{"id":2863,"date":"2018-02-19T18:15:57","date_gmt":"2018-02-19T17:15:57","guid":{"rendered":"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=2863"},"modified":"2021-06-16T14:07:13","modified_gmt":"2021-06-16T13:07:13","slug":"bildpolitiken-humanitaerer-katastrophen-einkreisen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=2863","title":{"rendered":"Bildpolitiken humanit\u00e4rer Katastrophen einkreisen \u2026"},"content":{"rendered":"<p>Zu Christian von Borries und Dieter Lesages \u201e<a href=\"http:\/\/www.hebbel-am-ufer.de\/programm\/spielplan\/lesage-bild-der-rettung\/\">Bild der Rettung | Rettung des Bildes<\/a>\u201c am&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.hebbel-am-ufer.de\">Berliner Hebbel am Ufer<\/a>.<\/p>\n<p>Am Anfang, so wird das Setting erz\u00e4hlt, stand das Bild der Rettung:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Christian_von_Borries\">Christian von Borries<\/a>, Schweizer Musiker und Filmemacher, &nbsp;nahm 2016 an einer <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Search_and_Rescue\">Such- und Rettungsaktion<\/a>&nbsp;(SAR) auf einem zivilen Rettungsschiff vor der K\u00fcste <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Libyen\">Libyens<\/a> teil. Den mittlerweile perfiden europ\u00e4ischen Mythos des Mittelmeeres als einem romantischen Raum, so von Borries, erlebte er zus\u00e4tzlich verfremdet, schockte ihn doch die dominierende, aufdringliche, penetrante Bildproduktion der auf dem Rettungsschiff anwesenden Medienteams des franz\u00f6sischen und deutschen Fernsehens, von BBC und CNN.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2868\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2018_BildRettung.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"400\"\/><em>\u00a9 Christian von&nbsp;Borries, Dieter Lesage 2018.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Ereignisse rund um das begehrte Bild der Rettung st\u00f6rte die Rettungsma\u00dfnahmen \u2013 dar\u00fcber hinaus aber pr\u00e4konfigurierte es das Handeln aller Anwesenden: Das Filmsetting von \u201eDarstellern\u201c vor der Kamera und dem Team hinter der Kamera strukturierte den Ablauf, die Wege, die Haltungen, die Mimik aller Beteiligten, von den Gefl\u00fcchteten und den Rettenden \u00fcber die Moderatoren bis hin zu den Filmemachern und Kameraleuten. &#8222;<a href=\"https:\/\/www.springerin.at\/2016\/4\/my-kingdom-my-rules\/\">Das Fernsehen hatte das Retten von Menschen bereits zuvor als Film konzipiert.<\/a>&#8220; \u2013 eine Realitydoku als Actionfilm. Eine Fernsehjournalistin h\u00e4tte sich selbst beim Weinen gefilmt, so die schockierte <a href=\"https:\/\/www.springerin.at\/2016\/4\/my-kingdom-my-rules\/\">Beobachtung von von Borries<\/a>, mit der er einen Kurzschluss von Voyeurismus, Narzissmus, vielleicht sogar Pornografie beschreibt und diese Einzelepisode exemplarisch auf die Ebene eines kollektiven Ph\u00e4nomens im Umgang mit dem Bild der Rettung \u00fcbertr\u00e4gt. Die Rettung der Gefl\u00fcchteten war nicht mehr nur zweitrangig, vielmehr schrieb sich das Setting der Bildproduktion in den Akt der Rettung selbst ein. Anlass f\u00fcr von Borries, gemeinsam mit dem belgischen Kulturphilosophen <a href=\"https:\/\/nl.wikipedia.org\/wiki\/Dieter_Lesage\">Dieter Lesage<\/a> die impliziten Bildpolitiken sowohl der Rettungsunternehmungen als auch der zugeh\u00f6rigen Berichterstattung zu analysieren und festzustellen, dass hier Variationen des doch eigentlich als \u00fcberwunden geglaubten kolonialen, rassistischen und chauvinistischen Bildes produziert und damit reproduziert w\u00fcrden, das Fliehende und zwar Fliehende aus Afrika arm, ausgehungert und nackt zwischen Leben und Tod zeigt: &#8222;<a href=\"https:\/\/www.springerin.at\/2016\/4\/my-kingdom-my-rules\/\">Aber die AfrikanerInnen m\u00fcssen nackt sein, die m\u00fcssen angsterf\u00fcllte Augen haben<\/a>.