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continue: Fire and Forget

Mit Fire and Forget. On Violence ist die aktuelle Ausstellung (bis zum 30.8.2015) in den Berliner Kunstwerken überschrieben und bezieht sich damit auf eine militärische Formulierung, die die Fähigkeit von Waffensystemen bezeichnet, Ziele ohne weitere Unterstützung etwa eines Schützen, d. h. selbstständig z. B. durch eine Infrarotlenkung oder eine Zielsuchlenkung ansteuern zu können. „Fire and Forget“ stellt damit semantisch auf eine Distanzierung zwischen Gegnern, auf fehlende Tötungshemmung oder Mitgefühl, auf eine Abstrahierung und damit auf die kulturpessimistische These einer verloren gegangene Verhältnismäßigkeit der aktuellen Kriegsführungen ab. Die vier thematisch und räumlich ordnenden Motive der Ausstellung – Grenze / Affekt / Vergessen, Erinnern, Verzeihen / Ereignis – verdeutlichen allerdings neben der Auswahl der künstlerischen Arbeiten, dass diese semantische Konklusion (oder war es die Ausgangshypothese der Kuratoren?) nicht eingelöst, ja geradezu unterlaufen wird und es sich bei dieser Phrase vielmehr um einen behauptenden und aufmerksamkeitsgenerierenden, sich aber bei näherer Betrachtung nicht einhaltbaren, ja phantasmatischen Slogan handelt.

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Ob Unstimmigkeit in der Titelwahl zugunsten eines populären Memes oder aber kluge Sprachkritik bzw. Subversion von sprachlichen Jargons durch kuratorische und künstlerische Mittel – die von Ellen Blumenstein (Chefkuratorin der KW) und Daniel Tyradellis (freier Kurator und Philosoph) kuratierte Schau ist intelligent ausgewählt, zusammengestellt und in den Räumen der Kunstwerke platziert, sie stellt sich den Besuchern in den Weg (Daniil Galkins Drehkreuze im Eingangsbereich, Julius von Bismarcks Polizisten im 2. Geschoss), sie schleust sie durch Black Boxes für Bewegtbild (Javier Téllez Video „One flew over the void (Bala Perdida)“) oder bringt reguliert unregulierte Rezeptionsaffekte hervor, wenn mit Hunter Jonakins Videogame „Jeff Koons Must Die!!!“ lustvoll auf Koons Hochglanzskulpturen „geballert“ werden kann. Und sie praktiziert in ihrer thematischen und räumlichen Erzählung eine Stringenz und Kohärenz, die bei thematischen Gruppenausstellungen – auch in den Räumen der Kunstwerke – nicht allzu häufig zu beobachten ist.

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Kunst zeigt sich in dieser Ausstellung in den Formaten Installation, Fotografie, Objektkunst, Bewegtbild, Videospiel, Zeichnung, Collage und Konzept (die übrigens vornehmlich aus dem Besitz der Künstler oder seltener aus deren Galerien stammen) und zwar funktional als Dokumentator und Archivar historischer Momente, als In-Szene-Setzen von Zeit und Raum, als Dekonstrukteur, Systematisierer, Affektverwalter und Informator.

Neben optisch eindrucksvollen Exponaten (Die Sand-Zeichenmaschine von Roy Brand, Ori Scialom und Keren Yeala Golan oder der Ledergeruch verströmende, originalgroße, in sich zusammenfallende Lederpanzer von He Yiangyu) und akustisch innervierenden Arbeiten (Pipilotti Rists summendes Säuseln von „Ever is Over All“ oder Sharif Wakeds Exzerpt aus „1000 und einer Nacht“ in dem Duktus eines, seinen letzten Willen verlesenden Selbstmordattentäters) sind Klassiker der Kunstgeschichte (von Martha Rosler, Pipilotti Rist, Harun Farocki, Barbara Kruger, Robert Longo, Luis Chamnitzer, Abramovic/Ulay, Ana Mendieta, Öyvind Fahlström) und Arbeiten von Neueinsteigern (Julius von Bismarck, James Bridle, Hunter Jonakin) zu sehen, wenngleich auf ein paar allzu fällige und dekorative Exponate (glänzende Granathülsen, ein Käfig mit dem gewichtigen Titel „Guantanamo“, affirmative Polizisten-Dummies, ein am Boden angeketteter Baseballschläger, eine Drohnensilhouette auf dem Asphalt, Miniaturzinnsoldaten) hätte verzichtet werden können.

