{"id":2260,"date":"2016-02-17T21:14:00","date_gmt":"2016-02-17T20:14:00","guid":{"rendered":"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=2260"},"modified":"2021-06-16T14:23:28","modified_gmt":"2021-06-16T13:23:28","slug":"stoeren-alain-badiou-zu-fluechtlingskrise-politikerneuerung-und-theater","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=2260","title":{"rendered":"St\u00f6ren! Alain Badiou zu &#8222;Fl\u00fcchtlingskrise&#8220;, Politikerneuerung und Theater"},"content":{"rendered":"<p>Als &#8222;ehemaliger Maoist und politischer Aktivist&#8220; wurde <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Alain_Badiou\">Alain Badiou<\/a> in Berlin angek\u00fcndigt, als &#8222;Verfechter der Idee des Kommunismus&#8220;, auch als Philosoph, Mathematiker und Romancier, dem Theater und der Inszenierungspraxis zugetan.<\/p>\n<p>Im Format eines Interviews traf Badiou&nbsp;am&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.gorki.de\/spielplan\/2016-02\/passagen-gespraeche-zwei\/1958\/\">4.2.2016<\/a>&nbsp;im&nbsp;Berliner <a href=\"http:\/\/www.gorki.de\/\">Gorki-Theater<\/a> in der&nbsp;vom Wiener&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.passagen.at\/cms\/\">Passagen Verlag<\/a>&nbsp;veranstalteten Reihe <a href=\"http:\/\/www.passagenfriends.com\/cms\/\">Passagen Gespr\u00e4che<\/a> auf seinen Verleger und Herausgeber <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Peter_Engelmann_(Verleger)\">Peter Engelmann<\/a>&nbsp;und die erste Frage zielte&nbsp;auf die aktuellen Ereignisse.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2016_AlainBadiou.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2262\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2016_AlainBadiou.jpg\" alt=\"2016_AlainBadiou\" width=\"600\" height=\"377\"\/><\/a><\/p>\n<p>Badiou kl\u00e4rte seine Sicht der Dinge: Vor der sog. Fl\u00fcchtlingskrise h\u00e4tte es eine Krise im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Naher_Osten\">Nahen Osten<\/a> gegeben, deren Verantwortung bei den verursachenden westlichen Staaten liege: bei den Vereinigten Staaten von Amerika f\u00fcr die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Besetzung_des_Irak_2003\u20132011\">Zerst\u00f6rung des Irak<\/a> und bei Frankreich f\u00fcr die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Internationaler_Milit\u00e4reinsatz_in_Libyen_2011\">Zerst\u00f6rung von Libyen<\/a>. Die EU m\u00fcsse nun darlegen, ob es eine Politik der Regelung der Ursachen gebe, wenn nicht, dann m\u00fcssen die Fl\u00fcchtlinge akzeptiert werden \u2013 denn Menschen gehen dorthin, wo sie leben k\u00f6nnen. Wenn die Ursachen nicht behoben w\u00fcrden, so Badiou, m\u00fcssten die Wirkungen akzeptiert werden. Angst sei zudem nie ein guter Ratgeber, ein Einschlie\u00dfen in die eigene Identit\u00e4t f\u00fchrte bisher immer zum&nbsp;Desaster.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Auf die Frage, ob es angesichts der Vielzahl von Verwerfungen (z. B. die Zunahme des militanten Rechtsextremismus&#8216;) nicht statt einer kurzfristigen Politik umfassenderer \u00dcberlegungen bedarf, antwortete Badiou, dass derzeit die Angst bestimmend sei. Aber es g\u00e4be in der Politik einen Moment, in dem Entscheidungen getroffen werden m\u00fcssten. Wenn man also die Ankunft der Fliehenden verhindern will, m\u00fcsse man die Grenzen schlie\u00dfen. Und wenn man die Grenzen