&#8220; Es handelt sich dabei aber, <a href=\"http:\/\/mediathek.rbb-online.de\/radio\/Kulturradio-am-Morgen\/HAU1-Bild-der-Rettung-Rettung-des-Bi\/kulturradio\/Audio?bcastId=9839110&amp;documentId=49909936\">so von Borries<\/a>, um unser Bild, von uns produziert, von uns rezipiert, von uns reproduziert. Es ist unsere Wirklichkeit, mit Folgen f\u00fcr unsere Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Hier d\u00fcrfte man, so m\u00f6chte ich erg\u00e4nzen, gedanklich noch einen Schritt weitergehen k\u00f6nnen: Es geht nicht nur um Variationen und vor allem um Folgen und Wiederholungen des immer gleichen Bildes, sondern um die des Sehens und des Sichtbaren, so dass wir uns hier nicht mehr nur in einer Bildgeschichte, sondern in Geschichten des Sehens, des Wahrnehmens, des Vorstellens und des Verbildlichens befinden und damit in Zusammenh\u00e4ngen, die die spezifische Relevanz von Bildern f\u00fcr Imaginationen und Bewusstsein untersuchen. Diese Zusammenh\u00e4nge formulierte vor 100 Jahren schon der Schweizer Kunsthistoriker <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heinrich_W\u00f6lfflin\">Heinrich W\u00f6lfflin<\/a>: \u201eDas Sehen an sich hat seine Geschichte und die Aufdeckung dieser \u201aoptischen Schichten\u2018 muss als die elementarste Aufgabe der Kunstgeschichte betrachtet werden.\u201c (Diese ambitionierte Zukunftsperspektive W\u00f6lfflins f\u00fcr die Kunstgeschichte h\u00e4tte in eine komplett disziplin\u00e4re Reorganisation f\u00fchren k\u00f6nnen \u2026) Und, ich m\u00f6chte noch einen Gedanken erg\u00e4nzen, es geht hier nicht mehr nur um einen engen und planbaren Kreislauf der R\u00fcckkopplungen, der aus Folge und Wiederholung von Bild und Wirklichkeit besteht. Vielmehr, so mein Einwand, m\u00fcsste\/k\u00f6nnte das bin\u00e4re Verh\u00e4ltnis einer missverstanden statischer Opposition \u00fcber eine Komplexierung der Faktoren sinnvoll erweitert werden, so dass auch diese grunds\u00e4tzliche Behauptung auf den Pr\u00fcfstand gestellt werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Von Borries und Lesage fokussierten in ihren \u00dcberlegungen die psychosoziale und die verhaltens\u00f6kologische Wirkmacht bzw. die derweil fehlende Wirkmacht von Bildern und halten sich damit in dem Bereich der Visual studies auf. Hier sind Fragen zur R\u00fcckkopplung des Bildes im Akt des Sehens von Interesse \u2013 Fallbestimmungen der Bild\u00e4sthetiken (in der Unterscheidung ihrer historischen Diversit\u00e4t eine Aufgabe der Kunstgeschichte) fanden insofern nicht ihr Interesse. Kolleginnen und Kollegen aus der Philosophie, des Films, der Architektur, der Kunsttheorie und der Kunst wurden von ihnen gebeten, sich \u00fcber die Folgen des Bildes, des immer gleichen, aber nun nicht mehr schockierenden Bildes auf die Wirklichkeit Gedanken zu machen; denn das Bild sei alles was wir haben, <a href=\"http:\/\/mediathek.rbb-online.de\/radio\/Kulturradio-am-Morgen\/HAU1-Bild-der-Rettung-Rettung-des-Bi\/kulturradio\/Audio?bcastId=9839110&amp;documentId=49909936\">so von Borries<\/a>.<\/p>\n<p>Die Perspektiven auf diese offene Problemkonstellation wurden \u2013 eine interessante bildhistorische Entscheidung \u2013 dann aber nicht in den Museumsraum, sondern auf die B\u00fchne, in den Theaterraum gebracht. Interessant ist diese kuratorische Entscheidung insofern, da es sich bei einem der Gr\u00fcndungstexte der Bilduntersuchungen um \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Laokoon_(Lessing)\">Lessings Laokoon: oder \u00fcber die Grenzen der Mahlerey und Poesie<\/a>\u201c &nbsp;von 1766 handelt, in dem er die zuvor als wesensverwandt geltenden redenden und bildende K\u00fcnste gegeneinander abgrenzt. Da der K\u00fcnstler im Gegensatz zum Dichter nur einen einzigen Augenblick der