Kategorie-Archiv: (a)(r)(t)FREIHEIT

Spivak zu Du Bois und mehr…

In ihrem Vortrag „Running After Du Bois“ am 17. Oktober 2017 in der American Academy in Berlin sprach Gayatri Chakravorty Spivak über:

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Nahum Dimitri Chandlers Forschungen zu Du Bois (2013,  2015) >>
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Agency
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über vieles mehr und auch über sich selbst:

Jonathan Meese – kurzweilig und dogmatisch

Es ist gut, dass an diesem goldenen Herbst Sonntag-Mittag immer auch der Hauch des Hofnarren mitschwingt, wenn Jonathan Messe, begleitet von seiner Mutter und Ratgeberin, Brigitte Messe, sowie Intendant Thomas Oberender im Foyer des Berliner Festspielhauses mit Pressevertretern durch die von ihm errichteten Installationen wandelt, die seine Opernregie bei „Mond-Parsifal Beta 9-23″* flankieren. Unterstrichen wird seine Rollenbesetzung dabei durch zahlreiche Anleihen an eine Stand-Up Performance.
Wollte man diese Rollenzuschreibung nicht zugestehen, blieben allerdings inkonsistente Eindrücke zurück.


[Jonathan Meese, Mutter Brigitte Meese sitzend links]

1970 in Tokio geboren, nach der Trennung der Eltern im Alter von 3 Jahren als nur englisch sprechender Knirps mit erheblichen Anpassungsschwierigkeiten nach Deutschland übergesiedelt, ist Jonathan Meese von seinen Positionen äußerst überzeugt und sieht sich dabei gar in Nachfolge von Galileo Galilei, dem zu seiner Zeit auch nicht geglaubt wurde, dass die Erde keine Scheibe, sondern eine Kugel ist, wie Meese an geeigneter Stelle anmerkt. Ihm geht es bei diesem Selbstvergleich um die Irrtümer. Heutige Irrtümer identifiziert er in Parteien, in Politik, in Demokratie, in Religionen.
Parsifal ist der Retter. Und am Ende bleibt nur die Kunst.

Meese lässt sich zunächst ausgiebig darüber aus, wie die Trennung der Bayreuther Festspiele von ihm 2014 vonstatten ging und, dass es sich um eine gegen ihn gerichtete Intrige handelte. Er wurde eingeladen und sollte alle Freiheiten haben, die ein Künstler haben könne. Als sich der erste Ansatz, für ein Frühwerk Wagners das Bühnenbild zu machen, zerschlagen hatte, kam das „Riesenangebot“, für den „Parsifal“ sowohl Bühnenbild und Kostüm als auch die Regie zu übernehmen, begleitet von einer Ausstellung im Haus Wahnfried. „Und plötzlich: Eis, […] Eisgesichter, Angst.“ Die Pläne seien nicht finanzierbar und nicht realisierbar, hieß es. Seine Anregungen, die Finanzierung durch Sammeln mit dem Hut in der Berliner Paris-Bar oder auf eigene Kosten sicher zu stellen, wurden von Katharina Wagner mit der Begründung abgelehnt, dass man so etwas auf dem Grünen Hügel nicht machen würde. Als Gesamtkunstwerk, evolutionär inszeniert, wollte er den „Parsifal“ realisieren. Und mit „Liebe“, wie er an verschiedenen Stellen immer wieder zur Selbstversicherung und auch als Distinktionsmerkmal denjenigen gegenüber in Stellung bringt, die in und um Bayreuth nicht so wollen oder wollten wie er.
(Weiteres hierzu im DLF)

Und dann zeigt sich die Abrechnung mit Bayreuth nicht nur verbal, sondern nahezu über den gesamten 1. Stock des Berliner Festspielhauses verteilt, wo er u. a. drei begehbare Sperrholzboxen ohne Decke und vierte Wand errichtet, mit Videos und bemalten aufblasbaren Objekten, Helmen, Plastikblumen, Kuscheltieren, Kinderbadetüchern etc. arrangiert und u. a. als „Fischbude Bayreuth“ und „Wursttheke Bayreuth“ markiert hat. An der zentralen Wand des Erdgeschoss-Foyers kulminieren schließlich die verschiedenen Linien seines im gesamten Haus auskragenden Kosmos auf Leinwand. Ähnlich sprunghaft wie seine gesamte Performance sind auch die Leitmotive, die sich zum Teil an anderer Stelle als Meeses Dogmen entpuppen: „Kunst ist gleich Liebe“, „Kunst ist gleich Wurst“, „Kunst ist gleich Mond“, „Kunst ist ungleich Politik“, „Kunst ist ungleich Ich“, „Kunst ist gleich Demut“, „Kunst ist gleich S.T.U.N.K.“, „Kunst ist gleich Hmmmm“, „Kunst ist ungleich Lifestyle“ und „Kunst ist ungleich Kultur“.

