{"id":1597,"date":"2014-10-29T22:12:36","date_gmt":"2014-10-29T21:12:36","guid":{"rendered":"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=1597"},"modified":"2021-06-16T15:14:47","modified_gmt":"2021-06-16T14:14:47","slug":"wagner-jelinek-und-piketty-oder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/artlabor.eyes2k.net\/?p=1597","title":{"rendered":"Wagner, Jelinek und Piketty oder&#8230;"},"content":{"rendered":"<p><b>&#8230;von Wotan und Br\u00fcnnhilde \u00fcbers Geld (G&#8211;&gt;G&#8216;) zum NSU&nbsp;<\/b><\/p>\n<p>Knapper und eindeutiger kann ein Plot nicht aufgerufen werden. Der Titel &#8218;Rein Gold&#8216; &#8211; ohne h &#8211; verweist&nbsp;als <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Das_Rheingold\">Vorabend<\/a> von Wagners&nbsp;Tetralogie &#8222;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_Ring_des_Nibelungen\">Der Ring des Nieblungen<\/a>&#8220; auch auf&nbsp;Wotan, der sich von den zwei Riesen Fasolt und Fafner die G\u00f6tterburg <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Walhall\">Walhall<\/a> bzw. &#8211; so die aktualisierte Fassung Elfriede Jelineks &#8211; ein Eigenheim&nbsp;bauen l\u00e4sst und &#8211; entgegen der kanonisierten Deutung, dass Wotans Herrschaft auf Vertragstreue gegr\u00fcndet sei &#8211;&nbsp;durch Vertragsbruch und Niedriglohnarbeit im Kontext der Finanz- und Immobilienkrise Schuld auf sich&nbsp;l\u00e4d, die er nie wird ausgleichen&nbsp;k\u00f6nnen, auch nicht durch den titelgebenden Ring, der zugleich die Macht bes\u00e4\u00dfe, die herrschende Ordnung zu st\u00fcrzen:<\/p>\n<p>&#8222;Also. Papa hat sich diese Burg bauen lassen, und jetzt kann er den Kredit nicht zur\u00fcckzahlen.&nbsp;Eine Situation wie in jeder zweiten Familie. [&#8230;]&nbsp;Papa! Weisst du \u00fcberhaupt noch, wenigstens ungef\u00e4hr, wem du was schuldest und wieviel? Kennst du dich noch aus? [&#8230;]&nbsp;Obwohl du es eigens aufgeschrieben hast, wolltest du nichts davon halten, keine Vertr\u00e4ge, keine Lohnabsprachen, keine Leihvertr\u00e4ge, keinen Leasingvertrag, keinen Ehevertrag, da f\u00e4ngts schon mal an. [&#8230;]&nbsp;Papa. Das hast du geschafft, dass du allen was schuldest, sogar dir selbst, und dennoch kein Schuldgef\u00fchl hast. Du hast einfach kein Gef\u00fchl f\u00fcr deine Schulden. Du wirst noch herabgestuft werden, aber ich w\u00fc\u00dfte nicht, von wem! [&#8230;]&nbsp;Diebstahl am Anfang, Diebstahl am Ende, dazwischen Betrug. Eigentum &#8211; Diebstahl. Eine endlose Kette der Enteigung, nur damit wir unser neues Haus&nbsp;kriegen! [&#8230;]&#8220;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2014_Rein_Gold.