{"id":1652,"date":"2014-12-20T20:39:10","date_gmt":"2014-12-20T19:39:10","guid":{"rendered":"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=1652"},"modified":"2021-06-16T15:12:39","modified_gmt":"2021-06-16T14:12:39","slug":"von-der-restringiertheit-des-codes-aufgefressen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=1652","title":{"rendered":"Von der Restringiertheit des Codes aufgefressen&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Um einen entscheidenden Unterschied&nbsp;vorweg zu nehmen:&nbsp;Es ist kein iPad, wie kommuniziert wird, mit dem die&nbsp;Besucher die Raum-Installation <strong>Situation Rooms<\/strong> von <a href=\"http:\/\/rimini-protokoll.de\">Rimini Protokoll<\/a> durchstreifen. Es ist ein Minibildschirm, montiert an einem Holzgriff, mit angeschlossenen Kopfh\u00f6rern, dessen visuelle Bewegtbilder und akustische Einspieler&nbsp;die abzulaufenden Wege&nbsp;vor-schreiten und&nbsp;das vom Besucher einzunehmende Verhalten, seine&nbsp;Blickrichtungen und Perspektiven vor-geben, damit den Besucher in ein leicht zeitversetztes,&nbsp;wenn m\u00f6glich aber zeitgleiches Re-enacten versetzen, z.B. eine Suppe zu r\u00fchren, ein Werkst\u00fcck zu vermessen,&nbsp;einen Hut&nbsp;aufzusetzen, sich eine Jacke an- oder ausziehen zu lassen oder aber die Hand&nbsp;eines anderen Besuchers zu sch\u00fctteln.<\/p>\n<p>Voraussetzung f\u00fcr diese&nbsp;Koordination innerhalb von 20(+) Raumsituationen, 20 Geschichten und 20 Besuchern&nbsp;ist ein striktes Script und genau dieses Script, das Personen, R\u00e4ume, Zeitfenster und Requisiten zu einem reibungslosen Ablauf der 75-min\u00fctigen Ereignisse in Einstimmung bringt, hat zu dessen Erf\u00fcllung&nbsp;zwingend einen so hohen Grad an Restriktivit\u00e4t,&nbsp;das der Besucher zu einem nur kleinen R\u00e4dchen in dem gr\u00f6\u00dferen, durchkomponierten, durchchoreografierten und durchinszenierten Gesamtgef\u00fcge &#8222;Situation Rooms&#8220; wird.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2014_Rimini31.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1764\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2014_Rimini31.jpg\" alt=\"2014_Rimini3\" width=\"600\" height=\"409\"\/><\/a><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Im Programmheft von Rimini hei\u00dft das positiv gewendet so: &#8222;So setzt sich ein Zuschauer an den Schreibtisch einer&nbsp;F\u00fchrungskraft aus dem R\u00fcstungsgesch\u00e4ft. Eine andere Zuschauerin folgt gleichzeitig dem Film eines pakistanischen Anwaltes von Opfern amerikanischer Drohnenanschl\u00e4ge in ein enges Kabuff mit \u00dcberwachungsmonitoren. Auf ihrem Weg dorthin sieht sie einen dritten Zuschauer, der seinem Film in den Schie\u00dfstand eines Berliner Sch\u00fctzenvereins folgt, an dem er dem deutschen Meister im Parcours-Schie\u00dfen zuh\u00f6rt. Um die Ecke steht ein anderer Zuschauer in der Rolle eines Arztes, der in Sierra Leone Amputationen durchf\u00fchrt, w\u00e4hrend im Zimmer daneben ein Pressefotograf Bilder von Bundeswehreins\u00e4tzen in Afghanistan sortiert um wenig sp\u00e4ter selbst im Schie\u00dfstand zu stehen um genau das zu tun, was er vorhin beil\u00e4ufig beobachten konnte \u2013 und dabei f\u00fcr andere zum Gegenstand der Beobachtung zu werden.&#8220;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2014_Rimini11.