Eine regelrechte Tirade ergeht über diejenigen, die in Talkshows auftreten und nicht wie er sich diesen verwehrt haben. Auf die Frage, ob er denn Christoph Schlingensief, den er zuvor wertschätzend erwähnte, insofern auch als einen Kultur-Affen qualifizieren würde, antwortet er: „Der hat damit gespielt, mal Kulturaffe, mal Kunst. Also der konnte das auch aushalten, das hat der auch ausgefüllt, der musste in Talkshows gehen. Der hatte ein anderes Anliegen. Also das kann ich so nicht. Also ich geb dann ja auch so alles, ich würde ja den Rahmen auch sofort sprengen. Ich bin ja viel härter als Kinski, weil ich sag ja keinen Unsinn, sondern das ist ja alles fundiert und gegen bestimmte Sachen gerichtet.“

So ist seine gesamte Performance gespickt von Bashings: gegen die Wagnerianer, gegen die Talkshow-Affen, gegen Parteien, gegen die Politik, gegen Religionen, gegen jede Ideologie. Auf Nachfrage bekommt auch Joseph Beuys noch sein Fett weg, denn mit seinen politischen Aktionen durch Gründung der Studentenpartei und Mitbegründung der Grünen habe er einen radikalen Fehler begangen und ist daran auch zugrunde gegangen. Das war Hochverrat an der Kunst, so Meese. Nicht nur kriecht hier aus Meese eine an Adorno angelehnte, erzkonservative Kunstselbstbegrenzung hervor, sie ist vielmehr selbst Ideologie, die er an anderer Stelle so vehement ablehnt. Und sie steht nebenbei bemerkt auch nicht im Einklang mit Grundsatzurteilen des Bundesverfassungsgerichts, das nur einen offenen Kunstbegriff als tauglich befunden hat, um der menschenrechtlich und grundgesetzlich verankerten Kunstfreiheit gerecht werden zu können (BVerfGE 67, 213). Vermutlich wähnte Meese bei Beuys zwar nur einen besonders großen Verrat, denn Hochverrat bezeichnet grundsätzlich einen anderen Sachverhalt, offen bleibt bei diesem Ansatz jedenfalls, was an Kunst eigentlich zu verraten sei.
Ob sich das bei Meese darin findet, dass er schließlich Kim Jong-un zum einzigen „Typen“ erklärt, der noch sein Volk formieren könne, der aus seinem Volk noch Kunst machte, bleibt ebenso ungeklärt wie auch die Frage, wie im Raum der Politik, die nach seiner Dogmatik nie Kunst sein kann, mit Kims Handhabung seines Volkes Kunst entstehe.

Sollten Vertreter überkommener Strukturen schon einmal mit dem Gedanken konfrontiert gewesen sein, durch Künstler oder deren Arbeiten herausgefordert oder gar in Bedrängnis gebracht zu werden, so haben sie von Jonathan Meese wohl eher nichts zu befürchten. Er beschränkt sich mit seinen Materialien, Parolen, Gegenständen und Aktionen auf eine hinlänglich bekannte und tradierte Formensprache der Moderne und lädt plakative Slogans allenfalls verbal mit großem Wort und großer Geste auf. Wenn Thomas Oberender mit Bezug auf den Kontext der Veranstaltung „Immersion“ herausstellt, dass es keinen Raum schaffenderen Künstler als Jonathan gebe, dann entfalten die dargebotenen Werke diese Dimension jedenfalls nicht. Vielmehr liegt über fast allem der Geruch der Abrechnung einer berechtigt oder auch unberechtigt gekränkten Seele mit der Wagner-Institution Bayreuth.

Aber wie eingangs mit der Rollenzuschreibung angesprochen, muss man diese Konsistenzlücken auch nicht in den Blick nehmen.
Vielleicht bleibt dann am Ende seiner Presse-Performance kurzweiliges Entertainment.

*MONDPARSIFAL BETA 9–23 (VON EINEM, DER AUSZOG DEN „WAGNERIANERN DES GRAUENS“ DAS „GEILSTGRUSELN“ ZU ERZLEHREN…)
Oper von Bernhard Lang nach Richard Wagners „Parsifal
Musikalische Leitung: Simone Young
Regie, Bühne und Kostüme: Jonathan Messe
Auftragswerk und Produktion Wiener Festwochen, Koproduktion Berliner Festspiele / Immersion

Die Räumung der Volksbühne

Am 28.9.2017 wurde nachmittags auf Wunsch des Intendanten der Volksbühne Chris Dercon die Räumung der besetzten Volksbühne durch die Polizei Berlin vorgenommen.

