{"id":1823,"date":"2015-07-21T17:12:05","date_gmt":"2015-07-21T16:12:05","guid":{"rendered":"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=1823"},"modified":"2021-06-16T15:08:04","modified_gmt":"2021-06-16T14:08:04","slug":"tino-sehgal-perzeptionsexperimente-als-explizite-nicht-performances","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=1823","title":{"rendered":"Tino Sehgal: Perzeptionsexperimente \u2013 explizit keine Performances"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"Apple-style-span\">Wollte man die <a href=\"http:\/\/www.berlinerfestspiele.de\/de\/aktuell\/festivals\/gropiusbau\/programm_mgb\/mgb15_sehgal\/ausstellung_sehgal\/veranstaltungsdetail_mgb15_sehgal_121558.php\">Werkschau<\/a> von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Tino_Sehgal\">Tino Sehgal<\/a> im <a href=\"http:\/\/www.berlinerfestspiele.de\/de\/aktuell\/festivals\/gropiusbau\/ueber_uns_mgb\/aktuell_mgb\/start.php\">Martin-Gropius-Bau<\/a> tradiert kunstwissenschaftlich beschreiben, man w\u00fcrde&nbsp;maximal scheitern:<\/span><span class=\"Apple-style-span\"><br \/>\n<\/span><span class=\"Apple-style-span\">5 R\u00e4ume im Erdgeschoss des Hauses, aber mit permanent wechselnden Inhalten, die sich mal in k\u00fcnstlichem, mal in Tageslicht, mal in kleinerem, mal in gr\u00f6\u00dferem Raum, mal in Dunkelheit, mal in Sichtbarkeit, mal in kleinerer, mal in gr\u00f6\u00dferer Personenrunde, mal in inszenierter, mal in improvisierter, mal in fester, mal in zuf\u00e4lliger Personenkonstellation zeigen.<\/span><span class=\"Apple-style-span\"><br \/>\n<\/span><span class=\"Apple-style-span\">Manche der &#8222;Situationen&#8220; werden inmitten der &#8222;Situation&#8220; mit ihrem Titel vorgestellt (z.B. der&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.moma.org\/m\">MoMA<\/a>-Besitz &#8222;Tino Sehgal, Kiss, 2002&#8220; oder &#8222;Welcome to this situation&#8220;), andere wie die im Lichthof \u00f6ffnet sich etwa alle 2 Stunden den aus den umliegenden R\u00e4umen dr\u00e4ngenden Situationen und verschmilzt&nbsp;zu einer gemeinsamen, neuen, ortsspezifischen und improvisierten (?) Situation (die ihrerseits im Laufe des Tages wechselt), um sich dann in eines der Kabinette zur\u00fcckzuziehen.<\/span><span class=\"Apple-style-span\"><br \/>\n<\/span><span class=\"Apple-style-span\">Manche Situationen sind textlastig (englisch, deutsch oder auch kombiniert), andere sind nur zu sehen, wieder andere nur im Dunkeln zu erahnen oder zu h\u00f6ren.<\/span><span class=\"Apple-style-span\"><br \/>\n<\/span><span class=\"Apple-style-span\">Mal ist eine Skulptur aus menschlichen K\u00f6rpern assoziierbar (&#8222;Kiss&#8220;), mal ein diskursives Format&nbsp;(&#8222;Welcome to this situation&#8220;), mal die Ger\u00e4usche einer Beatbox (&#8222;This Variation&#8220;).<\/span><span class=\"Apple-style-span\"><br \/>\n<\/span><span class=\"Apple-style-span\">Mal schieben sich die Zeit- in die Raumk\u00fcnste, mal das Temporale in das Skulpturale, mal umgekehrt, mal schieben sie sich wiederum ineinander.<\/span><span class=\"Apple-style-span\"><br \/>\n<\/span><span class=\"Apple-style-span\">Mal ist der Zuschauer ins Au\u00dfen gedr\u00e4ngt, mal funktioniert er als Rahmen, mal ist er ermuntert, eine Antwort auf eine gestellte Frage beizusteuern: &#8222;Was sind Situationen?&#8220;, &#8222;Was ist Langeweile?&#8220;, mal tastet er sich auf seine eigenen Sinne zur\u00fcckgeworfen durchs Dunkle und st\u00f6\u00dft aufgeschreckt auf Mitrezipienten.<\/span><span class=\"Apple-style-span\"><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2015_Sehgal.jpg.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1857\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2015_Sehgal.jpg.png\" alt=\"2015_Sehgal.jpg\" width=\"600\" height=\"237\"\/><\/a><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>\u00dcbersichtsflyer oder Raumschilder sind bekannterma\u00dfen bei Sehgals Arbeiten nicht im Einsatz, auch das Aufsichtspersonal weiss nichts genaues, au\u00dfer das durch Sehgal Gebriefte und routiniert Mitgeteilte: Es g\u00e4be nichts Schriftliches, auch keinen Katalog, Bilder und Videos w\u00e4ren verboten, es seien definitiv keine &#8222;Performances&#8220;, sondern &#8222;Auff\u00fchrungen&#8220;.