{"id":3050,"date":"2018-12-18T14:53:34","date_gmt":"2018-12-18T13:53:34","guid":{"rendered":"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=3050"},"modified":"2021-06-16T13:50:26","modified_gmt":"2021-06-16T12:50:26","slug":"an-die-grenzen-strenger-kausalitaet-gestossen-zu-andreas-reckwitz-singularisierungs-spaetmoderne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=3050","title":{"rendered":"An die Grenzen strenger Kausalit\u00e4t gesto\u00dfen. Zu Andreas Reckwitz \u201eSingularisierungs-Sp\u00e4tmoderne\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Ob hier nicht eher eine paradoxale Logik vorliege und eben gerade nicht die lineare Abl\u00f6sung einer Logik durch eine andere, fragte <a href=\"https:\/\/www.hiig.de\/staff\/staffprof-dr-jeanette-hofmann\/\">Jeanette Hofmann<\/a> Andreas Reckwitz im Anschluss an seinen Vortrag zu seiner aktuellen Ver\u00f6ffentlichung \u201eDie Gesellschaft der Singularisierung\u201c von 2017. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Andreas_Reckwitz\">Reckwitz<\/a> hatte seine Thesen am 11.12.2018 im Rahmen der Redenreihe \u201eMaking Sense of the Digital Society\u201c vorgetragen, ein Kooperationsprojekt des <a href=\"https:\/\/www.hiig.de\">Alexander von Humboldt Instituts f\u00fcr Internet und Gesellschaft HIIG<\/a> und der <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\">Bundeszentrale f\u00fcr politische Bildung<\/a>. Dessen Direktor <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Thomas_Kr\u00fcger_(Politiker,_1959)\">Thomas Kr\u00fcger<\/a> wiederum reagierte auf Reckwitz mit Einblicken in die Widerspr\u00fcchlichkeiten der aktuellen Arbeit und der Herausforderungen der bpb: Politische Bildung habe gerade Hochkonjunktur, die bpb h\u00e4tte aber keine L\u00f6sungen.<\/p>\n<p>Mit dieser kurzen Frage und pr\u00e4gnanten Problembeschreibung brachten Hofmann und Kr\u00fcger das Problem auf den Punkt: Ist die hier von Reckwitz eingesetzte Logik einer koh\u00e4renten und konsistenten gro\u00dfen Erz\u00e4hlung, ohne Widerspr\u00fcche, Br\u00fcche und Paradoxien, mit einer strengen Kausalit\u00e4t zugeordneten Zahlen, Denkfiguren, Umbr\u00fcchen und Techniken bzw. Technologien tats\u00e4chlich angebracht, um&nbsp;die aktuellen Ereignisse zu beschreiben?<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3054\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/181211-AndreasReckwitzHIIG_bpb5.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"337\"\/><\/p>\n<p><!--more-->In seiner Publikation \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Die_Gesellschaft_der_Singularit\u00e4ten\">Die Gesellschaft der Singularit\u00e4ten\u201c von 2017<\/a> erz\u00e4hlt <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Andreas_Reckwitz\">Reckwitz<\/a>, Soziologe an der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Europa-Universit\u00e4t_Viadrina\">Viadrina Universit\u00e4t<\/a>&nbsp;und j\u00fcngst Leibnitz-Preistr\u00e4ger, die Geschichte einer Abl\u00f6sung der Logik des Allgemeinen durch eine &nbsp;Logik des Besonderen. Hierbei handelte es sich bisher um eine philosophische Denkformel, wie sie beispielsweise <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kritik_der_Urteilskraft\">Immanuel Kant in seiner Kritik der Urteilskraft (1790)<\/a> diskutierte und die Reckwitz nun aus einer gesellschaftstheoretischen Perspektive soziologisiert, in ein zeitliches Modell \u00fcbersetzt und historischen Epochen zuordnet. W\u00e4hrend die industrielle Moderne, die er ab 1900 bis in die 1970er Jahre ansetzt, auf eine Logik des Allgemeinen ausgerichtet war, sei mit den 1970er Jahren, mit der sogenannten Sp\u00e4tmoderne, eine Z\u00e4sur zu vermerken, da seither mit einer Logik des Besonderen operiert w\u00fcrde. Diese Z\u00e4sur gehe mit dem Bedeutungswandel der Technik einher: die industriellen Techniken h\u00e4tten zu digitalisierenden Technologien gewechselt und mit ihnen entsprechend die Strukturierungsformen des Sozialen.