{"id":3018,"date":"2018-09-20T17:19:09","date_gmt":"2018-09-20T16:19:09","guid":{"rendered":"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=3018"},"modified":"2021-06-16T13:54:35","modified_gmt":"2021-06-16T12:54:35","slug":"drei-szenen-einer-ton-bild-relation-schuesse-anklagen-und-anbetungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=3018","title":{"rendered":"Drei Szenen einer Ton-Bild-Relation: Sch\u00fcsse, Anklagen und Anbetungen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein narrativer Ton, technisch (und institutionell) zu einer plastischen Ambient-Installation geformt<\/strong><br \/>\nI. Mittwoch, 12.9.2018, <a href=\"http:\/\/www.galerieweisserelefant.de\">Galerie Weisser Elefant<\/a>, Auguststr. 21, Berlin: Der De-Konzept-K\u00fcnstler und Theoretiker <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stefan_R\u00f6mer\">Stefan R\u00f6mer<\/a>&nbsp;geht mit seiner <a href=\"http:\/\/www.galerieweisserelefant.de\/?page_id=1711\">Performance \u201eSix Gun Shots \/ Sechs Sch\u00fcsse\u201c<\/a> ins akustische Innere von sechs Sch\u00fcssen. Im abgedunkelten Galerieraum in der ersten Etage eines Altbaus in Berlin Mitte sitzt R\u00f6mer, von einer Projektion in seinem R\u00fccken angeleuchtet, frontal zum Publikum an einem Tisch, vor ihm einige wenige, miteinander verkabelte und verschaltete, beim Einsatz blinkende Synthesizer der Marke <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Moog-Synthesizer\">Moog<\/a>, die R\u00f6mer w\u00e4hrend der Performance \u00fcber Regler steuert. Eingangs erklingen sechs T\u00f6ne, sechs Sch\u00fcsse, wie ein kurzer Text schwarz auf weiss auf die Galeriewand projiziert und schon der Titel der Performance informiert hat. Sechs Sch\u00fcsse, die R\u00f6mer an einem fr\u00fchen Morgen im Winter 2006 in M\u00fcnchen weckten und die zwei Personen t\u00f6teten \u2013 ob von R\u00f6mer beobachtet, sp\u00e4ter erfahren oder erdacht, bleibt hier (ohne weitere Informationen) im Unbestimmten. Die kurze textliche Information zur M\u00fcnchner Story wird angereichert mit kunst- bzw. soundhistorischen Referenzen auf den US-amerikanischen Komponisten <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/La_Monte_Young\">La Monte Young<\/a> und den US-amerikanischen K\u00fcnstler <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/John_Cage\">John Cage<\/a> sowie mit kunst- und medientheoretischen Fragen wie: \u201eWhat does the interior of a shot sound like?\u201c<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>R\u00f6mer nimmt jeden einzelnen der sechs unterschiedlich klingenden Sch\u00fcsse, genauer der sechs T\u00f6ne als Audiosignal und erzeugt mit den Synthesizern eine akustische und hieraus folgend auch eine r\u00e4umliche Situation von jeweils 5 Minuten: Mit Oszillatoren und Filtern der Hardware formt R\u00f6mer Klangeffekte, die verstimmt, verformt, gedehnt und verzerrt wirken, die oszillieren, vibrieren und rauschen, die als Vibrato und in unterschiedlichen Frequenzh\u00f6hen auftreten, unwiederholbar, da nicht speicherbar sind und garantiert sechs unterschiedliche \u201einteriors\u201c kreieren. Als Forschungsobjekt (\u201eWhat does the interior of a shot sound like?