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1762\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2014_Rimini11.jpg\" alt=\"2014_Rimini1\" width=\"600\" height=\"337\"\/><\/a><\/p>\n<p>Rezeptions\u00e4sthetisch ist die Umfunktionierung eines iPads&nbsp;zu einem Bildschirm programmatisch verstehbar &#8211; Interaktions- oder&nbsp;Partizipationsm\u00f6glichkeiten (um mit Hans-Dieter Hubers <a href=\"http:\/\/www.hgb-leipzig.de\/artnine\/netzkunst\/geschichte\/\">Systematisierungsangebote f\u00fcr Netzkunst<\/a> zu arbeiten) sind nicht vorhanden,&nbsp;von Kollaboration &#8211; d.h. der Einflussnahme auf das Script selbst &#8211; kann schon gar keine Rede sein.&nbsp;Der Besucher ist ganz damit besch\u00e4ftigt, die durch die Bewegtbilder oder zus\u00e4tzlich eingeblendeten Icons mitgeteilten&nbsp;Koordinationshinweise zu erf\u00fcllen, es entsteht ein &#8222;reaktives Werk&#8220;, bei dem sich (wieder Huber f\u00fcr die Netzkunst) &#8222;der&nbsp;User nur durch Klicken und Scrollen&#8220; (hier durch Gehen, Sitzen, Knien und Liegen) &#8222;durch das Projekt bewegen kann&#8220;.<\/p>\n<p>Das inhaltliche Dilemma ist in der Folge, dass die eingespielten inszenierten, 7-min\u00fctigen Geschichten von 20 Menschen, deren Biografien sich im Thema Waffen treffen (etwa eines Kindersoldaten aus Kongo, eines Kriegsfotografen im Einsatz in Afghanistan, eines israelischen Soldaten, eines Schweizer Feinmechanikers, eines Aktivisten am Produktionsstandort der Waffenschmiede&nbsp;<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Heckler_%26_Koch\">Heckler &amp; Koch<\/a>&nbsp;Oberndorf, eines Berliner und von H&amp;K gesponserten Sportsch\u00fctzen) nicht memoriert oder gar reflektiert werden k\u00f6nnen. Vermutlich sollte das Konzept, den Besucher in konkrete (narrative, zeitliche und r\u00e4umliche) Situationen zu bringen, ihn nach-zeichnen, nach-schie\u00dfen, nach-messen zu lassen, zu einem intensive(re)n emotionalen Zugang als \u00fcber das im klassischen Theater standardisierte H\u00f6ren und Sehen f\u00fchren: Helgard Haug k\u00fcndigte <a href=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=1322\">bei ihrer Pr\u00e4sentation<\/a> im Mai auf dem Theatertreffen in Berlin an, den Besucher hier mittels des Formats der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Erweiterte_Realit\u00e4t\">Augmented Reality<\/a> in die Subjektive bringen zu wollen. Durch die stoische Wiederholung der pro-formatierten Handlung werden Sinne und Emotionen&nbsp;aber gerade nicht aktiviert&nbsp;und die inhaltliche Ebene geht &#8211; von der performativen ganz zu schweigen &#8211; in der Konzentration auf die Anweisungen verloren. Nicht im &#8222;r\u00e4umlichen und inhaltlichen Labyrinth des Filmsets verf\u00e4ngt sich das Publikum&#8220;, wie der <a href=\"http:\/\/www.hebbel-am-ufer.de\/programm\/spielplan\/rimini-protokoll-situation-rooms\/1570\/\">Ank\u00fcndigungstext<\/a>&nbsp;verk\u00fcndet, seine Bewegungs- und Entscheidungsfreiheit, seine Neugierde und Sensibilit\u00e4t f\u00fcr Wahrnehmung (dass es&nbsp;wahrnimmt, was es&nbsp;wahrnimmt und wie es&nbsp;wahrnimmt) wird von der Restringiertheit des Codes der Inszenierung aufgefressen.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2014_Rimini21.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-1763\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2014_Rimini21.jpg\" alt=\"2014_Rimini2\" width=\"600\" height=\"337\"\/><\/a><\/p>\n<p>Die begeisterten Kommentare des Publikums im ausgelegten G\u00e4stebuch, zuvor auch des <a href=\"http:\/\/www.nachtkritik.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=8432:situation-rooms-bei-der-ruhrtriennale-laden-rimini-protokoll-zur-beschaeftigung-mit-waffen-ein&amp;catid=38:die-nachtkritik&amp;Itemid=40\">Feuilletons<\/a>, das zur Einladung dieser Produktion zum Berliner Theatertreffen 2014 f\u00fchrte, sind wie auch die Selbstbeschreibungen von Rimini Protokoll (ein &#8222;komplex ausget\u00fcfteltes multiperspektivisches \u2018Shooting\u2018&#8220;, &#8222;ein multiples Simultan-Kino. Augmented Reality, die so dreidimensional ist, wie es nur Theater sein kann!