{"id":3763,"date":"2021-09-05T14:52:05","date_gmt":"2021-09-05T13:52:05","guid":{"rendered":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=3763"},"modified":"2021-09-06T16:47:21","modified_gmt":"2021-09-06T15:47:21","slug":"vom-beherrschen-und-selbstbeherrschen-zum-staunen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=3763","title":{"rendered":"Vom Beherrschen und Selbstbeherrschen zum Staunen"},"content":{"rendered":"\n<p>Himmlische Kl\u00e4nge lie\u00dfen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/John_Eliot_Gardiner\">Sir John Eliot Gardiner<\/a> und unter seiner Leitung die von ihm gegr\u00fcndeten Ensembles, der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Monteverdi_Choir\">Monteverdi Choir<\/a> und die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/English_Baroque_Soloists\">English Baroque Soloists<\/a>, in der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Berliner_Philharmonie\">Berliner Philharmonie<\/a> erklingen. Im Rahmen des <a href=\"https:\/\/www.berlinerfestspiele.de\/de\/musikfest-berlin\/programm\/2021\/gesamt\/termine.html\">Berliner Musikfest 2021<\/a> traf hier am 3. September 2021 <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Georg_Friedrich_H\u00e4ndel\">Georg Friedrich H\u00e4ndel<\/a> auf <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Johann_Sebastian_Bach\">Johann Sebastian Bach<\/a>, konkreter drei Kantaten, die zur gleichen Zeit an unterschiedlichen Orten, in unterschiedlichen Zusammenh\u00e4ngen und zu unterschiedlichen Zwecken komponiert wurden: <\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4ndel verfasste seine eindrucksvolle Psalmvertonung f\u00fcr Soli, Chor und Orchester \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dixit_Dominus_(H\u00e4ndel)\">Dixit Dominus<\/a>\u201c w\u00e4hrend seiner vier Jahr w\u00e4hrenden Italienreise, vermutlich begann er sie in Venedig und stellte sie 1707 und zwar im April in Rom fertig, so dass sie, ohne dabei einem Auftrag gefolgt zu sein, in der Kirche Santa Maria in Monte Santo, in Rom, im Juli 1707 uraufgef\u00fchrt wurde.  \u201eDonna, che in ciel di tanta luce splendi\u201c war anschlie\u00dfend  eine Auftragsarbeit von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Clemens_XI.\">Papst Clemens XI<\/a>. Die Kantante f\u00fcr Sopran, Chor und Orchester mit einem feierlichen Chorfinale schrieb H\u00e4ndel w\u00e4hrend seines Romaufenthaltes 1707\/08 und wurde hier in Santa Maria in Ara Coeli im Februar 1708 uraufgef\u00fchrt. Bachs fr\u00fche Choralkantate f\u00fcr Soli, Chor und Orchester \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Christ_lag_in_Todes_Banden,_BWV_4\">Christ lag in Todes Banden<\/a>\u201c, die Vertonung des gleichnamigen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Christ_lag_in_Todesbanden\">Osterliedes von Martin Luther aus dem Jahr 1524<\/a>, entstand vermutlich w\u00e4hrend Bachs Aufenthalt in M\u00fchlhausen 1707\/08, wo er sich in der Blasiuskirche auf die vakante Organistenstelle vorstellte und wohl auch als Komponist empfehlen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDonna, che in ciel di tanta luce splendi\u201c: Herrin, die du voll Glanz im Himmel prangst<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"400\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2021_09_03_gardiner2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3766\"\/><figcaption>\u00a9 Astrid Ackermann \/ Musikfest Berlin.