{"id":307,"date":"2013-03-26T18:48:57","date_gmt":"2013-03-26T16:48:57","guid":{"rendered":"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=307"},"modified":"2021-06-16T15:31:07","modified_gmt":"2021-06-16T14:31:07","slug":"freispruch-fuer-die-kunst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=307","title":{"rendered":"Freispruch f\u00fcr die Kunst"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Milo_Rau\">Milo Rau<\/a>s dreit\u00e4giges Theaterprojekt vom 1. bis 3. Maerz 2013 im Moskauer <a href=\"http:\/\/www.sakharov-center.ru\/\">Sacharow-Zentrum<\/a> &#8222;<a href=\"http:\/\/www.sakharov-center.ru\/discussions\/?id=2160\">Die Moskauer Prozesse<\/a>&#8222;, in denen der Schweizer Regisseur drei spektakul\u00e4re Gerichtsprozesse der letzten 10 Jahre, n\u00e4mlich das Verfahren gegen die Kuratoren von &#8222;Vorsicht Religion&#8220; 2005 und &#8222;Verbotene Kunst&#8220; 2007 im Sacharow-Zentrum sowie das gegen Pussy Riot 2012 durch K\u00fcnstler, Anw\u00e4lte, Aktivisten und Kunstkritiker nachspielen lie\u00df, wurde umfangreich im deutschsprachigen Feuilleton besprochen:<\/p>\n<p>Julia Smimova weist in der WELT darauf hin, dass hier endlich, anders als bei den echten Prozessen wirklich verhandelt wurde. Per Video wurde beispielsweise der Kurator Andrej Jerofejew zugeschaltet, der 2006 im Sacharow-Zentrum mit Exponaten, die etwa aus Ausstellungen der staatlichen Tretjakow-Galerie entfernt wurden, die Schau &#8222;Verbotene Kunst&#8220; kuratierte. Jerofejew wurde seinerzeit gemeinsam mit dem Direktor des Sacharow-Zentrums Juri Samodurow zu einer Geldstrafe verurteilt. W\u00e4hrenddessen in den russischen Gerichten, so Smimova, eine eigene Theatralitaet inklusiver absurder Dialoge und grotesker Stand-Ups stattf\u00e4nden, konnten im Sacharow-Zentrum inhaltliche Debatten \u00fcber politische Kunst und politisch ambitionierte K\u00fcnstler gef\u00fchrt werden. Beteiligt waren auch Gegner der k\u00fcnstlerischen Aktivit\u00e4ten, sowohl als Beteiligte der Prozesse als auch als externe Interventionen, die die Prozesse immer wieder zu st\u00f6ren versuchten. Das Urteil fiel im \u00dcbrigen unter den nach Zufallsprinzip ausgew\u00c4hlten sieben Sch\u00f6ffen unentschieden aus (einer enthielt sich der Stimme), das Gericht h\u00e4tte allerdings einen Freispruch f\u00fcr die Kunst gesprochen.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/kultur\/article114129105\/Frei-gesprochen.html\">http:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/kultur\/article114129105\/Frei-gesprochen.html<\/a><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Dirk Pilz berichtet in der NZZ beeindruckt von der f\u00fcr etwa 100 teilnehmende Personen geschlossenen Veranstaltung, bei der es sich nach Pilz nicht um ein Reenactment oder um eine Gerichtsshow gehandelt habe, sondern um einen Schau-Prozess mit offenem Ausgang. Zwar habe Rau die Beteiligten ausgew\u00e4hlt, hier aber keine weiteren Personen erfunden oder die Texte vorgeschrieben. In gr\u00f6\u00dfter Deutlichkeit seien jene Konflikte zutage getreten, die das Verh\u00e4ltnis von Kirche und Staat sowie von Kunst und Religion betr\u00e4fen. Pilz sch\u00e4tzt das Theaterprojekt als eine politische Installationskunst ein, die sich von vordergr\u00fcndiger P\u00e4dagogik freizumachen in der Lage war. Diese &#8222;ungemein clevere Kunst&#8220; diente gleichfalls als Vorlage f\u00fcr einen Film, der auf der n\u00e4chsten Berlinale gezeigt werden soll.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/aktuell\/feuilleton\/buehne_konzert\/gesellschaft-vor-gericht-1.18039020\">http:\/\/www.nzz.ch\/aktuell\/feuilleton\/buehne_konzert\/gesellschaft-vor-gericht-1.18039020<\/a><\/p>\n<p>Klaus-Helge Donath stellt in der tageszeitung heraus, dass das Besondere an dem Reenactment die Zusammensetzung der Mitwirkenden gewesen sei. Neben den Teilnehmern, die direkt oder vermittelt mit dem Geschehen zu tun hatten, tauchte der Staat als einzige nicht gecastete Gr\u00f6\u00dfe auf, korrigierte \u00fcber diesen Eingriff das Format und holte die Veranstaltung in die Wirklichkeit zur\u00fcck.