Handlung darstellen k\u00f6nne, m\u00fcsse er den \u201epr\u00e4gnantesten w\u00e4hlen, aus welchem das Vorhergehende und Folgende am begreiflichsten\u201c w\u00fcrde. Von Borries und Lesage entscheiden, das Bild \u2013 dem Museum, der Galerie vorbehalten \u2013 den Mitteln der redenden Kunst auszusetzen und w\u00e4hlen hierf\u00fcr das Theater als Austragungsort. Der <a href=\"http:\/\/www.hauptstadtkulturfonds.berlin.de\">Hauptstadtkulturfonds<\/a> <a href=\"https:\/\/www.berlin.de\/sen\/kultur\/_assets\/foerdung\/foerderprogramme\/hauptstadtkulturfonds\/projektfoerderungen_hkf_2017.pdf\">unterst\u00fctzte<\/a> dieses Konzept mit 60 000 Euro.<\/p>\n<p>Am 10. und 11. Februar 2018 auf die B\u00fchne des Berliner Theaters <a href=\"http:\/\/www.hebbel-am-ufer.de\">Hebbel am Ufer<\/a> &nbsp;gebracht, umkreisten die eingeladenen Denker in unterschiedlichen zeitbasierten Medien das Thema:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Arno_Brandlhuber\">Arno Brandlhuber<\/a>, Architekt, trug die B\u00fchne bei und entschied, das Geschehen auf einer endlos, langsam rotierenden B\u00fchne stattfinden zu lassen, in dessen Achse eine riesige, etwa 6 x 4 Meter gro\u00dfe Leinwand und ein Projektor samt Rechnern stand. Der franz\u00f6sische Bildwissenschaftler <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Georges_Didi-Huberman\">Georges Didi-Huberman<\/a>, der sich auf die Produktions- und Rezeptions\u00e4sthetiken von Bilder spezialisiert hat, las in einem auf die Leinwand projizierten Schwarz-Weiss-Video am 24.10.2017 vor\/in seiner Pariser Privatbibliothek sitzend aus seiner aktuellen Ver\u00f6ffentlichung \u201ePasser, quoi qu\u2019il en co\u00fbte\u201c von 2017. Didi-Huberman kann f\u00fcr das hier zum Einsatz gebrachte Verfahren auch als sogenannter \u201eGew\u00e4hrsmann\u201c bezeichnet werden \u2013 kreist er doch in seinen Publikationen die ihn interessierenden Gegenst\u00e4nde ein, sucht einen erz\u00e4hlerischen Zugang und stellt thematische Bez\u00fcge zu Psychoanalyse, Philosophie und Literatur her. Zwei weitere Namen dr\u00e4ngen sich auf, die die Methodik inspiriert haben k\u00f6nnten: Walter Benjamin und Aby Warburg. Beide praktizierten Konzepte, in denen sie verschiedenste disziplin\u00e4re Ans\u00e4tze (thematisch, textlich, kuratorisch) miteinander koppelten und Grundfragen der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften einkreisten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2872\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2018_BildRettung2.jpg\" alt=\"\" width=\"599\" height=\"400\"\/><\/p>\n<p>Hier nun auf der B\u00fchne, in einer allerdings streng konzeptionalisierten Methode und klugen Dramaturgie, die jedem Sprecher\/jeder Sprecherin maximal 10 Minuten zur Verf\u00fcgung stellte und nur im inhaltlichen das flanierende Moment praktizierte, die die Beteiligten vom Zuschauerraum f\u00fcr ihren Slot auf die B\u00fchne treten und das Publikum zumeist im beleuchteten Zuschauerraum belie\u00df.<\/p>\n<p>So flanierten <a href=\"http:\/\/www.kh-berlin.de\/fileadmin\/_migrated\/content_uploads\/newsletter_20131008.pdf\">Alice Creischer und Andreas Diekmann<\/a>&nbsp;(beide unterrichten gemeinsam an der Wei\u00dfensee Kunsthochschule den Studiengang <a href=\"http:\/\/www.kh-berlin.de\/studium\/fachgebiete\/ma-raumstrategien\/ma-raumstrategien.html\">Raumstrategien<\/a>) zusammen mit dem Kulturkritiker <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Georg_See\u00dflen\">Georg See\u00dflen<\/a> vor der Bildprojektion eines von See\u00dflen Texten aus 2016, hier von einem \u201einterimistischen Text\u201c (See\u00dflen) zu einer monumentalisierten Gro\u00dfprojektion angewachsen. Sie schwadronierten zu dritt \u00fcber See\u00dflens, in diesem Text verwendeten Begriff des \u201emedialen Lebensraumes\u201c und dessen