<\/p>\n<p><span class=\"Apple-style-span\">Klassisch ist und bleibt, dass es einen singul\u00e4ren und namentlichen Urheber gibt (der regelm\u00e4\u00dfig im Gropius-Bau anwesend sein soll), dass ein Titel und ein dazugeh\u00f6riges Entstehungsjahr und damit eine klassische Signatur existiert, selbst wenn diese nicht qua Raumschilder, sondern je nach Auff\u00fchrung durch verbale Einw\u00fcrfe oder Zurufe von den Auff\u00fchrenden selbst mitgeteilt werden, dass die Auff\u00fchrenden namenloses Personal bleiben&nbsp;(es soll sich um 80 Engagierte im Schichtbetrieb handeln, einige von ihnen sollen zum &#8222;festen Ensemble&#8220; geh\u00f6ren, andere sollen vor Ort &#8222;dazugebucht&#8220; worden sein), dass die &#8222;Auff\u00fchrungen&#8220; museal (d.h. r\u00e4umlich, zeitlich, institutionell, habituell&#8230;) geframt werden, dass das Aufsichtspersonal des Museums verhaltensdisziplinierend und \u2013korrigierend anwesend ist (der Blackroom von &#8222;This Variation&#8220;, erstmalig auf der <a href=\"http:\/\/d13.documenta.de\/de\/\">dOCUMENTA13<\/a> zu erleben, ist mit \u00dcberwachungskameras ausgestattet), dass die haptisch wirkenden R\u00e4ume auf st\u00e4rkeres Interesse beim Publikum sto\u00dfen als die textorientierten und dass es neben begeisterten eben immer auch ablehnende Reaktionen (&#8222;hei\u00dfe Luft&#8220;, &#8222;Blase&#8220;, &#8222;Lobbykunst&#8220;) gibt.<\/span><\/p>\n<p><span class=\"Apple-style-span\">Nicht nur dass sich Sehgals Auff\u00fchrungen&nbsp;einer Verbildlichung und einer Verschriftlichung und damit einem Mediatisierungsprozess in ein anderes Medium entziehen \u2013 erkennbar ist ebenfalls, dass kaum ein theoretischer oder wissenschaftlicher Text produziert wird.<\/span><span class=\"Apple-style-span\">&nbsp;<\/span><span class=\"Apple-style-span\">Autoren verfangen sich in <a href=\"https:\/\/www.perlentaucher.de\/maluma-und-takete\/in-die-vierte-dimension-naemlich-ins-museum.html\">poetischen<\/a> Aufladungen,&nbsp;<\/span><span class=\"Apple-style-span\">n\u00e4hern sich mit ihren verwunderten, rezeptionsorientierten <a href=\"http:\/\/www.nachtkritik.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=11207:tino-sehgal-in-berlin-eine-performance-beim-foreign-affairs-festival-und-eine-werkschau-im-martin-gropius-bau&amp;catid=53:portraet-a-profil&amp;Itemid=83\">Schilderungen<\/a> tradierten Gattungserz\u00e4hlungen wie performativen, darstellenden oder musikalischen Darbietungen&nbsp;<\/span><span class=\"Apple-style-span\">oder wiederholen das bereits Bekannte, meist durch Sehgal selbst in Umlauf gebracht; dass er Tanz und VWL an der Folkwangschule Essen studierte, aufgrund seiner volkswirtschaftlichen Ausbildung sich programmatisch vom Objektfetisch und der kontinuierlichen&nbsp;Warenproduktion abgewendet haette, durch die <a href=\"http:\/\/www.volksbuehne-berlin.de\/\">Berliner Volksb\u00fchne<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.schlingensief.com\/\">Schlingensief<\/a> beeinflusst wurde, dass keine Plakate, Anzeigen, Kataloge existierten (auch die Eintrittskarte ist neutral beschriftet), selbst die Kaufvertr\u00e4ge seien nicht materialisiert, dass er bereits&nbsp;im <a href=\"http:\/\/www.guggenheim.org\/new-york\/exhibitions\/past\/exhibit\/3305\">Guggenheim<\/a>&nbsp;2010,&nbsp;in der <a href=\"http:\/\/www.tate.org.uk\/whats-on\/tate-modern\/exhibition\/unilever-series-tino-sehgal-2012\">Londoner Tate<\/a> 2012, auf der dOCUMENTA13 &#8222;ausgestellt&#8220; haette, er <a href=\"http:\/\/www.labiennale.org\/en\/mediacenter\/video\/55-b29.html\">pr\u00e4miert<\/a> wurde mit einem Goldenen L\u00f6wen auf der Venedig Biennale 2013 und im gleichen Jahr <a href=\"http:\/\/www.tate.org.uk\/whats-on\/ebrington\/exhibition\/turner-prize-2013\">Turner Preis Kandidat<\/a> war.