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Grenzwertbestimmungen des Theatertreffens 2014: Situation Rooms von Rimini Protokoll

Rimini Protokoll, mit „Situation Rooms“ zum Theatertreffen 2014 eingeladen, präsentierte sich aus terminlichen Gründen zum einen mit einer Dokumentationsbox im Foyer des Berliner Festspielhauses, zum anderen am 5.5.2014 mit einer Kinoprojektion ihres eingeladenen „Multi Player Video-Stücks“ und einer anschließenden Gesprächsrunde, an der (selten genug) die drei Rimini-Gründer Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel teilnahmen:

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Die gezimmerte Doku-Box gibt einen Überblick über die 20 Erzählstränge in Form von 20 sprechenden und (durch Point of View- und Over the Shoulder-Einstellungen) ins Bild gesetzten Experten des hier fokussierten Themenkomplexes „Waffen“: ein Feinmechaniker aus der Schweiz, ein Arzt aus Deutschland, ein Flüchtling aus Syrien, ein Kriegsfotograf aus Deutschland, ein Kindersoldat, ein Hacker, ein Friedensaktivist… Sie alle haben jeweils 7 Minuten Zeit, ihre Lebengeschichten auf das Thema zu pointieren, die den Rezipienten erstens in einem Set bestehend aus gebauten Räumen des Plots (Operationssaal, Konferenzsaal, Werkstatt…) und zweitens über tragbare iPads und Kopfhörer vermittelt werden. Sowohl die 20 Sieben-Minüter als auch ein Modell des Sets in den Ufer-Hallen Berlin sind in der Dokumentationsbox aufgebaut, eine Excel-Übersicht verdeutlicht die protokollierende Organisation der installativen Performance mit dem Einsatz neuer Medien.

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Das Format Augmented Reality – neben der Aktualität des Themas wesentlich für die Einladung zum Theatertreffen verantwortlich, so Anke Dürr von der TT-Jury – verlangt dem Besucher ein (zeitlich kurz versetztes) Re-enactment des Gesehenen und Gehörten ab. Indem sie die Räume durchstreifen, werden sie in verschiedene Handlungen verstrickt: „Schießen!“, „Wir warten jetzt im Hinterhalt.“, „Wie würdest du entscheiden?“ Die Teilnehmer würden, so betont Helgard Haug, zu einem Wechsel der Perspektiven herausgefordert und dabei aufgefordert, in die Subjektive zu gehen. Stefan Kaegi weist auf die 20 ungefilterten Haltungen hin, die eine Erlebniswelt eröffneten und das Publikum durchschüttelten, eine Haltung entwickele sich erst später als direkt im Geschehen und das stimme mit Haltungsfragen in der Welt überein. Ein ganzer Theaterapparat würde hierfür zum Einsatz gebracht, diesmal nicht nur für einen Experten des Alltags, wie bei Rimini Protokoll üblich, sondern für 20 und darüber hinaus für alle beteiligten Rezipienten, so Daniel Wetzel – der Grund, dass Anke Dürr von einer Neuerfindung des Theaters spricht.

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Angesichts ihres Repertoires handelt es sich nicht um die stärkste Arbeit von Rimini Protokoll, klug in der Konzeption (mit 0 Schauspielern, in der die „Zuschauer“ selbst zum Akteur werden) und von der Kritik hochgelobt. Zu befürchten ist, dass mit Wegfall des technischen Innovationseffekts Augmented Reality von der Theaterproduktion selbst nicht viel übrig bleiben wird. Sie wirkt eigentümlich konservativ im Vergleich z. B. mit der Hauptversammlung (2009), mit der Rimini Protokoll eine zuvor noch nicht gesetzte Unterscheidung setzte und weit größere Risiken (in der Konzeption, in der Rezeption, in den Rückkopplungen, in der Kompetenzüberschreitung, in der Distribution, in der Unbestimmbarkeit) eingegangen ist. Allerdings drängen sich noch mindestens zwei weitere Perspektiven auf: 1. Die Produktion trägt dann mediengenuin zur Bestätigung Walter Benjamins These bei, dass Medien ihr utopisches Potenzial zwei Mal offenbaren, das erste Mal, wenn sie auf der Bildfläche erscheinen, das zweite Mal, wenn sie obsolet würden. 2. Die Produktion ist grundsätzlich als ein künstlerisches Experiment im Sinne einer epistemischen Praxis im Umgang mit Komplexität zu begreifen.