\u201c) erh\u00e4lt jeder der sechs T\u00f6ne eine tempor\u00e4re und performative Originalit\u00e4t und Einzigartigkeit, denen die&nbsp;auf dem Boden sitzenden, lauschenden, kontemplativ versunkenden Zuh\u00f6rerInnen und ZuschauerInnen nachsinnen. Ob sie wissen, dass die sechs, die Komposition referenzierenden Sch\u00fcsse eine Frau und einen Mann t\u00f6teten, eine vierj\u00e4hrige Tochter einen Lungendurchschuss \u00fcberlebte und R\u00f6mer mit der Performance versucht, der Frage nachzugehen, ob und wie Sch\u00fcsse (etwa mit einer Reverse-Schaltung) akustisch r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht werden k\u00f6nnen und welchen Anteil hieran insbesondere der Nachhall hat? Eine f\u00fcr trauma- bzw. psychotherapeutische Arbeitsverfahren \u00fcberaus wertvolle und f\u00f6rderliche \u00dcberlegung.<\/p>\n<p>Der wenige projizierte Text wird in einer Dauerschleife von f\u00fcnf, sechs Folien wie ein Sample als Loop wiederholt und ist mit einer eigenen Zeitdauer ausgestattet, so dass die Zeitachse Bild und Ton nicht synchron zueinander abgestimmt sind, sich aus den Unterschieden verschiedene und einander vorandr\u00e4ngende Zeiten formen. R\u00f6mer, schwarz gekleidet und von Lautsprecherboxen gerahmt, steuert dazu konzentriert, aber nicht extrovertiert die Technik, die zwischen ihm und dem Publikum aufgebaut ist. Im Habitus und Understatement eines Tonmeisters performiert er eine Audiosituation, generiert aber im Zusammenspiel mit dem Frame der bildenden Kunst eine drei\u00dfigmin\u00fctige Plastik, vielleicht auch eher eine plastische Ambient-Installation, wenn er auditiv sechs Sch\u00fcsse hintereinander auf akustische Einzelbestandteile dekonstruiert.<\/p>\n<p><strong>Episches Bewegtbild, unter Kronleuchtern durch (Neue) Musik verfremdet<\/strong><br \/>\nII. Freitag, 14.9.2018, <a href=\"https:\/\/www.konzerthaus.de\/de\/\">Konzerthaus Berlin, Gendarmenmarkt<\/a>: Das <a href=\"https:\/\/www.rsb-online.de\">Rundfunk-Sinfonieorchester<\/a> unter Leitung von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Frank_Strobel\">Frank Strobel<\/a> spielt vor gro\u00dfer Kulissen unter opulenten Kronleuchtern des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Schauspielhaus_Berlin#Konzerthaus_Berlin\">Schinkelbaus<\/a> zu dem Stummfilm \u201eJ\u2019accuse\u201c (\u201eIch klage an\u201c) von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Abel_Gance\">Abel Gance<\/a> (1919) die Filmvertonung von <a href=\"https:\/\/fr.wikipedia.org\/wiki\/Philippe_Schoeller\">Philippe Schoeller<\/a> f\u00fcr gro\u00dfes Orchester und Live-Elektronik aus dem Jahr 2014 . <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ich_klage_an_(1919)\">\u201eJ\u2019accuse\u201c<\/a> &nbsp;erz\u00e4hlt eine Dreiecksgeschichte, die durch den Ersten Weltkrieg in einen politischen Frame gesetzt wird: Die zun\u00e4chst klare Pro- und Antagonistenanordnung der Vorkriegszeit (der gute, friedfertige Poet Jean, der b\u00f6se, gewaltt\u00e4tige J\u00e4ger Francoise, die heilige, passiv geduldige Ehefrau Edith) wandelt sich im Verlauf der (bei 19 fsc) 166 Minuten und 3525 Meter Schwarz-Weiss-Film (mit blau-, gr\u00fcn-, violett-, gelb-, orange- und rot-gef\u00e4rbten Einzelszenen, die durch f\u00fcnf, zur Rekonstruktion herangezogenen Kopien zu erkl\u00e4ren sind). Durch moralische Verwicklungen und Verstrickungen, einer an der Front geschlossenen M\u00e4nnerfreundschaft, Charakterver\u00e4nderungen, einer psychischen Erkrankung und Schuldheftigkeiten entsteht eine komplexere und weniger plakative Schwarz-Weiss-Konstellation, die alle Beteiligten zu gest\u00e4ndigen Komplizen oder reflektierten Schuldigen werden l\u00e4sst, aber dennoch im melodramatischen Desaster eines j\u00fcngsten Gerichts enden. Das M\u00e4andernde der Handlung mag damit zu tun haben, dass es sich wohl zun\u00e4chst um einen Rekrutierungsfilm f\u00fcr die franz\u00f6sische Armee gehandelt haben soll, die Geschichte&nbsp; dann 1922 gek\u00fcrzt und 1938 mit einer Tonversion erneut umgeschnitten wurde, so dass heute von dem \u201eersten Anti-Kriegsfilm\u201c die Rede ist.