{"id":3880,"date":"2023-10-23T17:25:04","date_gmt":"2023-10-23T16:25:04","guid":{"rendered":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=3880"},"modified":"2023-12-02T14:27:47","modified_gmt":"2023-12-02T13:27:47","slug":"signas-kraft-der-behauptung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=3880","title":{"rendered":"Signas Kraft der Behauptung"},"content":{"rendered":"\n<p>40 Premierenbesucher*innen \u2013 von Teenagern bis zu \u00e4lteren Personen \u2013 sitzen in dem Aufenthaltsraum einer Werkhalle auf dem ehemaligen Thyssen-Krupp-Gel\u00e4nde in Hamburg Altona, nachdem sie ihre Taschen, Jacken und Telefone haben abgeben m\u00fcssen. <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/signa.dk\" target=\"_blank\">Signa<\/a> hat zu der <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/schauspielhaus.de\/stuecke\/das-13-jahr\" target=\"_blank\">Urauff\u00fchrung<\/a> ihrer inzwischen f\u00fcnften experimentellen Performance-Installation oder auch installativen Performance in Hamburg, diesmal mit dem Titel \u201eDas 13. Jahr\u201c eingeladen. Die Premierenkarten der <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/schauspielhaus.de\" target=\"_blank\">Schauspielhaus<\/a>-Produktion sollen in wenigen Minuten verkauft worden sein, die n\u00e4chsten Veranstaltungen sind bis in den Dezember, knapp vor Weihnachten ausverkauft. Denn es hat sich rumgesprochen: Signa, das K\u00fcnstler*innenpaar <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Signa_(K\u00fcnstlerpaar)\" target=\"_blank\">Signa und Arthur K\u00f6stler<\/a>, wird in eine ihrer phantasievoll magischen und geschlossenen Erlebniswelten entf\u00fchren, die sich zwischen Theater und anderen szenischen K\u00fcnsten, zwischen Installation, Performance und Happening aufhalten und die f\u00fcr immer den Blick auf das, was wir Realit\u00e4t nennen, ver\u00e4ndern (werden).<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"450\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Signa_1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3881\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Heute w\u00fcrden wir eine \u201eLethe-Simulation\u201c erleben [Anmerkung: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lethe_(Mythologie)\" target=\"_blank\">Lethe bedeutet Vergessen, Vergessenheit, auch im Sinne von Verborgenheit.<\/a>]. Drei in grau gekleidete Kolleg*innen des Lethe-Servicepersonals informieren uns in einem Informationsraum, der sich sp\u00e4ter als n\u00fcchterner Transitraum zwischen unserer Welt und Signas Welt herausstellen wird. In administrativer Sprache wird uns, begleitet von einer Diashow von Landschaftsfotografien, in vier Punkten das Setting der nun folgenden Stunden vorgestellt: Wir sollen uns in uns selbst zur\u00fcckversetzen, in das Alter eines 12-j\u00e4hrigen Kindes. Wir w\u00fcrden mit 39 anderen Kindern eine Gruppenfahrt auf den &#8222;Hasenhof&#8220; unternehmen, irgendwann und irgendwo w\u00fcrde der Bus in einer lichten Waldlandschaft von Nebel umringt sein, der Busfahrer w\u00fcrde verschwinden und wir w\u00e4ren auf uns allein gestellt. Durch einen Tunnel w\u00fcrde unser 12-j\u00e4hriges Ich im Nirgendwo landen. Wenn wir diese Simulation unterbrechen wollten, w\u00fcrden Alarmkn\u00f6pfe dies erm\u00f6glichen. Dabei w\u00fcrde alles den Status derselben Realit\u00e4t besitzen, ein K\u00e4se oder ein Brot aus Plastik w\u00e4ren gleich einem richtigen K\u00e4se oder einem richtigen Brot zu behandeln. Wir sollen sp\u00fcren!