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picidae.net, II

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Eine – nein zwei Eingebungen führten Wachter und Jud zu ihrem hoch achtenswerten Kunstgriff picidae.net, blinde Flecke aufblitzen zu lassen und in der Folge auffüllen zu können – und dabei ganz nebenbei zu der Lösung eines konkreten und scheinbar unüberwindbaren Problems:

1. Take ya picture!
Ein mit Digicam ausgestattetes Konsumpublikum steht gegenwärtig ganz im Dienste dieses Slogans; das Bild ist aber auch Gegenstand und Reflexionsmedium der sich neu organisierenden Bildwissenschaft und Visual Culture. picidae.net aktiviert eine strukturelle Machtdimension des Bildes, wie es ihm kaum noch zuzuerkennen war.

2. Draw a distinction!
Diese Anweisung, mit dem der Mathematiker George Spencer Brown die Notation seines 1969 entwickelten Formbegriffs startete, wird bei Wachter und Jud auf eine statische Lösung – auf ein Bild – eingefroren. Die Differenz zeigt die Differenz:
Statt eines freien, gleichen, globalen, homogenen Internets zeigen sich regionale, nationale, geografische, institutionelle Unterschiede. Auslassungen offenbaren konkret zuordbares (realpoltisches) Begehren, was (visuell und damit wahrnehmungs- und handlungsrelevant) unsichtbar (gemacht) wird. Mit Picidae tritt in aller Konsequenz die Unterscheidung in das Unterschiedene wieder ein (Spencer Brown spricht von ‚Re-entry‘).

Nach den ermüdenden Scheingefechten der letzten Jahre um die Malerei, ob sie oder ob sie nicht oder ob sie wieder, endlich ein Bildangebot aktueller Relevanz!

Netzzensur, aufgepasst!

Nachdem wir uns bereits an dem Projekt Zone*Interdite der Künstler Christoph Wachter und Mathias Jud erfreuen konnten, überraschen die beiden Schweizer nun mit einem neuen Projekt:
Picidae – benannt nach dem Specht, der in Mauern, hier in die Firewall netzzensierender Länder Schlupflöcher schlägt.

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Das Kunstprojekt unterwandert federleicht die Netzzensur Chinas, Koreas, Kubas, Vietnams, Nordrhein-Westfalens oder arabischer Länder wie Iran, Saudi Arabien oder Syrien, und zwar mit Bildern von hier und dort verbotenen Netzseiten zum Beispiel von Wikipedia oder der BBC.
Denn statt auf html-seiten surft der User auf Abbildern von Seiten, die der Pici-Server erstellt. Bilder, die nun nicht mehr nach unerwünschten Schlüsselwörtern auffindbar, dadurch zu indizieren und zu blockieren sind.

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Im Frühjahr 2007 reisten Wachter und Jud zu einem Selbstversuch nach Beijing und Shanghai, um in chinesischen Internetcafés dort gesperrte Seiten zu Themen wie den Menschenrechten, dem Tibet oder dem Tian’anmen-Massaker im Juni 1989 auf dem Platz des himmlischen Friedens in Peking aufzurufen. Picidae erwies sich als funktionsfähig und zuverlässig.

Die Software selbst steht unter GNU General Public Licence und steht damit in der Developer Section zur Weiterentwicklung frei.
Jede/r ist in der Lage, den Quelltext frei zu downloaden und selbst als Pici-vider einen Pici-Server zu betreiben. Picidae erprobt hierüber ein dezentrales Serversystem, um Zensur und Eingriff zu vermeiden, das sich in naher Zeit geografisch global entwickeln soll. Als Alternative können Web-Account-Besitzer auch einen Pici-Proxy Server betreiben, der wiederum auf einen Pici-Server verweist.

