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„Don’t use facebook, Google, YouTube and Credit cards!“ Manuel Castells in Berlin

Geben Sie nie Ihre Daten ab und nehmen Sie nicht an diesem Leben teil – empfahl Manuel Castells (katalanischer Soziologe, Professor Emeritus für Soziologie und Stadt- und Regionalplanung an der University of California, Berkeley, wo er nach eigenen Aussagen 50% seiner Lebenszeit verbringt, die anderen Zeit lebt er in Barcelona und arbeitet an der dortigen Offenen Universität Katalonien UOC) seinem Publikum in Berlin, der Stadt, die laut Kastells, zu den führenden Städten der europäischen Erneuerungsprozesse und der kulturellen Einflüsse gehört.

Castells hielt hier am 12.12.2017 auf Einladung des Alexander von Humboldt Instituts für Internet und Gesellschaft (HIIG) im Berliner Kino International einen Vortrag und eröffnete damit eine Redereihe zur digitalen Gesellschaft, die das HIIG gemeinsam mit der Bundeszentrale für für politische Bildung (bpb) konzipiert hat und im nächsten Jahr mit weiteren RednerInnen wie Christoph Neuberger (30.1.2018) und José van Dijck fortgesetzt wird, um insbesondere, wie es die Forschungsdirektorin des HIIG Jeanette Hofmann in ihren Eröffnungsworten formulierte, europäische Denker und Denkerinnen zu digitalen Prozessen zu Wort kommen zu lassen – eine These, die Castells am Ende des Abends implodieren lässt, indem er dazu ausführt, dass kein Europa existiere. Der Brexit sei der Beginn des Zerfalls, es gäbe keine europäische Identität, lediglich eine desintegrative Lage ohne Solidaritätsmechanismen, eine Xenophobie und eine Kluft zwischen technologischen und moralischen Fähigkeiten – aber es würden auch zwei Gemeinsamkeiten existieren: erstens, dass die Vergangenheit von Kämpfen geprägt sei und dass zweitens das Internet genutzt würde.

„What is power in the digital society, and how is it distributed?“ dient dabei der Vortragsreihe als übergreifende Leitfrage, auf die Castells mit Ausführungen zu Macht und zu  Gegenmacht antwortete. Denn Macht träfe in permanenter Interaktion auf Gegenmacht, Herrschaft auf Gegenherrschaft, so dass ihn im Rahmen einer Macht- und Herrschaftsanalyse insbesondere die Analyse der Ausgeschlossenen interessiere, also derjenigen, die einen Wandel herbeiführen können und wollen.

Macht würde, so Castells, durch zwei Mittel ausgeübt, durch Zwang und Überzeugung. Castells interessiere die Überzeugung und in aktuellen Zeiten wiederum die Information und die Kommunikation als entscheidendes Instrument von Gegenmacht. Dieses Instrument sei nun aber von den technischen Möglichkeiten abhängig, denn die digitalen Netze seien die heutigen Schlüsseltechnologien bei der Ausübung sowohl von Macht als auch von Gegenmacht: 92% aller Informationen auf diesem Planeten lägen bereits digitalisiert vor, es gäbe 7 Milliarden Smartphones weltweit und 50% der Weltbevölkerung würde über einen Internetzugang verfügen.

Da Gesellschaft um das Kapital herum organisiert wäre und damit das Kapital dominiere, würde dieses auch die Entwicklung der Technologien bestimmen. Staat und Kapital würden ihren Funktionen entsprechend investieren: der Staat in seinen Machterhalt, das Kapital in die Profiterhöhung. So hätten sich die Überwachung als Mittel des Staates mit der Warenausrichtung des Kapitals zusammengeschlossen und hieraus eine globale Überwachungsbürokratie entwickelt. Mit 9/11 sei ein Quantensprung zu beobachten, ab diesem Zeitpunkt hätte es legale Befugnisse zur Überwachung der Bevölkerungen gegeben, die Nachrichtendienste hätten sich global vernetzt, es wäre ein globales Panopticon entstanden. Konsumenten wurden zu Datensätzen umdefiniert, Daten zu Waren umgewandelt, Suchhistorien mit E-Mail-Korrespondenzen vernetzt. Ziel sei heute, das Prinzip des Internets der Dinge auf eine totale Vernetzung von Menschen und Dingen auszuweiten. Dabei würden bereits jetzt schon Trilliarden von Netzwerken existieren, die im Interesse von Staat und Wirtschaft organisiert seien, und die Geheimdienste verfügten über jegliche Befugnisse.

Die Informationssysteme seien demnach von einer Logik der Macht (Staat) und einer Logik der Waren (Wirtschaft) gesteuert, die Demokratie sei durch eine umfangreiche Überwachung bedroht. Zwischen Bewachern und Bewachten existiere eine Asymmetrie, der Staat will mit der Ausnahmeargumentation in Form des Terrors eine totale Überwachung von Informationen ermöglichen, die eine Einschränkung von Rechten nach sich ziehe.

Organisationen wie die Electronic Frontier Foundation und Greenpeace würden hierbei Grenzen ziehen und Gegenüberwachungen starten. So hätte Greenpeace das Datencenter der NSA in Utah entdeckt, das Netzwerk Tor war für die Opposition in Ägypten 2011 ein wichtiges Kommunikationsmittel. Der sog. Citizen journalism würde sich ausweiten und Überwachungsmechanismen würden gegen diejenigen eingesetzt werden, die kontrollieren, beispielsweise wenn Polizei- und Behördenarbeit gefilmt, dokumentiert und veröffentlicht würde. In diesen Protestformen sieht Castells veränderte Haltungen, mit der Folge, dass sich auch die politischen Verhältnisse änderten.

Die Hauptfrage sei nicht, ob die Technologie gut, schlecht oder neutral sei, sie würde vielmehr durch ihre soziale Nutzung bestimmt. Nicht nur die Massenmedien würden derzeit an den Rand gedrückt, auch in den Netzwerken sei eine Kakophonie zu beobachten, Lügen würden im Internet zirkulieren. Castells fasst zusammen: In einem neuen technologischen Umfeld würden alte Kämpfe gekämpft, so dass sich nach wie vor alles um den Kampf und die Verteidigung von Freiheit drehe.

Und die sei zu verteidigen, indem weder Facebook, noch Google, noch You Tube genutzt würde. Allerdings würde man, wenn man nicht der herrschenden Ordnung folgt, auch kein richtiges Leben führen können, es hätte Auswirkungen auf Job, Miete, Familie. Dies würde wiederum zu einer Entmutigung führen, das Leben zu ändern, man würde sich ins Private zurückziehen, um trotz allem das Leben genießen zu können. Diese Selbstausgrenzung würde dazu führen, dass Probleme stigmatisiert würden. Allerdings würde neben der Angst und der Furcht Entrüstung existieren und so hofft Castells, dass aus der Wut das potente Gefühl der Hoffnung entstünde, das auch eine soziale Bewegung speisen könne.