<\/p>\n<p>Abels Film ist in Aufbau und Zielsetzung ein <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Episches_Theater\">episches Theater<\/a> (ein Begriff, der erst 1926 von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bertolt_Brecht\">Bertolt Brecht<\/a> verwendet werden sollte): Durch Verfremdungen, Desillusionierungen, St\u00f6rungen, Ein- und \u00dcberblendungen sollen offensichtlich Lerneffekte beim Publikum in Gang gesetzt werden. Der Plot wird regelm\u00e4\u00dfig durch eine direkte bildliche Ansprache an das Publikum &nbsp;(\u201eJ\u2019accuse\u201c als Kreideschrift, \u201eJ\u2019accuse\u201c in Jugendstilbuchstabe aus gefesselten, nackten Frauenk\u00f6rpern geformt, \u201eJ\u2019accuse\u201c formiert aus Soldatenk\u00f6rpern auf dem Schlachtfeld, \u2026), durch schriftliche Zitate aus Soldatenbriefen oder bildliche Allegorien unterbrochen. Es klagen an: der pazifistische und sich sp\u00e4ter kriegsverpflichtende Poet, das unschuldige, in einer Vergewaltigung gezeugte Kleinkind, Untote des Krieges, die keinen Sinn in ihrem Tod finden, reigentanzende Skelette im&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Totentanz\">Totentanz<\/a>. Die cineastische Vertonung des franz\u00f6sischen Komponisten Philippe Schoeller (Jhg. 1957) durch ein gro\u00dfes Sinfonieorchester mit Live-Elektronik setzt kontrastierend zu den moralischen Schwarz-Weiss-Bildern (und analog zum Konzept des epischen Theaters) Zersplitterungen auf klanglicher, harmonischer, melodischer und rhythmischer Ebene dagegen. Ihr gelingt, das Expressive, Surrealistische und Dadaistische der Bilder durch Bildmotive, Bildkompositionen, kontrastreiche Beleuchtungen, Schauspiel, Licht- und Schattenbildungen (aus 1919) vornehmlich mit Mitteln der Neuen Musik (aus 2014) herauszuarbeiten. Mit orchestral-sinfonischer Begleitung, elektronischen Effekten und Zusatzger\u00e4uschen eines virtuellen Chors (<a href=\"http:\/\/gilbertnouno.net\">Gilbert Nouno <\/a>an den Reglern) wird das tonale System nicht selten bis zur Atonalit\u00e4t aufgel\u00f6st, es entstehen mitunter extreme Tonlagen, dynamische Gegens\u00e4tze, freie Rhythmen und neuartige Instrumentationen (allein acht Percussionisten spielen die Pauken und das sehr differenzierte Schlagwerk). Der Ton hier wird durch Variationen der Erweiterung in seinen Einzelbestandteilen Lautst\u00e4rke, Dauer, Frequenz, Spannung und Instrumentation situativ hergestellt. Die Formschemata sind dabei nicht an die Bilder und deren Schnitte gebunden, sondern stellen Asymmetrien zwischen Bild und Ton her. Die Asymmetrien im Ton laufen gegen die Vielzahl der Symmetrien im Bild (Kreuzigungsposen, Triptychen, Altarbilder, Totentanz \u2026) und bleiben in nicht moralisierendem oder kommentierendem, respektvollem Abstand zum Film.