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Ermöglichte Zone*Interdite 3D-Netzspaziergänge beispielsweise durch das Gefängnislager Guantanamo, indem das Projekt mit Mashups von Satelllitenaufnahmen und Maps von Yahoo und Google, Blogs und Websites, mit Verlinkungen zu Wikipedia und Suchmaschinen einblicke in uneinsichtige Militärgebiete dieser Welt erlaubt, ermöglicht die Sichtbarmachung der Auslassungen durch Picidae eine neue Sicht in und auf das World Wide Web, auf dessen Inhalte, Mechanismen, Machtverstrickungen, nationalen und regionalen Beschränkungen und Zugängen.
Denn auch in Deutschland, Frankreich und in der Schweiz, in Firmen und Institutionen werden Webseiten geblockt.

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Eine eindrucksvolle Antwort auf die Frage ‚What is doing the art of tomorrow?‘: Kunst als Instrument, im Vergleich die spezifischen Bedingungen der eigenen Vorstellungen (zum Beispiel des offenen und freien Internets) zu realisieren.

Picture Source: http://www.picidae.net

All Rights Reversed.

Freie Lizenzen in der Kunst; eingeordnet von Florian Cramer mit einem Vortrag im Hamburger Künstlerhaus Frise am 28.04.2007.

Unter dem link http://www.artwarez.org/?p=183 ist der Audio-Mitschnitt des Vortrags von Florian Cramer zu finden, in welchem Cramer zum „Kodifikationsdruck der Kunst“ ausführt.

Eingangs macht Cramer auf die historische Entwicklungslinie von freier Software zu Open Soure zu Open Content aufmerksam:
Die Entwicklung freier Software in Berkley und am MIT in den 70er und 80er Jahren, dann die Fortsetzung in den 90er Jahren, indem die Prinzipien der freien Lizensierungen auch auf andere Medien übertragen wurden.

Genau genommen sind die Lizensierungen jedoch keine Erfindungen der Computer- oder Internetkultur:
Bereits 1958 stellte die Situationistische Internationale ihre Texte unter eine – nach heutigem Sprachgebrauch – Free-Software-Definition und stellt damit den geistigen Bezugsrahmen her. Alle Texte dürften, so die Angabe im Impressum, frei reproduziert, frei übersetzt und frei adaptiert werden. Das SI-Copyleft geht sogar noch über die Anfang der 80er Jahre aufgestellte Free-Software-Defintion in 4 Freiheiten hinaus: Eine Quellenangabe sei nicht erforderlich.
So ist nicht verwunderlich, dass die ersten im www Anfang der neunziger Jahre publizierten Kunsttexte aus dem Repertoire der SI stammten.

Cramer benennt hierfuer zwei historische Inspirationsquellen:
Marcel Mauss‘ Kulturtheorie der Gabe von 1925 sowie das „1. Manifest einer Anticopyright-Aesthetik“ in Form eines Aphorismus von Comte de Lautréamont aus dem Jahr 1889: „Das Plagiat ist notwendig. Es ist im Fortschritt inbegriffen. Es geht dem Satz eines Autors zuleibe, bedient sich seiner Ausdrücke, streicht eine falsche Idee, ersetzt sie durch die richtige Idee.“
Das Détournement der Situationisten stelle somit ein Hybrid aus lautréamontschem Plagiat und brechtschem Verfremdungseffekt dar.

Wodurch nun aber ist die aktuelle Klimaveränderung zu erklären, die fortschreitende Lizensierungen in der Kunst provoziert?

Cramer stellt die These auf, dass der Einfluss der digitalen Medientechniken zur Kodifikation der Verrechtlichung auch in der Kunst führt. Künstler, die mit appropriativen Strategien arbeiten, würden zunehmend kriminalisiert. Niemand interessierte sich seinerzeit für Kurt Schwitters Markenrechtsverletzungen durch die Collagierung des Commerzbank-Logos oder für Warhols Adaptionen von Brillo, Campbell oder Coca-Cola.
Die Arbeiten im geschützten Raum des White Cube, im sog. Narrenturm der Kunst, verfügten, so Cramers Annahme, nicht über die notwendige Relevanz, zu der sie nun im Zeitalter des Internets gelangt seien: Zwischen Netzkünstlern (wie 01.org, ubermorgen oder Cornelia Sollfrank) und marktwirtschaftlich orientierten Konzernen sei durch den Einsatz digitaler (statt analoger) Techniken Waffengleichheit hergestellt. Die Folgen seien eine gewachsene Copyright-Paranoia und der standardisierte Einsatz von Abmahnungen.