Informationen zum Verlauf der sieben tägigen Besetzung

Presseschau Stand 28.9.2017

Weitere Informationen zur Besetzung:

Initiator: Glitzer zu Staub,  facebook: VB61-12

Zeit: 22.9. bis 28.9.2017

Ort: Sternfoyer, Treppenhaus, Roter Salon der Volksbühne Berlin

Selbstgewählter Untertitel: „Kunstperformance und Soziale Plastik“

Thema: „To whom does the city belong? What conditions do we want to work, live and act in? How can we defend our vision of a city in which all people flourish peacefully in equitable living conditions?“ „The Volksbühne stands for solidarity, communal production, and the advancement of free, creative work.“ „The Volksbühne is the new center of anti-gentrification. People who stand under the threat of displacement, or have already been displaced, will find here an informed community that will support their resistance. We reject all forms of violence and militance. The Volksbühne is a peaceful place for discussion and a peaceful place for arguments, a place for dissensus and congress.“

Vorbereitung: 9 Monate

täglich 14h Vollversammlung

UnterstützerInnen >>

Foucault, die Dritte: Die Ordnung der Kunst

1966 legt Michel Foucault seine Abhandlung zur „Ordnung der Dinge“ (Les Mots et les choses. Une archéologie des sciences humaines) vor, in der er „das Wissen über Lebewesen, über die Gesetze der Sprache und über ökonomische Zusammenhänge“ von der Renaissance bis zur Gegenwart philosophisch und historisch untersucht. Er diagnostiziert in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts und um 1800 zwei Brüche, um dann im 19. Jahrhundert die Humanwissenschaften (Psychologie, Soziologie, Kultur-, Ideen- und Wissenschaftsgeschichte) und im 20. Jahrhundert mit der Linguistik, Ethnologie und Psychoanlyse weitere Wissensformen entstehen zu sehen.

1970 setzt Foucault in seiner Antrittsvorlesung zu seiner Berufung am Collège de France mit der „Ordnung des Diskurses“ (L’ordre du discours, 1971 veröffentlicht) sein Ordnungsmotiv fort, in der er diejenigen Prozeduren herausarbeitet, die den Diskurs kontrollieren, selektieren, organisieren und kanalisieren, um dessen „unberechenbares Ereignishaftes zu bannen“. Durch Ausschließungsprozeduren, durch interne Prozeduren (Klassifikation, Anordnung und Verteilung) sowie durch die Verknappung des Autors würden die Kräfte und Gefahren des Diskurses gebändigt.

2016 versucht sich nun die interdisziplinäre Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Fearless Speech. Anschlüsse an Foucault“ mit einem Sprachspiel an einem dritten Teil, an der „Ordnung der Kunst„. Hierbei handelt es sich um nur einen Slot (am 17.4.2016), mit dem neben anderen wie „Foucault und der Neoliberalismus“ (16.3.2016) „Foucault 40 Jahre danach“ (22.6.2016) untersucht werden soll. Die Veranstaltungsreihe am Berliner HAU versucht sich also nach Eigenaussagen an einer Revitalisierung und Reaktualisierung Foucaults, die zunächst rhetorisch oder auch taktisch deklariert erscheint, da Foucault angesichts der Disziplinierungs-, Macht- und Wahrheitsrelevanzen (Stichwort Facebook, Bankenrettung und „Lügenpresse“) heutiger Debatten zumindest im Wissenschaftsmilieu keine Aktualität eingebüßt hat, man also durchaus von einer ungebrochenen Rezeption Foucaults sprechen kann. Genauer formuliert versucht die Veranstaltungsreihe eine „ästhetische Wende“ in der Rezeption Foucaults auszurufen (zu konstatieren? zu begleiten?), die der eingeladene Philosoph und Nachlassverwalter Foucaults (und GuattarisRoberto Nigro gegenwärtig im Anschluss an Foucaults zunächst politischer, dann moralischer Reflexion bzw. Rezeption beobachtet. Diese ästhetische Wende hätte, so Nigro, mit der Transformation des globalen Kapitalismus zu tun, die nun die Ästhetik in den Blick bringe und nehme. Der ebenfalls eingeladene Kunstsoziologe Ulf Wuggenig stützt diese These wenn auch aus methodologischer Perspektive, indem er den Poststrukturalismus als theoretischen Rahmen für die Kunst ohnehin geeigneter sieht als die Kritische Theorie. Ob es sich hier um rezeptionsrelevante, wissenschaftshistorische, politische oder gar hochschulpolitische Interessen handelt, die den Anlass zu der Veranstaltung gegeben haben, sei dahin gestellt, zumindest fällt sie zeitlich mit der Herausgabe weiterer Texte zum 90. Geburtstag von Foucault zusammen.

