{"id":2714,"date":"2017-11-06T22:33:22","date_gmt":"2017-11-06T21:33:22","guid":{"rendered":"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=2714"},"modified":"2021-06-16T14:11:16","modified_gmt":"2021-06-16T13:11:16","slug":"die-dramatik-kam-im-5-akt-zu-milo-raus-general-assembly-in-der-berliner-schaubuehne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=2714","title":{"rendered":"Die Dramatik kam im 5. Akt. Zu Milo Raus General Assembly an der Berliner Schaub\u00fchne"},"content":{"rendered":"<p>An den bekannterma\u00dfen historisch ereignisreichen ersten Novembertagen (2007, 1989, 1974, 1938, 1923, 1918, 1917) fand in diesem Jahr an der <a href=\"https:\/\/www.schaubuehne.de\">Berliner Schaub\u00fchne<\/a> am 3., 4. und 5. November 2017 die <a href=\"https:\/\/www.schaubuehne.de\/de\/produktionen\/general-assembly.html\/ID_Vorstellung=2629\">Gr\u00fcndungsveranstaltung<\/a> des selbstinstituierten \u201e<a href=\"http:\/\/www.general-assembly.net\">ersten Weltparlaments der Menschheitsgeschichte<\/a>\u201c statt.<\/p>\n<p>Ausgangsmotiv f\u00fcr dessen Gr\u00fcndung war die Beobachtung, dass es neben den Lokalparlamenten auf globaler Ebene keine demokratischen Strukturen gebe, die den Weltmarkt regulieren, v\u00f6lkerrechtliche Verst\u00f6\u00dfe sanktionieren oder \u00f6kologische Entwicklungen kanalisieren k\u00f6nnen. Diese \u201eLeerstelle\u201c, so der Initiator und Regisseur dieser Veranstaltung <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Milo_Rau\">Milo Rau<\/a>, m\u00fcsse dringend gef\u00fcllt werden, um soziale, \u00f6kologische, technologische, kulturelle Fragen zu er\u00f6rtern und mit politischen Entscheidungen zu koppeln. \u201eDemokratie f\u00fcr alle und alles\u201c, hiess somit auch einer der Untertitel der &#8222;General Assembly&#8220;, die, um die Ausstrahlungskraft des Unternehmens zu verdeutlichen und zu verst\u00e4rken, an f\u00fcnf weitere Orte, in das <a href=\"https:\/\/www.theatrenational.be\/fr\/\">Br\u00fcsseler Th\u00e9\u00e2tre National Wallonie<\/a>, das <a href=\"https:\/\/www.thalia-theater.de\/de\/\">Hamburger Thalia Theater<\/a>, auf das <a href=\"http:\/\/www.spielart.org\">M\u00fcnchener SPIELART Festival<\/a>, in das <a href=\"http:\/\/www.nanterre-amandiers.com\">Pariser Th\u00e9\u00e2tre Nanterre-Amandiers<\/a> und in das <a href=\"https:\/\/www.ntgent.be\/nl\">Nationaltheater Gent<\/a> (dessen Direktion Rau ab der n\u00e4chsten Spielzeit \u00fcbernehmen wird) per Livestream \u00fcbertragen wurde.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2718\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/MiloRau_GeneralAssembly2.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"337\"\/><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Legitimierung des Weltparlaments wird in der begleitenden Publikation (bei <a href=\"https:\/\/www.merve.de\/index.php\/search\">Merve<\/a> verlegt) formuliert. Hier heisst es \u2013 und dabei orientiert sich der Autor <a href=\"https:\/\/twitter.com\/nasirmansoor1?lang=de\">Nasir Mansoor<\/a>, stellvertretender Generalsekret\u00e4r des pakistanischen Gewerkschaftsverbandes und Abgeordneter der &#8222;General Assembly&#8220;, an <a href=\"http:\/\/www.hannaharendt.net\/index.php\/han\/article\/view\/154\/274\">Hannah Arendts proklamiertem, einzigen Menschenrecht<\/a>, des &#8222;<a href=\"http:\/\/www.hannaharendt.net\/index.php\/han\/article\/viewFile\/154\/273\">Rechts, Rechte zu haben&#8220; (1949)<\/a> \u2013 , dass den Menschenrechten das Recht voraus ginge, Rechte &#8222;auf Widerstand gegen Unterdr\u00fcckung&#8220;, &#8222;zur Teilhabe an \u00d6ffentlichkeit und Demokratie&#8220;, &#8222;zur immer neuen \u00dcberpr\u00fcfung der Menschenrechte\u201c und auf \u201eWiderstand gegen das \u00f6ffentliche Ungl\u00fcck und die Verderbtheit der Regierungen&#8220; zu haben. Dieses &#8222;Recht, Rechte zu haben&#8220; formuliert und manifestiert die Unm\u00f6glichkeit von Neutralit\u00e4t, die wiederum das Engagement f\u00fcr eine gemeinsame Welt, man kann auch sagen, die dessen Performanz begr\u00fcnden und bed\u00fcrfen. Die &#8222;General Assembly&#8220; ist somit eine konsequente Verk\u00f6rperung und Performierung des Rechts, Rechte zu haben.