<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"450\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Signa_2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3882\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Performance beginnt: Wir werden aufgefordert, uns zu erheben und dem Simulationsteam der Reihe nach durch einen engen Gang zu folgen. Wir landen in der k\u00fchlen, Nebel gef\u00fcllten Industriehalle, in der eine d\u00fcstere Bergansiedlung installiert wurde, bestehend aus scheinbar unz\u00e4hligen kleinsten Holzh\u00fctten (es sind zehn), auf die W\u00e4nde sind Gebirgspanoramen gemalt, der Betonfussboden ist mit Steinbrocken aus Pappmach\u00e9 und mit Ger\u00f6ll bedeckt, die Decke ist abgeh\u00e4ngt, wie Nebel dr\u00fcckt sie von oben und macht den Raum eng. Nebelkr\u00e4hen kr\u00e4chzen in der Ferne, W\u00f6lfe heulen, ein Gewitter scheint sich zu n\u00e4hern, es ist k\u00fchl, sehr k\u00fchl, der Raumplan des Bergdorfes macht eine Orientierung beinahe unm\u00f6glich. Wir irren schnell zwischen den vielen kleinen Buden, verlieren unsere Ordnung und uns damit in uns selbst. In und vor den H\u00fctten sitzen, liegen oder stehen Wesen, wom\u00f6glich die Bewohner*innen der H\u00fctten, ihre Gesichter sind durch Masken aus Pappmach\u00e9 mit starrem Blick verdeckt. Es ert\u00f6nt ein Gong, wir werden von Personen gegriffen und einzeln in die H\u00fctten entf\u00fchrt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2560\" height=\"1920\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Signa_3-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3883\" srcset=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Signa_3-scaled.jpg 2560w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Signa_3-768x576.jpg 768w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Signa_3-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Signa_3-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Foto: Erich Goldmann<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Hier wird das ganze Ausma\u00df deutlich: Wir, die Ferien-, jetzt Notkinder, haben uns in ein Nebeldorf retten k\u00f6nnen. Wie wir sind auch dessen Bewohner*innen schon vor einigen Jahren hier gestrandet, nur Erwin h\u00e4tte hier gewohnt, viele seien inzwischen gestorben, das Nebelfieber w\u00fcrde allen gesundheitlich zu schaffen machen. Wir m\u00fcssen unsere Kleidung wechseln, denn die alte sei feucht und klamm, unsere Schuhe seien untauglich, das Leben in den Bergen zu bew\u00e4ltigen. Die sichtbaren Unterschiede zwischen dem Schauspielensemble und dem Publikum werden damit nivelliert. Unsere beschwichtigenden S\u00e4tze, dass wir ja bald wieder auf dem Weg nach Hause seien, werden m\u00fcde von den Bewohner*innen weggel\u00e4chelt, man solle sich auf einen l\u00e4ngeren, ja lebenslangen Aufenthalt einstellen. Sie selbst h\u00e4tten schon alles versucht, den Ausweg zu finden, aber viele seien entweder bei dem Versuch zu fliehen verschwunden, der Nebel h\u00e4tte sie verschluckt oder sie seien dem\u00fctig, aber fieberkrank zur\u00fcckgekommen und damit todgeweiht. Nur zwei Personen w\u00fcssten den Weg, eine davon die Hausiererin des Dorfes.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier schon befinden wir uns inmitten unserer pers\u00f6nlichen Settings: Die 40 Premierenbesucher*innen sind in zehn Familienkonstellationen aufgeteilt, die die Mitglieder des Signa- und des Schauspielhaus-Ensembles zusammen mit lebensgro\u00dfen, versehrten und daher pflegebed\u00fcrftigen Puppen performen. Die H\u00fctten sind eng, h\u00f6chstens acht Quadratmeter Grundfl\u00e4che, das Wenige, das zur Verf\u00fcgung steht, wird offenherzig mit uns geteilt, die K\u00fccheneckbank wird auch als Schlafst\u00e4tte genutzt, daneben eine kleine Kochecke, in der Kartoffeln gegart werden, die gegen Schminkutensilien eingetauscht werden konnten, im Hinterzimmer stehen ein Sofa, ein Sessel und ein Vitrinenschrank \u2013 alles karg, abgenutzt, zeitlos, trist und grau wie die Kleidung, die wir gewechselt haben. Dieses Setting wird f\u00fcr die