{"id":2490,"date":"2017-09-15T15:30:05","date_gmt":"2017-09-15T14:30:05","guid":{"rendered":"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=2490"},"modified":"2021-06-16T14:18:48","modified_gmt":"2021-06-16T13:18:48","slug":"was-war-eigentlich-modern-gewesen-monteverdi-scharoun-und-gardiner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=2490","title":{"rendered":"Was war eigentlich modern gewesen? Monteverdi, Scharoun und Gardiner"},"content":{"rendered":"<p>Vorbemerkung:<br \/>\nWas als Konzertbesuch begann, m\u00fcndete&nbsp;nach drei Monteverdi-Opern in der <a href=\"https:\/\/www.berliner-philharmoniker.de\">Berliner Philharmonie<\/a>, &nbsp;aufgef\u00fchrt&nbsp;im Rahmen des <a href=\"https:\/\/www.berlinerfestspiele.de\/de\/aktuell\/festivals\/musikfest_berlin\/ueber_festival_mfb\/aktuell_mfb\/start.php\">Musikfests Berlin 2017<\/a>, &nbsp;in einen kunstwissenschaftlichen Kurzessay. Denn die Begegnung von Monteverdi-Komposition, Scharoun-Architektur und Gardiner-Musikproduktion setzte aufgrund der Anh\u00e4ufungen und Verschaltungen von Asymmetrien in Musikgeschichte, Auff\u00fchrungspraxis und Architektur Gedanken in Gang, die um den Begriff des Modernen kreisten. Scharoun triggerte bzw. katalysierte in Regie von Sir Gardiner Spezifika von Monteverdi, so dass von einer In-situ-Inszenierung mit \u00fcbergreifenden Erkenntnisgewinnen die Rede sein kann. Daher:<\/p>\n<p><strong>Was war eigentlich modern gewesen?<\/strong><\/p>\n<p>Die Menge der Vielzahl an Bedeutungen von &#8218;modern&#8216; erschwert es, eine eindeutige Antwort auf die Frage zu formulieren, was eigentlich &#8218;modern&#8216; war:<br \/>\nF\u00fcr das Adjektiv hat j\u00fcngst noch einmal <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Klaus_Bartels\">Klaus Bartels<\/a> die in diesen Begriff eingebaute Differenz <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/stichwort-modern-ld.1310028\">herausgestellt<\/a>: Das lateinische &#8218;modernus&#8216; (neu, neuzeitlich, gegenw\u00e4rtig) stammt vom lateinischen Adverb &#8218;modo&#8216; (eben, jetzt, eben gerade, eben erst, kurz zuvor, kurz hiernach), das an eine Geste des Abstands zwischen Daumen und Zeigefinder gekn\u00fcpft war, hinzu kommt die Doppelbedeutung des lateinischen &#8218;modus&#8216; als Ma\u00df und Art und Weise. Modern war zun\u00e4chst nichts anderes als die Abgrenzung zum \u00fcberlieferten Alten. Der Begriff transportiert also automatisch einen Referenzbegriff, wie es etwa auch die Begriffe White Cube, Umwelt oder Kontext praktizieren.<\/p>\n<p><!--more-->\u00dcberdies existieren differierende bzw. erweiternde Definitionsvorschl\u00e4ge, modern sei ein Programm oder eine Strategie oder ein Konzept oder ein Stil\u2026<br \/>\nIm Substantiv &#8218;Moderne&#8216; findet eine Stabilisierung und Abgrenzung statt: von einer abgeschlossenen Epoche oder einem Zeitalter in der Vergangenheit ist die Rede, dabei nehmen die einzelnen Disziplinen ihre je eigene Datierung und Historisierung vor: In der Philosophie f\u00e4llt die Moderne mit der Aufkl\u00e4rung zusammen, die literarische Moderne beginnt mit dem 20. Jahrhundert, in der Musik ebenfalls, die Soziologie setzt die Moderne mit der Neuzeit gleich und die Kunstgeschichte differenziert mit der Klassischen Moderne einen Stil aus.