kolonialistischer und biologistischer Expansionsdimension und stellten fest, dass der territoriale Begriff sich heute zu einer \u201einneren Landnahme\u201c, zu einer Inbesitznahme der Innenwelten und mit diesen auch zu einer Inbesitznahme der Bilder gewandelt habe. Diese Synonymsetzung und Historisierung von Formen der Kapitalisierung (fr\u00fcher: Territorien, heute: Bilder) f\u00fchrte See\u00dflen zu der These, dass um die Bilder heute und dies schon l\u00e4ngst ein B\u00fcrgerkrieg gef\u00fchrt w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Der Autor<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tobias_H\u00fclswitt\"> Tobias H\u00fclswitt<\/a> \u201eframed\u201c das Gespr\u00e4ch \u00fcber libysche Fl\u00fcchtlingslager zwischen einer Journalistin (Nurcan \u00d6zdemir) und einem Schauspieler (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/J\u00f6rg_Petzold\">J\u00f6rg Petzold<\/a>) und liess den gleichen Text wieder und wieder mit unterschiedlichen Regieanweisungen reenacten. Die Darbietung unterschiedlicher Sprechweisen des Textes, je nach Herkunft, Beruf, TV-Sender, Partei und Theater zeigte, wie sich Bilder in Stimme, Phonetik, Geschwindigkeit, Mimik, Gestik, K\u00f6rperhaltung etc. niederschlagen: W\u00e4hrend die Gr\u00fcnen konstatieren, dr\u00e4ngen die Linken und verabsolutieren die Sozialdemokraten und w\u00e4hrend auf der Berliner Schaub\u00fchne distanziert und ausdruckslos im Staccato gesprochen wird, ist ein <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ren\u00e9_Pollesch\">Pollesch<\/a>-Schauspieler am Limit, aufgeregt und stereotyp entsetzt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.inawudtke.com\/html\/arbeiten.html\">Ina Wudtke<\/a> und <a href=\"http:\/\/kadirmemis.com\">Kadir &#8222;Amigo&#8220; Memis<\/a> zeigten in einer Videoprojektion eine <a href=\"http:\/\/www.inawudtke.com\/html\/arbeiten\/theInsurrection\/theInsurrection.html\">Performance<\/a>, die das Video eines auf einer griechischen Insel ankommenden syrischen Fl\u00fcchtling reenacted, der bei seiner Ankunft sang und dabei von seinem Freund filmend umrundet wurde. W\u00e4hrenddessen die <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=-22UXtLr1pY\">Referenz auf Youtube<\/a> geteilt und kommentiert wird, verdeutlichte die Performance die Interaktion von Gefilmtem und Filmendem, wie sich also mindestens zwei beteiligte Parteien des Prozesses der Bildproduktion in das Bildmaterial einschreiben (und hier erinnere ich an die Ausgangsbeobachtung von von Borries, dass die Anwesenheit der Bildproduzenten die Rettungssituationen beeinflusst h\u00e4tten). W\u00e4hrend <a href=\"http:\/\/kadirmemis.com\">Vil\u00e9m Flusses<\/a>&nbsp;in seinen medientheoretischen Ausf\u00fchrungen zu technischen Bildern noch den Filmemacher und die Technik in den Blick nahm, erweiterte diese Performance die Figuration um das gefilmte Objekt als Subjekt, um dann final zu der Beobachtung zu gelangen, dass nicht nur die Technik (Smartphone), sondern auch die vorab gew\u00e4hlten Distributionsbedingungen in das Bild Einzug halten: Das Selfie als Ikone der Social Media verf\u00fchrten hier den Filmenden zu einem Bild von sich und dem Gefilmten, abschlie\u00dfend sogar von sich und dem vormals anwesenden, nun abwesenden Gefilmten in An- und Abwesenheit zugleich.