{"id":286,"date":"2012-10-26T17:05:13","date_gmt":"2012-10-26T15:05:13","guid":{"rendered":"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=286"},"modified":"2021-06-16T15:31:51","modified_gmt":"2021-06-16T14:31:51","slug":"lulu-still-gestellt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=286","title":{"rendered":"Lulu still-gestellt"},"content":{"rendered":"<p>Die angek\u00fcndigte Kontextverschiebung Alban Bergs Oper &#8222;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lulu_(Oper)\">Lulu<\/a>&#8220; in Raum, Zeit und Musik des S\u00fcdstaaten-New-Orleans der 50er Jahre und ins New York der 70er Jahre erscheint zun\u00e4chst als ein interessantes Gedankenexperiment. Was mag passieren, wenn Lulu, die junge Protagonistin in Bergs unvollendeter Oper von 1937 (nach literarischer Vorlage von zwei Trag\u00f6dien von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Frank_Wedekind\">Frank Wedekind<\/a> 1895 bzw. 1902) und ihr sozialer Auf- und Abstieg in ein gesellschaftliches Setting von Rassismus und Black Power Movement eingepasst w\u00fcrde? Was mag dar\u00fcber hinaus passieren, wenn die Hautfarbe zum zentralen Thema und als Ursache f\u00fcr den Auf- und Abstieg der jungen Frau indiziert, wenn ihre Biografie als eine doppelte Emanzipation, sowohl von Geschlecht als auch von Ethnie erz\u00e4hlt und wenn lesbische Liebe als Moment widerst\u00e4ndiger Selbstverwirklichung vorgeschlagen w\u00fcrde? Und was mag passieren, wenn Bergs ersten zwei Akte f\u00fcr ein 27-k\u00f6pfiges Jazz-Ensembles neuinstrumentiert und der dritte neu geschrieben w\u00fcrde (die Rechte sind seit 2005 frei) und nun Blech- und Holzbl\u00e4ser, ein elektrisches Klavier, E-Gitarre, ein paar Streicher und eine Mississippi-Orgel den Klang des Geschehens bestimmen?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Grundlegendes Motiv f\u00fcr die Komponistin <a href=\"http:\/\/www.olganeuwirth.com\/\">Olga Neuwirth<\/a>, die sich nun als zweite \u00d6sterrreicherin (nach <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Friedrich_Cerha\">Friedrich Cerha<\/a> 1979) im Auftrag der <a href=\"http:\/\/www.komische-oper-berlin.de\/\">Komischen Oper Berlin<\/a> an die kompositorische Vollendung der im 3. Akt unvollendeten Berg&#8217;schen Oper traut, scheint eine Kontextualisierung zu sein: Sie zeichnet in der Berliner Urauff\u00fchrung nicht mehr den individuell, singul\u00e4ren, geschlechtlich determinierten Lebensweg einer in-sich-selbstverliebten jungen Frau, sondern erz\u00e4hlt <a href=\"http:\/\/www.komische-oper-berlin.de\/spielplan\/american-lulu\/\">&#8222;American Lulu&#8220;<\/a> kulturell, historisch, gesellschaftlich und ethnisch bedingt.<\/p>\n<p>Was nun mag passieren, wenn die Inszenierung des russischen Regisseurs und Ausstatters Kirill Serebrennikov mit historischem Audio- und Videomaterial von Marthin Luther King und anderen B\u00fcrgerrechtlern versehen wird, wenn neben Lulu ein schwarzer Clarence (Bergs Schigolch) und eine schwarze Eleanor (Bergs Gr\u00e4fin Geschwitz) auftreten, wenn das Geschehen rund um eine New Yorker Bar nach Vorbild <a href=\"http:\/\/www.google.de\/search?num=100&amp;hl=de&amp;site=imghp&amp;tbm=isch&amp;source=hp&amp;biw=1437&amp;bih=786&amp;oq=Edward+Hoopers+Nighthawks+&amp;gs_l=img.3...494.494.0.1504.1.1.0.0.0.0.85.85.1.1.0...0.0...1ac.2.mUMw3qRi82U&amp;q=Edward%20Hoopers%20Nighthawks&amp;orq=Edward+Hoopers+Nighthawks+\">Edward Hoopers &#8222;Nighthawks&#8220;<\/a> versetzt wird, wenn Blues, Jazz und Ragtime den kulturellen Rhythmus vorgeben?