<\/p>\n<p>Die j\u00fcngsten Auff\u00fchrungen von Monteverdis &#8222;Opern&#8220; (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/L\u2019Orfeo\">\u201eL\u2019Orfeo\u201c<\/a> von 1607, spielt in Thrakien und Unterwelt in mythischen Zeiten, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Il_ritorno_d\u2019Ulisse_in_patria\">\u201eIl ritorno d\u2019Ulisse in patria\u201c<\/a> von 1641, spielt in Ithaka in mythischen Zeiten und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/L\u2019incoronazione_di_Poppea\">\u201eL\u2019incoronazione di Poppea\u201c<\/a> von 1653, spielt in Rom 62 n.Chr. unter Kaiser Nero) verdeutlichten in situ, was &#8218;modern&#8216; bedeutet:<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Claudio_Monteverdi\">Monteverdis<\/a> Musik, in der musikalischen Leitung und Regie von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/John_Eliot_Gardiner\">Sir John Eliot Gardiner<\/a> praktiziert eine Unordnung, einen Bruch mit Vorherigem, eine Hybridisierung. Sie bricht mit der Eindeutigkeit und Ordnung des vorherigen Kanons und nimmt damit implizit eine Formung von Zeit vor: ein vorher und ein nachher statt eines kontinuierlichen Flusses ohne Konturen. Es entstehen Mischformen in szenischer Darstellung, Musik und Komposition, die in Kenntnis fortgesetzter, historischer Separierungen oder abermaliger Br\u00fcche (Modernen) erst retrospektiv als Hybridisierungen anerkannt werden k\u00f6nnen und in genau diesem Moment das Moderne wieder aufheben. So sind Mehrstimmigkeiten von Madrigalen, T\u00e4nzen, Ch\u00f6ren, Arien, Duetten und Rezitativen zu h\u00f6ren, die manchmal auch miteinander zu verschmelzen scheinen. Strophenlieder und Arien &nbsp;wechseln einander ab. Vokalpolyphonien treffen auf einen monodischen Stil, das Zusammenspiel von Linie, Melodie und Harmonie ist strukturell offen. Neben kontrapunktischen Kompositionen sind akkordische gesetzt, die Abwesenheit von Tempobezeichnungen und Angaben zur Dynamik in der ohnehin spartanisch aufgesetzten Partitur (die nur als Gesangs-und Basslinie notiert ist) er\u00f6ffnet Gestaltungsspielr\u00e4ume \u2013 \u00fcbrigens auch der Instrumentation, denn anders als der Druck von &#8222;L&#8217;Orfeo&#8220; enthalten die Abschriften der beiden anderen Kompositionen keine Instrumentationsangaben. Die Situationen&nbsp;sind mal mehr, mal weniger szenisch inszeniert (eine Variante, die Gardiner &#8222;halbszenisch&#8220; bezeichnet). Die S\u00e4nger sind mal Teil des Chors, mal Individual als Solisten, mal sind die Stimmen mit den Figuren zusammengelegt und \u00fcbereins, mal bricht diese Zuordnung auseinander. Mal wenden sich die Figuren in direkter Ansprache aneinander oder ans Publikum, gefolgt von introspektiven Monologen oder Dialogen. Mal singt die textverst\u00e4ndliche Stimme als Countertenor, mal bricht sie in einer Figur zum Mezzosopran um. Schallverteilungen im Raum folgen auf Resonanzen und Nachhall. Monteverdi lebte nicht nur zwischen zwei Epochen, auch sein k\u00fcnstlerisches Werk ist zwischen zwei kunstgeschichtlichen Epochen aufgespannt und trifft in der Berliner Philharmonie-Inszenierung auf einen n\u00e4chsten Bruch, in Architektur, Konzerthallenbau und Auff\u00fchrungspraxis.<\/p>\n<p>Diese Br\u00fcche, diese konzentrativen Momente der Neufaltung, der Unvorhersagbarkeit, der Optionen, der Unordnung sind dasjenige, was als modern bezeichnet werden kann. Modern, so kann als Definition vorgeschlagen werden, ist &#8218;inter&#8216;: nicht mehr und noch nicht, sind Asymmetrien in Zeit und Raum. Das bedeutet auch, dass, alsbald die Unordnung als solche benannt und sortiert wird, die Mischformen in ihrem Inter-Zustand geordnet und aus diesem herausgef\u00fchrt werden, das Moderne vor\u00fcber ist und in einen Zustand \u00fcberf\u00fchrt werden kann, der eine Systematisierung nach weiteren Kriterien anregt und anbietet. Die