<\/p>\n<p>Gleiche Szene zeigte sich in dem Video des belgischen Filmemachers <a href=\"http:\/\/www.augusteorts.be\/about\/1\/Herman-Asselberghs\">Herman Asselberghs<\/a> \u201eNotes for a Letter to Angelina Jolie\u201c. Auch hier wurde eine historische Bezugnahme zu bereits existierenden Bildern hergestellt, indem Asselberghs sich auf Jean-Luc Godards und Jean-Pierre Gorins aka Dziga Vertov Groups Film \u201e<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Letter_to_Jane\">Letter To Jane<\/a>\u201c bezog, der sich mit einer Fotografie auseinandersetzte, die Jane Fonda 1972 w\u00e4hrend des Vietnamkrieges als <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Jane_Fonda#Controversial_visit_to_Hanoi\">Antikriegsaktivistin<\/a> in einem Lager der widerst\u00e4nden <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nationale_Front_f\u00fcr_die_Befreiung_S\u00fcdvietnams\">Vietcongs<\/a> zeigte. Die heutige Parallele findet Asselberghs in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Angelina_Jolie\">Angelina Jolie<\/a>, die ehemals als <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lara_Croft\">Lara Croft<\/a> cinematosozialisiert zwischen 2001 und 2012 als \u201e<a href=\"http:\/\/www.unhcr.org\/special-envoy-angelina-jolie.html\">UNHCR Goodwill Ambassador<\/a>\u201c repr\u00e4sentierte, nun libanesische und griechische Fl\u00fcchtlingslager aufsuchte und somit Bilder von ihr auf dem roten Teppich, in Kinofilmen, in Hochglanzmagazinen wie auch in Fl\u00fcchtlingslagern zirkulieren. \u201eWelche Sprache sprechen die vielen Bilder?\u201c, fragt das Programmheft, der Film antwortet: \u201eShe is an actress, afterall!\u201c<\/p>\n<p>Die franz\u00f6sische Philosophin <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Marie-Jos\u00e9_Mondzain\">Marie-Jos\u00e9 Mondzain<\/a> trug ihre Gedanken zum Thema in einem Vortrag vor, fragte, ob Bilder t\u00f6ten k\u00f6nnen, schloss damit an Diskussionen nach 9\/11 an, zitierte erneut Karl-Heinz Stockhausens seinerzeit kontrovers rezipierte Einsch\u00e4tzung, dass es sich bei den Anschl\u00e4gen um das gr\u00f6\u00dfte Kunstwerk gehandelt habe, das es \u201e<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/feuilleton\/kunst_naechste_generation\/terror_5\">\u00fcberhaupt gibt f\u00fcr den ganzen Kosmos<\/a>\u201c. Mondzain machte den Vorschlag, nicht mehr von \u201eimages\u201c, sondern fortan pr\u00e4zisiert von \u201eiconic fantasy\u201c zu sprechen, um damit eine Differenzierung auch innerhalb bildwissenschaftlicher Diskussionen stattfinden zu lassen, mit der wir auf das seit 9\/11 herrschende \u201eRegime der Kommunikation\u201c reagieren k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Dieter Lesage wandte sich ebenfalls in einem Vortrag an das Publikum, wies auf die Inszenierungsmittel und damit auf die Politiken von Bildern hin, die zum Beispiel Wahrheit transportieren oder Gegenbilder herstellen sollen. Das Bild, das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Angela_Merkel\">Bundeskanzlerin Merkel<\/a> 2015 mit einem Gefl\u00fcchteten beim Selfie-Machen zeigt, sei als eine Gegeninszenierung zum deutschen Spardiktat unter Finanzminister <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wolfgang_Sch\u00e4uble\">Sch\u00e4uble<\/a> in der europ\u00e4ischen Union zu deuten. Andere Fotos, etwa von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Frontex\">Frontex<\/a>, der europ\u00e4ischen Agentur f\u00fcr Grenz- und K\u00fcstenwache, w\u00fcrden Ambivalenzen produzieren. Sie k\u00f6nnten auf deren <a href=\"http:\/\/frontex.europa.eu\">Webseite und&nbsp;Twitteraccount<\/a> sowohl als Solidar- als auch als Abwehrma\u00dfnahmen gelesen werden und daher f\u00fcr verschiedene Zielgruppen geeignet sein. Lesage gelangte zu gedanklichen Konsequenzen inklusive deren Paradoxien: Die Vermeidung von Bildern der Rettung w\u00fcrden die performativen, also Effekte produzierenden Dimensionen vermeiden. Dazu geh\u00f6re aber auch, dass (visuelle) Versprechen auf Rettung (an die Fliehenden) vermieden w\u00fcrden. Und dazu geh\u00f6re auch, dass die nicht vorhandenen Fotos (den Europ\u00e4ern) suggerieren, dass niemand auf der Flucht sei. Hinzu k\u00e4me, dass andere Bilder, die etwa von&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/politik\/libyen-libyen-exekutionen-und-folter-sind-an-der-tagesordnung-1.3354314\">Privatgef\u00e4ngnissen