Dabei soll der Schwerpunkt der Veranstaltung, wie der Moderator Pascal Jurt, Soziologe und Kurator für „Theorie & Text“ am HAU, zwischendurch immer wieder betont – und der Titel der Veranstaltung weist deutlich darauf hin – auf der „parrhesia“ liegen. Diese wird als waghalsiges, rückhaltloses und freimütiges Wahr-Sprechen rezipiert, als eine Pflicht, sich im Dienste der Wahrheit und der Moral mutig und ungeschützt gegen die Ordnungen, Eigeninteressen und Lebensqualität zu stellen. Foucault hatte dieses auf den ersten Blick romantizistisch oder auch modernistisch-avantgardistisch anmutende, aber für Kunstlektüren durchaus dankbar einsetzbare Konzept von Freiheitsszenen und Möglichkeitsräumen, von subversiver Dramatik und aufklärerischen Inventionen in seinen letzten Vorlesungen am Collège de France in scheinbar gegenläufiger Ausrichtung zu seinen vorherigen strikten Macht-, Wahrheits-, Diskurs- und Sexualitätsverwicklungen erarbeitet: ein spätes Nun-Doch-Außerhalb im Nicht-Außerhalb-Sein-Könnenden des Machtwissens? Auf diese Frage wäre unbedingt einzuwenden, dass binäre Entgegensetzungen Foucault grundsätzlich verfälschen, dass Unterdrückung nicht Unterwerfung bedeutet, dass Macht auch und gerade produktive Dimensionen beinhaltet und dass Freiheit nicht mit Opposition gleichzusetzen ist.

Inhaltlich werden durch das Thema auch die Schnittmengen mit dem Theater als Ort der Veranstaltung deutlich: So wäre entweder zu fragen, ob hier das Theater mit Foucaults parrhesia-Konzept semantisch angereichert, genau genommen als derjenige Ort bestätigt, revitalisiert, proklamiert und versichert werden soll, an dem angesichts aktueller realpolitischer Ereignisse angstfrei vor dem autoritären Staat, vor polizeilichen Mitteln oder terroristischen Anschlägen gesprochen können werden soll. Oder soll hier das Theater fortgesetzt metaiert auf seine Möglichkeitsbedingungen und Möglichkeitsoptionen untersucht werden, sozusagen eine von der Institution selbst praktizierte Institutionskritik? Oder handelt es sich, ein dritter Vorschlag, um ein selbstinitiiertes Wissenwollen dessen, dass „man erkennt, dass etwas zu tun ist, ohne schon zu wissen, was“ (aus dem Programmheft zur Veranstaltung). Das hieße, dass hier das Widerständige und Oppositionelle der parrhesia zugunsten einer grundlegenden, aber noch nicht beschreib- oder benennbaren, schon gar nicht aktivistisch einsetzbaren Beunruhigung abgeschwächt würde. Hier entstünde zunächst erst einmal experimentell, emphatisch und abduktiv im Vorgehen ein „Raum“, der Kontingenzen hervorbringen könnte, die erst einmal noch nicht kausal begründbar sind, der Wahrheiten schaffen könnte, die sich erst im Prozessieren offenbaren und bestätigen, der auf Affekte und Passionen setzt, die erst später, also mit ganzer Unsicherheit und daher optional in kognitive, moralische oder politische Fragestellungen münden könnten. Die Veranstaltung wäre demnach je nach Ausgangslage eine politische Aktion, ein programmatisches Manifest, eine Selbstvergewisserung, eine selbstreferentielle Untersuchung und/oder ein künstlerisches Experiment.

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Nur wenig hätte Foucault mit den Künsten zu tun gehabt. Sophia Prinz, Kultursoziologin an der Viadrina Frankfurt (Oder), führt eingangs der Veranstaltung dazu aus, dass Foucault keine eigenständige Kunsttheorie vorgelegt hätte, sich dafür aber mit einzelnen Künstlern (Velázquez, Manet, Magritte) und ästhetischen Fragestellungen (etwa zum Bild) auseinandergesetzt hätte. Allerdings sei er trotz seiner kritischen Diskurs- und Machtforschungen dem kunsthistorischen Kanon verpflichtet geblieben, statt sich an dem eigenen theoretischen und politischen Anspruch ausgerichtet mit Fragen zum Kunstwerk oder zum Kunstbetrieb zu beschäftigen, wie sie beispielsweise mit der Performance Kunst, der Konzeptkunst oder auch der Institutional Critique gestellt wurden. Zu ergänzen wäre m. E. hier, dass sich Foucault mit seinen (performativen, konzeptuellen und institutionskritischen) Arbeitsverfahren (siehe später im Text) und seinen späteren Forschungen zu einer Ästhetik der Existenz in Zusammenhänge entgrenzt, die der Kunsttheoriebetrieb in seinen voraussetzungsreichen Konzentrationen auf dasjenige, was als Kunst gilt, noch immer nicht systematisch für sich entdeckt hat. Oder anders gewendet, dass uns seine Arbeitsverfahren und späteren thematischen Forschungen gerade auf nicht kompatible, modernistische Dispositive und damit auf epistemische Gewinne zur „Ordnung der Kunst“ bzw. zu differenten „Ordnungen der Kunst“ stoßen.