n\u00e4chsten viereinhalb Stunden unsere Heimst\u00e4tte werden. Ich werde erfahren, dass Marina, Ende zwanzig, junge Mutter, ihr Leben nur mit Alkohol ertr\u00e4gt, als Vater der acht Monate alten Lilly, die selbst schon am Nebelfieber erkrankt ist, zwei M\u00e4nner aus der Dorfgemeinschaft in Frage kommen. Marina will gleichzeitig wissen und nicht wissen, wer der Vater ist. Marinas Bruder Marius, Teenager, hat weder Lust auf Schule noch auf Familie, er ist immer hungrig und immer w\u00fctend. Vanessa, etwas j\u00fcnger als Marina, schnitzt sich (wie viele andere im Dorf) mit Rasierklingen, \u201eum das Ungl\u00fcck loszuwerden\u201c, sie k\u00fcmmert sich um ihre bettl\u00e4gerige Schwester Valentina, ihr Vater ist auf den Berg gegangen und von hier nicht mehr zur\u00fcckgekehrt. Beide jungen Frauen konkurrieren, wer die Attraktivere sei, beide \u00fcbernehmen die&nbsp; Verantwortung, die Kleinfamilie am Leben zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2560\" height=\"1920\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Signa_4-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3884\" srcset=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Signa_4-scaled.jpg 2560w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Signa_4-768x576.jpg 768w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Signa_4-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Signa_4-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Foto: Erich Goldmann<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Unsere Gespr\u00e4che beginnen mit dem Tr\u00f6sten \u00fcber den Verlust unserer Herkunftsfamilien und damit auch \u00fcber die eigenen Eltern im Alter von 12 Jahren (bei allen offenbaren sich disruptive Familienverh\u00e4ltnisse). Es werden Alltagsroutinen in den H\u00fctten starten und damit Gemeinschaftspraktiken stattfinden, und es werden Ausfl\u00fcge in das Dorf und zu den Nachbarn folgen, um in das tr\u00fcbe soziale Gef\u00fcge und ihre nebul\u00f6sen Beziehungen einzutauchen: Erwin, der Dorf\u00e4lteste, der mit seinem Dialekt eine Bergweltatmosph\u00e4re verstr\u00f6mt und in seiner Eigenheit als Autorit\u00e4t akzeptiert wird; Walter, dessen Frau als lebensgro\u00dfe Puppe in einem Rollstuhl vor der H\u00fctten lebt und der aggressiv und \u00fcbergriffig ist; Bert, der spannert und daf\u00fcr die ersehnten Zigaretten oder Schnaps tauscht; seine Frau Hannah, die davon weiss; Angelina, die im Dorf offenbar mit Drogen dealt; Norma, die Lehrerin im Dorf, die in der Nacht ihre Tr\u00e4nen nicht unterdr\u00fccken kann; die Hausiererin, die am Rande des Dorfes unter einem Lager aus drapierten T\u00fcchern, Fellen und Knochen campiert \u2013 es er\u00f6ffnet sich ein hallengro\u00dfes, dezentrales Setting und wir als 12-J\u00e4hrige mittenrein geworfen, aber ebenso eingewoben in einen riesigen Sozialplot der einzelnen Kleinfamilien, der Verbindungen unter den Familien und ihrer Schicksale, verwoben in vielz\u00e4hligen Macht- und Gewaltformen innerhalb von Familien und Lebensgemeinschaften, in Sehns\u00fcchten, Hoffnungen, Projektionen, Phantasmen und Widerst\u00e4nden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2560\" height=\"1920\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Signa_5-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3885\" srcset=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Signa_5-scaled.jpg 2560w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Signa_5-768x576.jpg 768w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Signa_5-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Signa_5-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Foto: Erich Goldmann<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ein Mal wird zwischendrin die Simulation&nbsp; unterbrochen. Ein