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=ku&amp;dig=2013%2F03%2F05%2Fa0106&amp;cHash=7bdc951d2c1ab9b3723c0ce784fd3fdb\">http:\/\/www.taz.de\/1\/archiv\/digitaz\/artikel\/?ressort=ku&amp;dig=2013%2F03%2F05%2Fa0106&amp;cHash=7bdc951d2c1ab9b3723c0ce784fd3fdb<\/a><\/p>\n<p>Auf diese Zwischenf\u00e4lle weist auch Tim Neshitov im SPIEGEL hin: Mitarbeiter der russischen Einwanderungsbeh\u00f6rde, die die Papiere des Schweizer Regisseurs kontrollierten, bildeten wie auch sich versammelnde orthodoxe Christen und Kosaken die enstprechende Kulisse und unterbrachen die Prozesse f\u00fcr 2 Stunden.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/russland-behoerde-unterbricht-pussy-riot-theaterstueck-a-886628.html\">http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/russland-behoerde-unterbricht-pussy-riot-theaterstueck-a-886628.html<\/a><\/p>\n<p>Kerstin Holm berichtet in der FAZ von Milo Raus &#8222;Dokumentartheater&#8220;, das f\u00fcr die russische Gesellschaft derzeit den einzigen Freiraum f\u00fcr eine Auseinandersetzung mit zeitgeschichtlichen Konfliktthemen darstelle. Rau h\u00e4tte in genau jenem Anbau einen Gerichtssaal mit Tischen f\u00fcr Richter, Kl\u00e4ger, Verteidiger, einer Zeugentrib\u00fcne und Geschworenenbank eingerichtet, in dem vor zehn Jahren die skandalisierten Kunstwerke der Ausstellung &#8222;Vorsicht Religion&#8220; zu sehen waren. Holm bedauert, dass sich keiner der eingeladenen Vertreter der Patriarchatskirche an der Verhandlung beteiligte.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/milo-raus-dokumentartheater-kein-honig-fuer-pussy-riot-12102641.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/milo-raus-dokumentartheater-kein-honig-fuer-pussy-riot-12102641.html<\/a><\/p>\n<p>Johannes Voswinkel stellt in der ZEIT den Konflikt von moderner Kunst und Religion in einem Staat heraus, der sich immer deutlicher auf die Seite orthodoxer Gl\u00e4ubiger schlage. W\u00e4hrend sich Milo Rau bereits fuer das rum\u00e4nische Diktatorenpaar Ceausescu, den V\u00f6lkermord in Ruanda und die Gerichtsrede des Norwegers Anders Breivik interessierte, w\u00fcrde er hier in mehr als 12 Stunden drei Prozesse wiederaufnehmen und die Verhandlung als eine Mischform aus dokumentarischem Theaterst\u00fcck, Performance und politischem Debattierklub inszenieren, das aber ohne Textbuch und Regienanweisungen. Wenngleich diese Mischform eher zu einem Schlagabtausch bzw. einem Kreuzverh\u00f6r f\u00fchrte, sei Rau dennoch ein Moskauer Theaterereignis gelungen. Zudem h\u00e4tte es die schwierige Lage der K\u00fcnstler in Russland &#8222;zwischen B\u00fcrokratie, Kontrolle und Religionsstreitern&#8220; offenbart.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2013-03\/pussy-riot-theater-moskau-2\/komplettansicht\">http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2013-03\/pussy-riot-theater-moskau-2\/komplettansicht<\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/d8f0985c4cfe4ec58f14dba68a1a7be2\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Milo Raus dreit\u00e4giges Theaterprojekt vom 1. bis 3. Maerz 2013 im Moskauer Sacharow-Zentrum &#8222;Die Moskauer Prozesse&#8222;, in denen der Schweizer Regisseur drei spektakul\u00e4re Gerichtsprozesse der letzten 10 Jahre, n\u00e4mlich das Verfahren gegen die Kuratoren von &#8222;Vorsicht Religion&#8220; 2005 und &#8222;Verbotene Kunst&#8220; 2007 im Sacharow-Zentrum sowie das gegen Pussy Riot 2012 durch K\u00fcnstler, Anw\u00e4lte, Aktivisten und &hellip; <a href=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=307\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Freispruch f\u00fcr die Kunst<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,6],"tags":[88,87],"class_list":["post-307","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artist","category-artordnung","tag-milo-rau","tag-moskauer-prozesse"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/307","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=307"}],"version-history":[{"count":18,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/307\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3663,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/307\/revisions\/3663"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=307"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=307"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=307"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}