{"id":2896,"date":"2018-04-30T07:23:43","date_gmt":"2018-04-30T06:23:43","guid":{"rendered":"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=2896"},"modified":"2021-06-16T14:05:09","modified_gmt":"2021-06-16T13:05:09","slug":"uebersetzungen-von-poesie-in-musik-in-tanz-in-sozialen-raum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=2896","title":{"rendered":"\u00dcbersetzungen von Poesie in Musik in Tanz in sozialen Raum"},"content":{"rendered":"<p>Was passiert, wenn Lyrik von Richard Dehmel (1), vertont von Sch\u00f6nberg, Strauss und Sibelius (2), kammermusikalisch (3) im Berliner Landgericht (4) zur Auff\u00fchrung gebracht und in zeitgen\u00f6ssischen Tanz (5) \u00fcbersetzt wird? Es entstehen Situationen (6), die an Tino Sehgals Perzeptionsexperimente erinnern, mit denen sich das Publikum den ihm zur Verf\u00fcgung gestellten Zwischenraum (Landgericht, Auff\u00fchrungsraum, Kunstraum) in einen sozialen Raum \u00fcbersetzt. Im Detail:<\/p>\n<p>\u201eIst denn Alles tot und tr\u00fcbe? Horch \u2013: ein ferner Mund \u2013: vom Dom \u2013 Glockench\u00f6re \u2026 Nacht \u2026 Und Liebe \u2026\u201c. Die Lyrik des promovierten Wirtschaftswissenschaftlers <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Richard_Dehmel\">Richard Dehmel <\/a>(1863 bis 1920) ist von existentiellen Themen gepr\u00e4gt. Fasziniert von Liebe, Nacht, Tod, Sturm, Licht, Glut, Lust und Dunkelheit entstanden in der Zeit von 1891 bis zum Ersten Weltkrieg eine <a href=\"http:\/\/www.richard-dehmel.de\/rdehmel\/richard%20dehmel\/texte.html\">Vielzahl<\/a> von Lyriksammlungen und Dramen, Kinderreimen und Kinderb\u00fcchern (gemeinsam mit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Paula_Dehmel\">Paula Oppenheimer-Dehmel<\/a>) sowie ein Roman in Versen (Zwei Menschen, 1903). Neben der dramatischen Themenausrichtung, die insbesondere die expressionistische Dichtung beeinflussen sollte, regte das musikalische Prinzip seiner Lyrik, der innere Rhythmus, die Metrik, der Wortklang und die Silbendauer eine Vielzahl von Zeitgenossen an, Dehmels Poesien in Musik zu \u00fcbersetzen. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Richard_Strauss\">Richard Strauss<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Frederick_Delius\">Frederick Delius<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Max_Reger\">Max Reger<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jean_Sibelius\">Jean Sibelius<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hermann_Zilcher\">Hermann Zilcher<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Anton_Webern\">Anton Webern<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hans_Pfitzner\">Hans Pfitzner<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arnold_Bax\">Arnold Bax<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karol_Szymanowski\">Karol Szymanowski<\/a>&nbsp;\u2013 Zeitgenossen von Dehmel und in den 1860er, 1870er und 1880er Jahren geboren\u2013 vertonten Dehmels Lyrik zu Liedkompositionen,&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arnold_Sch\u00f6nberg\">Arnold Sch\u00f6nberg <\/a>wurde 1899 von Dehmels Epos \u201eZwei Menschen. Roman in Romanzen\u201c zu dem Streichsextett <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Verkl\u00e4rte_Nacht\">\u201eVerkl\u00e4rte Nacht\u201c op. 4<\/a> angeregt und auch <a href=\"http:\/\/www.sheridan-ensemble.com\/philip\/\">Philip Mayers<\/a>, Pianist und k\u00fcnstlerischer Leiter des Abends, komponierte zu den Texten Dehmels (Am Ufer, Manche Nacht, N\u00e4chtliche Scheu, Aufglanz) unter dem Titel \u201eN\u00e4chtens\u201c ein Arrangement f\u00fcr Sopran (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Anja_Petersen\">Anja Petersen<\/a>), Violine (<a href=\"http:\/\/www.muk.ac.at\/studienangebot\/lehrende\/details\/henja-semmler.html\">Henja Semmler<\/a>) und ein Violincello (<a href=\"http:\/\/www.annacarewe.com\">Anna Carewe<\/a>), das an diesem Abend zur Urauff\u00fchrung kam.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2898\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2018_RIA_LGBerlin1.