<\/span><\/p>\n<p><span class=\"Apple-style-span\">Daher die folgenden Angebote einer Theoretisierung:<\/span><span class=\"Apple-style-span\"><br \/>\n<\/span><span class=\"Apple-style-span\">Gezeigt und geh\u00f6rt, zusammen- und enggef\u00fchrt werden&nbsp;Substrate aus offenbar als \u00fcbersch\u00fcssig oder \u00fcberfl\u00fcssig Definiertem, Ausgeschlossenem und damit Ungeh\u00f6rtem, Ungesehenem und Ungef\u00fchltem und zwar in Form von T\u00f6nen, Bewegungen, Kl\u00e4ngen, Lichtsituationen, Stimmungen und Atmosph\u00e4ren:<\/span><span class=\"Apple-style-span\"><br \/>\n<\/span><span class=\"Apple-style-span\">Dabei handelt es sich um lautstarkes Luftholen und Luftaussto\u00dfen, Zischen, Pfeifen, Schmatzen, Schnalzen, Glucksen, Quiken, Schnorren, um unzuordbar Rhythmisches und Melodisches,&nbsp;<\/span><span class=\"Apple-style-span\">um Knien, Rollen, Hocken, Abknicken, Einsacken, Wegsacken, H\u00fcpfen, <\/span><span class=\"Apple-style-span\">um Dunkelheiten in verschiedenen Abstimmungen, um k\u00f6rperliche Ber\u00fchrungen, N\u00e4hen und Blicke, um Zeitverz\u00f6gerungen in den Bewegungen, um unterschiedliche Lautst\u00e4rken, vom Fl\u00fcstern bis zu enervierenden Schreien, aber auch um Freude, Begeisterung, Empathie, Kollektivit\u00e4t, Gemeinschaft. <\/span>Sollte das auch bedeuten, dass&nbsp;das ganze gro\u00dfe Milieu von K\u00fcnstlerkollegen, die nur eines wollen, mit und in Leidenschaft ihrer Berufung nachzugehen, und denen Sehgal Auff\u00fchrungssituationen er\u00f6ffnet, dazu geh\u00f6rt?<\/p>\n<div>\n<div>Gleichzeitig wird damit auch das aus der bildenden Kunst Ausgeschlossene sichtbar: das nicht Pr\u00e4sentierte, das Improvisierte, das Vorl\u00e4ufige, das Fl\u00fcchtige, das Nichtintendierte, das Nichtintentionale, das Dysfunktionale, das Afformative (Das Afformative als Gegenkonzept von Intentionalit\u00e4t und Instrumentalit\u00e4t des Performativen setzt die &#8222;Auff\u00fchrungen&#8220; auch von der Form der Performance ab und wird als Matrix f\u00fcr Performances als solche selbst in Szene gesetzt.) Aber auch das Ausgeschlossene aus der darstellenden Kunst, das&nbsp;in Schaupiel- und Musical-Ausbildungen zum Standardrepertoire geh\u00f6rt, im Kunstbetrieb aber nicht zu einer eigenen Gattung &#8222;schafft&#8220; oder aus der Musik, das neben&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/A_capella\">A capella<\/a>,&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Vocal_Percussion\">Vocal Percussion<\/a>,&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Beatboxing\">Beatboxing<\/a>&nbsp;und&nbsp;freien Formen des&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Jazz\">Jazz<\/a>&nbsp;(nicht) existiert.<\/div>\n<\/div>\n<p>Damit handelt es sich bei den Auff\u00fchrungen unter dem Label Sehgal auch um einen selbstreflexiven Akt des wirksamen Dispositivs von&nbsp;Kunst und von&nbsp;Kultur und damit&nbsp;nicht nur um einen Wiedereinschluss des Ausgeschlossenen. Es&nbsp;handelt sich ausserdem um eine konzeptionelle Weiterf\u00fchrung von&nbsp;Institutionskritik, indem das zu Kritisierende&nbsp;nicht nur benannt und als solches asymmetrisch aufrecht erhalten wird, sondern die Auff\u00fchrungen einen fortsetzenden Wiedereinf\u00fchrungsakt \u2013 oder im Sinne von George Spencer-Brown ein Re-entry \u2013 in das Dispositiv vornehmen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/5a0530a6b3434c80a4aa25e2333b49dc\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wollte man die Werkschau von Tino Sehgal im Martin-Gropius-Bau tradiert kunstwissenschaftlich beschreiben, man w\u00fcrde&nbsp;maximal scheitern: 5 R\u00e4ume im Erdgeschoss des Hauses, aber mit permanent wechselnden Inhalten, die sich mal in k\u00fcnstlichem, mal in Tageslicht, mal in kleinerem, mal in gr\u00f6\u00dferem Raum, mal in Dunkelheit, mal in Sichtbarkeit, mal in kleinerer, mal in gr\u00f6\u00dferer Personenrunde, mal &hellip; <a href=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=1823\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Tino Sehgal: Perzeptionsexperimente \u2013 explizit keine Performances<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,4],"tags":[65,193,98,192],"class_list":["post-1823","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artist","category-artservice","tag-berlin","tag-doc13","tag-gropius-bau","tag-tino-sehgal"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1823","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1823"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1823\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3623,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1823\/revisions\/3623"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1823"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1823"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1823"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}