{"id":3967,"date":"2023-11-14T13:53:07","date_gmt":"2023-11-14T12:53:07","guid":{"rendered":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=3967"},"modified":"2023-12-02T14:29:34","modified_gmt":"2023-12-02T13:29:34","slug":"selma-selmans-veraenderte-repraesentationspolitiken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=3967","title":{"rendered":"Selma Selmans ver\u00e4nderte Repr\u00e4sentationspolitiken"},"content":{"rendered":"\n<p>Immer wieder unterbricht <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.selmanselma.com\" target=\"_blank\">Selma Selman<\/a>, tritt ans Mikrofon in die vorderste Reihe, verliest ihre S\u00e4tze, platziert auf einem Notenst\u00e4nder, wird rechts und links hinter sich von einer Cellistin und einem Sounddesigner begleitet. Sie startet langsam, bed\u00e4chtig, verst\u00e4ndlich, in unterschiedlichen Sprachen, wird lauter, agressiver, schreit irgendwann in das Mikrofon, \u201eThey say that gipsies steal.\u201c, der Sounddesigner verst\u00e4rkt ihre Stimme, verzerrt den Gehalt des Gesprochenen, die Cellistin versch\u00e4rft mit quietschenden T\u00f6nen. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWho can speak?\u201c fragen postkoloniale Theorieans\u00e4tze, Selman schreit \u2013 und wechselt in ihrem Text von der 3. in die 1. Person Singular:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>She is not lost, she is not going to be found. She is walking now, she is moving, and moving, and it looks like she is fighting the time, she is ahead, she is almost at the time<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><em>She is holding herself still and she is Nike, she is about to fly without her head on her.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>God, make me so famous, so I can escape this place.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-video\"><video height=\"480\" style=\"aspect-ratio: 720 \/ 480;\" width=\"720\" controls src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Selman02.mp4\"><\/video><\/figure>\n\n\n\n<p>Nach der Z\u00e4sur schreitet sie in ihrem wei\u00dfen, k\u00f6rperbetonten Kleid, durch grau abgesetzte N\u00e4hte in perfekter Passform, zur\u00fcck in den Hintergrund, setzt sich eine schwarze Arbeitsbrille auf, zieht ihre weissen Gummihandschuhe \u00fcber ihre H\u00e4nde und f\u00fcgt sich farblich perfekt ein hinter einem Arbeitstisch und zwischen ihrem Vater, in schwarzer Hose und wei\u00dfem Hemd und ihrem Cousin, ebenfalls in schwarzer Hose und wei\u00dfem Hemd. Auch sie sind ausgestattet mit einer schwarzen Arbeitsbrille und wei\u00dfen Handschuhen. Der Bruder ist krank geworden, sonst h\u00e4tten sie zu viert im <a href=\"https:\/\/www.berlinerfestspiele.de\/gropius-bau\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Berliner Gropiusbau<\/a> mit \u00c4xten Elektroschrott zertr\u00fcmmert, mit Akkuschraubern aufgeschraubt, von Plastikumschalungen befreit, in Einzelteile zerlegt und von einem Stapel auf den anderen sortiert, immer wieder unterbrochen von Selmas Vortragssequenzen.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrenddessen spielt die Cellistin zu den Kl\u00e4ngen des Verschrottens auf ihrem Cello (wer denkt dabei nicht an <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Charlotte_Moorman\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Charlotte Moorman<\/a>s Cellospiel w\u00e4hrend der Fluxus-Bewegung?). Der Sounddesigner (wie die Cellistin ebenfalls schwarz-wei\u00df gekleidet) sitzt hinter dem Display seines Notebooks und kreiert Electronic Industrial(sound) in den Raum, der grell erleuchtet und von ca. 70 wechselnden Performancebesucher*innen gef\u00fcllt ist. Weitere etwa 200 stehen vor der Glast\u00fcr und warten auf Einlass.