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"337\"\/><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Dieser Abend, bei dem es sich um ein weiteres Konzert im Rahmen der ForumKonzerte handelte, die der RIAS Kammerchor <a href=\"http:\/\/mailings.rias-kammerchor.de\/html_mail.jsp?params=34985+presse%40rias-kammerchor.de+0+00005yq0000he0000000000pzpr5b762+Z5CLAO7FSVOLQ\">\u201egemeinsam mit Freunden und F\u00f6rderer\u201c<\/a> veranstaltet, fand am 26. April 2018 im <a href=\"https:\/\/service.berlin.de\/standort\/327645\">Berliner Landgerichtsgeb\u00e4ude in der Littenstra\u00dfe<\/a> statt, das um die Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert, 1896 bis 1904, also als zeitgen\u00f6ssische Architektur Dehmels und der meisten Komponisten, als \u201eK\u00f6nigliches Land- und Amtsgericht\u201c nach einem Entwurf von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Paul_Thoemer\">Paul Thoemer<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Rudolf_M\u00f6nnich\">Rudolf M\u00f6nnich<\/a> <a href=\"https:\/\/www.berlin.de\/gerichte\/landgericht\/das-gericht\/wir-ueber-uns\/historisches\/artikel.531437.php\">gebaut<\/a> wurde. Die f\u00fcnfachsige und einige Hundert Meter lange Hauptfassade zur Littenstra\u00dfe wird durch die 30,5 Meter hohe gew\u00f6lbte <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gesch\u00e4ftsgeb\u00e4ude_f\u00fcr_die_Zivilabteilungen_des_Landgerichts_Berlin_I_und_des_Amtsgerichts_Berlin_I\">Eingangshalle<\/a> akzentuiert, in der das ForumKonzert stattfand. Die 30 Meter hohe Halle, die durch schlanke, profilierte Pfeiler, emporenartige Umg\u00e4nge mit Balkonen, das Gew\u00f6lbe und die Zwillingstreppen strukturiert wird, ist mit Ornamenten \u00fcberf\u00fcllt, die <a href=\"http:\/\/www.stadtentwicklung.berlin.de\/denkmal\/liste_karte_datenbank\/de\/denkmaldatenbank\/daobj.php?obj_dok_nr=09011278\">Otto Schmalz zuzuschreiben sind<\/a>: ein ovaler Grundriss, ein kleeblattf\u00f6rmiges Gew\u00f6lbe, zwei schwingende doppell\u00e4ufige Wendeltreppen, farbige Pfeilerbemalungen, roter und gr\u00fcner Sandstein, goldene Wandintarsien, Kapitellverzierungen, Voutendecken, ornamentales Metallgel\u00e4nder, durchmusterter Fliesenboden.&nbsp;Hier sind architektonische Referenzen an Gotik, Barock, Rokoko und Jugendstil in einer <a href=\"http:\/\/www.stadtentwicklung.berlin.de\/denkmal\/liste_karte_datenbank\/de\/denkmaldatenbank\/daobj.php?obj_dok_nr=09011278\">\u201eder bedeutendsten Raumsch\u00f6pfungen dieser Zeit in Berlin\u201c<\/a> kombiniert.<\/p>\n<p>Hier erklangen auch der erst\u00fcrmende und dr\u00e4ngende Sopran von Anja Petersen und der strahlende und klagende Tenor von <a href=\"https:\/\/www.rias-kammerchor.de\/ueber-uns\/chormitglieder\/tenor\/hong\/index_ger.html\">Minsub Hong<\/a>, hier ert\u00f6nte der Widerhall der T\u00f6ne von Klavier, Violine und Violoncello des <a href=\"http:\/\/www.sheridan-ensemble.com\">Sheridan Ensembles<\/a>, hier tanzte das Duo <a href=\"https:\/\/de-de.facebook.com\/sveadance\">SVEA Dance<\/a> (Lea Hladka und Sven Gettkant) und f\u00fcgte mit ihrem zeitgen\u00f6ssischen Tanz nicht nur eine weitere Kunst- und \u00dcbersetzungsform, sondern auch eine weitere Zeitachse hinzu. Die Choreografien orientierten sich dabei sowohl an den Texten Dehmels und den musikalischen Kompositionen als auch an dem Raum und waren dann am st\u00e4rksten, wenn sie sich nicht einem Tanzstil verschrieben, sondern mit den Faktoren Raum, Gesang und Musik korrespondierten und diese narrativ und konzeptuell verdichteten \u2013 sie somit eine choreografische Variante der Konzeptkunst zeigten. So stand im Mittelteil des Abends Sch\u00f6nbergs \u201eVerkl\u00e4rte Nacht\u201c op. 4, die Schicksalserz\u00e4hlung eines Paares, in einer Bearbeitung f\u00fcr Violine, Violoncello und Klavier von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eduard_Steuermann\">Eduard Steuermann<\/a>. Zu dieser textlosen Komposition (von Dehmel inspiriert) durchtanzten Lea Hladka und Sven Gettkant die Eingangshalle auf engstem und auf weitem Raum (wunderbar klug und sensibel, dass sich hierf\u00fcr die MusikerInnen aus der Symmetrieachse der Halle verr\u00fccken lie\u00dfen und damit auch den Mosaikfu\u00dfboden freigaben) und scheuten sich nicht vor klassischen Hebefiguren, Spr\u00fcngen und Drehungen des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Pas_de_deux\">Pas de deux<\/a>. Hladka und Gettkant <a href=\"https:\/\/vimeo.com\/255028122\">kombinierten<\/a> das klassische Ballett mit der abstrahierenden, improvisierenden, experimentellen und scheinbar zuf\u00e4lligen K\u00f6rpersprache des modernen Ausdruckstanzes und fanden ihre Zeitgenossenschaft in den offenen Ausg\u00e4ngen, abrupten Abbr\u00fcchen, Unsicherheiten, Anziehungen und Absto\u00dfungen. Das kunsthandwerklich dekorative Treppengel\u00e4nder ertanzten sie sich auf einer der oberen Empore zu Dehmels Zeilen: <a href=\"https:\/\/www.zgedichte.de\/gedichte\/richard-dehmel\/erhebung.html\">\u201eGib mir deine Hand, nur den Finger, dann seh ich diesen ganzen Erdkreis als mein Eigen an!