{"id":2833,"date":"2017-11-24T10:27:53","date_gmt":"2017-11-24T09:27:53","guid":{"rendered":"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=2833"},"modified":"2021-06-16T14:09:23","modified_gmt":"2021-06-16T13:09:23","slug":"streifzuege-durch-klang-land-raumschaften","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=2833","title":{"rendered":"Reisenotizen zu Klang-Land-(Raum)schaften"},"content":{"rendered":"<p>Sonntag, 19. November 2017, 20 Uhr, Berliner <a href=\"http:\/\/www.sophiensaele.com\">Sopiens\u00e4le<\/a>. \u201eDer Einlass hat begonnen!\u201c Kopfh\u00f6rer werden verteilt, man k\u00f6nne ihn sich einfach \u00fcberziehen, Lautst\u00e4rke reguliere sich von selbst. Der gro\u00dfe Saal ist zergliedert, MDF-Platten, knapp 3 Meter hoch, knapp 1 Meter breit, sind an Aluminiumrahmen im U-Profil geschraubt. Kabinen, Sperrungen, Unterteilungen bilden sich, locker im Saal verteilt, in unterschiedlichen Figurationen. Auf einigen Aluminiumprofilen sind Smartphones angebracht. Die etwa 50 Besucher (Zuschauer\/Zuh\u00f6rer) tragen ihre Kopfh\u00f6rer und streifen durch den Raum, erkunden ihn.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2818\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2017_StadtLandFluss1.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"337\"\/><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Inmitten der begehbaren Installation eine Klangk\u00fcnstlerin. Ihr Pult besteht aus waagerecht gestapeltem MDF, darauf ein Audiomischpult und ein selbstgebauter, horizontaler Saitenchor, der an einen Pianokasten erinnert. Daneben Gegenst\u00e4nde unterschiedlichsten Materials \u2013 Plastik, Borsten, Metall, Holz. Statt der Hebelkonstruktion beim Klavier oder der Zupftechnik bei der Harfe entsteht der Ton hier durch die zielgerichtete Begegnung der Materialien. Liegt vor ihr eine Notation? Mittelbar daneben: ein DJ mit mehreren Plattenspielern und 12-Zoll-Vinylschallplatten \u2013 wei\u00df auf schwarz steht darauf geschrieben: Stadt (Land Fluss). Er scratcht mit der Nadel des Plattenspielers, das Vinyl ist in Abst\u00e4nden mit wei\u00dfer Farbe belegt, die die Nadel ebenfalls abtasten muss.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2819\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2017_StadtLandFluss2.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"400\"\/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2820\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2017_StadtLandFluss3.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"400\"\/><\/p>\n<p>Und \u00fcberall Smartphones mit Bewegtbildern: Ein Fl\u00fcchtlingslager? Dreigeschossige Container, offenbar in der N\u00e4he eines Hafens, eines Flusses und einer Schnellstra\u00dfe \u2013 Hamburg? \u201eStadt (Land Fluss)\u201c. Die tempor\u00e4re Unterkunft wird aus verschiedenen Perspektiven von einer statischen Kamera in den Blick genommen. Auf manchen Smartphones ist der Aufbau der tempor\u00e4ren Architektur aus Stahl zu studieren, auf anderen das Sozialverhalten der Bewohner, Kinder spielen und in der N\u00e4he dieser Bilder sind auch Kinderstimmen \u00fcber den Kopfh\u00f6rer zu h\u00f6ren. Eine Soundlandschaft, die sich mit den Bildern koppelt, mit Abstand zu ihnen entkoppelt und mit neuen Bildern im Raum neukoppelt. Manchmal ist eine M\u00e4nnerstimme zu h\u00f6ren, die zur Planbarkeit des Unplanbaren in der Urbanistik referiert und zur Offenheit auffordert, manchmal sind es die spielenden Kinder, manchmal Motorenger\u00e4usche vorbeifahrender Autos. Alles in Bewegung, parallel zu den eigenen Bewegungen.