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.general-assembly.net\/abgeordnete\/\">70 Abgeordnete <\/a>aus 20 L\u00e4ndern (sprachlich koordiniert von Simultandolmetschern und kommentiert von drei Autoren, den sog. &#8222;Stenographen&#8220;), darunter Wissenschaftler, Sch\u00fcler, Klimaaktivisten, Kriegsopfer, Anw\u00e4lte, Whistleblower und K\u00fcnstler, waren von Rau eingeladen, um in <a href=\"http:\/\/www.general-assembly.net\/tagesordnung\/\">f\u00fcnf Plenarsitzungen<\/a> zu vorab festgelegten Themen zu referieren:<\/p>\n<p>1. Sitzung: Diplomatische Beziehungen, Sanktionen und Kriege, 2. Sitzung: Die Regulierungen der globalen Wirtschaft, 3. Sitzung: Migration und Grenzregime, 4. Sitzung: Cultural Global Commons, 5. Sitzung: Natural Global Commons. So informierte <a href=\"https:\/\/twitter.com\/alaashehabi?lang=de\">Ala\u2019a Shehabi<\/a>, Aktivistin aus Bahrain, dass das deutsch-britische Unternehmen <a href=\"https:\/\/www.gammagroup.com\">Gamma International<\/a> der Regierung Bahrains eine Software zur \u00dcberwachung von Regimegegnern verkauft. Der Cyborg-Aktivist <a href=\"https:\/\/ar.al\">Aral Balkan<\/a> sprach \u00fcber uns von heutigen Sklaven 2.0, denn das wirklich Relevante, die Daten, geh\u00f6re Konzernen. <a href=\"https:\/\/twitter.com\/cianmw?lang=de\">Cian Westmoreland<\/a>, ehemaliger Drohneningenieur der Ramstein Air Base und jetziger Whistleblower, entschuldigte sich coram publico f\u00fcr seine T\u00e4terschaft und rief auf, Drohnen zu zivilen Zwecken einzusetzen. <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Maksim_Shevchenko_(journalist)\">Maxim Shevchenko<\/a>, russischer Journalist, bewertete den Balkankrieg in den 90er Jahren als eine Expansion der EU zu Lasten Serbiens. <a href=\"http:\/\/www.homopedia.pl\/wiki\/Kim_Lee\">Kim Lee<\/a>, polnische Drag Queen, flehte, dass die Kultur ihr Land Polen und die europ\u00e4ischen Werte retten m\u00fcsse. Mnyaka Sururu Mboro, Aktivist aus Tanzania, forderte die R\u00fcckgabe der Sch\u00e4del, die aus ehemaligen deutschen Kolonien zu Forschungszwecken unter anderem nach Berlin gebracht wurden. \u00dcber 10.000 Sch\u00e4del bef\u00e4nden sich noch immer im Besitz der <a href=\"https:\/\/www.preussischer-kulturbesitz.de\">Stiftung Preussischer Kulturbesitz<\/a>. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mihran_Dabag\">Mihran Dabag<\/a>, Historiker armenischer Herkunft, beklagte die Doppelmoral der deutschen Regierung hinsichtlich des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/V\u00f6lkermord_an_den_Armeniern\">V\u00f6lkermordes an den Armeniern<\/a> und den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/V\u00f6lkermord_an_den_Herero_und_Nama\">Herero und Nama<\/a>. <a href=\"https:\/\/www.pik-potsdam.de\/members\/gerten\">Dieter Gerten<\/a>, deutscher Geograph, f\u00fchrte zum Wasser als Lebensader und zu m\u00f6glichen Sparma\u00dfnahmen aus (Konsum reduzieren, weniger Fleisch essen). <a href=\"http:\/\/www.hilalsezgin.de\">Hilal Sezgin<\/a>, Philosophin und Autorin, forderte, dass die Gew\u00e4sser denjenigen geh\u00f6rten, die in ihnen leben. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kathrin_Hartmann\">Kathrin Hartmann<\/a>, deutsche Journalistin, informierte \u00fcber die Folgekosten der deutschen Lebensweise und rief auf, die Privilegien des globalen Nordens abzuschaffen.