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Bei „Fire and Forget. On Violance“ handelt es sich demnach nicht um eine Überblicks- oder Übersichtsausstellung themenrelevanter Kunst, vielmehr um eine klug kuratierte Schau mit Möglichkeiten und fortsetzbaren Ausgängen (siehe das Fortsetzungskapitel Operationen), die selbst den mittlerweile kanonischen, mehrfarbigen Ausstellungskatalog durch eine essayistische Textauswahl (z. B. von Kathrin Passig) ablöst und deren kleinformatige Ausgabe nur am Ende eine Übersicht der ausgestellten Arbeiten bietet.

Da diese Entscheidung der Ausstellungsmacher wie auch deren Absage an eine Dokumentation oder gar Weiterführung der Ausstellung auf der Webseite der Kunstwerke keine fortgesetzte Arbeit mit der Ausstellung (z. B. durch Kunst- und Kulturwissenschaftler) ermöglicht, haben wir einen Index der ausgestellten Arbeiten mit kurzen ergänzenden Beschreibungen, geordnet nach den thematischen Motiven der Ausstellung, erfasst:

Zum Thema Grenzen sind im Eingangsbereich des Erdgeschosses bis hin zum Übergang in den großen Saal, die sog. Basis, Arbeiten zu sehen von

  • Daniil Galkin, Tourniquet, 2015, etwa 4x3x6Meter große Drehkreuze, in beide Richtungen drehbar, durch die die Besucher sich schleusen müssen, um in die Ausstellung zu gelangen (Abb.)
  • Öyvind Fahlström, Sketch for World Map Part I, 1972, eine Offsetlithografie der Pazifikregion vom mehrfachen documenta-Teilnehmer
  • Barbara Kruger, Ohne Titel, 2015 (1994), urspünglich für das Treppenhaus der Kunsthalle Basel produziert (Abb.)
  • Santiago Sierra, Conceptual Monument, 2012, ein 2-Seiten Print, Sierras eingereichtes Konzept für die Ausschreibung des Leipziger Freiheits- und Einheitsdenkmals, den Wilhelm-Leuschner-Platz in Leipzig zu einem „exterritorialen Gebiet“ zu erklären, auf dem keine Autorität gelte und deren Verwaltung und Nutzung der Leipziger Bevölkerung überstellt würde
  • Javier Téllez, One flew over the void (Bala Perdida), 2005, Video-Dokumentation einer von Téllez organisierten Parade in Tijuana, Mexiko, Grenzstadt zum kalifornischen San Diego
  • Roy Brand, Ori Scialom und Keren Yeala Golan, The Country Sand Printer, 2014, der bereits im israelischen Pavillon auf der Architekturbiennale 2014 in Venedig vier unterschiedliche Formen in den Sand der Wüste Negev zeichnete: I – die existierenden Siedlungen von 1949 nach Gründung Israels, II – der erste Bebauungsplan von Scharon von 1951, III – der jetzige Bebauungs- und Bewohnungsplan von 2014, IV – die Siedlungen in den Gebieten, die 1967 besetzt wurden, eine Installation mit eigenem Aufsichtspersonal (Abb.)
  • Armin Linke, Road Block at Netsareim, Settlement Beach Road, 2003, ein 15-minütiges Video über beschwerliche Wege im Alltag in Gaza (Stadt).

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Zum Thema Affekt sind in der sog. Basis der Kunstwerke Arbeiten zu sehen von

