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Tino Sehgal: Perzeptionsexperimente – explizit keine Performances

Wollte man die Werkschau von Tino Sehgal im Martin-Gropius-Bau tradiert kunstwissenschaftlich beschreiben, man würde maximal scheitern:
5 Räume im Erdgeschoss des Hauses, aber mit permanent wechselnden Inhalten, die sich mal in künstlichem, mal in Tageslicht, mal in kleinerem, mal in größerem Raum, mal in Dunkelheit, mal in Sichtbarkeit, mal in kleinerer, mal in größerer Personenrunde, mal in inszenierter, mal in improvisierter, mal in fester, mal in zufälliger Personenkonstellation zeigen.
Manche der „Situationen“ werden inmitten der „Situation“ mit ihrem Titel vorgestellt (z.B. der MoMA-Besitz „Tino Sehgal, Kiss, 2002“ oder „Welcome to this situation“), andere wie die im Lichthof öffnet sich etwa alle 2 Stunden den aus den umliegenden Räumen drängenden Situationen und verschmilzt zu einer gemeinsamen, neuen, ortsspezifischen und improvisierten (?) Situation (die ihrerseits im Laufe des Tages wechselt), um sich dann in eines der Kabinette zurückzuziehen.
Manche Situationen sind textlastig (englisch, deutsch oder auch kombiniert), andere sind nur zu sehen, wieder andere nur im Dunkeln zu erahnen oder zu hören.
Mal ist eine Skulptur aus menschlichen Körpern assoziierbar („Kiss“), mal ein diskursives Format („Welcome to this situation“), mal die Geräusche einer Beatbox („This Variation“).
Mal schieben sich die Zeit- in die Raumkünste, mal das Temporale in das Skulpturale, mal umgekehrt, mal schieben sie sich wiederum ineinander.
Mal ist der Zuschauer ins Außen gedrängt, mal funktioniert er als Rahmen, mal ist er ermuntert, eine Antwort auf eine gestellte Frage beizusteuern: „Was sind Situationen?“, „Was ist Langeweile?“, mal tastet er sich auf seine eigenen Sinne zurückgeworfen durchs Dunkle und stößt aufgeschreckt auf Mitrezipienten.

Übersichtsflyer oder Raumschilder sind bekanntermaßen bei Sehgals Arbeiten nicht im Einsatz, auch das Aufsichtspersonal weiss nichts genaues, außer das durch Sehgal Gebriefte und routiniert Mitgeteilte: Es gäbe nichts Schriftliches, auch keinen Katalog, Bilder und Videos wären verboten, es seien definitiv keine „Performances“, sondern „Aufführungen“.

Klassisch ist und bleibt, dass es einen singulären und namentlichen Urheber gibt (der regelmäßig im Gropius-Bau anwesend sein soll), dass ein Titel und ein dazugehöriges Entstehungsjahr und damit eine klassische Signatur existiert, selbst wenn diese nicht qua Raumschilder, sondern je nach Aufführung durch verbale Einwürfe oder Zurufe von den Aufführenden selbst mitgeteilt werden, dass die Aufführenden namenloses Personal bleiben (es soll sich um 80 Engagierte im Schichtbetrieb handeln, einige von ihnen sollen zum „festen Ensemble“ gehören, andere sollen vor Ort „dazugebucht“ worden sein), dass die „Aufführungen“ museal (d.h. räumlich, zeitlich, institutionell, habituell…) geframt werden, dass das Aufsichtspersonal des Museums verhaltensdisziplinierend und –korrigierend anwesend ist (der Blackroom von „This Variation“, erstmalig auf der dOCUMENTA13 zu erleben, ist mit Überwachungskameras ausgestattet), dass die haptisch wirkenden Räume auf stärkeres Interesse beim Publikum stoßen als die textorientierten und dass es neben begeisterten eben immer auch ablehnende Reaktionen („heiße Luft“, „Blase“, „Lobbykunst“) gibt.