schlie\u00dfe, komme es zu Gewalt, zu Toten und Ertrinkenden. Menschen fliehen, weil sie dort, wo sie bisher lebten, nicht mehr leben k\u00f6nnen. Sie nehmen Risiken, wie ihren Tod, die Reisedauer von ein bis zwei Jahren, die Bezahlungen von Schleppern auf sich und sie werden sich so lange auf die Flucht begeben, wie die Krise nicht geregelt sei. Zahlen w\u00fcrde die Ungerechtigkeiten belegen: 62 Menschen auf der Welt <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Verm\u00f6gensverteilung\">besitzen<\/a> das \u00c4quivalent von 3 Mrd. Menschen. Bev\u00f6lkerungsstr\u00f6me seien daher nicht verwunderlich. Badious These: Wenn nicht die Ursachen angegangen werden, m\u00fcssen die Konsequenzen akzeptiert werden.<\/p>\n<p>Wir bef\u00e4nden uns aktuell in einer historisch tragischen Situation, wir erlebten die Ohnmacht Europas und die Komplizenschaft eines jeden europ\u00e4ischen Staates, der seine Grenzen schlie\u00dft und seine Probleme vom Nachbarland l\u00f6sen lassen will. Die Geschichte w\u00fcrde urteilen, und zwar sehr streng; Europa w\u00fcrde danach beurteilt werden, wie es mit dem Problem umginge.<\/p>\n<p>Auf die Frage, welche Politik angesichts des globalisierten Kapitalismus erforderlich w\u00e4re, erl\u00e4uterte Badiou, dass mit dem globalisierten Kapitalismus diese eine Form wirtschaftlicher, politischer und sozialer Organisation vorherrsche: &#8222;Das ist entschieden.&#8220; Die Frage nun aber w\u00e4re, ob der Kapitalismus f\u00e4hig sei, allen Menschen Arbeit zu geben. Badiou: &#8222;Nein, daf\u00fcr ist er unf\u00e4hig.&#8220; Der Kapitalismus k\u00f6nne nur Arbeit geben, wenn sie&nbsp;Profit bringe, daher w\u00fcrden entsprechende Arbeitszeiten ausgeweitet&nbsp;und L\u00f6hne niedrig gehalten. So g\u00e4be es in Frankreich 10% <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Frankreich#Aktuelle_Wirtschaftssituation\">Arbeitslose<\/a>, trotzdem w\u00fcrde die Politik die Arbeitszeit ausdehnen. Daraus ergeben sich mehrere Probleme: 1. die Situation in der Welt sei f\u00fcr viele nicht lebensw\u00fcrdig, 2. gebe es Orte, an denen man nicht leben k\u00f6nne, 3. existiere eine globale Situation, die nicht geregelt w\u00fcrde \u2013 diese Probleme k\u00f6nnen nur behoben werden, wenn die monstr\u00f6se Konstruktion des globalisierten Kapitalismus ver\u00e4ndert w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Auf die Frage nach Alternativen wies Badiou darauf hin, dass eine neue Organisation der Produktion erforderlich sei, deren Idee im 19. Jahrhundert entstand, zwar im 20. Jahrhundert eine negative Erfahrung erfuhr und in vier grundlegenden Punkten zusammenzufassen sei:<\/p>\n<ol>\n<li>Die Organisation der Produktion der G\u00fcter m\u00fcsse der Diktatur des Privateigentums entrissen werden. Dass 62 Menschen \u00fcber G\u00fcter von 3 Mrd. Menschen verf\u00fcgten, sei pathologisch.<\/li>\n<li>Der Einsatz der menschlichen F\u00e4higkeiten eines jeden Einzelnen sei ungen\u00fcgend, weil die Arbeit zu fragmentiert und spezialisiert sei. Die Arbeitsteilung m\u00fcsse infrage gestellt und reorganisiert werden.<\/li>\n<li>Die nationalen Trennungen m\u00fcssen aufgehoben werden, wie der Kapitalismus m\u00fcsse auch die Menschheit global werden. Ein echter Internationalismus w\u00fcrde verhindern, dass Menschen vor anderen Menschen Angst h\u00e4tten.<\/li>\n<li>Die Trennung zwischen Herrschenden und Beherrschten, zwischen der Zivilgesellschaft und dem Staat als soziale Ordnung m\u00fcsse aufgehoben werden.