<\/p>\n<p>\u201eJ\u2019accuse\u201c ist vermutlich einer der ersten Filme, der mit Dokumentaraufnahmen ausgestattet ist: Zu sehen sind eine Siegesparade am <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arc_de_Triomphe_de_l\u2019\u00c9toile\">Pariser Arc de Triomphe<\/a>, Dreharbeiten fanden zwischen August 1918 bis M\u00e4rz 1919 der 28. Division der amerikanischen Armee auf den Schlachtfeldern von St. Michiel und Hatton-Chatel nahe Verdun statt. Mit 2 000 Soldaten, die etwas sp\u00e4ter in der Schlacht ihr Leben lassen sollten, drehte Gance Jeans finale Vision von der Wiederauferstehung der Toten und ihrer Konfrontation der \u00dcberlebenden mit der eindringlichen Frage, welchen Sinn ihr Tod haben wird. Die Filmmusik, die zum 100. Jahrestag des Ausbruch des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erster_Weltkrieg\">Ersten Weltkriegs<\/a> von ZDF\/ARTE in Auftrag gegeben wurde, wird nun zum 100. Jahrestag der Beendigung des Ersten Weltkriegs in einem der franz\u00f6sischen Revolutionsarchitektur verwandten klassizistischen Haus in Berlin einem Publikum pr\u00e4sentiert, das nicht gemahnt oder \u00fcberzeugt werden muss. Der Ort der preu\u00dfischen Aufkl\u00e4rung erweitert dabei das akustische und cinematografische Werk um eine szenische, theatrale und politisch-installative Dimension und kontextualisiert zusammen mit dem Anlass des 100. Jahrestages des Ende des Ersten Weltkriegs den Film unmissverst\u00e4ndlich als einen Antikriegsfilm.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3033\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2018_Jaccuse_RSB-1.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"450\"\/><em>J\u2019accuse, Rundfunk-Sinfonieorchester unter Leitung von Frank Strobel, 2018, \u00a9 RSB.<\/em><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-3021\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2018_Jaccuse_LobsterFilms.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"441\"\/>J\u2019accuse,&nbsp;Abel Gance, 1919, \u00a9 Lobster Film.<\/p>\n<p><strong>Algorithmus f\u00fcr Ton und Bild\u00fcbersetzung, ins Intermedi\u00e4re und Interrelationale getunt<\/strong><strong>&nbsp;<\/strong><br \/>\nIII. Dienstag, 18.9.2018, <a href=\"https:\/\/www.berliner-philharmoniker.de\">Philharmonie Berlin<\/a>, Kulturforum: Das Orchester der <a href=\"https:\/\/www.lucernefestival.ch\/de\/lucerne-festival-academy\">Lucerne Festival Academy<\/a> spielt unter Leitung von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/P\u00e9ter_E\u00f6tv\u00f6s\">Peter E\u00f6tv\u00f6s<\/a> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karlheinz_Stockhausen\">Karlheinz Stockhausens<\/a> \u201eINORI. Anbetungen f\u00fcr zwei T\u00e4nzermimen und gro\u00dfes Orchester\u201c aus 1973\/74. Seinerzeit von den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Donaueschinger_Musiktage\">Donaueschinger Musiktagen<\/a> in Auftrag gegeben liest sich die Partitur und <a href=\"http:\/\/www.karlheinzstockhausen.org\/inori_german.htm\">Stockhausens Anweisungen<\/a> wie ein Algorithmus: dass die ersten Spieler jeder Gruppe (also der Konzertmeister, die 1. Geiger der Violinen, der Celli, der Kontrab\u00e4sse) am B\u00fchnenrand zu sitzen haben, da sich damit die dynamischen Skalen im Raum entsprechend gestalten, dass 13 Tonh\u00f6hen, 13 Tempi (mit exakten Metronomangaben von MM 47.5 bis 101), 13 Lautst\u00e4rken, 13 Klangfarben existieren, die ihrerseits von 13 Gebetsgesten von sog. T\u00e4nzermimen in einem ausdifferenzierten