Vertreter des Simulationsteams kommt in die H\u00fctte und fragt (und erinnert damit noch einmal an das Setting des Experiments), was notwendig w\u00e4re, um die Simulation unseres 12-j\u00e4hrigen Ichs zu verst\u00e4rken. Wir k\u00f6nnen zwischen einem Ereignis oder einer wahrsprechenden Glaskugel w\u00e4hlen. Wir entscheiden uns f\u00fcr das Ereignis und wenig sp\u00e4ter wird Vanessa Blut spucken, wir werden um ihr Leben bangen und noch enger zusammenr\u00fccken. Zwischenzeitlich ert\u00f6nt regelm\u00e4\u00dfig ein Gong, die Bewohner erstarren in ihrer jeweiligen Pose und \u00fcber eine Lautsprecherdurchsage erfahren wir, dass nun ein neuer Akt beginnen wird: dass wir vom Nachmittag in den Abend, vom Abend in die Nacht wechseln w\u00fcrden, dass die Geister k\u00e4men, dass ein Gewitter drohe  \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>So vergehen gef\u00fchlt Stunden um Stunden, da wir alle Utensilien an der Garderobe haben abgeben m\u00fcssen und damit offenbar auch unser Zeitgef\u00fchl (tats\u00e4chlich waren es viereinhalb Stunden). Da das Dorf im Nebel liegt, gibt es keine Unterscheide zwischen Tag und Nacht, zwischen Tages- und Nachttemperaturen. Alles ist dunkel, trist, grau, kalt und nebelig. Hin und wieder sind Schreie zu h\u00f6ren, kr\u00e4chzende Nebelkr\u00e4hen und andere Tiere in der Ferne, der um die H\u00fctten wehende Wind. In den H\u00e4usern werden \u00fcber Alltagsrituale famili\u00e4re Bindungen performiert: \u00fcber Geheimnisse, gemeinsame Ungerechtigkeiten und Phantasien, vertrauliche Ausfl\u00fcge, Gute-Nacht-Geschichten, famili\u00e4re Sorgen und \u00c4ngste, zelebrierten Aberglauben, gemeinsames Kartoffelsch\u00e4len, \u00fcber Kartoffelstampf am Abend und Haferbrei mit Schokolade am Morgen, \u00fcber F\u00fc\u00dfebaden in Plastikkinderbadewannen, \u00fcber sich wiederholende Erinnerungen, die das Mit-Sein herstellen. Und wenn man sich anf\u00e4nglich nicht auf die Simulation eingelassen haben sollte, dann t\u00e4te es die Zeit, denn die Behandlung des Gegen\u00fcbers von sich als 12-j\u00e4hrigem Kind informiert \u00fcber die Fremdbilder von 12-J\u00e4hrigen und hinterl\u00e4sst Spuren im eigenen Verhalten. Unser jetziges Ich versucht, nicht nur das damalige Ich reflexiv und\/oder imaginativ herzustellen und zu performieren, sondern beobachtet neugierig das antizipierte und\/oder erinnerte damalige Ich, um innerhalb dieses spekulativen Wiederherstellungs- und Wiedererkennungsprozesses immer wieder zu scheitern \u2013 kommt doch das jetzige Ich in die Quere. Damit befinden wir uns inmitten der Performance-Installation oder der installativen Performance  inmitten einer n\u00e4chsten Dynamik, n\u00e4mlich eines Re- und eines Pre-enactments: Wir enacten uns als ein Ich, das re-, aber auch pre-enactet wird, das wieder-(ge)holt, aber auch vor-gef\u00fchlt wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Identit\u00e4t entsteht, so l\u00e4sst sich ableiten, in einem Dazwischen, wird (von sich und anderen) zugeschrieben, projiziert, erwartet und kontrolliert, f\u00fchlt sich fremd und vertraut an und ist als konsistente und kontinuierliche Gr\u00f6\u00dfe unerreichbar. Das Ich ist offenbar eine Praktik auf verschiedenen Zeitschienen, an verschiedenen Orten, in verschiedenen Personenkonstellationen und Situationen, mal funktioniert diese Praktik besser, mal schlechter, mal wird sie als richtig anerkannt und mal auch nicht, mal ist sie als eine soziale Anwendung kongruenter mit dem Umfeld, mal entgleist sie zwischen den vielen und unterschiedlichen Erwartungen, auch an sich selbst. Wenn sie zwischen diese Einflussgr\u00f6\u00dfen zu korrespondieren in der Lage ist, scheit sich so etwas wie Gl\u00fcck