{"id":2473,"date":"2017-09-05T15:42:33","date_gmt":"2017-09-05T14:42:33","guid":{"rendered":"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=2473"},"modified":"2021-06-16T14:19:48","modified_gmt":"2021-06-16T13:19:48","slug":"eine-uebung-des-vertrauens-zu-adrian-pipers-the-probable-trust-registry","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=2473","title":{"rendered":"Eine \u00dcbung des Vertrauens. Zu Adrian Pipers \u201eThe Probable Trust Registry\u201c"},"content":{"rendered":"<p>\u201eIch werde immer zu teuer sein, um gekauft zu werden.\u201c \u201eIch werde immer meinen, was ich sage.\u201c \u201eIch werde immer das tun, was ich sage.\u201c Der Vertrag erg\u00e4nzt: \u201e(Eintritt h\u00f6herer Gewalt ausgenommen)\u201c. K\u00f6nnten und\/oder w\u00fcrden Sie diese drei Axiome, im Futur I verfasst, unterzeichen und damit eine Vertragsverpflichtung mit sich selbst eingehen (k\u00f6nnen), k\u00fcnftig \u201eimmer zu teuer sein, um gekauf zu werden\u201c, immer zu \u201emeinen, was ich sage\u201c und immer das zu \u201etun, was ich sage\u201c? Das Futur I \u2013 im Englischen hei\u00dft es im Vertrag \u201eI will\u2026\u201c und setzt damit das Future Simple f\u00fcr Vorhersagen, Versprechungen und spontane Entscheidungen ein \u2013 weist Sie darauf hin, dass der Sachverhalt zum Sprechzeitpunkt schon aktuell ist. Ein Kalk\u00fcl, das es in sich hat: Ein spontanes Versprechen in Form eines Axioms, also eines beweislos vorausgesetzten Satzes, der zum Redezeitpunkt, besser zur schriftlichen Vertragsunterzeichnung schon aktuell ist und mit der Vertragsunterzeichnung fortan f\u00fcr immer selbstverpflichtend wirkt.<\/p>\n<p>Diese Selbstverpflichtungen abverlangte, besser gesagt erm\u00f6glichte die US-amerikanische Konzeptk\u00fcnstlerin und analytische Philosophin <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Adrian_Piper\">Adrian Piper<\/a>, die 1981 bei <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/John_Rawls\">John Rawls<\/a> promoviert wurde und zuvor an der Uni Heidelberg zu Kant und Hegel forschte, den BesucherInnen des <a href=\"http:\/\/www.smb.museum\/museen-und-einrichtungen\/hamburger-bahnhof\/home.html\">Berliner Hamburger Bahnhofs<\/a> in diesem Sommer. Zuvor wurde sie 2015 f\u00fcr diese Arbeit, die bereits 2013 in New York zu sehen war, auf der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Biennale_di_Venezia\">Biennale in Venedig<\/a> im Arsenale mit dem Goldenen L\u00f6wen ausgezeichnet. In der historischen Lichthalle des Museums waren nun f\u00fcr gut sechs Monate in klarer Formensprache drei identische, goldfarben runde Empfangstresen zentriert vor drei deckenhohen, grauen W\u00e4nden plaziert, die sich nach an der Form der gebogenen Eisentr\u00e4ger orientierten. An der Wand hinter dem jeweiligen Tresen war in goldfarbenen Buchstaben ein einzeiliger Wandtext angebracht, bei dem es sich um eben einen dieser drei Axiome handelte. Je ein\/e Rezeptionist\/in hinter dem Tresen, dunkel und seri\u00f6s gekleidet, meist jugendlichen Alters und tempor\u00e4r f\u00fcr die Dauer der Ausstellung beim Hamburger Bahnhof angestellt, stand f\u00fcr Nachfragen, Gespr\u00e4che und die Aush\u00e4ndigung des unterzeichneten Vertrags auf Papier zur Verf\u00fcgung. Auf dem Tresen erm\u00f6glichte ein Screen, den Vor- und Nachnamen einzugeben, eine digitale Unterschrift zu leisten und qua Ber\u00fchrung mit dem resistiven Touchscreen die Vertragsbindung einzugehen, die durch einen Drucker hinter dem Tresen sofort als zweiseitiges Papier ausgeh\u00e4ndigt