&#8220;) zun\u00e4chst erst einmal &#8211; und dies zu Recht &#8211; einer Begeisterung f\u00fcr den Innovationsgrad des Genre Theaters auf formaler Ebene, f\u00fcr die Selbstreflexion und Erweiterung des Theaterbegriffs, den &#8222;Technologie&#8220;-Einsatz im Theater, die Ausdifferenzierung der&nbsp;Konzepte Re-enactment und Performativit\u00e4t (durch die Paradoxie sychronen&nbsp;Delays) und die raffiniert kalkulierte&nbsp;Choreografie von Personen, R\u00e4umen, Requisiten und Bewegungen geschuldet &#8211; kann aber nicht den Grad der Involviertheit, das Ma\u00df an Performativit\u00e4t, die emotionale Ber\u00fchrtheit, die Sinn- und Sinnesansprache, die Intensit\u00e4t oder auch Multiperspektivit\u00e4t von Subjektivierungsprozessen meinen. Stattdessen wird in den und durch die &#8222;Situation Rooms&#8220; eine Einsamkeit, eine Handlungsbegrenztheit und eine Sprachlosigkeit in Gang gesetzt, so dass die in der <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mixed_reality\">Mixed Reality<\/a>&nbsp;nie zum Einsatz gebrachte Stimme des Besuchers auch programmatisch gedeutet werden&nbsp;kann: Er\/sie ist seiner\/ihrer Stimme beraubt. Oder ist etwa das die Pointe Riminis als ein aktueller kulturpessimistischer Kommentar?<\/p>\n<p>Weitere Kritiken <a href=\"http:\/\/www.nachtkritik.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=8432:situation-rooms-bei-der-ruhrtriennale-laden-rimini-protokoll-zur-beschaeftigung-mit-waffen-ein&amp;catid=38:die-nachtkritik&amp;Itemid=40\">hier<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.hebbel-am-ufer.de\">Hebbel am Ufer<\/a>, 14.-22.12.2014, 27.-30.12.2014, 2.-11.1.2015&nbsp;http:\/\/www.hebbel-am-ufer.de\/programm\/spielplan\/rimini-protokoll-situation-rooms\/1570\/<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/0e86b7caf9074c76af7dc66c38280895\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um einen entscheidenden Unterschied&nbsp;vorweg zu nehmen:&nbsp;Es ist kein iPad, wie kommuniziert wird, mit dem die&nbsp;Besucher die Raum-Installation Situation Rooms von Rimini Protokoll durchstreifen. Es ist ein Minibildschirm, montiert an einem Holzgriff, mit angeschlossenen Kopfh\u00f6rern, dessen visuelle Bewegtbilder und akustische Einspieler&nbsp;die abzulaufenden Wege&nbsp;vor-schreiten und&nbsp;das vom Besucher einzunehmende Verhalten, seine&nbsp;Blickrichtungen und Perspektiven vor-geben, damit den Besucher in &hellip; <a href=\"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=1652\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Von der Restringiertheit des Codes aufgefressen&#8230;<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,4],"tags":[65,153,164,161,162,163],"class_list":["post-1652","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-artist","category-artservice","tag-berlin","tag-hau","tag-re-enactment","tag-rimini-protokoll","tag-situation-rooms","tag-theatertreffen-berlin"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1652","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1652"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1652\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3629,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1652\/revisions\/3629"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1652"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1652"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1652"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}