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-1773\" src=\"http:\/\/artlabor.eyes2k.net\/wp-content\/uploads\/2014_Rein_Gold.jpg\" alt=\"REIN GOLD\" width=\"600\" height=\"377\"\/><\/a><\/p>\n<p>In ausufernden Sturzb\u00e4chen&nbsp;von Assoziationsketten l\u00e4sst Jelinek einen Disput zwischen Lieblingstochter Br\u00fcnnhilde und Vater Wotan entwickeln, der auf dem Themenhintergrund von Helden, Versprechungen, Schuld und Schulden, Zukunftsaussichten und Rettungen direkt zum Triumph des Geldes&nbsp;f\u00fchrt:<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&#8222;Du kannst&nbsp;das alles doch einfach anordnen, was dir Nutzen bringt, und aus. Wieso \u00fcberhaupt bezahlen? Was k\u00fcmmert es dich, ob der Wert deines neuen Einfamilienhauses nun durch den Arbeitsprozess seiner Errichtung geschaffen wurde, durch seine sch\u00f6ne Lage auf dem Berg oder durch Zauberei? An die hat nicht einmal Marx gedacht, und der hat an alles&nbsp;gedacht! [&#8230;]&#8220;<\/p>\n<p>Jelinek&nbsp;aktualisiert Wagner vor dem Hintergrund der Finanzkrise und liest ihn mit Marx gegen &#8211; genau genommen, nimmt sie mit ihrem &#8222;B\u00fchnenessay&#8220;, so der Untertitel, von 2012, der im M\u00fcnchener <a href=\"http:\/\/www.prinzregententheater.de\/\">Prinzregentheater<\/a> in einer einmaligen Urlesung im gleichen Jahr vorgetragen wurde, den aktuell stark diskutierten Titel von Thomas Piketty &#8222;<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Das_Kapital_im_21._Jahrhundert\">Das Kapital im 21. Jahrhundert<\/a>&#8220; aus dem Jahr 2013 (frz: &#8222;Le Capital au XXIe Si\u00e8cle&#8220;)&nbsp;vorweg. Hierin legt Piketty dar, dass die&nbsp;aus der Vergangenheit stammenden Reicht\u00fcmer sich im 21. Jahrhundert&nbsp;dank Renditen, Mieteinnahmen und Zinsen&nbsp;schneller&nbsp;vermehren&nbsp;als diejenigen, die durch Arbeit geschaffen und angespart werden k\u00f6nnen. Die Ungleichverteilung ererbten Kapitals, die Kapitalrenditen und die Lohnungleichheit seien die fundamentale Triebkraft einer Divergenz, so Piketty, die dazu f\u00fchre, dass Kapitalquoten zu- und Lohnquoten weiter abnehmen werden. Gewinner dieses historischen Prozesses seien einzig die&nbsp;Kapitaleigner.<\/p>\n<p>&#8222;Fr\u00fcher,&nbsp;als f\u00fcr Geld noch f\u00fcr einzelne Menschen gearbeitet wurde, da war es einfacher. Jezt arbeitet das Geld allein, ohne jede Aufsicht. [&#8230;]&nbsp;Das Geld hei\u00dft jetzt Kapital. Seiner toten Gegenst\u00e4ndlichkeit wird nicht l\u00e4nger mehr lebendige Arbeitskraft einverleibt. Den G\u00fctern wird nicht mehr G\u00fcte einverleibt. Die Kraft tut nichts mehr, sie wird nicht mehr gebraucht; was&nbsp;auch immer erscheint, sch\u00f6n wird es nicht sein, gut, dass es verwandelt wird, ganz ohne Menschen, es wird verwandelt, ohne Waren, ohne G\u00fcter, es wird verwandelt, ohne G\u00fcte, ohne Eifer, ohne Zorn. Es wird verwandelt in Wert.&nbsp;[&#8230;]&#8220;<\/p>\n<p>In baldiger&nbsp;Aussicht w\u00fcrde das Geld, so Jelineks kapitalismuskritische Dystopie in der Rhetorik einer Utopie, in ganzer Freiheit zirkulieren:&nbsp;&#8222;Geld &#8211; es lebe hoch!!!&#8220; &#8211; und Jelinek landet in ihren Suaden geradewegs beim NSU.&nbsp;Hierf\u00fcr bedarf es nur des Wortes &#8218;Zwickau&#8216; und dreier Fahrradfahrer auf der B\u00fchne. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Nationalsozialistischer_Untergrund\">Pink Panther<\/a> ist eines nur informativen Bildverweises schon zu viel, die Szene verpoppt, er\u00f6ffnet dadurch aber das mittels eines projizierten Videos (Claudia Lehmann) gedankliche Angebot Jelineks, dass Beate Zsch\u00e4pe am 4.11.2011 nicht nur ihre konspirative&nbsp;Wohnung in Zwickau-Wei\u00dfenborn, sondern auch wenige Stunden zuvor das Wohnmobil der &#8222;beiden Uwes&#8220; in Eisenach in Brand gesetzt haben k\u00f6nnte &#8211; denn wie bei Wagner geht auch beim NSU alles in Flammen auf. Ein gruseliger Kurzschluss in doppelter Bedeutung, der den Atem stocken und das Publikum nur verhalten applaudieren l\u00e4sst &#8211; ein Publikum, das Wagner erhoffte und den NSU bekommt.<\/p>\n<p>&#8218;Taten sagen mehr als Worte&#8216; &#8211; Pappschilder werden von einem schweigenden Trio \u00fcber die B\u00fchne getragen (hat eigentlich schon&nbsp;jemand daran gedacht, den <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/NSU-Prozess\">NSU-Prozess<\/a> am M\u00fcnchener Oberlandesgericht als ein Fortsetzungs- statt eines Aufkl\u00e4rungskapitels zu betrachten?) &#8218;Taten sagen mehr als Worte&#8216; &#8211; die gesprochene Sprache wird verweigert, sie verstummt wie bei und durch Zsch\u00e4pe &#8211; und verweist auf ein sprachloses, schweigendes, geschlossenes, in Europa eingeschlossenes Deutschland, das Revolution nennt, wenn sich nichts \u00e4ndert, so&nbsp;Jelinek.<\/p>\n<p>Gro\u00dfartig, wie sich&nbsp;Jelinek in die Textvorlage einklinkt, Zwiegespr\u00e4che mit Wagners Helden f\u00fchrt, Themen- und Gespr\u00e4chsfl\u00fcsse anh\u00e4lt, vertieft, problematisiert, wieder-holt und noch einmal wieder-holt, aktualisiert, im Text fortsetzt und erneut ein Motiv aufgreift, dieses nach gleichem Verfahren m\u00e4andern l\u00e4sst&nbsp;und so ihre thematischen B\u00f6gen in die Textfl\u00e4chen spannt.&nbsp;Die Textgrundlage funktioniert hier wie&nbsp;ein Teppich, der an bestimmten Stellen aufgekn\u00fcpft wird, um in ihn neue F\u00e4den einzuspinnen, einzuweben, um Leerstellen herzustellen oder aufzuf\u00fcllen, das Vergangene zu aktualisieren, das bereits Erz\u00e4hlte zu absurdisieren oder das Bekannte zu verfremden. Wagners&nbsp;Werk wird zu einem &#8218;work in progress&#8216;,&nbsp;der Text (Dramaturgie: Benjamin von Blomberg) wird gesprochen, gesungen, geschrien, gerappt, gefl\u00fcstert, gezischt, gekreischt&#8230;&nbsp;und mit&nbsp;entsprechenden musikalischen Verfahren verdichtet: live \u00fcber ein Synthesizer-System (Thomas K\u00fcrstner, Sebastian Vogel), das Module loopt, sampelt, remixt, aber Wagners Oper (Musik\u00fcberschreibung: David Robert Coleman) im Grundsatz&nbsp;bel\u00e4sst.