  • Abramovic/Ulay, Light/Dark, 1978, ein 8:13 minütiges Schwarz-Weiss-Video, in dem sich Abramovic und Ulay frontal und kniend gegenübersitzend abwechselnd ohrfeigen. Abramovic und Ulay sind sich erst jüngst im Rahmen der Abramovic-Ausstellung The Artist is Present 2010 im MoMA wiederbegegnet.
  • NeozoonBuck Fever, 2012, ein 5:15-Video mit Found Footages von selbstdokumentierenden Jäger-Posen und –Euphorien über gerade von ihnen erlegte Tiere („yeah“, „so big“, „so beautiful“)
  • Robbert&Frank, Frank&Robbert, Guns, 2014, Objektübersicht verschiedener Waffen, aus Holz assembliert und an der Wand fixiert (Abb.)
  • Tino Nasseri, Apache, 2007, ein verkleinertes Modell eines Apache-Kampfhubschrauber aus Federn, Holz und Metall
  • He Yiangyu, Tank, 2011-13, ein aus pflanzlich gegerbetem Leder genähter Panzer, 2 Tonnen schwer, Teil des 2-jährigen, filmisch dokumentierten Tank-Projekts, im Rahmen dessen Yiangyu einen an der Grenze zwischen Nordkorea und China gefundenen Panzer T34 umständlich und detailliert vermisst und einen „outer-coat“ aus Leder herstellt (Abb.)
  • Hunter Jonakin, Jeff Koons, Must Die!!!, 2011, Videospiel (Abb.), downloadbar über http://hunterjonakin.com/koons.php
  • Gillian Wearing, Sacha and Mum, 1996, ein 4-minütiges Schwarz-Weiss-Video der Turnerpreisträgerin 1997 einer physischen und psychischen Auseinandersetzung zwischen „Sacha and Mum“, zwischen Rückwärts, Zeitraffer und Zeitlupe wechselnd, unklar bleibt, wer Opfer und Täter ist
  • Ana Mendieta, Untitled (Glas on Body Imprints), 1972, 6 Schwarz-Weiss-Fotografien etwa der Größe 40x50cm, auf denen Mendieta ihren Körper mit einer Glasscheibe deformiert
  • Joachim Koester, The Place of Dead Roads, 2013, Video innerhalb einer Rauminstallation, 33:30min, in dem vier Schauspieler Mimik, Gestik und Körperlichkeit im Genre Western aufgreifen und die ritualisierten Duelle (angreifen, Waffen zücken, fallen lassen…) u. a. in ihrer Geschwindigkeit, Häufigkeit, Räumlichkeit und eben in Abwesenheit eines Narrativs überdehnen, d. h. die Posen als formale Typologien decodieren
  • Clara Ianni, Still Life or Study for Vanishing Point, 2011, 9 Metallplatten etwa der Größe 160×250 cm, an der Wand fixiert, geben Auskunft über die unterschiedliche Formung der Einschusslöcher von Munitionen, die bei der Berliner Polizei verwendet werden: .45 ACP, 9 mm, .357 Magnum, Flintenlaufgeschoss, .22 Ifb, 12/70 Shot,. .357 Magnum Buckshot FJM, 12/70 Buckshot, .38 SP (Abb.)
  • Jazmìn López, Juego Vivo (Live Game), 2008, ein 1:24-minütiges Video von Kindern beim Spielen (?) mit Waffen
  • Jota Castro, Guantanamo, 2015 (2015), ein 2×2 Meter großer und 4 Meter hoher Metallkäfig mit 2 türgroßen Öffnungen und 4 nach unten gerichteten Rotlichtwärmestrahlern, an der stacheldrahteingezäunten Öffnung nach oben angebracht (Abb.)
  • Pipilotti Rist, Ever is Over All, 1997, Videoprojektion auf 2 Eckwänden, 2:38 min Slow Motion einer tänzelnd und summend mit einer Blüte Scheiben einschlagenden jungen Frau in blumigen Farben und Tönen

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Zum Thema Vergessen, Erinnern, Verzeihen sind im 1. Geschoss Arbeiten zu sehen von

  • Luis Chamnitzer, Uruguayan Torture Series, 1983-84, 35 Fotoradierungen der berühmten Serie Chamnitzers zu systemischer und körperlicher Gewalt, von Enwezor auf der Documenta11 2002 ausgestellt
  • Martha Rosler, House Beautiful: Bringing the War Home, 1967-1972, 10 Arbeiten aus Roslers inzwischen legendärer Collage-Serie, wie der Vietnamkrieg in den amerianischen Lifestyle zurück-/einbricht
  • Rudolf Herz, Dachau. Museumsbilder, 1976/1989, vergrößerte und ausschnitthafte fotografische Dokumentationen von durch Besucher zerstörten, historischen Fotografien von NS-Tätern in der KZ-Gedenkstätte Dachau (Abb.)
  • Kris Martin, Untitled, 2010, eine geschüttete Anhäufung von 706 gefundenen, auf Hochglanz geputzten, unterschiedlich großen und verzierten Granathülsen (Abb.)
  • Henning Rogge, 4 farbige Landschaftsfotografien diverser Bombenkrater, seit 2010
  • Hrair Sarkissian, Execution Squares, 2008, 14 Fotografien von Aleppo, Lattakia und Damaskus, von öffentlichen Exekutionsplätzen der Städte zum Sonnenaufgang, dem Zeitpunkt öffentlicher Exekutionen (Abb.)
  • Jem Cohen, Little Flags, 2000, Video (ehem. Super 8 Film), 5:48min Schwarz-Weiss-Dokumentation einer „Siegesparade“ 1992 in Manhattan zum Zweiten Golfkrieg