<\/p>\n\n\n\n<p>Selma Selmans Perfomance \u201eMotherboard\u201c findet parallel zu ihrer <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.berlinerfestspiele.de\/gropius-bau\/programm\/2023\/ausstellungen\/selma-selman\" target=\"_blank\">Einzelausstellung &#8222;her0&#8220;<\/a> in der 1. Etage des <a href=\"https:\/\/www.berlinerfestspiele.de\/gropius-bau\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Berliner Gropiusbaus<\/a> statt. \u201eMotherboard\u201c legt das Motherboard, die Hauptplatine von Personal Computern frei, auf der die operativen Einzelteile des Rechners wie der Hauptprozessor, der Arbeitsspeicher, die PC-Firmware oder andere Erweiterungskarten (z.B. Netzwerkkarten, Grafikkarten, Soundkarten, TV-Karten,&nbsp; Modemkarten etc.) montiert sind. Unter <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hauptplatine\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u201eTrivia\u201c hei\u00dft es in der Wikipedia<\/a>, dass die Hauptplatine genderunsensibel \u201eMotherboard\u201c genannt wurde \u2013 f\u00fcr Selma Selman eine semantische Vorlage, sich gemeinsam mit ihren m\u00e4nnlichen Familienmitgliedern des Motherboards anzunehmen und es lautstark, k\u00fchl, technoid, industriell, aggressiv, schwitzend, in grellem Licht und unter Anwesenheit eines gro\u00dfen Publikums im Gropiusbau freizulegen. Es staubt, es splittert, es funkt, es riecht nach Metallischem, f\u00fcr die Besucher*innen werden optional Schutzbrillen und Ohrenst\u00f6psel ausgegeben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-video\"><video height=\"480\" style=\"aspect-ratio: 720 \/ 480;\" width=\"720\" controls src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Selman01-1.mp4\"><\/video><\/figure>\n\n\n\n<p>Dabei handelt es sich nicht um die erste dieser Performances: Im April diesen Jahres zertr\u00fcmmerte Selman <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/kampnagel.de\/produktionen\/selma-selman-motherboards\" target=\"_blank\">&#8222;Motherboards&#8220; auf Kampnagel<\/a>, im Rahmen von \u201eKrass Festival 11: Roma City Hamburg\u201c, ein Jahr zuvor ebenfalls auf Kampnagel in \u201e<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/kampnagel.de\/produktionen\/selma-selman-mercedes-matrix-self-portraits\" target=\"_blank\">Mercedes Matrix<\/a>\u201c an 4 Terminen einen Mercedes-Benz. Im vergangenen Jahr war sie documenta-15-Teilnehmerin und stellte zur\u00fcckgebliebende <a href=\"https:\/\/universes.art\/de\/documenta\/2022\/fridericianum\/selma-selman\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Videos und Skulpturen ihrer Performances im Zwehrenturm im Fridericianum<\/a> aus. 2017 schrie sie auf der Vernissage des <a href=\"https:\/\/www.berliner-herbstsalon.de\/en\/dritter-berliner-herbstsalon\/kuenstlerinnen\/selma-selman\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">3. Berliner Herbstsalons bis zur Ersch\u00f6pfung \u201eYou have no idea!<\/a>\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Selma Selman ist Romni aus Bosnien-Herzegowina (\u201e<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.selmanselma.com\/about\" target=\"_blank\">Romani origin<\/a>\u201c) und thematisiert vor unseren Augen im Gropiusbau das ganze Spektrum dessen, was als \u201eIdentit\u00e4t\u201c bezeichnet wird. In \u201eWho needs Identity\u201c bietet der britische Soziologe und Mitbegr\u00fcnder der Cultural Studies <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stuart_Hall_(Soziologe)\" target=\"_blank\">Stuart Hall<\/a> 1996 eine erste Definition dessen, was er als \u201aIdentit\u00e4t\u2018 versteht: Identit\u00e4t sei die \u201eNahtstelle\u201c zwischen Diskursen und Praktiken einerseits und Subjektivierungsprozessen andererseits. An der Nahtstelle w\u00fcrde Identit\u00e4t hergestellt, sie sei etwas Ver\u00e4nderbares und auch Aufl\u00f6sbares. Die Nahtstelle \u00fcberbr\u00fccke die L\u00fccke zwischen den in sozialen Diskursen f\u00fcr Individuen vorgesehenen Subjektpositionen einerseits und den Prozessen, die sprechbare (!) Subjekte f\u00fcr sich herstellen. Andere Varianten f\u00fcr \u201eIdentit\u00e4t\u201c sind zum Beispiel <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.floyaanthias.com\" target=\"_blank\">Floya Anthias<\/a>&#8218; \u201eErz\u00e4hlungen \u00fcber Zugeh\u00f6rigkeit\u201c (2003).&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Selman kreiert und generiert ihre &#8222;Erz\u00e4hlung von Zugeh\u00f6rigkeit&#8220; performativ, aus einer Schnittmenge von geschlechtsspezifischen und rassistischen Diskrimierungen, stereotypen Identit\u00e4tszuweisungen, Kultur- und \u00dcberlebenspraktiken des Recyclings, Familienbeziehungen, neokolonialen und kapitalistischen Diskurs- und Lebensverh\u00e4ltnissen. Mit Stuart Hall w\u00e4re ihr Kleid, w\u00e4ren die grauen N\u00e4hte ihres Kleides, die ihren K\u00f6rper formen, nachzeichnen und betonen, die sich absetzen auf dem strahlenden Wei\u00df und in Differenz zu ihren Mitperformer*innen