<\/p>\n<p>In einer strikten Choreografie, die von der, auf der konstituierenden Auftaktsitzung gew\u00e4hlten Pr\u00e4sidentin und ihren zwei Vizepr\u00e4sidenten, von der Menschenrechtsaktivistin <a href=\"https:\/\/www.onebillionrising.org\/169\/khushi-kabir-bangladesh\/\">Khushi Kabir<\/a> aus Bangladesch, dem brasilianischen Politikwissenschaftler Diego Costa und dem ehemaligen stellvertretenden Landreformminister Namibias <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Bernadus_Swartbooi\">Bernadus Swartbooi<\/a> geleitet wurden, folgten auf die 5-min\u00fctigen Referate 5-min\u00fctige Nachfragen der sieben politischen Beobachter (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Armen_Avanessian\">Armen Avanessian<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tariq_Ali\">Tariq Ali<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ulrike_Gu\u00e9rot\">Ulrike Gu\u00e9rot<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wolfgang_Kaleck\">Wolfgang Kaleck<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Chantal_Mouffe\">Chantal Mouffe<\/a>, <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Anu_Muhammad\">Anu Muhammad<\/a> und <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Johannes_Seoka\">Bishof Jo Seoka<\/a>) sowie der Abgeordneten. So strukturierten sich straff und rigoros die f\u00fcnf drei-st\u00fcndigen Plenarsitzungen, in denen die <a href=\"http:\/\/www.general-assembly.net\/tagesordnung\/\">15 vorab verfassten Antr\u00e4ge<\/a> zu den f\u00fcnf Themen inhaltlich umkreist, dann zur Abstimmung gegeben und ggf. mit einem Appendix erweitert wurden, um diese in eine &#8222;Charta f\u00fcr das 21. Jahrhundert&#8220; m\u00fcnden zu lassen. Im Verlauf der drei Tagen wurden 11 Antr\u00e4ge angenommen, 2 abgelehnt und 2 f\u00fcr unfertig befunden.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich die Inszenierung des Ablaufs an demokratischen Plenarsitzungen orientierte (die konstituierende Sitzung ein Pr\u00e4sidium w\u00e4hlte, die Stimmen ausgez\u00e4hlt wurden, restriktiv auf die Einhaltung der Zeit geachtet wurde, die Schlusssitzung die Beschl\u00fcsse zusammenfasste und das Pr\u00e4sidium f\u00fcr die n\u00e4chsten Tage die Charta in Aussicht stellte), griff auch die Inszenierung des Raumes diese Sprache auf: Auf der B\u00fchne waren das Podium f\u00fcr das Pr\u00e4sidium der Generalversammlung, der Arbeitstisch f\u00fcr die Stenographen sowie ein Stehpult f\u00fcr die Vortragenden angeordnet, links und rechts aber von einem sichtbaren Unterschied flankiert, n\u00e4mlich den Kabinen f\u00fcr die Simultan\u00fcbersetzer ins Deutsche, Englische und Franz\u00f6sische sowie zwei Videoleinw\u00e4nden und einem Display f\u00fcr die stenografischen Beobachtungen, au\u00dferdem einer fahrenden Kamera auf Stativ mit Kamerafrau. Vor der B\u00fchne waren drei Stuhlreihen f\u00fcr die Abgeordneten sowie eine Anzahl von Tisch- und Stehmikrofonen installiert, seitlich davon ein Fraktionsaufbau f\u00fcr die politischen Beobachter, ebenfalls mit Mikrofonen ausgestattet. Hinter einer blauen Kordel dann begann der ansteigende Zuschauerraum, der im Gegensatz zu den Abgeordneten in dunkleren Lichtverh\u00e4ltnissen das Geschehen beobachtete und bis auf wenige Zwischenrufe und Pfiffe sich in eine stille Rolle begab. An den W\u00e4nden hingen Banner (\u201eEine Welt \u2013 ein Parlament\u201c, &#8222;Un mundo \u2013 Un parlamento&#8220;) und das<a href=\"http:\/\/www.general-assembly.net\"> rot-weisse Logo der General Assembly<\/a>: der Schriftzug auf englisch, deutsch und franz\u00f6sisch, eingefasst von einem halbrunden Plenum, bestehend aus unterschiedlich gro\u00dfen Einzelbausteine.