<\/p>\n<p>Reckwitz belegt beide, von ihm beobachteten sozialen Formen mit signifikanten Formeln, einpr\u00e4gsamen Leitbegriffen und griffigen Beispielen: \u201edoing generality\u201c sei von \u201edoing singularity\u201c abgel\u00f6st, die industrielle Moderne sei von einer Standardisierung und Universalisierung gekennzeichnet (siehe die Industriest\u00e4dte, die Volksparteien, die homogenisierten Arbeitsbereiche), die Sp\u00e4tmoderne von einer Singularisierung und Einzigartigkeit (siehe die m\u00f6glichst einzigartigen Profile von Arbeitssubjekten, die Aufmerksamkeits- und Attraktivit\u00e4tsm\u00e4rkte, die \u00dcberproduktion von Kulturformaten). Dass sich Reckwitz f\u00fcr den Begriff der Singularisierung und gegen den der Individualisierung entschieden hat, ist der \u00dcberlegung geschuldet, dass sich die beobachtbaren Singularisierungspraktiken seit den 1970er Jahren nicht nur auf Subjekte beziehen, sondern auch auf Objekte, R\u00e4umlichkeiten, Zeitlichkeiten und selbst auf Kollektive. Die Singularisierungstendenzen seien also strukturbildend f\u00fcr die gesamte Gesellschaft und ihre Lebensf\u00fchrung in Form von Lebensstilen, Subjektformen, Arbeitswelten und Klassen. Der Begriff der Individualisierung h\u00e4tte aus historischen und philosophischen Gr\u00fcnden zu stark den des Einzelsubjekts fokussiert.<\/p>\n<p>Der Strukturwandel von der sozialen Logik des Allgemeine zur sozialen Logik des Besonderen, von der \u201edoing generality\u201c zur \u201edoing singularity\u201c sei von verschiedenen, miteinander verzahnten Bedingungen geleitet: erstens durch kulturelle Bedingungen (zu beobachten in einem post-romantischen Wertewandel), zweitens durch \u00f6konomische Bedingungen (zu beobachten in dem \u00dcbergang vom industriellen zum kulturellen Kapitalismus) und drittens, und hierzu f\u00fchrt Reckwitz im Folgenden umfangreich aus, durch technologische Bedingungen, konkret durch die \u201edigitale Revolution\u201c.<\/p>\n<p>In seinem Vortrag \u201e<a href=\"https:\/\/www.hiig.de\/events\/andreas-reckwitz-digitalisierung-und-gesellschaft-der-singularitaeten\/\">Digitalisierung und Gesellschaft der Singularit\u00e4ten<\/a>\u201c definiert Reckwitz zun\u00e4chst die digitalen Technologien als sich aus drei Faktoren zusammensetzend: Aus erstens dem Computing (Rechenmaschine, Algorithmen), zweitens der Digitalisierung medialer Formate (Texte, Bilder, T\u00f6ne, Spiele) und drittens der kommunikativen Vernetzung, die zur Entwicklung des Internets f\u00fchrte. Diese drei Bereiche wirk(t)en auf der Ebene der Infrastruktur im Sinne einer \u201edoing generality\u201c im Hintergrund, im Vordergrund allerdings w\u00fcrde die \u201edoing singularity\u201c operieren. Durch kulturelle wie auch maschinelle Singularisierungsprozesse entst\u00fcnden singularisierte Subjekte, singularisierte Objekte und singularisierte Kollektive: singularisierte Subjekte durch die Aufmerksamkeits\u00f6konomie des Internets, durch singularisierte und kompositorische Subjektdarstellungen in Form von Profilen, durch ein Streben nach Unverwechselbarkeit; singularisierte Objekte durch eine f\u00fcr den User ma\u00dfgeschneiderte digitale Umwelt, durch eine Softwareisierung der Objektwelt; singularisierte Kollektive durch digitale Neogemeinschaften, die sich zu bestimmten Themen und in sich abgeschlossen kollektiv stiften. Alle diese Tendenzen w\u00fcrden das Besondere und eben nicht das Allgemeine f\u00f6rdern.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3055\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/181211-AndreasReckwitzHIIG_bpb3.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"337\"\/><\/p>\n<p>Die hieraus erwachsenen Konsequenzen f\u00fcr die digitale Singularisierung seien massiv: Es sei ein Profilierungszwang der Subjekte zu beobachten, weiterhin die Erosion einer allgemeinen \u00d6ffentlichkeit z. B. durch personalisierte Nachrichten, eine Gegenwarts- und Novitit\u00e4tsorientierung mit dem Zwang zu Neuem und Au\u00dfergew\u00f6hnlichem und eine Affektkultur der Extreme, die stark mit Emotionen verbunden sei.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.tobimueller.net\">Tobi M\u00fcller<\/a>, der die abschlie\u00dfende Diskussion zwischen Reckwitz, Hofmann und Kr\u00fcger, zu sp\u00e4terer Stunde auch inklusive dem anwesenden Publikum und den Twitter-Beteiligungen moderierte, bat, sich auf drei Aspekte zu konzentrieren: auf die Singularisierung als Effekt der Digitalisierung (mit der Frage, ob hier wirklich Kausalit\u00e4ten existieren), auf die Krise des Politischen (mit der Frage, ob wir wirklich von einer Krise des Politischen sprechen k\u00f6nnen) und auf M\u00f6glichkeiten der Agency, also der Handlungsm\u00f6glichkeiten. Denn: Ist eine Emphase f\u00fcr Singularisierungen nicht auch schon in