in Libyen<\/a> berichteten, verhindert und nicht zirkulieren w\u00fcrden. Aus dieser \u00dcberlegung gelangte Lesage zu dem zweiten Teil des Titels der Veranstaltung: Die \u201eRettung des Bildes\u201c umfasst, ich f\u00fcge zusammen, die Rettung vor kolonialistischen Stereotypwiederholungen, die Rettung vor der Spektakularisierung von Rettungsbildern bereits im Produktionsprozess und in der Distribution sowie die Rettung vor dem Verlust der von Gefl\u00fcchteten produzierten Bildern, die es nicht in den Bilderzirkel europ\u00e4ischer Wahrnehmung schaffen, die&nbsp;KZ-\u00e4hnliche Verh\u00e4ltnisse in Libyen, Sklaverei, Vergewaltigungen, Waffengewalt, Menschenhandel, Folterungen und L\u00f6segeldforderungen auf den Fluchtwegen bezeugen. Bildkritik bedeutet hier und in diesem Rahmen also nicht Repr\u00e4sentationskritik, sondern Kritik der Gewalt, so Lesages Pointe.<\/p>\n<p>Um hier nicht in einer, in dieser finalen These zu m\u00fcnden, sondern das Fraktale des Formats des Abends zu sichern, rundeten Christian von Borries (Gesang) und Muyao Zhang (Klavier) mit einer nicht enden wollenden, sich in den Hauptmotiven wiederholenden Kompositionscollage aus <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Franz_Schubert\">Franz Schubert<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lana_Del_Rey\">Lana Del Rey<\/a> ab und wurde parallel eine Auswahl aus hunderten Dateien von Bildern der Rettung ge\u00f6ffnet, auf die Leinwand projiziert, vergr\u00f6\u00dfert, verfremdet, gesch\u00e4rft etc. Zwei Performer (Valentina Zubkova und Vladimir Nadein) hielten sich in Kost\u00fcmen und Posen des russischen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Konstruktivismus_(Kunst)\">Revolutionskonstruktivismus<\/a>&#8218; in den Blickachsen zwischen Leinwand und Publikum auf, leiteten Blicke und vervollst\u00e4ndigen damit den Bilderreigen um das Publikum \u2026<\/p>\n<p>Birte Kleine-Benne<br \/>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/8dbb5eaf3682410ba9791d04dcdc233a\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu Christian von Borries und Dieter Lesages \u201eBild der Rettung | Rettung des Bildes\u201c am&nbsp;Berliner Hebbel am Ufer. Am Anfang, so wird das Setting erz\u00e4hlt, stand das Bild der Rettung: Christian von Borries, Schweizer Musiker und Filmemacher, &nbsp;nahm 2016 an einer Such- und Rettungsaktion&nbsp;(SAR) auf einem zivilen Rettungsschiff vor der K\u00fcste Libyens teil. Den mittlerweile &hellip; <a href=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=2863\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Bildpolitiken humanit\u00e4rer Katastrophen einkreisen \u2026<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,2,3,4],"tags":[435,443,442,432,431,441,440,436,434,153,438,439,433,437],"class_list":["post-2863","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artallgemein","category-artfreiheit","category-artist","category-artservice","tag-alice-creischer","tag-andreas-siekmann","tag-arno-brandlhuber","tag-bild-der-rettung","tag-christian-von-borries","tag-dieter-lesage","tag-frontex","tag-georg-seelen","tag-georges-didi-huberman","tag-hau","tag-herman-asselberghs","tag-marie-jose-mondzain","tag-rettung-des-bildes","tag-tobias-huelswitt"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2863","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2863"}],"version-history":[{"count":20,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2863\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3566,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2863\/revisions\/3566"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2863"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2863"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2863"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}