{"id":3994,"date":"2023-12-03T22:51:21","date_gmt":"2023-12-03T21:51:21","guid":{"rendered":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=3994"},"modified":"2023-12-09T13:04:17","modified_gmt":"2023-12-09T12:04:17","slug":"dana-michels-living-intra-actions-oder-die-poesie-des-einpackvorgangs-eines-buerostuhls","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=3994","title":{"rendered":"Dana Michels Living Intra-Actions. Oder: Die Poesie des Einpackvorgangs eines B\u00fcrostuhls."},"content":{"rendered":"\n<p><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.berlinerfestspiele.de\/performing-arts-season\/programm\/2023\/spielplan\/mike\" target=\"_blank\">Dana Michels Performance \u201eMIKE\u201c<\/a> im <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.berlinerfestspiele.de\/gropius-bau\" target=\"_blank\">Berliner Gropius-Bau<\/a> startete f\u00fcr das Publikum unwissentlich mit einer 30-min\u00fctigen Detox-Kur:<\/p>\n\n\n\n<p>Die Zuschauer*innen versammelten sich p\u00fcnktlich zu um 15 Uhr in der 1. Etage des <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Martin-Gropius-Bau\" target=\"_blank\">Gropius-Baus<\/a>. Da sich der Einlass verz\u00f6gerte, konnten wir am Gel\u00e4nde der Rotunde stehend das palast\u00e4hnliche Geb\u00e4ude und dessen kubischen Bauk\u00f6rper, den Materialeinsatz und die Blickachsen registrieren. Wir konnten die anderen wartenden Zuschauer*innen beobachten, das Aufsichtspersonal des Gropius-Baus, die Routinen in der Einlasskontrolle, aber auch die Begr\u00fc\u00dfungsrituale und \u00dcbersprungshandlungen der Besucher*innen. Sp\u00e4testens nach 10 Minuten wurde das Publikum etwas unruhig, ein Mitarbeiter verschwand in den verschlossenen Trakt Richtung Niederkirchnerstra\u00dfe, kehrte zur\u00fcck und sch\u00fcttelte mit dem Kopf. Lie\u00df Dana Michel uns warten? War sie nicht rechtzeitig vorbereitet? Gab es Schwierigkeiten? Es kam zu ersten ver\u00e4rgerten Blickkomplizenschaften und vereinzelten runzelnden Augenbraunen wegen der nicht eingehaltenen und verabredeten Zeit\u00f6konomien. Nach 20 Minuten \u00f6ffnete sich die raumhohe Eingangst\u00fcr, uns wurde empfohlen, uns entweder einen wei\u00dfen Plastikstuhl links des Eingangs oder eine eingerollte Filzdecke rechts des Eingangs zu nehmen, mit denen sich die meisten der Besucher*innen in dem zentralen Raum platzierten und einrichteten. Hier w\u00fcrde wohl jetzt die Performance \u201eMIKE\u201c stattfinden, zu der die Berliner Festspiele im Rahmen von \u201e<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.berlinerfestspiele.de\/performing-arts-season\" target=\"_blank\">Performing Arts Seasons<\/a>\u201c eingeladen hatten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Doch auch hier und jetzt passierte scheinbar nichts Substantielles, irgendwann tauchte die Performerin auf, gekleidet in einem braunen Arbeitsanzug, darunter ein wei\u00dfes Hemd und an den F\u00fc\u00dfen \u00fcberlange wei\u00dfe Str\u00fcmpfe, mit denen sie auf dem Holzfussboden durch den Trakt rutschte. Es dauerte einige Zeit, bis sich das Publikum mit dem Timing und den Aufenthaltsorten von Dana Michels synchronisierte und die eigenen Pr\u00e4konfigurationen, Zeit- und Bewegungs\u00f6konomien loslie\u00df. F\u00fcr die kommenden zweieinhalb Stunden w\u00fcrden sich etwa 50 Besucher*innen zusammen mit Dana Michel die R\u00e4ume und die Zeit teilen, sie w\u00fcrden gemeinsam staunen, sie w\u00fcrden Blicke nachvollziehen, Kontexte herstellen und Bewegungen bewundern, sie w\u00fcrden eine gemeinsame Gegenwart und eine gemeinsame Pr\u00e4senz teilen \u2013 wenngleich die vierte Wand des Theaters sie trennen w\u00fcrde, die Dana