<\/p>\n<p>Gro\u00dfartig, wie Jelinek bzw. Regisseur Nicolas Stemann bzw. der musikalische Leiter Markus Poschner die Themen, Zeiten, R\u00e4ume, Personen, aber auch die Genre miteinander verweben: Oper, Sprechtheater, Musiktheater, Schauspiel, aber auch Video, Licht, Raum bzw. B\u00fchne (Katrin Nottrodt) &#8211; alles kulminiert in einem Duett zwischen Operngesang und Schauspiel bzw. Rebecca Teem und Philipp Hau\u00df &#8211; Hau\u00df liefert sich dem Gesangspart aus und wird von Teem und der Staatskapelle Berlin zur Partitur&nbsp;des Siegfried gef\u00fchrt&#8230;<\/p>\n<p>\u00dcbrigens:&nbsp;All&#8216;&nbsp;das findet auf der B\u00fchne des&nbsp;Berliner Schillertheaters inmitten von Betonmischern und Kabeltrommeln vor dem Hintergrund der plakatierten Baustelle der generalsanierten&nbsp;<a href=\"http:\/\/staatsoper-berlin.de\/\">Staatsoper Unter den Linden<\/a> statt, die seit 2013 fertiggestellt sein soll und deren Umbaubudget sich, so der aktuelle Stand von 239 auf 300 Millionen vergr\u00f6\u00dfert&nbsp;hat. Gemutma\u00dft wird, dass das Haus nicht vor 2018 \u00f6ffnet und sich die Kosten um ein Drittel auf 350 Millionen Euro erh\u00f6hen&nbsp;werden.<\/p>\n<p>&#8222;Papa! Wir wissen alle, dass du das Darlehen, das nebenbei nie ausgezahlt, nur versprochen wurde, nie zur\u00fcckzahlen kannst. Du wirst dir von deinen reichen Freunden helfen lassen m\u00fcssen. Niedrigere Zinsen. Aber dass du eine solche Linke machst, so eine dicke Lippe riskierst, Papa, das h\u00e4tte ich nicht gedacht. Dass du in die Krediklemme kommst, nur weil du dich mit den Falschen eingelassen hast und inzwischen gar nicht mehr weisst, wer die Falschen \u00fcberhaupt sind. Egal, du hast ohnedies nicht vor, etwas zu zahlen, und als Schulder trifft man dich nicht an, weil du immer wandern musst, auf Reisen bist&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Gesang: Rebecca Teem, J\u00fcrgen Linn, Narine Yeghiyan, Katharina Kammerloher, Marina Prudenskaya<br \/>\nSchauspiel: Katharina Lorenz, Philipp Hau\u00df, Sebastian Rudolph<br \/>\nFoto:&nbsp;J\u00fcrgen Linn (S\u00e4nger | Wotan), Sebastian Rudolph, Katharina Lorenz, Philipp Hau\u00df und Rebecca Teem (S\u00e4ngerin | Br\u00fcnnhilde),&nbsp;(c) Arno Declair<\/p>\n<p>Video:&nbsp;<a href=\"http:\/\/staatsoper-berlin.de\/de_DE\/videos#repertoire\/rein-gold\/1009590\">http:\/\/staatsoper-berlin.de\/de_DE\/videos#repertoire\/rein-gold\/1009590<\/a><\/p>\n<p>Zitate aus: Rein Gold, Ein B\u00fchnenessay von Elfriede Jelinek, 2012, Rowohlt Verlag.<\/p>\n<p>Kritikenrundschau:&nbsp;<a href=\"http:\/\/nachtkritik.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=9243:rein-gold-nicolas-stemann-inszeniert-an-der-staatsoper-berlin-ein-assoziierendes-musiktheater-nach-elfriede-jelinek-und-wagers-qringq&amp;catid=582:staatsoper-berlin\">http:\/\/nachtkritik.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=9243:rein-gold-nicolas-stemann-inszeniert-an-der-staatsoper-berlin-ein-assoziierendes-musiktheater-nach-elfriede-jelinek-und-wagers-qringq&amp;catid=582:staatsoper-berlin<\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/efea4702c50048ad868bfbfd7b61c8dc\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"\/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8230;von Wotan und Br\u00fcnnhilde \u00fcbers Geld (G&#8211;&gt;G&#8216;) zum NSU&nbsp; Knapper und eindeutiger kann ein Plot nicht aufgerufen werden. 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