Prinz plädiert, sich bei Fragen zur Ordnung und (hier verfährt sie klassisch dialektisch) zur Gegenordnung der Kunst nicht nur auf Foucaults eigene Ausführungen zu verlassen. Vielmehr solle man sich für Fragen zur künstlerischen Praxis und zu ästhetischen Überlegungen in seiner Werkzeugkiste auf die Suche nach geeigneten Instrumentarien begeben. So wäre vor allem das differenzierte Machtkonzept aus seinem Spätwerk für eine Analyse der Ästhetisierung des Kapitalismus brauchbar. Prinz verweist darüber hinaus auf den 1967 erschienenen Textes „Les mots et les images“ über (den zeitgleich in Frankreich entdeckten) Erwin Panofsky, in dem sich eine Archäologie des Sichtbaren andeute, die das verschachtelte Verhältnis und wechselseitige Funktionieren von ‚Diskurs‘ und ‚Figur‘ untersuchen würde.

Methodologisch verfahre Foucault, so Prinz, ähnlich der Diskursanalyse: So wie er Texte nicht als Dokumente behandele, deren Bedeutungen hermeneutisch freizulegen wären, verstehe er auch Bilder nicht als Repräsentationen einer subjektiven Wahrnehmungserfahrung. Stattdessen zeige sich in der topologischen Anordnung der Bilder (und hier interessieren ihn die Komposition, die Blickachsen, die Farben, die Lichtverhältnisse, ich ergänze um Leerstellen, Betrachterbezüge, Perspektivan- und zuordnungen) eine den Aussageformationen vergleichbare visuelle Formation. Leider hätte Foucault diese Archäologie des Bildes nicht systematisch weiter verfolgt, komme aber, so Prinz, zu dem, sich mit der Geschichte der Denksysteme engführbaren Ergebnis, dass sich die Malerei im Übergang zur Moderne vom Paradigma der Repräsentation abgelöst und stattdessen das Bild und die Farbe als selbstbezügliches Objekt entdeckt hätte. Warum, so fragt Prinz, gibt sich Foucault nun aber mit dieser kunsthistorisch gesehen konventionellen Einsicht zufrieden und nimmt nicht das Problem der historischen Bedingungen des Ästhetischen in Angriff? Wie müsse das Ästhetische reformuliert werden, wenn davon auszugehen ist, dass das Denk-, Sicht- und Sagbare einer Zeit von den jeweils vorherrschenden historischen und kulturellen Daseinsbedingungen vorgezeichnet wird?

Eine mögliche Antwort auf diese Frage gibt Prinz m. E. selbst, indem sie auf Foucaults, an frühere Fragestellungen anschließende Untersuchungen zu Praktiken der Lebenskunst als einer „Ästhetik der Existenz“ (2007 veröffentlichte Vorlesungsmanuskripte, Artikel und Interviews) verweist. Für die Veranstaltung wäre genau dies der neuralgische Punkt gewesen, nach den Normen und Gewohnheiten, praktischen und diskursiven Regeln, Oppositionen und Prämissen, ontologische Tricks und Gegenstandsbestimmungen fragen zu können, die zu dem legitimierten Kanon führen, was als ‚Kunst‘ gilt und was nicht, was unter das Ästhetische fällt und was nicht. Mit einer Analyse dessen wäre dann auf Fragen zur „Ordnung der Kunst“ zu stoßen gewesen, die als Leitmotiv der Veranstaltung gelten sollte. Spätestens hier wäre dann auch die „Ordnung der Kunst“ zu „Ordnungen der Kunst“ zu pluralisieren, um dann zu fragen, welche Ausschließungs-, Legitimierungs- und Stabilisierungsprozeduren (also welche kontrollierenden, selektierenden, organisierenden und kanalisierenden Prozeduren) wann wie ausfallen, d. h. welche Methoden zu welchen Institutionen zu welchen Personen zu welchem Theoriedesign zu welchen Epistemologien zu welchen Hermeneutiken zu welchen Leitmotiven zu welchen Ästhetiken zu welchen Ökonomien zu welchen Problemen zu welchen Kunstgeschichten… gehören. Hier wäre also zusammengefasst archäologisch und kartografierend nach den Operationen zu fragen gewesen, die das Denk-, Sicht- und Sagbare einer jeweiligen Zeit ermöglichen.