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Es mag an einer vorangehenden Lekt\u00fcre Michel Foucaults und an Gespr\u00e4chen zu Foucaults Governementalit\u00e4tsstudien (\u201egouverner\u201c + \u201ementalit\u00e9\u201c), also zu Formen von Regierungen, Machtaus\u00fcbungen und Vermachtungen gelegen haben, dass hier im Folgenden statt einer Konzertrezension ein Essay entstanden ist, der sich an Ideenhistoriker*innen, Musik- und Kunstwissenschaftler*innen und \u00e4sthetische Philosoph*innen wendet:<\/p>\n\n\n\n<p>Denn inmitten dieses Konzertes verschmolzen die von Foucault analysierte Pastoralmacht der christlich-religi\u00f6sen Konzeption, die die Beziehung zwischen Hirt und Herde organisiert, mit derjenigen Macht, die sich zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert in weitere Bereiche des Regierens und zwar auf alle denkbaren Aktivit\u00e4ten und Handlungen ausweiten sollte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDixit Dominus\u201c: Der Herr sprach&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"400\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2021_09_03_gardiner3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3767\"\/><figcaption>\u00a9 Astrid Ackermann \/ Musikfest Berlin.<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Zu Beginn der Neuzeit entsteht eine neue Form der Pastoralmacht, die sich als Totalisierungs- und Individualisierungstendenz moderner Staatlichkeit und moderne Subjektivit\u00e4t zeigt. Statt Seelen werden nun, so Foucault, Menschen regiert, weder die Gesetze Gottes noch die Interessen eines irdischen Herrschers w\u00fcrden sich nun mehr artikulieren, sondern eine Governementalit\u00e4t, die den modernen Menschen herausbilden l\u00e4sst. An diesem Punkt weiten sich die innerhalb des Christentums entwickelten F\u00fchrungstechniken (durch Beichte und Gehorsam) aus, erfahren eine S\u00e4kularisierung und entwickelten sich zu Mechanismen und Technologien der Disziplin. Christi Himmelreich ging bekannterweise in den Aufbau von geopolitischen Territorial- und Kolonialreichen \u00fcber.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>In genau diesen konzeptionellen Zwischenraum fallen H\u00e4ndel und Bach mit ihren Kompositionen von 1707\/1708: Sie sind noch christlich pastorale und schon politische Machttechniken, die Regierungsk\u00fcnste sind zu diesem Zeitpunkt, so die These dieser \u00dcberlegungen, heterogen und diskontinuierlich, sie sind nicht mit religi\u00f6sen oder staatlichen Institutionen identisch noch auf ein politisches System beschr\u00e4nkt, sondern sie zeigen sich in einer vielf\u00e4ltigen und doch eindeutigen Weise der Lenkung, Kontrolle und Leitung. Hier verkn\u00fcpfen sich Herrschaftstechniken mit den Technologien des Selbst, Staatsformierung mit Subjektivierung. Fremdf\u00fchrung f\u00e4llt mit Selbstf\u00fchrung, Beherrschung mit Selbstbeherrschung zusammen, und das umfasst sowohl die Instrumente, die Notensysteme, die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Generalbass\">Generalbassschrift<\/a>, die Harmonien und Akkorde wie auch die K\u00f6rper und Blicke, die Emotionen und Affekte, sowohl auf Seiten der Musizierenden als auch auf Seiten der Rezipierenden \u2013 mit einem akustischen und visuellen Ergebnis, das wahrlich zum Staunen bringt: \u201eHalleluja\u201c. So wird ansichtig, dass Macht keine einseitige Angelegenheit und das sich hierin entwickelnde (produ- wie rezipierende) \u201eSubjekt\u201c auch nicht ohne Zwei- oder Mehrdeutigkeit zu haben ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eGloria Patri\u201c: Ehre sei dem Vater&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"600\" height=\"400\" src=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2021_09_03_gardiner1-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3768\"\/><figcaption>Ann Hallenberg, Mezzosopran. <em>\u00a9 Astrid Ackermann \/ Musikfest Berlin.