{"id":25,"date":"2007-06-26T17:45:15","date_gmt":"2007-06-26T15:45:15","guid":{"rendered":"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=25"},"modified":"2021-06-16T15:51:54","modified_gmt":"2021-06-16T14:51:54","slug":"all-rights-reversed","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=25","title":{"rendered":"All Rights Reversed."},"content":{"rendered":"<p><b>Freie Lizenzen in der Kunst; eingeordnet von Florian Cramer mit einem Vortrag im Hamburger K\u00fcnstlerhaus Frise am 28.04.2007.<\/b><\/p>\n<p>Unter dem link <a href=\"http:\/\/www.artwarez.org\/?p=183\">http:\/\/www.artwarez.org\/?p=183<\/a> ist der Audio-Mitschnitt des Vortrags von Florian Cramer zu finden, in welchem Cramer zum &#8222;Kodifikationsdruck der Kunst&#8220; ausf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Eingangs macht Cramer auf die historische Entwicklungslinie von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Freie_Software\">freier Software<\/a> zu <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Open_Source\">Open Soure<\/a> zu <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Open_content\">Open Content<\/a> aufmerksam:<br \/>\nDie Entwicklung freier Software in Berkley und am <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Massachusetts_Institute_of_Technology\">MIT<\/a> in den 70er und 80er Jahren, dann die Fortsetzung in den 90er Jahren, indem die Prinzipien der freien Lizensierungen auch auf andere Medien \u00fcbertragen wurden.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Genau genommen sind die Lizensierungen jedoch keine Erfindungen der Computer- oder Internetkultur:<br \/>\nBereits 1958 stellte die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Situationistische_Internationale\">Situationistische Internationale<\/a> ihre Texte unter eine &#8211; nach heutigem Sprachgebrauch &#8211; Free-Software-Definition und stellt damit den geistigen Bezugsrahmen her. Alle Texte d\u00fcrften, so die Angabe im Impressum, frei reproduziert, frei \u00fcbersetzt und frei adaptiert werden. Das SI-Copyleft geht sogar noch \u00fcber die Anfang der 80er Jahre aufgestellte Free-Software-Defintion in <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Freie_Software\">4 Freiheiten<\/a> hinaus: Eine Quellenangabe sei nicht erforderlich.<br \/>\nSo ist nicht verwunderlich, dass die ersten im www Anfang der neunziger Jahre publizierten Kunsttexte aus dem Repertoire der SI stammten.<\/p>\n<p>Cramer benennt hierfuer zwei historische Inspirationsquellen:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Marcel_Mauss\">Marcel Mauss&#8216;<\/a> Kulturtheorie der Gabe von 1925 sowie das &#8222;1. Manifest einer Anticopyright-Aesthetik&#8220; in Form eines Aphorismus von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Comte_de_Lautr\u00e9amont\">Comte de Lautr\u00e9amont<\/a> aus dem Jahr 1889: &#8222;Das Plagiat ist notwendig. Es ist im Fortschritt inbegriffen. Es geht dem Satz eines Autors zuleibe, bedient sich seiner Ausdr\u00fccke, streicht eine falsche Idee, ersetzt sie durch die richtige Idee.&#8220;<br \/>\nDas D\u00e9tournement der Situationisten stelle somit ein Hybrid aus lautr\u00e9amontschem Plagiat und brechtschem Verfremdungseffekt dar.<\/p>\n<p>Wodurch nun aber ist die aktuelle Klimaver\u00e4nderung zu erkl\u00e4ren, die fortschreitende Lizensierungen in der Kunst provoziert?<\/p>\n<p>Cramer stellt die These auf, dass der Einfluss der digitalen Medientechniken zur Kodifikation der Verrechtlichung auch in der Kunst f\u00fchrt. K\u00fcnstler, die mit <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Appropriation_art\">appropriativen Strategien<\/a> arbeiten, w\u00fcrden zunehmend kriminalisiert. Niemand interessierte sich seinerzeit f\u00fcr <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kurt_Schwitters\">Kurt Schwitters<\/a> Markenrechtsverletzungen durch die Collagierung des Commerzbank-Logos oder f\u00fcr <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Andy_Warhol\">Warhols<\/a> Adaptionen von Brillo, Campbell oder Coca-Cola.<br \/>\nDie Arbeiten im gesch\u00fctzten Raum des White Cube, im sog. Narrenturm der Kunst, verf\u00fcgten, so Cramers Annahme, nicht \u00fcber die notwendige Relevanz, zu der sie nun im Zeitalter des Internets gelangt seien: Zwischen Netzk\u00fcnstlern (wie <a href=\"http:\/\/www.0100101110101101.org\">01.org<\/a>, <a href=\"http:\/\/ubermorgen.com\"> ubermorgen <\/a> oder <a href=\"http:\/\/www.artwarez.org\">Cornelia Sollfrank<\/a>) und marktwirtschaftlich orientierten Konzernen sei durch den Einsatz digitaler (statt analoger) Techniken Waffengleichheit hergestellt. Die Folgen seien eine gewachsene Copyright-Paranoia und der standardisierte Einsatz von Abmahnungen.