der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Romantik\">Romantik<\/a>, also um 1800 zu beobachten, eine Phase, in der Selbstverwirklichung, Originalit\u00e4t, Einzigartigkeit, Authentizit\u00e4t Hochkonjunktur hatten? Und hat nicht auch der Buchdruck Singularisierung gef\u00f6rdert? Und f\u00f6rdert <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Das_Kunstwerk_im_Zeitalter_seiner_technischen_Reproduzierbarkeit\">mit Walter Benjamin<\/a> die Reproduzierbarkeit nicht eher den Auraverlust statt die Singularisierung? Und sind nicht aktuell eher umfangreiche Verwerfungen auch im Privaten durch eine Re-Politisierung zu beobachten? Und vertreten nicht Ph\u00e4nomene wie das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/B\u00fcrgergeld\">Grundeinkommen<\/a> oder die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gelbwestenbewegung\">Gelbwestenbewegung<\/a> in Frankreich allgemeine Forderungen im Interesse einer Allgemeinheit? Und lassen sich die neuen Kulturalisierungsph\u00e4nomene tats\u00e4chlich mit den alten Begriffen (analog, digital, links, rechts) vermessen? Und sind die eigentlichen Affekte nicht eher im Kollektiven zu sehen, statt an Singularit\u00e4ten gekoppelt? Und handelt es sich hinsichtlich der Algorithmen nicht vielmehr um eine Personalisierung statt um ein Singularisieren (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mikrotargeting\">Microtargeting<\/a>)? Und empowern sich nicht gerade diejenigen, die aus der vorherrschenden Logik zwar herausgefallen sind, aber nun wieder in die politische Arena eintreten? Und ist tats\u00e4chlich die Digitalisierung als Leitursache auszumachen oder handelt es sich nicht vielmehr um einen umfassenderen Komplex der Verursachungen? Viele Fragen und Einw\u00e4nde tauchten auf, die Jeanette Hofmann vom HIIG mit der Beobachtung zusammenfasste, dass Reckwitz\u2019 Publikation zur permanenten Suche nach Gegenbeispielen regelrecht zwinge, was Reckwitz einr\u00e4umte.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3056\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/181211-AndreasReckwitzHIIG_bpb1.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"337\"\/><\/p>\n<p>M\u00fcllers finale Frage nach der Agency und unseren M\u00f6glichkeiten, die Negativeffekte der Digitalisierung eingeschr\u00e4nkt zu halten, beantworteten die drei PodiumsteilnehmerInnen mit kurzen und knappen Stellungnahmen: Reckwitz warnte, nicht in einen Technikdeterminismus zu verfallen und stellte fest, dass zumindest die Wissenschaft keine Agency in Gang setze. Dabei w\u00fcrden der Populismus, die Identit\u00e4ren und die gelben Westen beweisen, dass Agency nicht voraussehbar sei. Kr\u00fcger wies auf die Br\u00fcchigkeit des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Beutelsbacher_Konsens\">Beutelsbacher Konsens\u2019,<\/a> den Grunds\u00e4tzen der bpb f\u00fcr die politische Bildung hin: Das \u00dcberw\u00e4ltigungsverbot von Lehrenden gegen\u00fcber Sch\u00fclern k\u00e4me wie insgesamt die Disziplin der politischen Bildung aus einer Tradition, die die Emotionen (noch) nicht ber\u00fccksichtigte. Diese seien nun aber gerade aktuell die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung. Hofmann sieht in einer Rechenschaftspflicht von Unternehmen hinsichtlich der Logiken der von ihnen eingesetzten Algorithmen, eine M\u00f6glichkeit, insbesondere die Generierung von Emotionalit\u00e4ten weiter beobachten zu k\u00f6nnen. Ausserdem wies sie auf eine erforderliche Sensibilit\u00e4t f\u00fcr sog.<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Wedge_issue\"> Wedge Issues<\/a> hin, immanent polarisierende Themen, die inhaltlich nicht selten \u00fcberfl\u00fcssig sind, aber sozial spalten.<\/p>\n<p>Die Redenreihe des HIIG und der bpb &#8222;<a href=\"https:\/\/www.hiig.de\/making-sense-of-the-digital-society\/\">Making Sense of the Digital Society<\/a>&#8220; &nbsp;wird 2019 fortgesetzt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/c3c1d6f630f64395bf95d50bf803f374\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob hier nicht eher eine paradoxale Logik vorliege und eben gerade nicht die lineare Abl\u00f6sung einer Logik durch eine andere, fragte Jeanette Hofmann Andreas Reckwitz im Anschluss an seinen Vortrag zu seiner aktuellen Ver\u00f6ffentlichung \u201eDie Gesellschaft der Singularisierung\u201c von 2017. 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