einzustellen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2560\" height=\"1920\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Signa_6-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3886\" srcset=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Signa_6-scaled.jpg 2560w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Signa_6-768x576.jpg 768w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Signa_6-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Signa_6-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 2560px) 100vw, 2560px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Foto: Erich Goldmann<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Ereignisse werfen ihre Schatten voraus: Ein lebensbedrohliches Gewitter wird heraufziehen, wir werden, um zu \u00dcberleben, aufgefordert, einen metrischen Reim aus vier Zeilen zu lernen, der die \u201eHabergeiss\u201c austreiben k\u00f6nnen soll. Ein Prozessionszug aller Beteiligten wird sich formen, der durch das Dorf ziehen und laut, gro\u00df und gemeinschaftlich in der Angst gegen den drohenden Sturm ansingen wird, begleitet von Pauken, Geigen und Gitarren, angef\u00fchrt durch ein \u00fcbergro\u00dfes Fell-Fabelwesen mit Pferdekopf. Die Halle wird dr\u00f6hnen und hallen, inmitten des Nebels und der Angst vor dem bedrohlichen Gewitter wird sich die mittern\u00e4chtliche Gemeinschaft formen und widerst\u00e4ndig gegen die Naturgewalten tanzen. Das dramaturgische Finale ist f\u00fchlbar gekommen, wir fl\u00fcchten uns in unserer gemeinschaftlichen Angst vor der Bedrohung in unser Heim und \u2013 werden durch eine Lautsprecherdurchsage abrupt desillusioniert: Wir werden aufgefordert, uns umzuziehen und von dem Simulationsteam durch den Tunnel zur\u00fcckf\u00fchren zu lassen. Es heisst Abschied nehmen, die Mitglieder unserer Heimatfamilie haben sich ihre Masken wieder \u00fcber die Gesichter gezogen und sind in die Starre ihrer Pose gefallen. Dadurch wird uns eine Verabschiedung unm\u00f6glich gemacht [Marina, Marius und Vanessa \u2013 es war sch\u00f6n bei euch].&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die abschlie\u00dfende R\u00fcckverwandlung im Transitraum, in dem anf\u00e4nglich \u00fcber die Simulation informiert wurde, f\u00e4llt ebenso sperrig aus: Zwei der Dorfbewohner, unter anderem Erwin, der uns mittlerweile vertraute Dorf\u00e4lteste, dr\u00e4ngen in unsere Ausn\u00fcchterungszelle, wollen sich uns anschlie\u00dfen und ebenfalls die geschlossene Kunstwelt verlassen, werden aber vom Servicepersonal zur\u00fcckgedr\u00e4ngt. Sollen wir uns nicht f\u00fcr sie einsetzen? Geh\u00f6ren wir nicht zusammen? Damit scheitert die behauptete Entsimulation, die unseren ganzen K\u00f6rper und seine Einzelteile, so das Personal des Simulationsunternehmens Lethe, von unseren Eindr\u00fccken befreien sollte. Lethe entschuldigt sich f\u00fcr die St\u00f6rung. Und so werden wir dann auch aus der Halle entlassen: Signa wird uns in unseren Leben nie mehr ganz verlassen\u2026<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"2016\" height=\"1512\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Signa_7.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3887\" srcset=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Signa_7.jpg 2016w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Signa_7-768x576.jpg 768w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2023_Signa_7-1536x1152.jpg 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 2016px) 100vw, 2016px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p>Signa: Das 13. Jahr, Urauff\u00fchrung 21.10., 18:30 Uhr, Halle 7, Waidmannstra\u00dfe 26 (ehemaliges Thyssen-Krupp-Gel\u00e4nde), <a href=\"https:\/\/schauspielhaus.de\/stuecke\/das-13-jahr\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/schauspielhaus.de\/stuecke\/das-13-jahr<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Das Konzept erarbeiteten Signa und Arthur K\u00f6stler.