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Badiou machte deutlich, kein F\u00fcrsprecher der Vergangenheit zu sein: Zun\u00e4chst m\u00fcsse das Grundproblem des 20. Jahrhunderts benannt werden, um Ver\u00e4nderungen zu erm\u00f6glichen. Das Grundproblem war, so Badiou, die Staatsmacht zu erringen: F\u00fcr die Revolution sollte die politische Herrschaft gest\u00fcrzt und die Staatsmacht ausge\u00fcbt werden. So wurde 1. der Staat mit der Macht identifiziert und mit einem Autoritarismus verschmolzen, statt (nach <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Karl_Marx\">Marx<\/a>) abzusterben. Und 2. entstand mit den Nationalstaaten eine staatliche Korruption, die die kommunistische Idee verdarb. Der Gedanke, dass der Staat alle Probleme l\u00f6sen k\u00f6nne, h\u00e4tte alles vergiftet, erneut: Es handelt sich um eine Bewegung, nicht um eine Macht! Und daf\u00fcr br\u00e4uchte es neue demokratische, ggf. auch widerspr\u00fcchliche Freiheiten, um den Staat zu \u00fcberwachen und einzuschr\u00e4nken. Beispielsweise w\u00fcrde der Staat sich immer auf die Suche nach einem Feind begeben, der die Probleme geschaffen haben soll: passiert j\u00fcngst in Frankreich, als der Staat nach den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Terroranschl\u00e4ge_am_13._November_2015_in_Paris\">Terroranschl\u00e4gen am 13. November 2015 in Paris<\/a> den Krieg erkl\u00e4rt habe: &#8222;Man wei\u00df nicht welchen\u2026&#8220;. Ein weiteres Beispiel: Nach 25 Jahren Herrschaft der Rechten wurde <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fran\u00e7ois_Mitterrand\">Francois Mitterrand<\/a> gew\u00e4hlt, nach drei Jahren war noch immer nichts passiert: &#8222;Wenn man den Staat besetzt, dann wird man vom Staat besetzt.&#8220;<\/p>\n<p>Badiou f\u00fchrte im Folgenden aus, wie die Vermeidung von Verstaatlichung aussehen k\u00f6nne. Erforderlich seien folgende drei Termini\/Ebenen:<\/p>\n<ol>\n<li>die Volksbewegung, ohne die es keine Ver\u00e4nderung gibt,<\/li>\n<li>der Staat und<\/li>\n<li>eine politische Organisation, die weder mit der Bewegung, noch mit dem Staat zusammenf\u00e4llt, eine Instanz, die zugleich kontrollieren, \u00fcberwachen, ver\u00e4ndern und verwandeln kann.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Diese drei Terme m\u00fcssen zirkulieren, sie d\u00fcrfen niemals verschmelzen (wie im 20. Jahrhundert, als der Staat zentralisiert wurde) und w\u00fcrde gemeinsam mit den vier Grundpunkten des Programms (siehe oben) eine Strategie definieren. Wenn \u00fcbrigens eine Politik\u00e4nderung durch eine parlamentarische Demokratie als Rahmen des Staates m\u00f6glich sei, umso besser\u2026 Aber sie m\u00fcsse im Abstand zum Staat entstehen.<\/p>\n<p>Nachdem Badiou die heutige Politik darin ersch\u00f6pft sah, die n\u00e4chsten Wahlen vorzubereiten, f\u00fcr die sie bestimmte Mittel ben\u00f6tige, wie etwa die Medien, Geld, Einfluss und ein paar programmatische Elemente, die aber begrenzt und verlogen seien, kam Badiou abschlie\u00dfend auf die Funktion des Theaters zur Erneuerung der Politik zu sprechen: Die k\u00fcnstlerische Ressource best\u00fcnde in der M\u00f6glichkeit, kollektive Formen zu schaffen. Hierf\u00fcr seien gerade das Theater und der Film privilegierte Formen. Theater, Film, aber auch andere Formen der Kunst wie die Malerei k\u00f6nnen