wurde. Neben dem Tresen hielt ein aufgestelltes Stehpult ein Papier, das die BesucherInnen auf deutsch und englisch \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.adrianpiper.com\/art\/docs\/TPTRGeneralizedPerformanceInstructionsWebsite.pdf\">11 \u201eHandlungsanweisungen\u201c bzw. \u201eSpielregeln\u201c<\/a> aufkl\u00e4rte, und zwar, dass alle UnterzeichnerInnen des Vertrags nach Ende der Ausstellung ein Verzeichnis der alphabetisch geordneteten Nachnamen aller UnterzeichnerInnen desselben Vertrags zugesandt bek\u00e4men, eine Kontaktaufnahme dann untereinander m\u00f6glich w\u00e4re, indem die <a href=\"http:\/\/www.smb.museum\/museen-einrichtungen\/nationalgalerie\/home.html\">Nationalgalerie \u2013 Staatliche Museen zu Berlin<\/a> kontaktiert w\u00fcrde, die nach der Einwilligung zur Adressweitergabe die Daten weitergebe. Das Verzeichnis selbst w\u00fcrde f\u00fcr 100 Jahre nach Ende der Ausstellung f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit unzug\u00e4nglich aufgewahrt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2474\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/AdrienPiper_overview.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"337\"\/><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>30.000 UnterzeichnerInnen (etwa 70% der BesucherInnen) willigten nach gesch\u00e4tzter Angabe von zwei MitarbeiterInnen am letzten Tag der Ausstellung in der Zeit vom 24.2. bis zum 3.9.2017 in die Selbstverpflichtung ein, sich in einem Initialisierungsritus fortan in \u201eVertrauensw\u00fcrdigkeit\u201c zu \u00fcben, so Adrian Piper in ihrem zweisprachigen Konzepttext (in Passport-Design), der bei ihr bekannterma\u00dfen nicht den Status einer begleitenden, schwerlastigen Theoretisierung oder eines leichtsinnigen Werbe- und Ank\u00fcndigungstextes hat, sondern selbst konzeptueller und philsophischer Bestandteil ihrer k\u00fcnsterischen Werke ist. \u201eVertrauensw\u00fcrdigkeit\u201c ist demnach ein weiterer Faktor in dem sich aufspannenden Kalk\u00fcl, anders gesagt, ein von der k\u00fcnstlerischen Arbeit angestrebter Wert, der in seiner Wertigkeit von dem hochwertigen Materialeinsatz (Sitzb\u00e4nke, Tresen, Farbe, Holz, Gr\u00f6\u00dfe, Distanz, H\u00f6he) unterst\u00fctzt wird. Ein weiterer Faktor ist der Titel der <a href=\"http:\/\/www.adrianpiper.com\/art\/The_Probable_Trust_Registry.shtml\">Arbeit \u201eVerzeichnis der wahrscheinlich Vertrauensw\u00fcrdigen\u201c<\/a>, der explizit den Wahrscheinlichkeitsfaktor des Unterfangens einbezieht und damit auch den Risikofaktor des Scheiterns benennt bzw. die Prozessualit\u00e4tsdimension des Unterfangens betont. Hierbei handelt es sich nun nicht um ein Axiom a priori, Piper schreibt a posteriori: \u201eUm gegenseitiges Vertrauen aufbauen zu k\u00f6nnen, m\u00fcssen wir ab jetzt damit beginnen, uns darin zu \u00fcben, vertrauensw\u00fcrdig zu werden.\u201c Die drei S\u00e4tze w\u00e4ren demnach zu pr\u00e4zisieren: \u201eIch werde ab jetzt und lebenslang verspechend versuchen, immer zu teuer zu sein, um gekauft zu werden, immer meinen, was ich sage, immer das tun, was ich sage.\u201c Der Vertrag, der nach Aussage der Mitarbeiter rechtlich gepr\u00fcft so aufgesetzt wurde, dass es sich nicht um einen rechtsverbindlichen Vertrag handelt, erh\u00e4lt so den Charakter eines Versuchs, Wahlm\u00f6glichkeiten des Handelns zu reduzieren, so dass es sich um ein Konjunktiv in Gestalt eines Selbstimperativs als Indikativ handelt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2475\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/AdrienPiper_Axiom1.