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Zum Thema Ereignis sind im 2. Geschoss Arbeiten zu sehen von

  • Julius von Bismarck, Polizei, 2015, 9 Gardemaß große Polizistendummies in Uniformen, vermummt, die von Motoren in leichte Bewegung versetzt werden und irritieren, ob es sich nicht doch um Performance statt einer Installation handelt (Abb.)
  • Amir Yatziv, Antipodes, 2008-2010, 30-min Video über paramilitärische Einheiten aus Polen, Tschechien, Schweden und Russland
  • Alan Younes, Tin Soldiers, 2010, 2.500 handbemalte Metallsoldaten in „Reih und Glied“ auf einem überlangen Tisch angeordnet (Abb.)
  • Chto Delat, Excerpts form Time Capsule. Artistic Report on Catastrophes and Utopia, Installation von utopisch konnotierten Utensilien (Abb.)
  • Damien Hirst, Do it, 1995-1996, ein Video von 1:36 min, das Auskunft über die erfolgreichste Variante der Selbsttötung mit einer Feuerwaffe gibt
  • Sharif Waked, To Be Continued, 2009, ein 41:33 min Video, in dem der palästinensische Schauspieler Saleh Bakri nicht, wie Bild und Ton vermuten lassen, den letzten Willen eines Selbstmordattentäter verliest, sondern  aus „1000 und 1 Nacht“ vorträgt (embedded)
  • Harun Farocki, Nicht löschbares Feuer, 1969, 16-mm-Film auf Video übertragen, 25 min zu Verstrickungen von Politik, Wissenschaft, Technologie, Militär und Wirtschaft anhand des US-amerikanischen Chemiekonzerns Dow Chemical, Midland Michigan, Produzent des im Vietnamkrieg eingesetzten Entlaubungsmittels Agent Orange und Käufer des Unternehmens Union Carbide, das für die Katastrophe von Bhopal 1984 verantwortlich ist („Mein Unternehmen produziert Staubsauger. Jeden Tag nehme ich ein Stück eines Staubsaugers mit nach Hause, um einen Staubsauger zusammenzusetzen. Doch so sehr ich mich bemühe, es entsteht immer wieder eine Waffe.“)
  • Korpys / Löffler, The Nuclear Football, 2004, Video, 30:30min, gedreht im Rahmen des Berlin-Besuch George W. Bushs 2002 zum „Nuclear Football„, dem mobilen Lagezentrum, das es dem US-amerikanischen Präsidenten ermöglicht, an jedem Ort und zu jeder Zeit militärische Befehle einschl. dem Einsatz von Kernwaffen zu geben
  • Robert Longo, Marshall Island (Bomb Noir), 2003, eine 2×1,82m große Holzkohlezeichnung auf Papier mit inhaltlichen und stilistischen Mitteln des Film Noir, die US-amerikanische Atombombentests auf den Marshallinseln in den 60er Jahren visualisiert

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Am Ein-/bzw. Ausgang der Kunstwerke Auguststr. ist von James Bridle eine Straßenmarkierung der Silhouette einer Drohne quer zur Fahrtrichtung aufgetragen. (Weitere Abbildungen der Ausstellung bei wmmna).

Zur Erweiterung des repräsentativen Modus der in der Ausstellung vertretenden Arbeiten schlagen wir als „continue: Fire and Forget“ den operativen Modus vor. Zum Thema/Modus Operationen sind online folgende Arbeiten zugänglich und laden zur Fortsetzung/Teilnahme/Teilhabe ein:

  • #GuggOccupied, Venedig Gulf Labor: Ausgangspunkt waren zunächst Proteste gegen Missstände auf den Baustellen des Louvres, des Guggenheim Museums und der New York University in Abu Dhabi, ihre Protestaktionen setzen VGL nun auf der aktuellen Biennale in Venedig fort, denn nach über hundert Jahren Ausbeutung soll, so die Forderung der Initiatoren, die Biennale Praktika vergüten, Mindeslöhne an ihre Mitarbeiter zahlen und Künstler als Contentlieferanten entlohnen.
  • 543217transparenCI, GeheimRat, seit 2003. Eine vom Landgericht Hamburg einbehaltene Klage plus Ladung ist Ausgang für den Erwerb sog. transparenCIs im Einzelwert von € 100,- bei einer Auflage von 180 Stück, mit denen der Anteilseigner das Recht erwirbt, den beim Gericht befindlichen Original-Brief, das Werk transparen543203 sowie das erworbene Certificate und die zugehörigen Informationen zu Ausstellungszwecken wirtschaftlicher, wissenschaftlicher oder künstlerischer Art in temporären Besitz zu nehmen. 
  • AVL-Ville, Atelier van Lieshout, 2001 (finished): Der Freistaat im Rotterdamer Freihafen und Projekt der Kulturhauptstadt Rotterdam mit eigener Flagge, Währung und Verfassung erprobt seine politische Autonomie und wird nach nur sieben Monaten durch die niederländischen Behörden geschlossen, da AVL-Ville gegen Waffengesetze und Auflagen zu Tier-, Umwelt- und Brandschutz verstoße. Das Ziel, einen autonomen Raum innerhalb eines überregulierten Landes zu installieren, scheiterte, allerdings wurden Interdependenzen zwischen dem Kunstsystem und seinen offenbar regulierenden oder sogar steuernden Umweltsystemen Recht und Politik ansichtig.
  • Conflict Kitchen, Jon Rubin, seit 2010: Conflict Kitchen (Jon Rubin, John Pena und Dawn Weleski) bietet seit 2010 als Imbissbude in Pittsburgh Spezialitäten derjenigen Länder, mit denen die USA in Konflikt stehen und wechseln alle vier Monate sowohl die Fassade als auch das Menü, das bisher iranische, nordkoreanische, afghanische, palästinensische oder venezolanische Gerichte umfasste. Aktuell werden – parallel zur Wiederaufnahme offizieller diplomatischer Beziehungen – kubanische Gerichte serviert.
  • FoeBud / Digitalcourage, seit 1987 bzw. 2012: Nachdem padeluun und Rena Tangens mit ihrem durch Eric Satie inspirierten Kunstprojekt Art d’Ameublement starteten, form(at)ierten sie 1987 mit dem eingetragenen Verein FoeBud um, der sich seither und seit 2012 neu unter dem Namen Digitalcourage für eine „lebenswerte Welt“ im digitalen Zeitalter einsetzt. Der Verein vergibt in Deutschland seit 2000 jährlich die sog. BigBrotherAwards (u. a. an die Deutsche Bahn, mehrere Bundesinnenminister, Facebook und Apple).
  • Fluchthelfer.in, seit 2015: Die Aktion Fluchthelfer.in motiviert in der (in der deutschen Geschichte anerkannten) Tradition der Fluchthelfer EU-Bürger, die sich nicht mit der Dublin-III-Verordnung einverstanden erklären, Fluchthilfe zu leisten und auf ihrem Rückweg aus dem Urlaub Flüchtlinge etwa aus Norditalien, dem französischen Calais oder der ungarisch-serbischen Grenzregion mit dem Auto mitzunehmen.
  • Loophole for All, Paolo Cirio, 2013: Loophole For All, auf der Ars Electronica 2014 mit der Goldenen Nica Interactive ausgezeichnet und Teil von Cirios Hacking-Monopolism-Trilogie, bietet als loophole4all.com Anteile zuvor gehackter 200.000 anonymer Briefkastenfirmen im Steuerparadies Cayman Islands im Wert von 99 Cent aufwärts an, „to improving offshore business for the general public“.
  • New World Summit, seit 2012: Der New World Summit ist ein 2012 von Jonas Staal gemeinsam mit Robert Kluijver, Younes Bouadi und Vincent W. J. van Gerven Oei gegründetes, regelmäßig tagendes, alternatives Parlament politischer und rechtlicher Repräsentanten von Organisationen, die auf internationalen Terrorlisten geführt sind, z. B. die kurdische Frauenbewegung, die Baskische Freiheitsbewegung ETA oder die Nationale Bewegung für die Befreiung des Azawads.
  • Organisation für Direkte Demokratie durch Volksabstimmung, Joseph Beuys, Johannes Stüttgen, Karl Fastabend, 1971-1976-1980 (finished): Die Organisation für direkte Demokratie durch Volksabstimmung ging aus der 1967 gegründeten Deutsche Studentenpartei hervor und war Beuys Beitrag für die documenta 5. Die Organisation forderte u. a. eine Willensbildung in der Politik von unten nach oben, eine unabdingbare Volkssouveränität auf allen Verwaltungsebenen und keinerlei Privilegien für einzelne Volksvertreter oder Amtspersonen.
  • The Kissinger Project, Alfredo Jarr, 2012 (finished): Eine Intervention auf Einladung des European Center for Constitutional and Human Rights e.V. zum 39. Jahrestag des Putsches gegen Salvador Allende: „The Kissinger Project“ umfasste 13 Anzeigen in Berliner Tageszeitungen, die in 7 Sprachen (deutsch, englisch, spanisch, portugiesisch, tetum, laos und kmer) auf eine Inhaftierung Henry Kissingers drängten. Bis auf deutsch werden diese Sprachen in Ländern gesprochen, in denen dem damaligen nationalen Sicherheitsberater und Aussenminister der USA eine rechtliche oder politische Beteiligung an Kriegsverbrechen vorgeworfen wird.
  • Transnational Republic, seit 2001: Die Transnationale Republik, ausgerufen von Jakob Zoche und Tammo Rist, ist eine Alternative für nationalstaatliche Gebilde und formiert in globalen Zeiten die Bürgerschaft einer transnationalen Republik, die zusätzlich zur nationalen Staatsangehörigkeit gewählt werden kann: „A global grassroots movement to establish democratic participation within globalisation“.
  • Zone*Interdite, Wachter/Jud, seit 2000: Das Online-Projekt informiert mittels seit 2000 ausschließlich online gesammelter Daten (Texte, Karten, Fotografien, Satellitenaufnahmen, Videos, Webseiten), deren kartografischer Verortung, inhaltlicher Verdichtung, Indexierung und elektronischer Verlinkung über militärische Sperrzonen in 157 Ländern, die sich als ein geografischer Komplex von ganzen Inseln, Landstrichen oder Städten aussparen, obwohl konkrete Einzelinformationen hierüber im Internet verfügbar wären. Darüber hinaus liefern die Daten dreidimensionale VR-Simulationen von Gefangenenlager (Camp Bucca, Guantanamo) und Informationen zu Odyseen von Inhaftierten oder ehemalig Inhaftierten.