<\/p>\n<p>Um es vorweg zu nehmen: Einen Schutz der Kunstfreiheit, die zunehmend juristisch unterh\u00f6hlt w\u00fcrde, sei durch den Einsatz freier Lizenzen nicht m\u00f6glich. Sogar fragw\u00fcrdig sei das auftreten etwa von <a href=\"http:\/\/creativecommons.org\">Creative Commons<\/a>, die mit Slogans wie &#8222;share, reuse, and remix &#8211; legally&#8220; diese Irritation eher sch\u00fcren als das Missverst\u00e4ndnis auszur\u00e4umen. Vielmehr sei die Bewegung der freien Lizenzen aktuell, so Cramer, an einem kritischen Punkt angekommen.<\/p>\n<p>Der Literaturwissenschaftler f\u00fchrt dezidiert zu Lizenzen und Lizensierungen aus:<br \/>\nW\u00e4hrenddessen das <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Urheberrecht\">Urheberrecht<\/a> pauschale Freiheiten wie die Zitier-, Verleih-, Wiederverkaufs- und Kopierfreiheit gew\u00e4hrt und alles weitere unter den Vorbehalt des Urhebers stellt (= all rights reserved), geben beispielsweise die GNU-Lizenzen oder die Creative-Commons-Lizenzen als Formen der freien Lizenzen eine Paschaulerlaubnis, ohne sich als Lizenznehmer beim Urheber r\u00fcckversichern zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Unter den freien Lizenzen ist zwischen Lizenzen in N\u00e4he der Public Domain, dem Copyleft und den von Cramer als pseudofrei benannten Lizenzen zu unterscheiden:<br \/>\n&#8211; Die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Public_Domain\">Public Domain<\/a> (die wohl am ehesten mit der lizenz der Situationisten zu vergleichen ist) agiert aus einem Ethos der Freiheit, und zwar ohne jegliche Beschr\u00e4nkungen. Selbst eine freie Software kann als eine propriet\u00e4re Verwendung finden.<br \/>\n&#8211; Das <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Copyleft\">Copyleft<\/a>, auf dem zb die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/GNU_General_Public_License\">GNU-General Public License<\/a> basiert, agiert nach dem rekursiven Prinzip mit nur einer Einschr\u00e4nkung f\u00fcr den Lizenznehmer, n\u00e4mlich die Lizenzierung ebenfalls zu den Bedingungen der GPL. Somit pflanzt sich das Prinzip der einzig freien Verwendung viral fort.<br \/>\n&#8211; Die <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Creative-Commons\">Creative-Commons-Lizenz<\/a>, die f\u00fcr beliebige Werke (Multimedia, Text, Bild, Audio) verschiedene Lizenzversionen hinsichtlich einer kommerziellen\/nicht kommerziellen Nutzung oder einer erlaubten\/nicht erlaubten Ver\u00e4nderung anbietet, zieht Cramers Unmut auf sich. Nicht nur, weil CC Irritationen ausl\u00f6sen w\u00fcrde, vielmehr gibt es zwischen den einzelnen Lizenzversionen selbst Inkompatiblit\u00e4ten, die auf eine fehlende Politik, ein fehlendes Ethos hinweisen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Das Minenfeld sei zudem gewachsen: Markenrechte, Vertragsrechte, Patentrechte w\u00fcrden parallel und aufeinander geschichtet werden, um zumindest der Software-Industrie einen restriktiven Zugriff auf bestimmte Werke zu sichern. W\u00e4hrend etwa die Software des Webbrowsers <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Firefox\">Mozilla Firefox<\/a> als freie Software GPL-lizenziert ist, verf\u00fcgt die Mozilla-Foundation als Entwickler \u00fcber die Wortmarken Mozilla und Firefox und beh\u00e4lt sich damit das Recht auf die Distribution der Software unter diesem Namen vor. Eine Nutzung w\u00fcrde somit als Markenrechtsverletzung deklariert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend trug Cramer seine Kritik an dem 2000 von Volker Grassmuck ausgef\u00fchrten Konzept der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wissensallmende\">Wissensallmende<\/a> vor: In N\u00e4he zu einer &#8222;Blut- und Boden-Rhetorik&#8220; und als R\u00fcckkehr zu einem Kollektivromantizismus (ein Modell ohne individuelle Autorenschaft, ohne Eigentum und ohne Urheberrechte) w\u00fcrde aus der Ablehnung eines reaktion\u00e4ren Autoren- und Werkmodells ein &#8222;Ursuppenmodell&#8220; propagiert werden, das f\u00fcr nicht konsensf\u00e4hige Kunstprojekte keine Alternative darstellen kann. Denn gerade jene Formen, die wie <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hauptseite\">Wikipedia<\/a> nach einer freien Kollaborationslogik mit freien Lizenzen operieren, h\u00e4tten oft einen Konsenszwang und Mainstreamcharakter. Und dies w\u00e4re durchaus kein Zufall.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/0a41161ced3a46f19876e4aa238f4929\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Freie Lizenzen in der Kunst; eingeordnet von Florian Cramer mit einem Vortrag im Hamburger K\u00fcnstlerhaus Frise am 28.04.2007. Unter dem link http:\/\/www.artwarez.org\/?p=183 ist der Audio-Mitschnitt des Vortrags von Florian Cramer zu finden, in welchem Cramer zum &#8222;Kodifikationsdruck der Kunst&#8220; ausf\u00fchrt. 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