Nicht nur dass sich Sehgals Aufführungen einer Verbildlichung und einer Verschriftlichung und damit einem Mediatisierungsprozess in ein anderes Medium entziehen – erkennbar ist ebenfalls, dass kaum ein theoretischer oder wissenschaftlicher Text produziert wird. Autoren verfangen sich in poetischen Aufladungen, nähern sich mit ihren verwunderten, rezeptionsorientierten Schilderungen tradierten Gattungserzählungen wie performativen, darstellenden oder musikalischen Darbietungen oder wiederholen das bereits Bekannte, meist durch Sehgal selbst in Umlauf gebracht; dass er Tanz und VWL an der Folkwangschule Essen studierte, aufgrund seiner volkswirtschaftlichen Ausbildung sich programmatisch vom Objektfetisch und der kontinuierlichen Warenproduktion abgewendet haette, durch die Berliner Volksbühne und Schlingensief beeinflusst wurde, dass keine Plakate, Anzeigen, Kataloge existierten (auch die Eintrittskarte ist neutral beschriftet), selbst die Kaufverträge seien nicht materialisiert, dass er bereits im Guggenheim 2010, in der Londoner Tate 2012, auf der dOCUMENTA13 „ausgestellt“ haette, er prämiert wurde mit einem Goldenen Löwen auf der Venedig Biennale 2013 und im gleichen Jahr Turner Preis Kandidat war.

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Daher die folgenden Angebote einer Theoretisierung:
Gezeigt und gehört, zusammen- und enggeführt werden Substrate aus offenbar als überschüssig oder überflüssig Definiertem, Ausgeschlossenem und damit Ungehörtem, Ungesehenem und Ungefühltem und zwar in Form von Tönen, Bewegungen, Klängen, Lichtsituationen, Stimmungen und Atmosphären:
Dabei handelt es sich um lautstarkes Luftholen und Luftausstoßen, Zischen, Pfeifen, Schmatzen, Schnalzen, Glucksen, Quiken, Schnorren, um unzuordbar Rhythmisches und Melodisches, um Knien, Rollen, Hocken, Abknicken, Einsacken, Wegsacken, Hüpfen, um Dunkelheiten in verschiedenen Abstimmungen, um körperliche Berührungen, Nähen und Blicke, um Zeitverzögerungen in den Bewegungen, um unterschiedliche Lautstärken, vom Flüstern bis zu enervierenden Schreien, aber auch um Freude, Begeisterung, Empathie, Kollektivität, Gemeinschaft. Sollte das auch bedeuten, dass das ganze große Milieu von Künstlerkollegen, die nur eines wollen, mit und in Leidenschaft ihrer Berufung nachzugehen, und denen Sehgal Aufführungssituationen eröffnet, dazu gehört?

Gleichzeitig wird damit auch das aus der bildenden Kunst Ausgeschlossene sichtbar: das nicht Präsentierte, das Improvisierte, das Vorläufige, das Flüchtige, das Nichtintendierte, das Nichtintentionale, das Dysfunktionale, das Afformative (Das Afformative als Gegenkonzept von Intentionalität und Instrumentalität des Performativen setzt die „Aufführungen“ auch von der Form der Performance ab und wird als Matrix für Performances als solche selbst in Szene gesetzt.) Aber auch das Ausgeschlossene aus der darstellenden Kunst, das in Schaupiel- und Musical-Ausbildungen zum Standardrepertoire gehört, im Kunstbetrieb aber nicht zu einer eigenen Gattung „schafft“ oder aus der Musik, das neben A capellaVocal PercussionBeatboxing und freien Formen des Jazz (nicht) existiert.

Damit handelt es sich bei den Aufführungen unter dem Label Sehgal auch um einen selbstreflexiven Akt des wirksamen Dispositivs von Kunst und von Kultur und damit nicht nur um einen Wiedereinschluss des Ausgeschlossenen. Es handelt sich ausserdem um eine konzeptionelle Weiterführung von Institutionskritik, indem das zu Kritisierende nicht nur benannt und als solches asymmetrisch aufrecht erhalten wird, sondern die Aufführungen einen fortsetzenden Wiedereinführungsakt – oder im Sinne von George Spencer-Brown ein Re-entry – in das Dispositiv vornehmen.

