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Lehrstück der Hagiographie

Die Philosophie sei mit der De-Heroisierung entstanden, als die Götter gegangen seien. Nun werden die Philosophen als Götter präsentiert.

Die Anmoderation des Gesprächs von Alain Badiou und Jean-Luc Nancy durch Alexander García Düttmann stellte es als bemerkenswert heraus: Nicht in der Philosophie oder in einer philosophischen Fakultät würde diese erste Begegnung beider französischer Philosophen stattfinden, sondern mit der UdK an einer Kunstakademie – zu ergänzen ist: initiiert durch das an der Fakultät Bildende Kunst situierte Institut für Kunstwissenschaft und Ästhetik.

Im Rahmen der zwei-tägigen Konferenz „Badiou and The Presence of Philosophy. Crossing the French-German Border“ am 29. und 30.1.2016 fand am Abend des ersten Konferenztages die Begegnung beider Philosophen statt, die im Konferenzprogramm als „Debatte“ angekündigt wurde, aber damit dann doch mehr über die Initiatoren und über die „French-German Border“ aussagte: Badiou, Jhg. 1937, Prof. em. für Philosophie der Universität Paris VIIIund Nancy, Jhg. 1940. Prof. em. für Philosophie der Université Marc Bloch Straßburg, verwoben sich in einen feinsinnigen, geistreichen, humorvollen und wortgewandten Dialog auf französisch, ohne sich ihre Differenzen zu nehmen, ganz im Gegenteil: Ihr Gespräch fiel inhaltlich nicht wenig konträr aus, stieß aber bei beiden auf Wohlwollen, Großzügigkeit und Neugierde am Anderen. Ein Paradebeispiel, wie „différance“ konstitutiv und integrativ statt hemmend und erschwerend stattfindet.

AlainBadiou+Jean-LucNancy

Die Bühne steckte Jan Völker mit hermeneutischen, historisch-philosophischen Fragen ab, die beiden Gästen vorab augenscheinlich bekannt waren: Was sie über die deutsch-französische Philosophiegeschichte zu sagen hätten, wie sie zu Kant stünden (Nancy hätte über Kant promoviert, Badiou lehne ihn ab), wie viel System für Hegels Negativität notwendig sei, ob Marx in der Philosophie eine interne Differenz sei, und zu guter Letzt rangen ihm beide Philosophen nach knapp zwei Stunden noch die Frage zu Heidegger ab, wie seine Philosophie, angesichts dessen, dass er Nazi war, zu bewerten sei. (Einige Gedanken hierzu hatte Nancy bereits am Vorabend im Berliner HAU geäussert.)

Durch diese Fragen strukturiert entwickelte sich zwischen Badiou und Nancy ein „Tanz“ mit Soloeinlagen, in denen sie zunächst ihre eigenen Positionen darlegten, sich danach auf die bisherigen Ausführungen des anderen bezogen, Differenzen herausarbeiten, Gemeinsamkeiten benannten, eigene Denkfehler und die des anderen diagnostizierten (und eingestanden), Arbeitsweisen zuordneten, zusammengefasst charmant parlierten* und damit ihre Antwort gaben auf die im Titel der Konferenz behauptete französisch-deutsche Grenze:

Badiou, der Philosophiegeschichte diskontinuierlich denkt, als eine Aneinanderreihung philosophischer Momente, Kontinuität dabei als eine akademische Vorstellung ansieht; der uns gerade jetzt mit Derrida, Lyotard und der Straßburger Schule am Ende eines deutsch-französischen Moments der Philosophiegeschichte sieht; der eine Fusion des alten Frankreichs, erdrückt von seiner Geschichte mit Deutschland vorschlägt, das seit jeher nicht wisse, was es sei; der die Zukunft der Philosophie von der Jugend abhängig meint; der Kant nicht sehr mag, weder sein Motiv der Grenzen der Vernunft oder den kategorischen Imperativ und dessen Universalität des Handelns noch den Unterschied zwischen schön und erhaben oder seine obsessionellen Zwangsvorstellungen; der im Gegensatz zu Kant keine Grenzen des Erkennens annimmt („es gibt nichts Unerkennbares“), was nicht bedeutet, dass das Erkennen völlig entfaltet sei; der auf Platon, Descartes und Hegel schwört („Das sind meine drei Philosophen.“); der sich selbst lange Zeit als Hegelianer verstand und dessen Bewegung, Transition, Übergang, Lesart von Geschichte, Narration, Engagement, Missachtung für die Herrschenden bewundert, Hegel sei ein Roman mit spannenden Passagen und Irrtümern; der für sich eine naivere Lesart der Philosophie als Nancy reklamiert und die Philosophie ernster nehme; der Schwierigkeiten hat, Marx (wie auch Freud) als Philosophen zu beschreiben, ihn eher als politische Figur versteht, der anders als die Philosophie nicht eine Interpretation, sondern eine Veränderung der Welt in den Blick nimmt, dabei der Philosophie aber mit seiner wenn auch skizzenhaft marxistischen Anthropologie gut getan hätte; der die Philosophie mit der Mathematik in Verbindung sieht, denn beide seien entstanden, als zivilisationshistorisch fortan Aussagen zu argumentieren waren; der die Aufgabe der Philosophie darin sieht, rationale Protokolle zu finden, damit der Tod der Götter die Menschheit nicht mit Trauer vergiftet; der an Heidegger trotz seines Antisemitismus und seines beschränkten Kleingeistes schätzt, dass er das Sein in die Gegenwart gebracht hätte und hierüber hinaus gegangen sei; der mit Heidegger erkannt hätte, dass das Dasein die Multiplizität von allem, was passiert, sei.