mit begrenzten Mitteln Teil der politischen Erneuerung sein. Mit dem Publikum, den Institutionen und den Aktionen w\u00fcrde Kunst den drei bereits vorgestellten Ebenen&nbsp;entsprechen. Auch die vier Punkte des Kommunismus seien in der Kunst zu finden: Kunst kann von allen angeeignet werden, Kunst ist eine universelle T\u00e4tigkeit, Kunst ist international und Kunst ordne sich z. B. den Forderungen des Staates nicht unter. Wie die Kunst sei auch die Liebe und die Wissenschaft nach diesen Kennzeichen kommunistisch, nun m\u00fcsse es auch die Politik mit Hilfe der K\u00fcnste werden.<\/p>\n<p>Auf die Frage, was diese Felder gemeinsam h\u00e4tten, antwortete Badiou, dass Kommunismus hei\u00dfe, gemeinsam unter Verschiedenen zu sein, die Unterschiede w\u00fcrden im Gemeinsamen praktiziert. Kunst schaffe eine partikul\u00e4re Universalit\u00e4t, daher k\u00f6nne man auch behaupten, dass hier der Kommunismus schon existiere und zwar, weil Gemeinsames und Uneigenn\u00fctziges geschaffen w\u00fcrde. Das Theater wiederum bringe die Menschen zusammen und sei die Repr\u00e4sentation der M\u00f6glichkeit des Ereignisses. Jedes Ereignis, d. h. jede Vorstellung passiere nur ein einziges Mal. Man k\u00f6nne, wenn Menschen zusammenkommen und etwas passiere, auch vom Welttheater sprechen. Das Theater reproduziere das Ereignis, das auch eine Massenbewegung sein k\u00f6nne. Und so sei&nbsp;das Theater wie das politische Ereignis immer etwas Teilendes.<\/p>\n<p>Es folgten abschlie\u00dfende Frage aus dem Publikum:<\/p>\n<ul>\n<li>Ob nicht aktuell zu beobachten sei, dass die neoliberale Politik den Staat abschaffe: Nein, hierbei w\u00fcrde es sich um die Unterordnung des Staates unter oligarchische Interessen handeln, also nicht um eine Emanzipationspolitik.<\/li>\n<li>Ob nicht aktuell zu beobachten sei, dass der Staat seine Kontrollfunktion zugunsten einer Selbstgouvernementalisierung der Zivilgesellschaft verliere: Es sei ungewiss, wie dieser Prozess weiter verlaufe, so Badiou, die Krise sei noch nicht abgeschlossen, vielmehr bef\u00fcrchte er&nbsp;Entscheidungen, die vermutlich negativ ausfallen werden; auch zu beobachten an dem Arabischen Fr\u00fchling und der R\u00fcckkehr zu&nbsp;Milit\u00e4rregimen, Folter und Propaganda nach f\u00fcnf Jahren.<\/li>\n<li>Ob wir nicht besser von Bewegungen im Plural sprechen sollten: D&#8217;accord, Bewegungen seien&nbsp;vielfach.<\/li>\n<li>Welche Rolle die Universit\u00e4ten bei einer Politik\u00e4nderung spielen w\u00fcrden: Universit\u00e4ten seien kollektive Orte, keine Staatsinstitutionen, daher wichtige Orte zu mobilisieren.<\/li>\n<li>Und ob Brecht als K\u00fcnstler Stalinist gewesen sei: &#8222;Ich mag Brecht, trotz seiner Widerspr\u00fcchlichkeit.&#8220; Er&nbsp;sei ein Guerillak\u00fcnstler gewesen, er h\u00e4tte gehorcht, ohne zu gehorchen. Die Kunst, so Badiou abschlie\u00dfend, sei der Ort, an dem das Verbotene gesagt und neue Formen erfunden werden d\u00fcrften.<\/li>\n<\/ul>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/52adca7ae7b84002afffd203233c0cdb\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als &#8222;ehemaliger Maoist und politischer Aktivist&#8220; wurde Alain Badiou in Berlin angek\u00fcndigt, als &#8222;Verfechter der Idee des Kommunismus&#8220;, auch als Philosoph, Mathematiker und Romancier, dem Theater und der Inszenierungspraxis zugetan. 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