Mit den 20 Experten:
Abu Abdu Al Homssi, Syrien
Shahzad Akbar, Pakistan
Jan van Aken, Deutschland
Narendra Divekar, Indien
Nathan Fain, USA
Reto Hürlimann, Schweiz
Maurizio Gambarini, Deutschland
Andreas Geikowski, Deutschland
Marcel Gloor, Schweiz
Barbara Happe, Deutschland
Volker Herzog, Deutschland
Richard Khamis, Süd-Sudan
Wolfgang Ohlert, Deutschland
Irina Panibratowa, Russland
Ulrich Pfaff, Deutschland
Emmanuel Thaunay, Frankreich
Amir Yagel, Israel
Yaoundé Mulamba Nkita, Kongo
Familie R, Lybien
Alberto, Mexiko
sowie: Christopher Dell, Alexander Lurz, Karen Admiraal

Grenzwertbestimmungen des Theatertreffens 2014: Zement von Dimiter Gotscheff

Vor der Pause wirkt „Zement“, Heiner Müllers Theaterstück von 1972 (uraufgeführt am Berliner Ensemble 1973 von Ruth Berghaus) in der Inszenierung von Dimiter Gotscheff wie aus der Welt gefallen: klassisches Sprechtheater, unspektakuläre Bühne und Kostüme, in skulpturalen Posen verhärtete Schauspieler, zäh und anstrengend für das Publikum – vielleicht auch, weil konzentrative Hörarbeit dem Theaterbesucher gegenwärtig nicht häufig abverlangt wird, Text zum Soundteppich umfunktioniert wird.

Nach der Pause ist klar: Das inszenatorische Prinzip ist inhaltliches Programm. Wir stecken, mit Müller formuliert, „bis zum Hals“ in Ideologien (Sozialismus, Kapitalismus, Demokratie) – Beweglichkeit ist ausgeschlossen. Selbst der Theaterboden versucht, Raum zu schließen, Raum zu nehmen und das Publikum zu erdrücken, indem er sich zur 4. Wand aufstellt. Einhergehend wird der Blick in den imaginären Raum (der Theaterbühne, der Utopie, der Zukunft) verstellt. Ein großartiger Einfall für die weiss-grau verstaubte Bühne Ezio Toffuluttis, denn dem Publikum werden gleichzeitig auch die Spuren des Geschehens als Leinwand gegenüber gestellt und ansichtig.

ZEMENT/Residenztheater
Foto: © Armin Smailovic

Zement – grundlegender, transkultureller Baustoff, das macht das Stück, das auf dem Revolutionsroman von Fjodor Gladkow aus dem Jahr 1925 zur Geschichte und den Folgen der russischen Revolution basiert, deutlich, ist zwar zunächst Bindemittel von Einzelelementen (von Personen, Wünschen, Ereignisse…), doch dann verfestigt er sich – bis hin zur maximalen Starre.

Müllers typische Verhandlung von als bürgerlich und problematisch markierten Themenkomplexen (Ehe, Familie, Eigentum, Privatheit) im Textfeld des sozialistischen Utopismus und in Verklammerung durch die griechische Mythologie (hier Prometheus, Herakles und Medea) stoßen mit Gotscheffs Inszenierung von „Zement“ am Münchner Residenztheater auf eine sehr eigene (räumliche) Kontextualisierung. Die aktuellen politischen Ereignisse in der Ukraine, der Gegend, in dem die rezitierten Mythen und „Zement“ spielen, stattet Müllers Dramatisierung, die in den frühen Jahre nach der Sowjetrevolution spielt, darüber hinaus mit einer kaum fassbaren Aktualität aus – nicht zu vergessen die inhaltlichen Bezüge zu nachrevolutionären Zeiten etwa in Ägypten oder Tunesien.

Beeindruckend sind Valery Tscheplanowas Sprach- und Gesangsvariationen (mit und ohne Dialekt, Gesang mit und ohne Text, in verzögerter und flutender Geschwindigkeit), mit denen sie einen Weg aus bzw. in dem Dilemma erprobt; ebenso die sich im Körper materialisierenden Rollen der verhärteten und knorrigen Bibiana Beglau als Dascha und des träumenden und verletzten Sebastian Blomberg als Gleb.

Zum Inhalt: http://www.residenztheater.de/inszenierung/zement

Weitere Besprechungen:

http://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=8066:zement–dimiter-gotscheff-wagt-sich-in-muenchen-einmal-mehr-in-einen-woerter-steinbruch-seines-leibdichters-heiner-mueller&catid=38:die-nachtkritik&Itemid=40

http://www.tagesspiegel.de/kultur/interview-mit-bibiana-beglau-zum-theatertreffen-na-dann-mach-doch-die-mieze/9831640.html

http://www.tagesspiegel.de/kultur/eroeffnung-des-berliner-theatertreffens-die-kaempfe-der-gegenwart/9839632.html