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Freispruch für die Kunst

Milo Raus dreitägiges Theaterprojekt vom 1. bis 3. Maerz 2013 im Moskauer Sacharow-ZentrumDie Moskauer Prozesse„, in denen der Schweizer Regisseur drei spektakuläre Gerichtsprozesse der letzten 10 Jahre, nämlich das Verfahren gegen die Kuratoren von „Vorsicht Religion“ 2005 und „Verbotene Kunst“ 2007 im Sacharow-Zentrum sowie das gegen Pussy Riot 2012 durch Künstler, Anwälte, Aktivisten und Kunstkritiker nachspielen ließ, wurde umfangreich im deutschsprachigen Feuilleton besprochen:

Julia Smimova weist in der WELT darauf hin, dass hier endlich, anders als bei den echten Prozessen wirklich verhandelt wurde. Per Video wurde beispielsweise der Kurator Andrej Jerofejew zugeschaltet, der 2006 im Sacharow-Zentrum mit Exponaten, die etwa aus Ausstellungen der staatlichen Tretjakow-Galerie entfernt wurden, die Schau „Verbotene Kunst“ kuratierte. Jerofejew wurde seinerzeit gemeinsam mit dem Direktor des Sacharow-Zentrums Juri Samodurow zu einer Geldstrafe verurteilt. Währenddessen in den russischen Gerichten, so Smimova, eine eigene Theatralitaet inklusiver absurder Dialoge und grotesker Stand-Ups stattfänden, konnten im Sacharow-Zentrum inhaltliche Debatten über politische Kunst und politisch ambitionierte Künstler geführt werden. Beteiligt waren auch Gegner der künstlerischen Aktivitäten, sowohl als Beteiligte der Prozesse als auch als externe Interventionen, die die Prozesse immer wieder zu stören versuchten. Das Urteil fiel im Übrigen unter den nach Zufallsprinzip ausgewÄhlten sieben Schöffen unentschieden aus (einer enthielt sich der Stimme), das Gericht hätte allerdings einen Freispruch für die Kunst gesprochen.
http://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article114129105/Frei-gesprochen.html

Dirk Pilz berichtet in der NZZ beeindruckt von der für etwa 100 teilnehmende Personen geschlossenen Veranstaltung, bei der es sich nach Pilz nicht um ein Reenactment oder um eine Gerichtsshow gehandelt habe, sondern um einen Schau-Prozess mit offenem Ausgang. Zwar habe Rau die Beteiligten ausgewählt, hier aber keine weiteren Personen erfunden oder die Texte vorgeschrieben. In größter Deutlichkeit seien jene Konflikte zutage getreten, die das Verhältnis von Kirche und Staat sowie von Kunst und Religion beträfen. Pilz schätzt das Theaterprojekt als eine politische Installationskunst ein, die sich von vordergründiger Pädagogik freizumachen in der Lage war. Diese „ungemein clevere Kunst“ diente gleichfalls als Vorlage für einen Film, der auf der nächsten Berlinale gezeigt werden soll.
http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/buehne_konzert/gesellschaft-vor-gericht-1.18039020

Klaus-Helge Donath stellt in der tageszeitung heraus, dass das Besondere an dem Reenactment die Zusammensetzung der Mitwirkenden gewesen sei. Neben den Teilnehmern, die direkt oder vermittelt mit dem Geschehen zu tun hatten, tauchte der Staat als einzige nicht gecastete Größe auf, korrigierte über diesen Eingriff das Format und holte die Veranstaltung in die Wirklichkeit zurück.
http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=ku&dig=2013%2F03%2F05%2Fa0106&cHash=7bdc951d2c1ab9b3723c0ce784fd3fdb

Auf diese Zwischenfälle weist auch Tim Neshitov im SPIEGEL hin: Mitarbeiter der russischen Einwanderungsbehörde, die die Papiere des Schweizer Regisseurs kontrollierten, bildeten wie auch sich versammelnde orthodoxe Christen und Kosaken die enstprechende Kulisse und unterbrachen die Prozesse für 2 Stunden.
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/russland-behoerde-unterbricht-pussy-riot-theaterstueck-a-886628.html

Kerstin Holm berichtet in der FAZ von Milo Raus „Dokumentartheater“, das für die russische Gesellschaft derzeit den einzigen Freiraum für eine Auseinandersetzung mit zeitgeschichtlichen Konfliktthemen darstelle. Rau hätte in genau jenem Anbau einen Gerichtssaal mit Tischen für Richter, Kläger, Verteidiger, einer Zeugentribüne und Geschworenenbank eingerichtet, in dem vor zehn Jahren die skandalisierten Kunstwerke der Ausstellung „Vorsicht Religion“ zu sehen waren. Holm bedauert, dass sich keiner der eingeladenen Vertreter der Patriarchatskirche an der Verhandlung beteiligte.
http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/milo-raus-dokumentartheater-kein-honig-fuer-pussy-riot-12102641.html

Johannes Voswinkel stellt in der ZEIT den Konflikt von moderner Kunst und Religion in einem Staat heraus, der sich immer deutlicher auf die Seite orthodoxer Gläubiger schlage. Während sich Milo Rau bereits fuer das rumänische Diktatorenpaar Ceausescu, den Völkermord in Ruanda und die Gerichtsrede des Norwegers Anders Breivik interessierte, würde er hier in mehr als 12 Stunden drei Prozesse wiederaufnehmen und die Verhandlung als eine Mischform aus dokumentarischem Theaterstück, Performance und politischem Debattierklub inszenieren, das aber ohne Textbuch und Regienanweisungen. Wenngleich diese Mischform eher zu einem Schlagabtausch bzw. einem Kreuzverhör führte, sei Rau dennoch ein Moskauer Theaterereignis gelungen. Zudem hätte es die schwierige Lage der Künstler in Russland „zwischen Bürokratie, Kontrolle und Religionsstreitern“ offenbart.
http://www.zeit.de/kultur/2013-03/pussy-riot-theater-moskau-2/komplettansicht