Das kuratorische Framing Kapoors durch Rosenthal

Im Berliner Martin Gropius Bau ist derzeit eine Werkschau von Anish Kapoor zu sehen, dem Turner-Preisträger aus London indischer Herkunft (Jhg. 1954). Kapoor wurde nach seinem Studium am Londoner Chelsea College of Art and Design bekannt mit seinen Skulpturen aus Vaseline, Wachs und Farbpigmenten, aber auch mit seinen Stahlkonstruktionen etwa für die Olympischen Spiele 2012 in London oder zuvor 2008 für die Deutsche Guggenheim.

Norman Rosenthal, Jhg. 1944, britischer Kunsthistoriker, kuratierte 30 Jahre Aussstellungen in der Royal Academy of Arts in London, nachdem sich die RA 2004 von ihm trennte, er aber 2009 noch eine Anish Kapoor Werkschau zusammenstellte. Diese Kooperation ist nun nach Berlin in den Gropius Bau gewandert, hier werden im Erdgeschoss ganze Werkgruppen seiner Pigment-, Wachs-, Harz-, Vaseline-, Spiegel-, PVC-, Stein-, Zementskulpturen gezeigt.

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Im Lichthof ist die In-Situ-Installation „Symphony for a Beloved Sun“ präsentiert, im Rahmen derer vier summende, im Raum angeschrägte Förderbänder dunkelrot gefärbte Wachsquader in die Höhe fahren und diese dann in Nähe einer ebenfalls dunkelroten, runden Scheibe („a Beloved Sun“) in die Tiefe fallen.

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Neben vielen farb-, material-, formikonografischen Bezügen, kunsthistorischen Verweisen auf die Minimal Art, Land Art, Op Art oder auch Conceptual Art, bedeutungsaufgeladen über die Titel („The Death of Leviathan“, „Descent into Limbo“, „When I am Pregnant“, „Dirty Corner“) und über die kontextuell, räumlichen Bezüge zum Neo-Renaissance-Gebäude und zum naheliegenden Dokumentationszentrum Topographie des Terrors drängt sich eine weitere Perspektive auf: das kuratorische Framing Kapoors durch Rosenthal.

Die kuratorische Strategie, mindestens 3 Einzelwerke in Werkgruppen zusammenzufassen, die durch das verwendete Material bestimmt sind, dabei nicht auf Raumbezüge zu achten, sondern zu Lasten des (Frei-)raums und zu Gunsten der Materialmenge kontextlos zu präsentieren, die Rezeption des Betrachters durch Abstandsmarkierungen und gelb-schwarze Hinweisschilder zu regulieren (Beschmutzungsgefahr des Publikums durch das Wachs, zu befürchtende Hörschäden, Beschädigungsgefahr der Oberflächen der Skulpturen, …) hinterlässt eine eigenwillig bezuglose Materialschlacht, die vielmehr die Techniken des White Cube, aber auch die einer modernen (statt zeitgenössischen) kuratorischen Behandlung ansichtig macht.

Ein Beispiel: Während 1992 auf der documenta IX noch die Besucher über einer pudrigen kreisrundes Erdform hockten und imaginierten, in ein unendlich tiefes Loch zu blicken, ist „Descent into Limbo“ in der Berliner Version durch eine Glasplatte vom Betrachter abgetrennt. Hier suggeriert ledigich der Hinweis „Gefahrenbereich Zutritt verboten! Danger Do not enter!“ eine Tiefe im Boden, eine Drei- statt eine Zweidimensionalität.

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An Geld und technischem Equipment fehlt es nicht. Lediglich an einer zeitgemäßen, spannenden, relationalen, bezüglichen und hochaktuellen Inszenierung, wie sie allerdings beim Leviathan gelungen ist.

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Noch bis zum 24.11.2013 zu sehen.