Nancy, der nach dem 2. Weltkrieg die französische durch die deutsche Philosophie inspiriert sieht; der in Deutschland im Gegensatz zu Frankreich keinen Anlass zu Revolutionen sah, Deutschland sich außerdem nicht das Recht zugestand, den Souverän zu stürzen; der die deutsch-französische Beziehung nicht ohne England verstehen kann; der in der deutschen Philosophie einen Wechsel des Denkens in die Sprache erkennt; der Kant ein Bewusstsein davon/darüber zuschreibt, dass sein Sagen nicht genug überein stimme, mit dem, was er sagen will; der in Kant den Ersten sieht, der sagt, dass die Vernunft von einem Trieb getrieben sei, getrieben zum Bedingungslosen; der in Kant den ersten Existentialisten sieht, denn „das Ding existiert!“ „C’est la!“; der mit Kant das erste Mal die Frage nach der Wirklichkeit auftauchen sieht, die da ist, gegen die man stößt; der den kategorischen Imperativ als Vernunft zu verwandeln versteht; der Kant „mon Kant“ nennt; der in Hegels Negativität eine Bewegung, weniger ein System sieht, in dem Sinne Hegel eher ein Hypersystem sei; der Hegel für sich und seine Studien sehr schätzt; dem Hegels wie auch Schellings Fragen nach Licht, Flüssigkeit, Mineralien und Elementen als einer Philosophie der Natur in der heutigen Philosophie fehlt; der die Philosophie im Sinne Derridas als eine Lektüre versteht, da wir Nachfolger philosophischer Positionen seien und damit immer angereichert lesen; der bei Hegel eine Freude wahrnimmt, immer in Bewegung zu sein, nicht anzuhalten, sich in Beziehung zu setzen; der von sich selbst nicht weiß, ob er Philosoph sei, denn mit Marx würden Philosophen nicht wie Pilze aus dem Boden schießen oder besser nicht vom Himmel fallen; der alle Menschen als das Ergebnis ihrer Epoche versteht; der für sich meint, nicht zu modernisieren, sondern z. B. aus Hegel Fäden weiter zu spinnen; der Marx nicht als Philosoph versteht, weil dieser nicht an das Ende seiner Mittel gegangen sei, der sich aber von einer dringenden Aufgabe hat erfassen lassen: Marx hätte den Finger auf etwas gelegt, was dabei war, zu verklemmen; der den Anfang der Philosophie in dem Weggang der Götter sieht und hiermit eine Zivilisationsänderung beobachtet; der mit Heidegger, obwohl dieser ein Nazi, ein Parteimitglied, ein Obernazi, ein Archefaschist war, etwas angekündigt sieht, in dem wir uns derzeit befinden: in der Frage zur Technik, die die letzte Schlacht der Menschen sei; der allerdings nicht versteht, wie Heidegger vom Substantiv ‚Dasein‘ sprechen konnte, obwohl es für Heidegger selbst ein transitives Verb war; der mit Derrida den Ton der Philosophie geändert sieht: Bedeutung ist nicht gegeben, sondern Bedeutung wird verliehen.