<\/p>\n\n\n\n<p>Regie f\u00fchrte Signa K\u00f6stler.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die B\u00fchne waren zust\u00e4ndig: Lorenz Vetter, Signa K\u00f6stler und Tristan Kold.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kost\u00fcme erdachten Signa K\u00f6stler und Tristan Kold.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Sounddesign war verantwortlich: Christian Bo Johansen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die B\u00fchnentechnik koordinierte Simon Urbschat.<\/p>\n\n\n\n<p>Es spielen: Amanda Babaei Vieira, Hans-G\u00fcnter Br\u00fcnker, Cara Golisch, Ute Hannig, Sachiko Hara, Martin Heise, Daniel Hoevels, Kaspar J\u00f6hnk, Lotte John, Minna John, Arthur K\u00f6stler, Signa K\u00f6stler, , Tristan Kold, Tom Korn, Benita Martins, Mara Nitz, Josef Ostendorf, Denis Po?e?, Linn Reusse, Lars Rudolph, Lucie Rudolph, Agnieszka Salamon, Sonja Salkowitsch, Jolina Schick, Andreas Schneiders, Joelina Spie\u00df, Bettina Stucky, Julie St\u00fcven, Livia Szabo, Luisa Taraz, Luise Thiele, Lorenz Vetter, Lara-Marie Weine, Mareike Wenzel, Luna Worthmann, Martha Zonouzi<\/p>\n\n\n\n<p>Weitere Besprechungen:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/das-13-jahr-immersive-installation-von-signa-am-hamburger-schauspielhaus-dlf-c13f13a5-100.html\">https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/das-13-jahr-immersive-installation-von-signa-am-hamburger-schauspielhaus-dlf-c13f13a5-100.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.ndr.de\/kultur\/Urauffuehrung-Das-13-Jahr-des-Kollektivs-SIGNA,audio1492406.html\">https:\/\/www.ndr.de\/kultur\/Urauffuehrung-Das-13-Jahr-des-Kollektivs-SIGNA,audio1492406.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachtkritik.de\/nachtkritiken\/deutschland\/hamburg-schleswig-holstein\/hamburg\/deutsches-schauspielhaus-hamburg\/das-13-jahr-schauspielhaus-hamburg-signa\">https:\/\/www.nachtkritik.de\/nachtkritiken\/deutschland\/hamburg-schleswig-holstein\/hamburg\/deutsches-schauspielhaus-hamburg\/das-13-jahr-schauspielhaus-hamburg-signa<\/a><\/p>\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/f9a70154a062488f80bf6d551371237f\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>40 Premierenbesucher*innen \u2013 von Teenagern bis zu \u00e4lteren Personen \u2013 sitzen in dem Aufenthaltsraum einer Werkhalle auf dem ehemaligen Thyssen-Krupp-Gel\u00e4nde in Hamburg Altona, nachdem sie ihre Taschen, Jacken und Telefone haben abgeben m\u00fcssen. Signa hat zu der Urauff\u00fchrung ihrer inzwischen f\u00fcnften experimentellen Performance-Installation oder auch installativen Performance in Hamburg, diesmal mit dem Titel \u201eDas 13. &hellip; <a href=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=3880\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Signas Kraft der Behauptung<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,3,4],"tags":[723,725,724,103,102],"class_list":["post-3880","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artallgemein","category-artist","category-artservice","tag-das-13-jahr","tag-hasenhof","tag-lethe-simulation","tag-schauspielhaus-hamburg","tag-signa"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3880","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3880"}],"version-history":[{"count":21,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3880\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3990,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3880\/revisions\/3990"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3880"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3880"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3880"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}