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2720\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/MiloRau_GeneralAssembly1.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"337\"\/><\/p>\n<p>Fast nahm man an, sich in der perfekten Simulation einer anregenden parlamentarischen Verhandlungs- und Abstimmungssituation zu befinden, wenn nicht immer wieder Einw\u00e4nde oder auch Verbesserungsvorschl\u00e4ge zu organisatorischen Abl\u00e4ufen durch die Abgeordneten eingebracht worden w\u00e4ren (keine Dialoge, zu ungenaue Formulierung der Antr\u00e4ge, wer trifft die finalen Formulierungen?) und wenn sich nicht im 5. Akt am Abgeordneten <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/Tugrulelfarabi\">Tugrul Selmanoglu<\/a>, Anh\u00e4nger der t\u00fcrkischen Regierungspartei AKP, die \u201eGeister schieden\u201c: seine auf Nachfrage formulierte Leugnung der V\u00f6lkermordes an den Armeniern f\u00fchrte zu seinem Ausschluss. Nachdem zun\u00e4chst unter allen Beteiligten \u2013 und hier mischte sich auch das Publikum ein \u2013 nach einer vern\u00fcnftigen L\u00f6sung im Umgang mit inakzeptablen Positionen gesucht&nbsp;&nbsp;und auch kurzzeitig metaierend thematisiert wurde, welche Gespr\u00e4chsformen auch Emp\u00f6rungen und Emotionen zulie\u00dfen, entschied Milo Rau, Selmanoglu auszuschlie\u00dfen, um ihm kurze Zeit sp\u00e4ter wieder Einlass zu gew\u00e4hren, ihm dann aber eine Erkl\u00e4rung zu verwehren und er die Versammlung dann verlie\u00df. Diese Situation, dass erstens zun\u00e4chst das Pr\u00e4sidium durch Regieanweisungen \u00fcber ein Headset den Konflikt mit der Frage nach der V\u00f6lkermordleugnung zuspitzte, dass zweitens im Moment des Konflikth\u00f6hepunktes nach dem Regisseur gerufen wurde, der dann fortlaufend, auch stille Entscheidungen traf und diese nachtr\u00e4glich erkl\u00e4rte, dass drittens in diesem Zusammenhang von einigen Abgeordneten die Einladungspolitik und die Sprecherverteilung kritisiert wurde (Selmanoglu hatte die Gelegenheit, an drei unterschiedlichen Tagen, in drei Sitzungen zu sprechen) und viertens bei der Gelegenheit auch ger\u00fcgt wurde, dass ein wei\u00dfes und m\u00e4nnliches Team diese Veranstaltung geplant und organisiert h\u00e4tte, lie\u00df Risse in die Veranstaltung bringen, die Rau sp\u00e4ter (meines Erachtens zu Unrecht, denn hier handelte es sich um konzeptionelle und organisatorische Gr\u00fcnde) mit den Paradoxien des demokratischen Prozesses selbst wie auch mit dem Widerstreit von Utopie und Realit\u00e4t, Meinung und Fakt, Ernst und Spiel, also politisch und k\u00fcnstlerisch erkl\u00e4rte. Das mag auch die Ursache sein, dass in diesem Moment sowohl politische als auch k\u00fcnstlerische Kritik an Rau ge\u00fcbt wurde, ein Abgeordneter wiederholt in den Saal rief: \u201eIt\u2019s just theater!\u201c, eine Abgeordnete im Windschatten der Aufregung versuchte, gegen den zu dem Zeitpunkt abzustimmenden Antrag zu intervenieren, ein politischer Beobachter die Grundsatzfrage zur Abstimmung stellen wollte, wie mit der Leugnung von Genoziden umgegangen werden soll, im Publikum diskutiert wurde, ob die Einladung von Selmanoglu einer Dramatisierung in Form von Erregung und Emp\u00f6rung dienen sollte und die Grenzen zwischen Inszenierung und Publikum kurzzeitig wankte, als einzelne Stimmen forderten, dass hier gemeinsam abzustimmen sei. Diese Grenze wurde durch Raus Regieverhalten aufrecht erhalten: Rau lie\u00df, um in der Sprache zu bleiben, die Bilder laufen und traf hinter den Kulissen die Entscheidungen.