<\/p>\n<p>In der anderen Ecke des Saales ein dritter Klangk\u00fcnstler, mit Technikpult, Synthesizer und Digitaluhr, hinter ihm eine Nebelmaschine. Auf seinem Pult liegen 6 (die Anzahl sehe ich am Ende des Abends) A4-Seiten, die mein Interesse wecken. Eine minuti\u00f6se Notation von (wie ich auch erst sp\u00e4ter sehen werde) 70 Minuten. Ich denke an <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/John_Cage\">John Cage<\/a>s Kompositionen, an <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/John_Cage#4.E2.80.B233.E2.80.B3\">4&#8217;33&#8220;<\/a>, deren L\u00e4nge durch das Schlie\u00dfen und \u00d6ffnen des Klavierdeckels bestimmt ist, alle verf\u00fcgen \u00fcber exakte Partituren. Und an Cages f\u00fcnf \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/John_Cage#Imaginary_Landscapes\">Imaginary Landscapes<\/a>\u201c, bestehend aus Ger\u00e4uschen von Plattenspiegeln, Lautst\u00e4rkereglern, Konservendosen, Radios, alle zwischen 1939 und 1952.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2821\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2017_StadtLandFluss4.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"399\"\/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2824\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2017_StadtLandFluss7.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"400\"\/><\/p>\n<p>Neben mir montiert eine junge Frau mit einem Akkuschrauber eine MDF-Platte vom Alurahmen ab. Das Ger\u00e4usch des Schraubers \u00fcbert\u00f6nt die des Kopfh\u00f6rers. Ich nehme den Kopfh\u00f6rer ab und sehe, h\u00f6re und f\u00fchle den Unterschied. Wie unter einer Glocke nimmt man mit den Kopfh\u00f6rern wahr, ein Grundsound, bestehend aus metallischen Ger\u00e4uschen, einem Puls, Strombewegungen, Schwingungen (glaube ich), dar\u00fcber je nach Aufenthalt im Raum die dazugemischten Kl\u00e4nge der Klangk\u00fcnstler. Ohne Kopfh\u00f6rer ist die Situation seltsam, denn der Raum ist still, bis auf die Ger\u00e4usche der Akkubohrer, und die Besucher flanieren beinahe lautlos durch den Saal.&nbsp;Ich setze den Kopfh\u00f6rer wieder auf, f\u00fchle mich wieder synchron mit den Ereignissen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2822\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2017_StadtLandFluss5.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"400\"\/>&nbsp; &nbsp;&nbsp;<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2826\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2017_StadtLandFluss9.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"400\"\/><\/p>\n<p>Zwei weitere Personen demontieren die MDF-Platten, die begehbare Installation wird durchl\u00e4ssiger, neue Blickachsen entstehen, neue Klangkorridore. Die Bewegtbilder auf den Smartphones haben sich zwischenzeitlich vertikal zweigeteilt, zeigen aber trotz Split Screen (beinahe, nur minimal zeitversetzte) zusammengeh\u00f6rige Handlungen. Hier wird nichts gegenmontiert, konfrontiert, parallel gestellt, die eine Bildseite ist lediglich minimal verschattet. Oder habe ich es vorher nicht bemerkt? Wird es dunkler? Im Bewegtbild? Oder im Saal? K\u00f6nnen die rhythmisch streng angeordneten Leuchtr\u00f6hren unter der Decke sich langsam runterdimmen?<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2825\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2017_StadtLandFluss8.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"337\"\/><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2823\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2017_StadtLandFluss6.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"339\"\/><\/p>\n<p>Ich denke an <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Dan_Flavin\">Dan Flavin<\/a>s Installationen aus Leuchtstoffr\u00f6hren und erinnere angesichts der von der Decke herunterh\u00e4ngenden elektrischen Kabeln, dass <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Robert_Barry\">Robert Barry<\/a> f\u00fcr seine r\u00e4umlichen Installationen Dr\u00e4hte und Nylonf\u00e4den verwendete, aber auch akustische Frequenzen und Ger\u00e4usche mit Edelgasen und radioaktivem Material herstellte. Auf der Empore des Saales sitzt, wie ich bei der Gelegenheit sehe, ein Techniker, der offenbar von oben die gesamte Klangsituation, die Induktionskopfh\u00f6rer, die Lautst\u00e4rken, die elektromagnetischen Kl\u00e4nge steuert. Tragen die herunterh\u00e4ngenden elektrische Kabel auch zur Akkustik bei? Sind