Es ließe sich beispielsweise also fragen, ob und warum einzig und noch immer kunsttradierte, kunstkanonisierte und kunstökonomisierte Untersuchungsobjekte zu epistemischen Gewinnen der Ästhetik führen, wie es Prinz am Ende ihres Vortrags mit Fotografien von Allan Sekula aus dem Bildessay „Fish Story“ praktiziert. (Sekula habe ebenfalls zum Panoptismus publiziert, aber nicht nur aus dem Grunde geht Prinz von einer Bezugnahme Sekulas auf Foucault aus). Wäre nicht stattdessen besser z. B. die grundlegende Frage nach den praktizierten Grenzziehungen der Kunstgeschichte und Kunsttheorie mitlaufen zu lassen – zumal auch Prinz darauf verweist, dass insbesondere eine Arbeit an den Grenzen, wie sie Foucault in seinem Begriff der Kritik formuliert, für die Kunst fruchtbar gemacht werden könne: Auch künstlerische Praktiken, darauf weist sie hin, wären nicht jenseits der Machtverhältnisse angesiedelt, sondern können die Grenzen und Mechanismen des historisch Denk-, Sicht- und Sagbaren wahrnehmbar und damit eben auch angreifbar machen. Warum dann also nicht an die Grenzen der Kunstproduktion gehen statt in den Pool des im Kunstbetrieb Genre-, Medien- und Kunst-Sanktionierten zu greifen, um damit vorherrschende Normative unbefragt zu perpetuieren? (Worauf Prinz in einem Fortsetzungsgespräch per E-Mail mit einer berechtigten Gegenfrage reagiert und auffordert zu fragen, „ob und inwiefern die Kunst bzw. ästhetische Praktiken, die aus westlicher Perspektive gar nicht unbedingt unter Kunst fallen, im Sinne von Kants Kritik tatsächlich selbst an den Grenzen des Denk-, Sicht- und Sagbaren arbeitet und mit ihren Methoden über die Theorie hinausführt?“ Hier wären m. E. entweder anhand konkreter Beispiele, d. h. am künstlerischen Materialen weiterzuarbeiten, um kunstsoziologische mit kunsthistorischen Analysen anzureichern oder aber es wären die epistemologischen Grundlagen selbst zu diskutieren.)

Diese Vorgehensweise setzt auch Ulf Wuggenig fort, der neben vielen Anmerkungen zu Statistiken (Foucault sei der meist zitierte Wissenschaftler, da er sich wie Bourdieu und Derrida außerhalb der Disziplinen aufhalten würde, es gäbe über niemanden mehr Sekundärliteratur als über Foucault) und soziologischen Studien (Foucault sei bei Kuratoren beliebter als bei Künstlern, seine Verankerung im Kunstsystem hätte mit David und Buergel stattgefunden) mit Peter Halley auf einen US-amerikanischen Künstler und Theoretiker verweist, der seine Malerei, so Wuggenig, systematisch an Foucaults Theorie ausgerichtet hätte. Schon 1983 hätte Halley, der zwischen 2002 und 2011 das Graduiertenkolleg für Malerei und Grafik der Yale University School of Art leitete, über Foucault (und über Baudrillard) publiziert. Mit seinen diagrammatischen Bildern in leuchtenden fluoreszierenden Farben und in Serie würde Halley Foucault gegen die Kunst und den Modernismus wenden und als Herrschaftskritik in Stellung bringen, indem er soziologisch die Ordnung der Gesellschaft, wie sie Foucault beschrieben hat, mit der geometrischen Ordnung des Modernismus engführt und sowohl dessen Totalismus plakativ (seriell, farbig, leuchtend, kitschig, warenförmig) als auch unser Eingesperrtsein hierin herausstellt.

Hier verkoppelt Wuggenig Kunst mit Oberflächen, Repräsentationstechniken und Abbildungszusammenhängen, mit Sichtbarkeiten, Sichtbarmachungen, Darstellungen und Visualisierungen von Theorien. Wenn er sich hier nicht auf Verifizierungen Halleys durch Foucault und damit auch nicht auf Foucault als Halley vorgängig konzentriert hätte (Aspekte, die etwa die Repräsentationskritik hinlänglich ausgeleuchtet hat), hätte Wuggenig nach Text-Bild-Zusammenhängen, nicht-repräsentationalen Ordnungen sowie operationalen, kognitiven oder affektuellen Dimensionen forschen können. Oder wie Prinz empfiehlt zu fragen: Was kann die Kunst, was Foucault nicht konnte? Oder auch wie der sich aus dem Publikum einschaltende Künstler und Autor Stefan Römer kritisch anmerkt, dass wir uns doch besser statt auf eine Theorie der Formen auf Denkweisen konzentrieren sollten, wir doch also besser fragen sollten, wie Foucault das Denken der künstlerischen Produktion beeinflusst hätte. Denn Künstler in Tradition des Poststrukturalismus stünden heute an ganz anderen Stellen als an Fragen zu Form oder auch zu Militanz und Widerständigkeit (und verweist am Rande auf eine aktuelle Kooperation zwischen Jean-Michel Jarre und Edward Snowden), wie sie als Kategorien Pascal Jurt in seine Moderationen und Fragen an die Podiumsteilnehmer einflicht.