<\/p>\n<p>Wolfgang Kaleck, Anwalt und Mitbegr\u00fcnder des <a href=\"https:\/\/www.ecchr.eu\/de\/home.html\">European Center for Constitutional and Human Rights<\/a> (ECCHR), wies in seiner Abschlussrede in der Schlusssitzung auf weitere Kritikpunkte hin: die Politik der Einladung w\u00e4re intransparent, das Publikum w\u00e4re nicht beteiligt, ein zu breites Themenspektrum sei (nicht) diskutiert und die Sprechzeitverteilung nicht divers genug verteilt worden. So faltete die Veranstaltung an Ort und die Stelle selbstreferentielle Perspektiven in ihre Form ein, mit der Aussicht, diese auf den n\u00e4chstfolgenden Sitzungen zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>Kaleck sprach aber auch von einer konstruktiven Mischung aus &#8222;Gr\u00f6\u00dfenwahn und staatsb\u00fcrgerlicher Selbsterm\u00e4chtigung&#8220;. Anu Muhammad, Wirtschaftsprofessor und Oppositioneller aus Bangladesch, wies darauf hin, dass hier erstmalig eine transnationale Autorit\u00e4t gegr\u00fcndet wurde, die lokalen Widerstand mit globaler Koordinierung zu kombinieren in der Lage sein k\u00f6nnte. Chantal Mouffe, belgische Politikwissenschaftlerin, sprach von einer pluri- (statt uni-) versen Welt und verwies auf ihr Theoriekonzept, dass die antagonistische Demokratie (Freund-Feind) in eine agonistische Demokratie umzuwandeln w\u00e4re. Auch sie forderte Politiken von unten nach oben, so dass eine n\u00e4chste Ausdifferenzierung die Bildung von Regionalparlamenten (Europas, S\u00fcdamerikas, Afrikas\u2026) sein k\u00f6nnte, die den Pluralismus zu erhalten in der Lage w\u00e4ren, um diese dann in einem \u201eWeltparlament\u201c zu koordinieren. Bishop Jo Seoka aus S\u00fcdafrika honorierte, dass das Theater hier den Raum gegeben h\u00e4tte, sich mit dem Thema Demokratie zu besch\u00e4ftigen und bemerkte, dass er robuste Debatten und reichhaltigen Input erlebt h\u00e4tte, dass nicht Gewinnmargen, sondern die Menschen im Vordergrund standen und dass noch immer der Kolonialkomplex die Ursache aller Probleme sei. Er rief abschlie\u00dfend alle Teilnehmer auf, sich der &#8222;Charta f\u00fcr das 21. Jahrhundert&#8220; anzuschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Vorerst allerdings wird am 7. November 2017, ab 15 Uhr, auf der Wiese vor dem Reichstag in Berlin der <a href=\"http:\/\/www.general-assembly.net\/sturm-auf-den-reichstag\/\">Reichstag erst\u00fcrmt<\/a>. In einem Reenactment soll auf den Tag genau, einhundert Jahre nach dem&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Oktoberrevolution\">Sturm auf den Winterpalast in St. Petersburg<\/a>&nbsp;(1920 von <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Nikolai_Evreinov\">Nikolai Evreinov<\/a>&nbsp;als Fotografie inszeniert) reenactet werden, um, so die Ank\u00fcndigung der Veranstaltung, neue wirkm\u00e4chtige Bilder f\u00fcr das neue Jahrhundert herzustellen.<\/p>\n<p>Nachtrag: Am 7.11.0217 teilte Milo Rau im Vorfeld des &#8222;<a href=\"http:\/\/www.general-assembly.net\/sturm-auf-den-reichstag\/\">Sturms auf den Reichstag<\/a>&#8220; mit, dass die &#8222;Charta f\u00fcr das 21. Jahrhundert&#8220; in zwei Wochen fertiggestellt und, sofern die politischen Beobachter sie f\u00fcr vollst\u00e4ndig befunden haben, abgeschlossen werden soll. Die &#8222;General Assembly&#8220; soll in den n\u00e4chsten Jahren in anderen L\u00e4ndern fortgesetzt werden, bis dahin soll entschieden sein, wie die Abgeordneten (aus-)gew\u00e4hlt und das &#8222;Weltparlament&#8220; in eine tats\u00e4chlich legitimierte Institution umgewandelt werden k\u00f6nne.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/1bc8a235d3ff46b0b623ec655d6206d1\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An den bekannterma\u00dfen historisch ereignisreichen ersten Novembertagen (2007, 1989, 1974, 1938, 1923, 1918, 1917) fand in diesem Jahr an der Berliner Schaub\u00fchne am 3., 4. und 5. November 2017 die Gr\u00fcndungsveranstaltung des selbstinstituierten \u201eersten Weltparlaments der Menschheitsgeschichte\u201c statt. 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