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Zeitlich nur knapp bevor das moderne, \u00e4sthetische Regime der K\u00fcnste und dessen Betriebssystem in seinen Normativen der Pr\u00e4senz, des Geniehaften und des Autonomen begr\u00fcndet und von einer Funktionslosigkeit befreit wurde, demnach Entregelungsprozesse in Gang gesetzt wurden, versetzen H\u00e4ndel und Bach beide Seiten des musikalischen Ereignisses in eine transitorische Lage. Mag hier die Ursache liegen, dass der Gr\u00fcndungsmoment des \u00e4sthetischen Regimes im 18. Jahrhundert noch von der Pastoralmacht \u00fcberlagert war, so dass im \u00e4sthetischen Regime noch knapp die Dimensionen des Glaubens, der Wahrheit, der Sch\u00f6nheit, der Tugend und des Gehorsams eingen\u00e4ht sind, so dass hier Versprechen (etwa ein Versprechen auf Freiheiten in Unabh\u00e4ngigkeit vom Regierungshandeln und damit ein machtfreies Areal) in Aussicht gestellt werden (k\u00f6nnen), die nicht einl\u00f6sbar sind? Wurden so und zu dem Zeitpunkt die Bedingungen organisiert, unter denen beispielsweise die Freiheiten f\u00fcr die Kunst und K\u00fcnste nicht produziert, sondern lediglich fabriziert werden? Und welche konstitutive (politische, historische) Rolle spielt innerhalb dieser \u00dcberlegungen die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Generalbass#Anf\u00e4nge_der_Generalbasspraxis_im_Fr\u00fchbarock\">Generalbasspraxis<\/a> (Basso continuo), die die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Polyphonie\">polyphone<\/a> Vokalmusik der vorangegehenden Epochen abl\u00f6sten und auf eine <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Monodie\">Monodie<\/a> umstellte? Deuten sich mit und in dem Basso continuo dieser Zeit bereits die im 18. Jahrhundert aufkommenden Sicherheitsmechanismen an, die dann zu der wichtigsten Aufgabe der Regierungsrationalit\u00e4t f\u00fchren?<\/p>\n\n\n\n<p>Hier w\u00e4ren Musik-, Kunst- und Kulturarch\u00e4ologen aufgefordert, sich noch einmal mit dem 18. Jahrhundert auseinanderzusetzen und dessen Schichten freizulegen, an denen sowohl Bach und H\u00e4ndel, aber auch <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/David_Hume\">David Hume<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Immanuel_Kant\">Immanuel Kant <\/a>beteiligt waren.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><em>Literaturempfehlungen:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Foucault, Michel: Die Gouvernementalit\u00e4t, in: Ulrich Br\u00f6ckling\/Susanne Krasmann\/Thomas Lemke (Hg.): Gouvernementalit\u00e4t der Gegenwart. Studien zur \u00d6konomisierung des Sozialen, Frankfurt\/Main 2000, S. 41\u201367.<\/p>\n\n\n\n<p>Lemke, Thomas: Eine Kritik der politischen Vernunft. Foucaults Analyse der modernen Gouvernementalit\u00e4t, Hamburg\/Berlin 1997.<\/p>\n\n\n\n<p><em>H\u00f6rempfehlungen:<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Aufzeichnung auf Musikfest Berlin on Demand, bis 14.09.2021, 16 Uhr: <a href=\"https:\/\/www.berlinerfestspiele.de\/de\/berliner-festspiele\/on-demand\/2021\/musikfest-berlin\/english-baroque-soloists.html\">https:\/\/www.berlinerfestspiele.de\/de\/berliner-festspiele\/on-demand\/2021\/musikfest-berlin\/english-baroque-soloists.html<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>oder: <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/youtu.be\/dS65-ZvUSSM\">https:\/\/youtu.be\/dS65-ZvUSSM<\/a><\/p>\n\n\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/f431cd8968b24d7e897eac272497083b\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\"\/><\/p>\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Himmlische Kl\u00e4nge lie\u00dfen Sir John Eliot Gardiner und unter seiner Leitung die von ihm gegr\u00fcndeten Ensembles, der Monteverdi Choir und die English Baroque Soloists, in der Berliner Philharmonie erklingen. 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