Von der offenbar konzeptionellen Entscheidung, die beiden Gäste anhand vorgegebener philosophischer Positionen denken zu lassen, wurde leider nicht abgewichen. Die situativ einzigartigen Momenten, in denen sich Nachfragen zur Aktualität aufdrängten, in denen es sich aufdrängte, beide um ihre Perspektiven als politisch orientierte und engagierte Zeitgenossen zu bitten (Badiou ist Mitbegründer der Organisation politique, Nancy ist gemeinsam mit Lacoue-Labarthe Begründer des Centre de Recherches Philosophiques sur la politique), vergingen ungenutzt:

Wie stünde für Badiou eine Fusion von Frankreich und Deutschland als „Mythos für die Zukunft“ zu dem Konzept Europas? Und wie das Konzept des sog. Frexit? Wie verstünde Nancy die Haltung Deutschlands angesichts von Griechenlandkrise und Flüchtlingskrise, wenn er Deutschland eine Ohnmacht und eine Furcht zuschreibt, den Souverän zu stürzen? Welche Rolle spielt England und die Idee des Brexit? Wie wäre für Badiou der Unterschied sozial-gesellschaftlich paradigmatisch nutzbar, wenn er Kant obsessionell und sich paranoisch beschreibt? Kann Kants Motiv der Grenzen  für die aktuelle Debatte um Obergrenzen, Binnengrenzen, Außengrenzen, Grenzkontrollen, Grenzpolitik… mobilisiert werden? Wie können wir heute angesichts unserer Skepsis gegenüber der Totalität mit dem universellen Gesetz des kategorischen Imperativs umgehen? Wie wäre die von Badiou bei Hegel beobachtete Philosophie der Bewegung, des Werdegangs, der Etappen gegen/für (?) das aktuelle Zeitalter der Krisen zu aktualisieren? Wenn wir uns heute mit Badiou in einer vergleichbaren Phase aufhalten, bevor Marx das Manifest geschrieben hat, wie wäre das Heute genauer zu bestimmen? Was wäre für die Gegenwart von Marx zu lernen, der sich von einer dringenden Aufgabe an einem kritischen Punkt der Geschichte hat erfassen lassen? Wie sähen beide ihre Möglichkeiten als politisch und politisch links Engagierte? Wie sähe das Interventionspotential des Künstlerischen aus? Wenn die Philosophie mit dem Weggang der Götter entstanden ist, wie fände Badiou eine Konferenz, die ihn in ihr Zentrum des Themas, des Denkens, der Positionen, des Titels setzt? Wenn Griechenland die Geburt von Mathematik und Philosophie ist, wie wäre die Griechenlandkrise deutbar? Wie kann, und zwar nicht auf das Beispiel Heideggers beschränkt, sondern etwa um Bernard-Henri Lévy oder Alain Finkielkraut erweitert, eine philosophische Geste nicht mit der philosophischen Persönlichkeit überein gebracht werden? Oder anders gefragt, wie kann Philosophie nicht in existentieller Relevanz gedacht werden?

2016_Nancy_Badiou

Hier wiesen sich die Initiatoren des Abends weniger als Gastgeber einer Kunstuniversität, denn als klassische, im universitären Betrieb institutionalisierte Wissenschaftler aus, die den Kontext beschränkten und die Aktualität außen vor ließen, die Philosophie als Lektürepraxis praktizierten und die existentielle Relevanz des Denkens und des Philosophierens nicht riskierten. So blieb von dem Genius Loci der Kunstuniversität weniger ein thematischer, als ein durch das Plakat der Konferenz vermittelter Eindruck des Vorläufigen, Collagierten, noch Unvernähten, sich im Arbeitsprozess Befindlichen. Hierfür dienten Texte von Badiou (Pornographie der Gegenwart, 2014, und Die kommunistische Hypothese, 2011), die in einem Akt des fortgesetzten und fortzusetzenden Schreibens aufgesetzt und in „Handarbeit“ mit organisatorischen Hinweisen zur Konferenz angereichert collagiert wurde (Konzept und Umsetzung: Mark Lammert). Und es blieb ein somatischer Eindruck, der (visuell) allerdings mehr an die 70er Jahre erinnerte, als Joseph Beuys sich gemeinsam mit seinen Studierenden an den Strukturen des Bildungssystems abarbeitete: Nicht weniger als 400 Menschen, viele davon Studierende und ehemalige Studierende der UdK, drängelten sich in dem einzigen Hörsaal der Universität der Künste, in der Hardenbergstraße 33. An den Wänden, auf den Fußböden, neben dem Podium, in den offen stehenden Türen drängten sich die Zuhörer, die dem Gespräch zwischen Badiou und Nancy folgen wollten. Allerdings anerkannten sie das vorgegebene Format einer abgeschlossenen Gesprächsrunde und ließen für fast zweieinhalb Stunden Krisen Krisen sein.

*O-Töne sind in dem „Bericht von der Internationalen Badiou-Konferenz“ von Jochen Stöckmann auf Deutschlandradio Kultur nachzuhören.

Birte Kleine-Benne