Aus der „Waffenlounge“…

Unter dem Titel Waffenlounge bündelte das Berliner Hebbel am Ufer im Dezember 2014 Theaterproduktionen, Performances, Installationen, Screenings und Expertengepräche, die sich thematisch mit Waffen und dem Waffenhandel, mit Gewalt und Rüstungsgütern auseinandersetzen.

Anlass hierfür ist unter anderem, dass Deutschland nach den USA und Russland der weltweit drittgrößte Rüstungsexporteur ist: Der Gesamtwert betrug im 1. Halbjahr 2014 2,2 Mrd Euro, davon entfielen 400 Mio Euro auf Lieferungen an EU-Länder, 412 Mio Euro an Nato und Nato-gleichgestellte Länder und 1,4 Mrd Eur an Drittländer. Die wichtigsten Bestimmungsländer waren dabei Israel (U-Boot), USA (Gewehre, Maschinenpistolen, Munition, Kampfhubschrauber) und Singapur (Kampfpanzer). (Quelle: BMWI)

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Hans-Werner Kroesingers neueste Produktion Exporting War basiert auf einer gründlichen Halb-Jahres Recherche zur europäischen Rüstungs- und Sicherheitsindustrie. Die sechs Darsteller Judica Albrecht, Katrin Kaspar, Lisa Scheibner, Lajos Talamonti und Armin Wieser rezitieren Texte unterschiedlichster Herkunft: von Auszügen aus Carl von Clausewitz Vom Kriege aus dem Jahr 1812 oder Sigmar Gabriels Ausführungen vom 8.10.2014, Waffenexporte vom Wirtschafts- ins Aussenministerium zu verlagern, über die Erfolgsgeschichte des 200 Jahre alten Unternehmens Heckler & Koch (ehem. Waffenfabrik Mauser, ehem. Königlich Württembergische Gewehrfabrik in Oberndorf im Schwarzwald, dem Wahlbezirk Volker Kauders) und Präsentationen konkreter Waffen wie das Sturmgewehr G3 oder dem SIG SAUER SSG 3000 Target (mit Tasche und RWS Munition) bis hin zu Transkriptionen aus den Kommunikationsberichten der Piloten und Operatoren des Drohen-Angriffs am 21.2.2010 im Dorf Khod in der Provinz Urusgan, Afghanistan und aktuellen Plänen der Bundesregierung, Kampfdrohnen bzw. offiziell „Unbemannte Luftfahrzeuge“ anzuschaffen und einzusetzen, die die bewaffnete Gewalt in Zeit und Raum unbestimmt werden lässt.