Michel bis auf eine Ausnahme nicht durchschreiten w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"280\" height=\"400\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Michel_01-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4008\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"280\" height=\"400\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Michel_06-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4009\"\/><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Die f\u00fcnf R\u00e4ume, die der <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.instagram.com\/danamavismichel\/?hl=de\" target=\"_blank\">Live Performerin <\/a>zur Verf\u00fcgung standen, waren mit verschiedenen Gegenst\u00e4nden und Materialien ausgestattet, die von einem Geb\u00e4udemanagement oder einem Umzugsunternehmen verwendet werden k\u00f6nnten: Elektrokabel, eine rollende Stehleuchte, Papierrollen, ein Wasserspender, zwei B\u00fcrost\u00fchle, gefaltete Pappkartons, Lamellenrollos, Teppichreste, Kabelbinder, Abklebband, Filzdecken, rollende Kleiderst\u00e4nder, aber auch Handwerkszeug, das in wei\u00dfe Socken gekleidet war und geometrisch angeordnet auf dem Boden lag. F\u00fcnf Einzelr\u00e4ume des Gropius-Baus auf einer L\u00e4nge von etwa 60 Metern, die ansonsten f\u00fcr das Ausstellen von Bilder, Objekten und Installationen genutzt werden, sollten nun das Surrounding werden, in dem Dana Michel die Readymades ihres Readymade-Dasein entledigte, in dem sie das Surrounding und seine Parameter selbst thematisierte und in dem sie Intra-Aktionen herstellte: Zwischen ihrem K\u00f6rper und einzelnen der aufgereihten Gegenst\u00e4nde entstanden Living Sculptures, wenn sie sich in gleichem Winkel neben die aufrecht stehenden Teppichrollen lehnte, wenn sie sich auf die St\u00fchle setze und sich deren Formen anpasste, wenn sie sich vom Rotlicht der Stehleuchte bescheinen lie\u00df, wenn sie sich auf den ausgerollten Papierrollen ausstreckte oder auf ihnen entlang rutschte, wenn sie in den Zwischenr\u00e4umen von Bewegungen verblieb und diese dehnte, verz\u00f6gerte oder perpetuierte.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-9d6595d7 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"280\" height=\"400\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Michel_04-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4010\"\/><\/figure>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"280\" height=\"400\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Michel_03-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4011\"\/><\/figure>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Gleichzeitig entdeckte Dana Michel die Bestandteile der Immobilie, die Heizk\u00f6rper, an die sie sich presste oder in die sie hineinlauschte, die Elektroschr\u00e4nke, die in die Ausstellungsr\u00e4ume eingepasst sind, die Blickachsen, die T\u00fcren, den rutschenden Holzfussboden. Mit ihren Entdeckungen und Bewegungen verma\u00df Dana Michel die R\u00e4ume und das Publikum folgte ihr. Wie nur k\u00f6nnen hier ansonsten Bilder geh\u00e4ngt und Objekte gestellt werden? Eignen sich die r\u00e4umlichen Verh\u00e4ltnisse nicht vielmehr bzw. verlangen sie es nicht, Strecken zur\u00fcckzulegen, um die Ecken zu schauen, zur\u00fcckzublicken, auf dem Boden zu rutschen, sich hinzulegen, sich auszudehnen? Eignen sich Achsen von 60 Metern nicht daf\u00fcr, Papierrollen auszurollen, sie zu falten, sie zu zerknittern, sie zusammenzuballen, sie mit Klebeband zu b\u00e4ndigen und sie zu rollen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-video\"><video height=\"1080\" style=\"aspect-ratio: 1920 \/ 1080;\" width=\"1920\" controls