die bedeutungsbildenden symbolischen Formen ihrer &#8222;Identit\u00e4t&#8220;. Ich m\u00f6chte daher der Kuratorin der Ausstellung im Gropiusbau Zippora Elders vorschlagen, als Ergebnis der Performance nicht einen <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.berlinerfestspiele.de\/gropius-bau\/programm\/2023\/ausstellungen\/selma-selman\/veranstaltungen\/selma-selman-motherboards\" target=\"_blank\">goldenen Nagel zu installieren, mit dem das gewonnene Gold materialisiert werden soll<\/a>, sondern (ebenfalls Titel und Thema \u201eMotherboard\u201c unterst\u00fctzend) das Kleid zu pr\u00e4sentieren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2016\" height=\"1512\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Selman01.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3968\" srcset=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Selman01.jpg 2016w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Selman01-768x576.jpg 768w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Selman01-1536x1152.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 2016px) 100vw, 2016px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Das Kleid w\u00e4re nicht nur die Nahtstelle von Vorgesehenem und Selbsthergestelltem, von Diskursen, Praktiken und Subjektivierungsprozessen, sondern auch die gef\u00fcllte Repr\u00e4sentationsl\u00fccke von (kulturtheoretisch gesprochen) Subalternen, die nicht nur nicht sprechen, sondern daher auch von gesellschaftlicher Rrepr\u00e4sentation ausgeschlossen sind. Denn inmitten des musealen Neorenaissancebaus mit seinen hier eingebauten zurichtenden White-Cube-Techniken, inmitten ihrer m\u00e4nnlichen Familienmitglieder, denen sie vertraut wie auch bestimmt Anweisungen gibt und unter lautstarken Schreien wie \u201eThey say that gipsies steal.\u201c zertr\u00fcmmert sie stereotype Narrative, zerlegt Logiken von Sprach- und Wertproduktionen und f\u00fcllt Repr\u00e4sentationsleerstellen. Sie praktiziert laut, grell und eindeutig die Emanzipation und Widerst\u00e4ndigkeit des in ihrem Kleid unzweifelhaft weiblich zu lesenden K\u00f6rpers, indem sie sich nicht in vorgegebene famili\u00e4re, geschlechtliche, strukturelle, semantische, kulturelle und kulturbetriebliche Hierarchien einf\u00fcgt, sondern indem sie selbst performativ (Re)Pr\u00e4sentationen herstellt, die g\u00e4ngige Blickregime aushebeln. F\u00fcr diese Anliegen unterst\u00fctzt sie auch strukturell-nachhaltig, zum Beispiel mit der Gr\u00fcndung von &#8222;<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.selmanselma.com\/march-to-school\" target=\"_blank\">Get The Heck To School<\/a>\u201c 2017, einer <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=5N7_wIO9twg&amp;t=3s\" target=\"_blank\">Stiftung f\u00fcr die Ausbildung von Romnja<\/a>, aber auch mit verbal erm\u00e4chtigenden Statements wie:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch glaube, dass die Rom:nja im 21. Jahrhundert die sozialen, \u00f6kologischen und technologischen Avantgardist:innen dieses Planeten sind. Seit etwa 100 Jahren recyceln wir Abf\u00e4lle, um uns als unterdr\u00fcckte Minderheit in der westlichen Moderne selbst zu versorgen \u2013 die erst jetzt den moralischen, sozio\u00f6konomischen und \u00f6kologischen Wert dieser Praxis erkennt.\u201c <a href=\"https:\/\/bspoque.com\/praesentation-selma-selman-her0\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">&gt;&gt;<\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2016\" height=\"1512\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Selman02.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3969\" srcset=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Selman02.jpg 2016w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Selman02-768x576.jpg 768w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Selman02-1536x1152.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 2016px) 100vw, 2016px\" \/><\/figure>\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/78b6703bf8f64ecd976951361c0ef6b8\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wieder unterbricht Selma Selman, tritt ans Mikrofon in die vorderste Reihe, verliest ihre S\u00e4tze, platziert auf einem Notenst\u00e4nder, wird rechts und links hinter sich von einer Cellistin und einem Sounddesigner begleitet. 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