Um es vorweg zu nehmen: Einen Schutz der Kunstfreiheit, die zunehmend juristisch unterhöhlt würde, sei durch den Einsatz freier Lizenzen nicht möglich. Sogar fragwürdig sei das auftreten etwa von Creative Commons, die mit Slogans wie „share, reuse, and remix – legally“ diese Irritation eher schüren als das Missverständnis auszuräumen. Vielmehr sei die Bewegung der freien Lizenzen aktuell, so Cramer, an einem kritischen Punkt angekommen.

Der Literaturwissenschaftler führt dezidiert zu Lizenzen und Lizensierungen aus:
Währenddessen das Urheberrecht pauschale Freiheiten wie die Zitier-, Verleih-, Wiederverkaufs- und Kopierfreiheit gewährt und alles weitere unter den Vorbehalt des Urhebers stellt (= all rights reserved), geben beispielsweise die GNU-Lizenzen oder die Creative-Commons-Lizenzen als Formen der freien Lizenzen eine Paschaulerlaubnis, ohne sich als Lizenznehmer beim Urheber rückversichern zu müssen.

Unter den freien Lizenzen ist zwischen Lizenzen in Nähe der Public Domain, dem Copyleft und den von Cramer als pseudofrei benannten Lizenzen zu unterscheiden:
– Die Public Domain (die wohl am ehesten mit der lizenz der Situationisten zu vergleichen ist) agiert aus einem Ethos der Freiheit, und zwar ohne jegliche Beschränkungen. Selbst eine freie Software kann als eine proprietäre Verwendung finden.
– Das Copyleft, auf dem zb die GNU-General Public License basiert, agiert nach dem rekursiven Prinzip mit nur einer Einschränkung für den Lizenznehmer, nämlich die Lizenzierung ebenfalls zu den Bedingungen der GPL. Somit pflanzt sich das Prinzip der einzig freien Verwendung viral fort.
– Die Creative-Commons-Lizenz, die für beliebige Werke (Multimedia, Text, Bild, Audio) verschiedene Lizenzversionen hinsichtlich einer kommerziellen/nicht kommerziellen Nutzung oder einer erlaubten/nicht erlaubten Veränderung anbietet, zieht Cramers Unmut auf sich. Nicht nur, weil CC Irritationen auslösen würde, vielmehr gibt es zwischen den einzelnen Lizenzversionen selbst Inkompatiblitäten, die auf eine fehlende Politik, ein fehlendes Ethos hinweisen würden.

Das Minenfeld sei zudem gewachsen: Markenrechte, Vertragsrechte, Patentrechte würden parallel und aufeinander geschichtet werden, um zumindest der Software-Industrie einen restriktiven Zugriff auf bestimmte Werke zu sichern. Während etwa die Software des Webbrowsers Mozilla Firefox als freie Software GPL-lizenziert ist, verfügt die Mozilla-Foundation als Entwickler über die Wortmarken Mozilla und Firefox und behält sich damit das Recht auf die Distribution der Software unter diesem Namen vor. Eine Nutzung würde somit als Markenrechtsverletzung deklariert werden können.

Abschließend trug Cramer seine Kritik an dem 2000 von Volker Grassmuck ausgeführten Konzept der Wissensallmende vor: In Nähe zu einer „Blut- und Boden-Rhetorik“ und als Rückkehr zu einem Kollektivromantizismus (ein Modell ohne individuelle Autorenschaft, ohne Eigentum und ohne Urheberrechte) würde aus der Ablehnung eines reaktionären Autoren- und Werkmodells ein „Ursuppenmodell“ propagiert werden, das für nicht konsensfähige Kunstprojekte keine Alternative darstellen kann. Denn gerade jene Formen, die wie Wikipedia nach einer freien Kollaborationslogik mit freien Lizenzen operieren, hätten oft einen Konsenszwang und Mainstreamcharakter. Und dies wäre durchaus kein Zufall.