hier ebenfalls Kl\u00e4nge eingespeist? Und verst\u00e4rken die gro\u00dfen Stahltr\u00e4ger, die den etwa 400qm gro\u00dfen Saal statisch tragen? In der Ecke der Subwoofer und eine zweite Nebelmaschine. Es wird dunkler \u2013 weil die hellen Reflexionsfl\u00e4chen der MDF-Platten fehlen? Die Smartphones werden zu einer eigenen Lichtquelle, darunter sind kleine Lichtklammerspots angebracht. Die Besucher setzen sich mit der Zeit, auf MDF-Stapeln am Rand, in der Mitte, auf den Fu\u00dfboden. Nachdem sie durch den Raum flaniert sind, finden sie nun Ruhe. Denn es st\u00f6ren keine Disruptionen, alles ist gleichbleibend kontinuierlich, auch die beinahe unmerklichen \u00c4nderungen, keine Peaks. Oder entziehen sie sich den immer neuen Bild- und Klangperspektiven?<\/p>\n<p>Mittlerweile stehen nur noch Alugerippe im Raum, in ihnen spiegelt sich das Neolicht. Die Blickachsen zwischen den drei Klangk\u00fcnstlern sind freigelegt, die drei Personen (oder sind es Performer, die szenische Abl\u00e4ufe einziehen?) mit den Akkuschraubern sind aus dem Bild an den Rand ger\u00fcckt. \u00dcberall kleine rote Punkte der statischen und der noch immer wandernen Kopfh\u00f6rer. Auch im Bewegtbild ist es dunkler geworden, jemand fegt den Platz in der D\u00e4mmerung. Oder konstruiere ich hier Zeit? Genauso, wie ich zuvor den, meinen Raum geschaffen habe? Einige Bilder werden verschwommener, der Mond scheint, es existieren also doch Interrelationen. Auch das Schreiben im Dunkeln f\u00e4llt (mir) immer schwerer, ich suche nach den Klemmspots, sie reichen als Beleuchtung nicht aus.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2828\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2017_StadtLandFluss12.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"399\"\/>&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2829\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2017_StadtLandFluss13.jpg\" alt=\"\" width=\"280\" height=\"400\"\/><\/p>\n<p>Nach 70 Minuten verlassen die drei ihre Pulte, das Licht geht an, nachdem noch einige MDF-Platten mit lautem Knall zerst\u00f6rt werden. Ton aus, es wird geklatscht, eingeleitet von einem der drei Performer. Danach laufen die Screens weiter, Abend- und Nachsituationen sind zu sehen, auf 1:50 programmiert (ich habe den Display ber\u00fchrt), bei 1:40 dunkeln sie komplett ab.<\/p>\n<p>Wie dar\u00fcber schreiben? Wie eine Plausibilit\u00e4t, eine Kausalit\u00e4t, einen \u00dcberblick in das Gesehene, Geh\u00f6rte und Bewegte bringen? Wie die Material- und Formatexperimente formulieren? \u2026 indem ich (so entscheide ich sp\u00e4ter) meine Notizen in ihrer Experimentalit\u00e4t und Fragmentiertet belasse \u2013 als Reisenotizen. Nein, es ist keine begehbare Installation (Museum), auch kein filmischer Raum durch die Bewegtbilder (Kino), auch keine Klanginstallation (Festival) oder eine Klangperformance (Konzert), sondern ein Oszillieren dazwischen, unentschieden entschieden bzw. entschieden unentschieden, daher auch final f\u00fcr einen kleinen Moment uneindeutig, ob die Anwesenden wie im Theater applaudieren oder wie im Museum nicht st\u00f6ren. Sie klatschen ein wenig versch\u00e4mt, dann freudig, anfangs wie in der Kirche, sp\u00e4ter wie bei einer Performance.<\/p>\n<p>Stadt (Land Fluss), 16. bis 19.11.2017, Sophiens\u00e4le Berlin<br \/>\nK\u00fcnstlerische Leitung: Daniel K\u00f6tter (Bewegtbild), Hannes Seidl (Komposition)<br \/>\nElektromagnetische Kl\u00e4nge: Christina Kubisch<br \/>\nKlangk\u00fcnstlerin: Andrea Neumann<br \/>\nTurntables: Martin Lorenz<br \/>\nSynthesizer: Sebastian Berweck<br \/>\nPerformance: Niklas Herzberg, Rune J\u00fcrgensen,&nbsp;D\u00e9sir\u00e9e Sophie Meul<br \/>\nRaum: Peter Zoller<br \/>\nTechnische Leitung: Norbert Zacharias<\/p>\n<p>Text: Birte Kleine-Benne<br \/>\nFotos: Wenke Kleine-Benne<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/2aab8b27b91f4307b544bb63626fdeca\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonntag, 19. 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