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"337\"\/><\/p>\n<p>Dabei stellt sich die Frage, wie diese \u00dcbung praktiziert werden k\u00f6nnen soll: Die gesch\u00e4tzt 30.000 UnterzeichnerInnen, die laut Konzepttext eine \u201e\u00d6ffentlichkeit\u201c her- und darstellen k\u00f6nnen sollen, sind und bleiben Einzelindividuen, die zwar auf Nachfrage bei der Kunstinstitution \u2013 das Werk befindet sich durch die Unterst\u00fctzung der Freunde der Nationalgalerie im Eigentum der Staatlichen Museen zu Berlin \u2013 und nach Einwilligung durch die zu kontaktierende Person in Kontakt zu konkreten anderen Personen desselben Vertrags treten k\u00f6nnen. Der administrative Aufwand, diese gesch\u00e4tzt 30.000 UnterzeichnerInnen bzw. Sich-selbst-Registrierenden miteinander zu verlinken, und das ist nur unschwer zu antizipieren, ist immens und wird eine m\u00f6gliche, sich selbstherstellende und selbstorganisierende Community-Bildung aus pragmatischen Gr\u00fcnden verhindern. Die Kunstinstitution geriert sich hier als ein Netzwerkerm\u00f6glicher, ohne die Infrastruktur zur Verf\u00fcgung zu stellen. In diesem Zusammenhang ist auch die von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Udo_Kittelmann\">Udo Kittelmann<\/a>, Direktor der Nationalgalerie, in dem Vorwort herausgestellte partizipatorische Dimension des Werks (die sich auch in der auf der <a href=\"http:\/\/www.smb.museum\/museen-und-einrichtungen\/hamburger-bahnhof\/ausstellungen\/detail\/adrian-piper-the-probable-trust-registry-the-rules-of-the-game-1-3.html\">Webseite des HH-Bahnhofs zur Ausstellung<\/a> vorgenommene Kategorisierung der Arbeit Pipers als eine \u201epartizipative Gruppenperformance\u201c wiederfindet) mit Skepsis zu sehen: Partizipation ist weder auf Produktionsebene noch auf Rezeptionsebene angelegt und umsetzbar: An was w\u00fcrde teilgenommen werden, an was w\u00fcrde man teilhaben k\u00f6nnen? Gibt die Arbeit vor, ein Handlungsfeld zu sein und ist letztlich doch eine Skulptur, die sich in eine Komplizenschaft mit der auch konzeptionell eingebundenen Kunstinstitution als Systemstelle begibt? Denn die r\u00e4umliche und damit rezeptive Distanzherstellung zwischen Kunstwerk und Rezipient in der historischen Lichthalle des Hamburger Bahnhofs zielt nicht auf eine selbstorganisierende \u00d6ffentlichkeitsherstellung ab, wie auch das Display nicht auf eine interpersonelle, sondern vielmehr auf eine optische und atmosph\u00e4rische Wertigkeit ausgerichtet ist.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2476\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/AdrienPiper_Display.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"337\"\/><\/p>\n<p>Eine Fehlkonzeption Pipers? &#8230;die auch erkl\u00e4ren w\u00fcrde, dass die NichtunterzeichnerInnen sich mit den Argumenten abwenden, hier w\u00fcrde in einer Konsensatmosph\u00e4re Scheinheiligkeit praktiziert, E-Mail-Adressen gesammelt, Handlungs- und Entscheidungsoptionen beschr\u00e4nkt und Wahlm\u00f6glichkeiten reduziert? &#8230;oder&nbsp;ein Bentham&#8217;sches <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Panopticon\">Panopticon<\/a> kreiert, dass mit&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Panoptismus\">Foucault selbstdisziplinierend \u00fcberwacht und straft<\/a>. &nbsp;Eine Arbeit, die statt \u201eVertrauensw\u00fcrdigkeit\u201c zu generieren, Vertrauen in die Kunst und in die Kunstinstitutionen beschneidet? Eine Arbeit, die das kanonisierte Konzept von Kunst als einem