Der hegemonialen Ordnung der Kunst kommt wohl ein fast beiläufiger Satz von Wuggenig am nächsten: Kunst wäre stark im und mit dem Symbolischen verwoben, daher fände natürlich (!) eine Entpolitisierung statt, wenn die Kunst zugreife. Jede Gesellschaft, so können wir mit Foucault schlussfolgern, hat ihre Ordnung der Kunst (oder auch anders herum), die qua Instanzen und Mechanismen, Personen und Prozeduren, Techniken und Verfahren festlegt, was als Kunst zu sanktionieren ist und was nicht. Mit dem von Wuggenig hier eingesetzten Kunstbegriff, wie er die Kunstgeschichte, ihre Methoden, Institutionen, Medien etc. bestimmt und dominiert, ist ihm sicher Recht zu geben, allerdings zeigt sich hier vielmehr, dass eine Dekonstruktion des offenbar naturalisierten, singulären und arretierten Kunstbegriffs und seine historische Kopplung an jeweils vorherrschende historische und kulturelle Daseinsbedingungen, also dessen Kontextualisierung, zu weiteren sinnvollen, ja notwendigen Untersuchungsergebnissen führen würde.

Die These, dass Foucault nur wenig mit den Künsten zu tun gehabt habe, verbleibt also in klassisch repräsentationalen Ordnungszusammenhängen der Kunstgeschichte und berücksichtigt nicht, dass Foucault zu einer selbstbildenden und transformierenden Lebenspraktik, also der Kunst, seinem Leben eine schöne und richtige Form zu geben, geforscht hat, dass er in plastischer Weise Probleme, Themen, Geschichten und Genealogien erfand, dass er Begriffe (wie parrhesia, Panoptismus) und methodische Konzepte und Verfahren (wie die Archäologie) entwickelte, aneignete, dekonstruierte, revitalisierte und reformulierte, dass er Seh-, Denk- und Methodenexperimente vornahm, um Neuordnungen von Geschichte/n und Neusichtungen von Gegenständen zu erproben, dass sein Werk ein nicht stillstellbares, nicht finalisierbares Ausprobieren von Perspektiven und Perspektivierungen ist, dass diesen Experimenten eine dauerhafte und noch immer wirksame Prozessualität und Choreografie inhärent ist, dass sein Interesse Schauspielen („Las Meninas“ von Velázquez oder Benthams Panoptikons) galt, dass er dafür Architekturen, Schauplätze und Erzählungen operativ untersuchte, dass sein Konzept von Macht Konstruktivität und Produktivität beinhaltet, dass seinen Begriffe von Diskurs und Dispositiv eine konzeptuelle und konstruktivistische Dimension inhärent ist, dass seine Denkmodelle wie Dispositiv und Macht eine Hypermedialität und eine fortsetzbare, wissensproduktive Rhizomatik aufweisen, dass er menschenformende Institutionen und subjektbildende Prozeduren untersuchte, dass er literarische Begriffe und Arbeitsweisen einsetzte, dass sein Denken eine visuelle oder auch audiovisuelle Seite aufweist (Deleuze), dass seine Texte eine poietische, also herstellende Dimension aufweisen, dass die integrale Komplexität seiner Vorschläge zu fortgesetzten Zuordnungsversuchen und Vieldeutigkeiten führen.

Meine These wäre (neben meinen obigen Implikationen hinsichtlich des Kunst-Begriffs) vielmehr, dass es sich bei der fortgesetzten und fortsetzbaren Rezeption und Rezipierbarkeit Foucaults um ein integrales Kennzeichen seiner Texte und seines Hyperdenkens handelt. Dabei stimmen Nigros philosophie-, rezeptions-, publikationshistorisch und soziologisch orientierte Beobachtungen, ja eher Warnungen, dass Foucaults Werk heute zunehmend dekontextualisiert würde, dass er entpolitisiert, akademisiert und damit auch domestiziert würde (für Nigro würde z. B. unverständlicherweise untersucht, warum Foucault den Begriff der Wahrheit nicht verstanden hätte) nachdenklich, denn sie geben in Foucault’scher Denkweise auch Auskunft über die aktuell herrschenden Daseinsbedingungen.