100 Minuten Textmassen, die das Schlachtfeld nicht nur thematisieren, sondern auch gegen den Zuschauer munitionieren: Statt spezifisches Theater-Repertoire gewinnbringend zum Einsatz zu bringen, werden die Auszüge aus Reden, Interviews, Werbebroschüren etc. linear, unverdichtet und unpointiert über und in eine gemeinsame Hochglanzoberfläche der distanzierten Sprache und Körperlosigkeit homogenisiert und die impliziten, jeweils unterschiedlich eingesetzten und wirksamen Rhetoriken, Ideologien und Zynismen abgeschliffen. Strukturiert wird lediglich über wandernde Blechwände, Licht- und Klangräume und den Einsatz von Requisiten (Rednerpult, Nerzpelz, Reisetasche, Globus, Cocktailgläser). Ein Dokumentartheater ohne Theater, das durch ein informatives Programmheft inkl. Literaturhinweisen und mit Tafeln im Foyer ergänzt wird, die eindrücklich Auskunft geben über die Hauptstadt-Dependance z.B. von Rüstungsfirmen wie DIEHL (Nürnberg) und Krauss-Maffei Wegmann (München) am Pariser Platz 6, in unmittelbarer Nähe des Deutschen Bundestags… (Weitere Kritiken hier)

Auch die an die Aufführung am 13.12.2014 anschließende Diskussionsrunde mit dem Politiker Hans-Christian Ströbele (Bündnis 90/Die Grünen), der Journalistin Ulrike Winkelmann (DLF) und dem Regisseur Hans-Werner Kroesinger, moderiert von dem Journalisten John Goetz (NDR/ARD), trug dazu bei, die Textmengen zu strukturieren, vor allem zu positionen: Winkelmann machte auf eigentümliche Begründungszusammenhänge im Bereich von Waffenlieferungen und Exportgenehmigungen, also im Feld von Wirtschaft und Politik aufmerksam und forderte, dass statt einer Politikkritik aktuell eine Industriekritik erforderlich sei, die die blinden Flecke bzgl. der Maschinenproduktion in Deutschland in den Blick nimmt. Ströbele führte zu Sicherheitsabkommen der Bundesrepublik Deutschland mit 28 Ländern aus, das unterschriftsreife Abkommen mit Mexiko sei aufgrund der dort seit Jahren ansteigenden Gewalt und Kriminalität zunächst erst einmal zurückgestellt. Eine Strafanzeige gegen Heckler&Koch wegen ungenehmigter Waffenlieferungen nach Mexiko liege, so Ströbele, seit längerem auf dem Tisch der zuständigen Staatsanwaltschaft Stuttgart – ob die verzögerte Bearbeitung damit zu tun habe, dass es sich um Volker Kauders Wahlbezirk handelt, ließ Ströbele offen. Zwei mexikanische Studenten aus dem Publikum aktualisierten das Thema auf die 43, im September 2014 entführten, sehr wahrscheinlich getöteten und verbrannten Studenten und nahmen der „Waffenlounge“ des HAU die museale Beschaulichkeit und Bequemlichkeit.