<\/p>\n<p>Erstaunliches. Jede gedankliche Verschiebung wird in dieser Inszenierung still-gestellt, wird einzementiert und ein-gerichtet: Die zu verhandelnden Gr\u00f6\u00dfen (Blackness) werden zu Determinanten, Martin Luther Kings stimmgewaltige Redefragemente aus dem Off garniert mit historischen Fotos und Videos werden durch die inszenatorische Beil\u00e4ufigkeit und Beliebigkeit zum Ornament, schwarz-weisse Kulturk\u00e4mpfe werden duch B\u00fchne und Requisite zur stilisierten Dekoration. Eine farbige (keine schwarze, wie es das Programmheft behauptet) Lulu setzt sich als Design gegen weisse M\u00f6bel, weisse Kleidung und weisse M\u00e4nner ab. Hier geriert alles zu einer un\u00fcberwindbaren Ein-Richtungs-Deko, nebenbei wird die weisse Droge geschnupft.<\/p>\n<p>Eine Fundgrube f\u00fcr alle Ikonografen, die sich mit der Bestimmung und Deutung von visuellen Motiven befassen und dabei die Symbolik von Bildgegenst\u00e4nden erforschen. Aber auch f\u00fcr Kulturwissenschaftler_innen, die Gender und Blackness schon lange nicht mehr naturalistisch (die Rollen in Neuwirths Oper werden nach Hautfarben besetzt), sondern als kulturelle und damit bewegliche Gr\u00f6\u00dfe denken. W\u00e4re insofern das Gedankenexperiment nicht bei Weitem aktueller und spannender, wenn auf den inszenatorisch und popularisierend anmutenden Griff auf eine Blackness verzichtet und sie nicht mit einem nur Schick von B\u00fcrgerrechtsbewegung, Emanzipation und politischer Revolte ausgestattet worden w\u00e4re? Wenn Lulu im 3. Akt zu Eleanor sagt: &#8222;there is not enough to make a man out of you and you are too smart for a women!&#8220;, kann dies nur zus\u00e4tzlich unwohl stimmen, wird hier im Libretto Geschlechtlichkeit re-tro-biologisiert.<\/p>\n<p>Nicht unerw\u00e4hnt sollte bleiben, dass mit &#8222;American Lulu&#8220; erstmalig das Felsenstein&#8217;sche Diktum gebrochen wurde, an der Komischen Oper Berlin ausschlie\u00dflich in deutscher Sprache zu inszenieren.<\/p>\n<p>Weitere Informationen:<br \/>\nLulu: Marisol Montalvo<br \/>\nEleanor: Della Miles<br \/>\nDr. Bloom: Claudio Otelli<br \/>\nClarence: Jacques-Greg Belobo<br \/>\nMusikalische Leitung: Johannes Kalitzke<br \/>\nUebersetzung: Catherine Kerkhoff-Saxon<br \/>\nUrauff\u00fchrung: 30.9.2012<\/p>\n<p>Weitere Rezensionen:<br \/>\nPeter Uehling in der BZ <a href=\"http:\/\/www.berliner-zeitung.de\/theater\/-american-lulu--verboten-fuer-weisse-kunden,10809198,20072550.html\">http:\/\/www.berliner-zeitung.de\/theater\/-american-lulu&#8211;verboten-fuer-weisse-kunden,10809198,20072550.html<\/a><br \/>\nUdo Badelt in Zeit Online <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/musik\/2012-10\/american-lulu-2\">http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/musik\/2012-10\/american-lulu-2<\/a><br \/>\nGeorg-Friedrich K\u00fchn in der NZZ <a href=\"http:\/\/www.nzz.ch\/aktuell\/feuilleton\/buehne_konzert\/einsam-in-new-york-1.17657326\">http:\/\/www.nzz.ch\/aktuell\/feuilleton\/buehne_konzert\/einsam-in-new-york-1.17657326<\/a><br \/>\nChrstiane Tewinkel in der FAZ <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buehne-und-konzert\/oper-american-lulu-in-berlin-landschaft-mit-berg-und-blues-11912535.html\">http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/buehne-und-konzert\/oper-american-lulu-in-berlin-landschaft-mit-berg-und-blues-11912535.html<\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/0737d4c49a164b7aad04434cccf66cd9\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die angek\u00fcndigte Kontextverschiebung Alban Bergs Oper &#8222;Lulu&#8220; in Raum, Zeit und Musik des S\u00fcdstaaten-New-Orleans der 50er Jahre und ins New York der 70er Jahre erscheint zun\u00e4chst als ein interessantes Gedankenexperiment. 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