Spiel, in einem konsequenzlosen Imagin\u00e4r-Fiktionalen und einem nur exemplarischen Probehandeln best\u00e4tigt und best\u00e4rkt? Nicht wenige UnterzeichnerInnen h\u00e4tten beim Unterzeichnen erkl\u00e4rend kommentiert, dass es sich ja nur um Kunst handele\u2026<\/p>\n<p>Es sei denn, das Anliegen Pipers als <a href=\"http:\/\/adrianpiper.com\/rss\/index.shtml\">Selbst-Forscherin<\/a> (&#8222;Rationality and the Structure of the Self. A Two-Volume Study in Kantian Metaethics&#8220;, 2008) ist, die Selbstreflexion eines fehlenden Selbst-Begriffs und einer mangelnden moralischen Selbst(aus-)bildung, eines vorschnellen Behauptens und Bekennens, eines allzu freiz\u00fcgigen Auskunftsgebens von Namen und E-Mail-Adresse, eines freigiebigen kollektiven Registrierens in Gang zu setzen und darauf hinzuweisen, dass Vertrauen nicht in der Gesellschaft, auch nicht in der Gemeinschaft, sondern zun\u00e4chst erst einmal im einzelnen Selbst verankert ist und jedes Selbst f\u00fcr die Wertbildung von Vertrauen zun\u00e4chst erst einmal f\u00fcr sich und f\u00fcr seine Selbsthandlung verantwortlich ist, sich allerdings dann auch im unterst\u00fctzenden Horizont einer Gemeinschaft aufh\u00e4lt, die als Umwelt den Wertbildungsprozess allemal beeinflusst. Bei dieser Gemeinschaft kann es sich dann auch durchaus um eine imagin\u00e4re, in dem vorliegenden Fall um eine anonyme und optionale Gr\u00f6\u00dfe handeln, die sich eben nicht als Community oder Netzwerk, sondern als eine ethisch-moralische Instanz formiert.<\/p>\n<p>Damit k\u00f6nnte es sich um den Versuch der Kant-Kennerin eines Aktualisierungstransfers oder auch einer Invertierung von Kants Kathegorischem Imperativ (\u201eHandle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.\u201c) zu einer selbstverpflichtenden, stabilisierenden Maxime handeln. Diese Maxime w\u00fcrde in einem Register institutionalisiert, das wiederum in Form eines lediglich als Horizont wirksamen Normativs seinen \u00f6kologischen Beitrag leistet.&nbsp;In diesem Sinne f\u00e4nde hier am Rande auch eine Neuwertbildung der angegriffenen Instanz Institution zu einer begleitenden und unterst\u00fctzenden, eben \u00f6kologischen Einrichtung statt. Somit w\u00e4re Pipers \u201eRegister\u201c zwar auch Skulptur, Installation und Performance, aber auch Resultat&nbsp;einer Institutionskritik \u2013 zu dieser hatte Piper 1983 die Aufs\u00e4tze \u201esome thougts on the political character of this situation\u201c und \u201epower relations within existing art institutions\u201c publiziert.<\/p>\n<p>Beide Denkans\u00e4tze w\u00e4ren miteinander kombinierbar, wenn gefragt w\u00fcrde, was Aufkl\u00e4rung, die Vernunft, das Selbst, das autonome Individuum&#8230; in Zeiten taugen, die von Vernetzung, Hybridisierung,&nbsp;Daten, Algorithmen, Kontroll\u00fcberschuss, Komplexit\u00e4t&#8230; bestimmt sind.<\/p>\n<p>Text: Birte Kleine-Benne<br \/>\nFotos: Erwin Liedke<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.welt.de\/kultur\/kunst-und-architektur\/article162796986\/Ohne-Rassismus-haetten-die-USA-keine-Grundlage.html\">Interview mit Adrian Piper zu TPTR<\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/ced20b1985274fc29a51fddb43c60a12\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIch werde immer zu teuer sein, um gekauft zu werden.\u201c \u201eIch werde immer meinen, was ich sage.\u201c \u201eIch werde immer das tun, was ich sage.\u201c Der Vertrag erg\u00e4nzt: \u201e(Eintritt h\u00f6herer Gewalt ausgenommen)\u201c. 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