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Derek Gregorys Vortrag Angry Eyes am 11.12.2014 basierte motivisch auf einem Angriff am 21.2.2010 im Ort Khod in der Provinz Urusgan, Afghanistan: Der Einsatz von US-Spezialeinsatzkräften und Soldaten der afghanischen Armee in Hubschraubern, einer Predator-Drohne, einer Drohnenmannschaft auf der Creech Air Force Base in Nevada unter Einbindung der US-Ramstein Air Base (video analysts, geospatial analysts, screeners…) führte zu mehr als 30 getöteten und 12 schwer verletzten Zivilisten. Gregory, Professor für Politische Geografie an der University of British Columbia in Vancouver, untersuchte im Detail den 2000-seitigen Bericht und extrahierte anhand der Kommunikation der Predator-Mannschaft per IRC und Funk Differenzen in der Wahrnehmung, Differenzen in der Interpretation, Missdeutungen durch Zeitverschiebungen, Konflikte in der Befehlsstruktur… Gregory stellte damit heraus, dass Drohneneinsätze ein ganzes Netzwerk aktivieren, das sieht, wahrnimmt, spricht, deutet, sich abstimmt…, Drohneneinsätze demnach nicht objekthaft, sondern eingebettet gedacht werden müssen. In der Folge müsse, so Gregory, von einem Cultural Turn die Rede sein, da es sich bei Drohneneinsätzen um veränderte Visualitäten (Fotos, Videos), um veränderte Implikationen des Sehens und des Interagierens, um Distanz- und Raumänderungen, um erhöhte Abstrahierungen und Komplexitäten, um einen Wechsel in den Verantwortlichkeiten, um einen erhöhten Bürokratieeinsatz trotz verstärkter Intransparenzen, um immanente Theatralitäten und um ein „Militainment“ handelt. Noch seien Drohnen allerdings laut, langsam zu manövrieren, schwer zu kontrollieren, daher würden sie nur in Zusammenhängen eingesetzt, in denen nicht zurück geschlagen werden könne.

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Die Gesprächsrunde Waffenphantasien: Blind Spots in Kunst, Philosphie und Wissenschaft mit Ellen Blumenstein, Daniel Tyradellis, Herfried Münkler und Amir Yatziv am 15.12.2014 bereitete die Ausstellung Fire and Forget. On Violance in den Berliner Kunstwerken (ab 24.5.2015) vor, die parallel zur Waffenlounge schon mit einem Teaser im HAU2 präsentiert wird: Die Kuratoren Blumenstein und Tyradellis führten zu ihren Schwierigkeiten aus, künstlerische Arbeiten zu finden, die ambivalent statt affirmativ vorgingen, d.h. die die Frage nach der Ambivalenz von Waffen, der Gewalt und gleichzeitiger Faszination in den Ausstellungsraum zu transportieren in der Lage seien. Das Projekt „The Urburb“ einer Gruppe israelischer Architekten, Künstler, Kuratoren und Theoretiker beispielsweise lässt im Ausstellungsraum vier umfunktionierte Drucker die sich verändernden Grenzen Israels im gesamten 20. Jahrhundert in den Sand der Negev Wüste zeichnen, wegwischen, neuzeichnen, wieder wegwischen, überlagern, neuzeichnen… Auch stolperten die Kuratoren in ihren Vorrecherchen über die Erkenntnis, dass ein fehlendes technisches und historisches Wissen über Waffen zu einem zwingend hohen Erklärungsaufwand führten, der allein auf der Ebene der Wahrnehmung nicht oder nur schwer zu bewältigen sei. Dennoch seien sie von den Qualitäten der Kunst überzeugt, Themen zur Sichtbarmachung an die Oberfläche zu holen, Verbindungen und Knotenpunkte zwischen individuellen und gesamtgesellschaftlichen Zusammenhängen herstellen und als Affektauslöser und mit dem Potential einer differenzierteren Wahrnehmung Fragen stellen zu können, die etwa von den Wissenschaften nicht aufgegriffen werden können. Münkler, Politikwissenschaftler an der HU Berlin, belehrte sie in der Performierung seines Jobs vom Gegenteil – jener Zauberei des Denkens, das auf profunden Grundlagen zu präzisen Beobachtungen und originellen Thesen führt. Drei Beispiele: Er führte zu dem schlechten Ruf von Grenzen bzw. der positiven Konnotierung vom Akt des Einreissens und Überwindens von Grenzen im deutschsprachigen Raum aus, obwohl jede Ordnung zunächst erst einmal mit einer Grenzziehung beginne. Er wies auf die signifikante und aussagekräftige Umbennenung der ISIS zum IS, vom Islamischen Staat im Irak und Syrien zum Islamischen Staat hin, der sich nun ohne festgelegte geografische Grenzen und damit auch mit einem neuen Programm präsentiere. Und er veranschaulichte die These von einer aktuellen Hybridisierung des Krieges: Er sei nicht mehr als ein binäres Konstrukt aus Krieg und Frieden zu denken, da sich ein Drittes einschleichen würde und zwar in Form eingefrorener Kriege, mit zum Einsatz gebrachten Truppen, die aber als Polizei agieren. Neue Kriege seien (heute) Raubkriege und Polizeiaktionen.