\u201c<\/a> &nbsp;(noch einmal \u00fcbersetzt und zwar in die englische Sprache) und schufen damit Bewegungs-, Blick- und Bedeutungsachsen in und durch den Raum.<\/p>\n<p>Raum, der seit den 1970er Jahren (mit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Henri_Lefebvre\">Henri Lef\u00e8bvre<\/a>) nicht mehr als ein homogenes, bereits existierendes Gebilde gedacht wird, sondern als ein sich st\u00e4ndig im Prozess befindliches Produkt sozialer Beziehungen, sollte sich an diesem Abend von einem Zwischenraum (einem zwischenzeitlich von der Stadt Berlin zur Verf\u00fcgung gestellten und tempor\u00e4r f\u00fcr die K\u00fcnste genutzten Auff\u00fchrungsraum) zu einem sozialen Raum wandeln: In den zwei, etwa zehn-min\u00fctigen Pausen zwischen den <a href=\"http:\/\/mailings.rias-kammerchor.de\/html_mail.jsp?params=34985+presse%40rias-kammerchor.de+0+00005yq0000he0000000000pzpr5b762+Z5CLAO7FSVOLQ\">Auff\u00fchrungssets<\/a> eigneten sich die Kunstbesucher die Eingangshalle an: Zun\u00e4chst z\u00f6gerlich und reglementiert durch das uniformierte Sicherheitspersonal des Hauses, indem sie die Architektur als Handybildmotiv und damit auch&nbsp;jenseits ihrer Funktionalisierung als Rechtsraum (wieder-)entdeckten. Sp\u00e4ter sollten die Kunstbesucher das Haus zumindest im Erdgeschoss zu den Waschr\u00e4umen durchqueren k\u00f6nnen, so dass sie sich zum dritten Auff\u00fchrungsteil aus dem sortierten, frontal gesetzten Publikumsk\u00f6rper herausl\u00f6sen konnten, um in der Eingangshalle individuelle Figurationen im Sitzen, Liegen, Lehnen und Hocken zu finden. Das Publikum fand in dem zur Verf\u00fcgung gestellten und streng geordneten Zwischenraum im \u00e4sthetischen Resonanzraum der Performance aus Ort, Tanz, Musik und Gesang individuelle Konstellationen, ausserhalb der vor-\/gegebenen An-\/Ordnung. Diese Situationen erinnerten an <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tino_Sehgal\">Tino Sehgals<\/a> <a href=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=1823\">Perzeptionsexperimente<\/a>, in denen dieser ortsspezifische, unerwartbare und verhaltensuntypische Zeit- und Raumtexturen anlegt. Die Eingangshalle, tags\u00fcber ein Ort der Konfliktverhandlung bzw. mit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Niklas_Luhmann\">Niklas Luhmann<\/a> der Absorption von Konflikten, dessen Durchquerung zun\u00e4chst aus organisatorischen Gr\u00fcnden abgewiesen werden sollte, wurde an diesem Abend zu einen multimedialen, durch Musik, Gesang, Tanz, Architektur und eben auch Publikum hervorgebrachten Raum.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2900\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2018_RIA_LGBerlin2.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"337\"\/><\/p>\n<p>Das Konzert wird am 2. Mai ab 20.03 Uhr von <a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\">Deutschlandfunk Kultur<\/a> \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Die Reihe ForumKonzerte wird am<a href=\"https:\/\/www.rias-kammerchor.de\/konzerte\/konzertkalender\/index_ger.html?ACTION_OPASCALENDAR=displayEvent&amp;eventId=60555&amp;eStart=20.00&amp;eDom=roc&amp;year:int=2018&amp;startdate=2018\/06\/1&amp;eDate=2018.06.08&amp;month:int=06&amp;oy:int=2017\"> 8. Juni 2018 im Krematorium Baumschulenweg<\/a> fortgesetzt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/74740598c8cf43adbe4ad866b2f74108\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was passiert, wenn Lyrik von Richard Dehmel (1), vertont von Sch\u00f6nberg, Strauss und Sibelius (2), kammermusikalisch (3) im Berliner Landgericht (4) zur Auff\u00fchrung gebracht und in zeitgen\u00f6ssischen Tanz (5) \u00fcbersetzt wird? 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