Bewegungsvokabular vorgetragen werden, dass das Werk durch 5 Abschnitte gegliedert ist, die 12, 15, 6, 9 und 18 Minuten, zusammengenommen also gut 60 Minuten dauern. Dabei startet das Werk mit dem Ton G (G wie Gott), der in der ersten H\u00e4lfte des St\u00fccks dauerhaft wiederholt wird, um von da aus allm\u00e4hlich eine zarte Melodie aus 13 T\u00f6nen zu entwickeln und in den 5 Abschnitten durch den Rhythmus, die Lautst\u00e4rke, die Melodie, die Harmonie und die Polyphonie zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Neben der genauen Sitzanweisung f\u00fcr die 89 Musiker des gro\u00dfen Orchesters (so ist das Schlagwerk so angeordnet, dass hinten rechts die h\u00f6chsten Metallinstrumente klingen, direkt vor dem Dirigenten diejenigen in der Mittellage und hinten links die der tiefen Lage, mit Klangplatten eingehaust) weist Stockhausen eine gestische \u00dcbersetzung von T\u00f6nen, Tempi, Lautst\u00e4rken und Klangfarben coram publico an: \u201eEine Geste in der Herzgegend direkt vor der Brust mit geschlossenen H\u00e4nden entspricht der mittleren Tonh\u00f6he G, der Lautst\u00e4rke pianissimo und der l\u00e4ngsten Dauer.\u201c In der Philharmonie \u00fcbernehmen zwei Mimen, eine weibliche, eine m\u00e4nnliche, eine hell, eine &nbsp;dunkel gekleidete Person (<a href=\"https:\/\/www.berlinerfestspiele.de\/de\/aktuell\/festivals\/berlinerfestspiele\/archiv_bfs\/kuenstler_bfs\/kuenstler_detail_bfs_266262.php\">Winnie Huang&nbsp;<\/a>und &nbsp;<a href=\"https:\/\/www.berlinerfestspiele.de\/de\/aktuell\/festivals\/berlinerfestspiele\/archiv_bfs\/kuenstler_bfs\/kuenstler_detail_bfs_266263.php\">Diego V\u00e1squez<\/a>) die \u00dcbersetzungsleistung der akustischen in eine visuelle Dimension \u2013 beide Figuren werden durch unterhalb angeordnete Scheinwerfer an der Decke der Philharmonie als Schatten zus\u00e4tzlich vervierfacht. Auf einer \u00fcber den japanischen RIN (Metalltassen, die in Tempelzeremonien eingesetzt werden) angeordneten schwebenden Plattform und in unmittelbarer N\u00e4he zum Dirigenten falten sie &#8211; jede\/r f\u00fcr sich und synchron zu den Kl\u00e4ngen &#8211; die H\u00e4nde, legen die Handfl\u00e4chen vor das Gesicht, ber\u00fchren Daumen und Zeigefinger, kreuzen ihre H\u00e4nde vor der Brust, legen eine Hand ans Ohr oder vor das Herz, verschr\u00e4nken die Arme vor dem Oberk\u00f6rper.<\/p>\n<p>Angereichert mit Blick-, Kopf-, Ober- und Unterk\u00f6rperbewegungen entsteht ein dynamisches Codierungssystem zwischen videre und audire, von dem anhand der Partitur f\u00fcr die Orchester- wie auch f\u00fcr die Beterstimmen zun\u00e4chst anzunehmen w\u00e4re, dass es ein zerkl\u00fcftetes, spr\u00f6des, technokratisches und rezeptionsst\u00f6rrisches Gesamtergebnis hervorbringe. Hinzu kommt die \u00dcberlieferung von MusikerInnen, dass die Einstudierung des Werks einige Zeit beanspruche und nicht sehr freudvoll sei. Stattdessen entsteht ein beinahe sinfonischer Flow, der Klang-Assoziationen (z. B. an Gustav Mahler) in Gang setzt, es deuten sich Opern-F\u00fclle und Klang-Opulenz an, eine Raum-Performanz-Musik oder auch eine Musik-Raum-Performanz oder auch ein Musik-Performanz-Raum entstehen, die auf die Interrelationen zwischen den sich im Einsatz befindlichen Gr\u00f6\u00dfen hindr\u00e4ngen. Dar\u00fcber hinaus greift Stockhausen mit seiner Komposition in Zwischenr\u00e4ume und bringt das, was hier