Definition kann also fortgesetzt werden: Modern ist eine \u00dcbergangsphase, die in dem Moment beendet ist, in dem die Asymmetrien symmetrisiert und die Br\u00fcche nivelliert werden, in dem mit Entfaltungen und Ausdifferenzierungen fortgesetzt wird. Modern findet also zwingend in der Vergangenheit und aus der Retrospektive statt. Modern ist ein Referenzpunkt mit eingebauter Differenz, ein Kippmoment, der ein Ma\u00df (modo) und zwar sowohl die Zeitspanne vor dem Referenzpunkt als auch die Zeitspanne nach dem Referenzpunkt ber\u00fccksichtigt. Ein nur kurzer Moment in der Inszenierung der &#8218;Poppea&#8216; deutete eine Asymmetrie an, als Michal Czerniawskis Countertenor der &#8218;Nutrice&#8216; inmitten der sexuellen Begierden seiner Figur der Amme zum Mezzosopran umbrach, so dass beinahe ein vorher und ein nachher im heutigen Fluss der Zeit, also etwas Modernes entstanden w\u00e4re. Allerdings weist Bruno Labour darauf hin, dass die Rezeption des Modernen immer nur zeitversetzt erfolgen kann, denn sobald wir unsere Aufmerksamkeit auf s\u00e4mtliche Verfahren, sowohl auf das Hybridisieren&nbsp;als auch das Separieren, lenken, &#8222;h\u00f6ren wir sofort auf, g\u00e4nzlich modern zu sein&#8220;. In dem Moment, in dem &#8222;uns r\u00fcckblickend bewusst wird&#8220;, dass hier mehrere Verfahren am Werk sind bzw. am Werk gewesen sind, &#8222;h\u00f6ren wir auf, modern gewesen zu sein&#8220;. (Latour 2008, S. 20)<\/p>\n<p><strong>Wie aber wurde erz\u00e4hlt?<\/strong><\/p>\n<p>Das Narrativ der drei noch erhaltenen (von insgesamt zehn)&nbsp;Opern Monteverdis wird in dieser Inszenierung von Sir Gardiner und Elsa Rooke (Regie) \u00fcber Licht*, Kost\u00fcme**, Tonarten, Dualismen und Instrumenteneinsatz hergestellt: Die drei Pointen zur Liebe \u2013 einer schw\u00e4rmerisch ungl\u00fccklichen Liebe zwischen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Orpheus\">Orpheus<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Eurydike_(Nymphe)\">Eurydike<\/a>, an seiner Begierde gescheitert, einer gl\u00fccklichen Liebe zwischen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Odysseus\">Odysseus<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Penelope_(Mythologie)\">Penelope<\/a>, auf Zuverl\u00e4ssigkeit gr\u00fcndend und einer grenzenlosen, k\u00f6rperlichen Liebe zwischen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nero\">Nero<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Poppaea_Sabina\">Poppea<\/a>, durch Konsequentialit\u00e4t realisiert, daneben noch weitere Varianten von eifers\u00fcchtiger, gl\u00fcckloser, selbstzerst\u00f6rerischer und\/oder komplizierter Liebe \u2013, diese drei Pointen also (Begierde, Zuverl\u00e4ssigkeit und Konsequentialit\u00e4t) werden in dieser Inszenierung erz\u00e4hlt, indem durch den Lichteinsatz in &#8222;L\u2019Orfeo&#8220; eine Ober- und eine Unterwelt konstruiert wird, indem durch den Einsatz von Tonalit\u00e4t und Tonarten Freude (e-Dur) und Schmerz (a-Moll) entsteht, indem durch den Materialeinsatz der Kleider ein Dualismus wie Weibliches (seidig, flie\u00dfend, gl\u00e4nzend) und ein M\u00e4nnliches (stumpf, streng) behauptet wird, indem der Instrumenteneinsatz funktionalisiert wird (Streicher vs. Bl\u00e4ser), indem Einzelfiguren heraustreten und mit ihrer Stimme zusammengelegt werden (Orpheus, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Charon_(Mythologie)\">Caronte<\/a>, Odysseus, Penelope, Poppea, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Seneca\">Seneca<\/a>), indem die Faktur der Musik durch die Psychologie der Figuren bestimmt ist.