src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Michel_01.mp4\"><\/video><\/figure>\n\n\n\n<p>Dana Michel erprobte diese Bewegungen und Handlungen, manchmal war es knapp am Slapstick vorbei, wenn sie beispielsweise einen der B\u00fcrost\u00fchle verpackte, der sich regelrecht dagegen zu wehren schien. In diesen Momenten wurde verst\u00e4ndlich, was <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karen_Barad\" target=\"_blank\">Karen Barad<\/a> mit \u201e<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Intra-Aktion\" target=\"_blank\">Intra-Aktion<\/a>\u201c meint: Die beteiligten Akteure (egal ob menschlich oder nicht menschlich) w\u00fcrden miteinander intra-aktionieren und konstituieren sich erst im Rahmen dieser dynamischen Intra-Aktion gegenseitig, an denen sie beteiligt und in die sie verwoben sind. Das hochkonzentrierte Publikum zweifelte keinen Moment an der Ernsthaftigkeit von Dana Michels planvoll scheinenden Handlungen, wenngleich sie nie zu einem teleologischen Ergebnis kamen. Zwar aktivierte sie hin und wieder mal eine Lampe oder schloss ein Stromkabel an den Stromkreislauf an. Allerdings f\u00fchrte auch dies zu keinem expliziten Zweck, der die \u00d6konomie der Prozesse h\u00e4tte rechtfertigen k\u00f6nnen. Vielmehr ergaben sich (mit Aristoteles) andere Arten von Ursachen, die des Materials und die der Form, die ausgiebig zelebriert wurden und denen das Publikum folgte. Entledigt der Zweckursache, innerhalb eines festgelegten Zeitrahmens und an einem bestimmten Ort eine Kunstperformance zu rezipieren, folgten wir mit Freude Dana Michels allt\u00e4glichen Bewegungen, wir schauten mit ihr zur\u00fcck, um die Ecke oder in den Stromschrank, wir wunderten uns, dass sich der B\u00fcrostuhl gegen seine Verpackung wehrte oder h\u00e4tten gern selbst auf Socken auf dem Holzfussboden rutschen wollen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-video\"><video height=\"1080\" style=\"aspect-ratio: 1080 \/ 1080;\" width=\"1080\" controls src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Michel_02.mp4\"><\/video><\/figure>\n\n\n\n<p>Der ber\u00fchmte, im Surrealismus durchgespielte Satz des franz\u00f6sischen Dichters <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Comte_de_Lautr\u00e9amont\" target=\"_blank\">Comte de Lautr\u00e9amont <\/a>(1868), dass in dem \u201ezuf\u00e4llige[n] Zusammentreffen einer N\u00e4hmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch\u201c eine Sch\u00f6nheit lagere, wurde von Dana Michel zu einer hyperrealistischen Formel \u00fcberf\u00fchrt: Michel zelebrierte eine \u00fcberscharfe Realit\u00e4t, indem sie Vorg\u00e4nge zeigte, f\u00fcr die es kaum Bezeichnungen, in jedem Fall kaum Bezeichnungen in der Standardsprache gibt: Fummeln, nesteln, zuppeln, t\u00e4tscheln, kraulen, scharren, knartschen \u2013 Vorg\u00e4nge, die sich selbst der Materialisierungen von und durch Sprache entziehen, die aber eine eigene Wirkmacht haben und eine Realit\u00e4t erzielen. Diesen Begriffen gab sie im Gropius-Bau eine gro\u00dfe B\u00fchne.<\/p>\n\n\n\n<p>1., 2. und 3.12.2023, 180 min ohne Pause, Deutsche Erstauff\u00fchrung, Urauff\u00fchrung am 19.5.2023, Kunstenfestivaldesarts Br\u00fcssel, Gropius-Bau Berlin<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/57d99ec9f2a44079b1d178c5cd34c564\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dana Michels Performance \u201eMIKE\u201c im Berliner Gropius-Bau startete f\u00fcr das Publikum unwissentlich mit einer 30-min\u00fctigen Detox-Kur: Die Zuschauer*innen versammelten sich p\u00fcnktlich zu um 15 Uhr in der 1. Etage des Gropius-Baus. 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