passiert, in eine Form. Hintergrund (akustischer, architektonischer, performativer, Licht-Raum), Zwischenraum (intermedi\u00e4r zwischen audio und video) und Rahmen (Algorithmus) werden hier zu einem Ereignis geclustert, das gleicherma\u00dfen die Einzelbestandteile wie etwa die Zusammensetzung eines Tons herausstellt. Diese Komposition steht in einem zeitlichen und konzeptionellen Konnex mit Werken der bildenden Kunst, die Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre etwa von John Cage, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Yoko_Ono\">Yoko Ono<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sol_LeWitt\">Sol LeWitt<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lawrence_Weiner\">Lawrence Weiner<\/a> entstanden, oder auch mit dem Kalk\u00fcl von George Spencer-Brown, der mit \u201eLaws of Form\u201c 1969 eine Partitur vorlegte, wie eine Form herzustellen sei. Auch wenn \u201eInori\u201c nicht selten aufgrund dessen \u00dcbersetzung als \u201eGebet\u201c und der liturgischen und gestischen Elemente aus der Praxis verschiedener Religionen als eine &#8222;religi\u00f6se Komposition&#8220; rezipiert wird, ist hier nicht weniger der Anteil der technischen Anweisungen zu registrieren, so dass Stockhausens Komposition doch vielmehr auf einen Inter- und im Folgenden auf einen Trans-Aspekt als Verfahren hinarbeitet und hinweist.<\/p>\n<figure id=\"attachment_3029\" aria-describedby=\"caption-attachment-3029\" style=\"width: 600px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-3029\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2018_Inori-1.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"400\"\/><figcaption id=\"caption-attachment-3029\" class=\"wp-caption-text\">INORI, Orchester der Lucerne Festival Academy, Peter E\u00f6tv\u00f6s, Diego Vasquez, Winnie Huang, 2018,&nbsp;\u00a9 Adam Janisch.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Drei Abend, zwei davon im Rahmen des diesj\u00e4hrigen <a href=\"https:\/\/www.berlinerfestspiele.de\/de\/aktuell\/festivals\/musikfest_berlin\/ueber_festival_mfb\/aktuell_mfb\/start.php\">Musikfests Berlin<\/a>, kreieren verschiedene Ton-Bild-Relationskonzepte: Narrativ gehaltene, plastisch geformte Sch\u00fcsse, unterschiedlich bildhafte \u201eIch klage an!\u201c in einem orchestral vertonten Stummfilm und einer Aufkl\u00e4rungsarchitektur, exakte Vergestlichung von T\u00f6nen und ihrer Tempi, Lautst\u00e4rken und Klangfarben werden in actu und in situ hergestellt, hier wird geschossen, angeklagt und angebetet, obwohl nicht geschossen, angeklagt und angebetet wird. Sprechakttheorien, Repr\u00e4sentationskritik, Performanz- und Medientheorien k\u00f6nnten im Weiteren die Unterschiede herausarbeiten und dabei die eingearbeiteten, je unterschiedlich ausfallenden Hierarchien oder Heterarchien zwischen Ton und Bild benennen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/02492b873d9d41c1a905e19a7eddfb1d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein narrativer Ton, technisch (und institutionell) zu einer plastischen Ambient-Installation geformt I. Mittwoch, 12.9.2018, Galerie Weisser Elefant, Auguststr. 21, Berlin: Der De-Konzept-K\u00fcnstler und Theoretiker Stefan R\u00f6mer&nbsp;geht mit seiner Performance \u201eSix Gun Shots \/ Sechs Sch\u00fcsse\u201c ins akustische Innere von sechs Sch\u00fcssen. 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