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2493\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2017_Monteverdi-Gardiner.jpg\" alt=\"\" width=\"2100\" height=\"1181\" srcset=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2017_Monteverdi-Gardiner.jpg 2100w, https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2017_Monteverdi-Gardiner-768x432.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 2100px) 100vw, 2100px\" \/><em>\u00a9 Carolina Redondo, 2017.<\/em><\/p>\n<p>Diese Inszenierungen finden nun inmitten der Asymmetrieanh\u00e4ufungen der Berliner Philharmonie statt. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Hans_Scharoun\">Scharouns<\/a> Bau aus den fr\u00fchen 1960er Jahren verweigert wie viele seiner Nachfolgebauten in <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Sydney_Opera_House\">Sydney<\/a>, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Philharmonie_de_Paris\">Paris<\/a> und <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Elbphilharmonie\">Hamburg<\/a>, die \u00dcbersicht, das Zentrale, das Symmetrische, die Auff\u00fchrungskonventionen und damit auch die sozialen Klassifizierungen des Publikums. In der Mitte der unregelm\u00e4\u00dfig ansteigenden, terrassenf\u00f6rmigen Logen ist das Podium platziert, die Mitte des Podiums h\u00e4lt auch Sir Gardiner als Dirigent des <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Monteverdi_Choir\">Monteverdi Choir<\/a> und der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/English_Baroque_Soloists\">English Baroque Soloists<\/a> frei. Eine mittige Schneise durch das Orchester aus 6 Violinen, 4 Violen, 1 Cello, 1 Viola, 1 Kontrabass, 2 Blockfl\u00f6ten, 2 Trompeten (Zinken), 1 Dulzian, 2 Cembali, 4 Barockgitarren und 1 Harfe erm\u00f6glicht die halbszenische Inszenierung, den Gang der Darsteller des Chors und der Solisten \u00fcber das gesamte Podium, in L\u00e4nge wie Breite, von einem zum anderen Publikum. Der Fluchtpunkt dieser Inszenierung ist damit frei (nicht leer) und kann dynamisch mehrfach im Verlauf der Inszenierungen belegt werden: mit <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Possente_spirto\">\u201ePossente spirto\u201c<\/a>, die Koloraturarie des Orpheus im 3. Akt, mit dem finalen Liebesduett von Odysseus und Penelope oder auch dem von Nero und Poppea &#8222;Pur ti miro, Pur ti godo&#8220;. Wollte man allerdings von einem konzeptionellen statt einem r\u00e4umlichen Zentrum sprechen, so w\u00e4re das Motiv des Zyklus&#8216; zu nennen, der durch die drei Kompositionen und die drei beinahe aufeinander folgenden Abende (Samstag, Sonntag und Dienstag) kreiert wurde. Schon 2012 wurde in Berlin diese Verklammerung praktiziert, als in der <a href=\"https:\/\/www.komische-oper-berlin.de\">Komischen Oper<\/a> in der Regie von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Barrie_Kosky\">Barrie Kosky<\/a> die \u201eMonteverdi-Trilogie\u201c an einem Tag aufgef\u00fchrt wurde, hierf\u00fcr allerdings das Genre der Operette, wenn nicht des Musicals gew\u00e4hlt wurde.<\/p>\n<p>*Lichtdesign: Rick Fisher<br \/>\n**Kost\u00fcme: Isabella Gardiner, Patricia Hofstede<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/0448a8128bbb4e12be562f46df0e3c71\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung: Was als Konzertbesuch begann, m\u00fcndete&nbsp;nach drei Monteverdi-Opern in der Berliner Philharmonie, &nbsp;aufgef\u00fchrt&nbsp;im Rahmen des Musikfests Berlin 2017, &nbsp;in einen kunstwissenschaftlichen Kurzessay. 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