00e4re er documenta-Intendant gewesen, h\u00e4tte er erstens vor allem kein schwarzes Tuch \u00fcber das Bild geh\u00e4ngt und w\u00e4re er zweitens mit den Menschen in einen konstruktiven Dialog eingetreten. Es darf nicht hei\u00dfen: \u201eDu bl\u00f6der, furchtbarer, indonesischer, muslimischer K\u00fcnstler, geh zur\u00fcck nach Jakarta, geh raus aus unserem Land.\u201c Geradezu l\u00e4cherlich war f\u00fcr Kosky die Debatte, weil in Kassel parallel in einem Museum eine Porzellan-Figur, die eine antisemitische Repr\u00e4sentation darstellt,&nbsp;v\u00f6llig ohne Kontextualisierung gezeigt wurde und niemand dar\u00fcber sprach.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mohammed-Karikaturen\">Mohammed-Karikaturen<\/a> angesprochen,&nbsp;wies Schertz darauf hin, dass Satire dann einschr\u00e4nkbar ist, wenn sie einen anderen Menschen in seiner Menschenw\u00fcrde verletzt. Die Karikaturen waren demnach zul\u00e4ssig, weil sie keinen konkreten Menschen verletzt haben. Implizit trug Schertz damit auch eine Antwort auf die Frage bei, ob die Arbeit von Taring Padi auf dem Friedrichsplatz in Kassel von der Kunstfreiheit gesch\u00fctzt ist. Diese Einsch\u00e4tzung verst\u00e4rkte Schertz \u00fcber Bande noch einmal, als er darauf aufmerksam machte, dass die Kunst viel mehr als alle anderen d\u00fcrfe, auch viel mehr als die Bild-Zeitung.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn n\u00e4mlich Zeitungen das inkriminierte Bild abdruckten, um zur Berichterstattung \u00fcber Zeitgeschehnisse beizutragen oder um zuweilen auch ihre Emp\u00f6rungen zu veranschaulichen, dann lie\u00dfe sich erg\u00e4nzen: Was im Rahmen der Meinungs- und Pressefreiheit zu zeigen erlaubt ist, ist es im Rahmen der Kunstfreiheit allemal.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Wo genau Christian Schertz, als einer der zwei Juristen in der Runde, die Grenzen f\u00fcr die Kunst sieht, wurde nicht ganz deutlich und lie\u00df sich auch durch eine anschlie\u00dfende Nachfrage per Mail nicht aufkl\u00e4ren. Zun\u00e4chst merkte er an: \u201eDie Kunstfreiheit wird begrenzt durch die Rechte des Individums, durch die Menschenw\u00fcrde.\u201c Und etwas sp\u00e4ter: \u201eWenn ein Kunstwerk im Einzelfall aufgrund der konkreten Gestaltung entweder die W\u00fcrde eines bestimmten Menschen verletzt, wo die Menschenw\u00fcrde \u00fcberwiegt oder auch Straftaten erf\u00fcllt sind, die etwa den Tatbestand der Volksverhetzung erf\u00fcllen, dann darf es ausnahmsweise verboten werden.\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Empirisch mag dies so einzuordnen sein, wie verschiedene Verfahren in der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts gezeigt haben. Wie die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Esra_(Roman)#Gerichtliche_Auseinandersetzung\">Entscheidung zum Werk <em>Esra<\/em> von 2003<\/a> zeigt, sind gleichwohl auch hier wiederum enge Grenzen f\u00fcr die Menschenw\u00fcrde zu ber\u00fccksichtigen. Rechtsdogmatisch k\u00f6nnten aber wohl auch andere Verfassungsnormen, mindestens die Grundrechte in Konkurrenz zur Kunstfreiheit treten. <\/p>\n\n\n\n<p>Boykott-Aufrufe gegen\u00fcber K\u00fcnstler:innen, zum einen durch die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Boycott,_Divestment_and_Sanctions\">BDS<\/a>-Bewegung, zum anderen gegen\u00fcber in Russland lebenden oder aus Russland stammenden K\u00fcnstler:innen, die sich nicht offen von etwas distanzieren oder f\u00fcr etwas aussprechen, sahen sowohl Kosky als auch Schertz problematisch. Kosky machte hier auf die besondere Rolle von Kunst aufmerksam.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn das Theaterst\u00fcck in seiner Inszenierung unvollst\u00e4ndige Passagen trug oder wie Kosky an anderer Stelle anmerkte, sich das Publikum vielleicht mit manchem unwohl oder unbequem f\u00fchlen k\u00f6nnte: Es war in dieser Zeit richtig, es zur Auff\u00fchrung zu bringen. Vielleicht lie\u00dfen sich k\u00fcnftig aber auch ein paar Fesseln des Theaters neu interpretieren.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.berliner-ensemble.de\/friedman\">https:\/\/www.berliner-ensemble.de\/friedman<\/a><\/p>\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/442c46551c494bf68521434c87ad048a\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Dramaturg und Intendant Matthias Lilienthal formulierte 2010 in der Akademie der K\u00fcnste, f\u00fcr ihn sei Theater, wenn Menschen davorst\u00fcnden und glaubten, es sei Theater. Friedman im Gespr\u00e4ch mit Barrie Kosky und Christian Schertz zum Thema Kunstfreiheit l\u00e4sst das Dargebotene in diesem Sinn auch als ein Theaterst\u00fcck einordnen. 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