So bleibt von dieser Veranstaltung mindestens die Inspiration durch den Titel „Ordnung der Kunst“, die zuallererst pluralisiert werden sollte, um sie dann in Verzahnung mit dem jeweils wirksamen Dispositiv präzisieren, historisieren, problematisieren und verschieben zu können. Es bleibt ein leises Bedauern, dass die personelle Konstellation nicht ausreichte, um das Thema „Foucault und die Künste“ angemessen zu kartografieren (drei Kolleginnen hatten aus gesundheitlichen Gründen abgesagt), wenngleich das Arbeitsverfahren, Fachexperten aus unterschiedlichen Disziplinen Perspektiven wissensproduktiv zusammentragen zu lassen, im Sinne Foucaults und im Sinne einer möglichen Übersummativität sinnvoll ist. Und es bleibt nachhaltig Nigros Warnung, bei der es sich auch um eine Warnung gegenüber den Produktionsbedingungen von Wissenschaft sowie den Subjektivierungsbedingungen von WissenschaftlerInnen handelt – eine vor dem Hintergrund des Titels der Veranstaltung „Fearless Speech“ m. E. unbedingt weiter zu beobachtende Beobachtung…

Nachtrag: Vielen Dank an Sophia Prinz für das kollegiale Feedback in Form weiterführender Kommentare zur Rezension per E-Mail.

Birte Kleine-Benne

 

Stören! Alain Badiou zu „Flüchtlingskrise“, Politikerneuerung und Theater

Als „ehemaliger Maoist und politischer Aktivist“ wurde Alain Badiou in Berlin angekündigt, als „Verfechter der Idee des Kommunismus“, auch als Philosoph, Mathematiker und Romancier, dem Theater und der Inszenierungspraxis zugetan.

Im Format eines Interviews traf Badiou am 4.2.2016 im Berliner Gorki-Theater in der vom Wiener Passagen Verlag veranstalteten Reihe Passagen Gespräche auf seinen Verleger und Herausgeber Peter Engelmann und die erste Frage zielte auf die aktuellen Ereignisse.

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Badiou klärte seine Sicht der Dinge: Vor der sog. Flüchtlingskrise hätte es eine Krise im Nahen Osten gegeben, deren Verantwortung bei den verursachenden westlichen Staaten liege: bei den Vereinigten Staaten von Amerika für die Zerstörung des Irak und bei Frankreich für die Zerstörung von Libyen. Die EU müsse nun darlegen, ob es eine Politik der Regelung der Ursachen gebe, wenn nicht, dann müssen die Flüchtlinge akzeptiert werden – denn Menschen gehen dorthin, wo sie leben können. Wenn die Ursachen nicht behoben würden, so Badiou, müssten die Wirkungen akzeptiert werden. Angst sei zudem nie ein guter Ratgeber, ein Einschließen in die eigene Identität führte bisher immer zum Desaster.

Auf die Frage, ob es angesichts der Vielzahl von Verwerfungen (z. B. die Zunahme des militanten Rechtsextremismus‘) nicht statt einer kurzfristigen Politik umfassenderer Überlegungen bedarf, antwortete Badiou, dass derzeit die Angst bestimmend sei. Aber es gäbe in der Politik einen Moment, in dem Entscheidungen getroffen werden müssten. Wenn man also die Ankunft der Fliehenden verhindern will, müsse man die Grenzen schließen. Und wenn man die Grenzen schließe, komme es zu Gewalt, zu Toten und Ertrinkenden. Menschen fliehen, weil sie dort, wo sie bisher lebten, nicht mehr leben können. Sie nehmen Risiken, wie ihren Tod, die Reisedauer von ein bis zwei Jahren, die Bezahlungen von Schleppern auf sich und sie werden sich so lange auf die Flucht begeben, wie die Krise nicht geregelt sei. Zahlen würde die Ungerechtigkeiten belegen: 62 Menschen auf der Welt besitzen das Äquivalent von 3 Mrd. Menschen. Bevölkerungsströme seien daher nicht verwunderlich. Badious These: Wenn nicht die Ursachen angegangen werden, müssen die Konsequenzen akzeptiert werden.

Wir befänden uns aktuell in einer historisch tragischen Situation, wir erlebten die Ohnmacht Europas und die Komplizenschaft eines jeden europäischen Staates, der seine Grenzen schließt und seine Probleme vom Nachbarland lösen lassen will. Die Geschichte würde urteilen, und zwar sehr streng; Europa würde danach beurteilt werden, wie es mit dem Problem umginge.

Auf die Frage, welche Politik angesichts des globalisierten Kapitalismus erforderlich wäre, erläuterte Badiou, dass mit dem globalisierten Kapitalismus diese eine Form wirtschaftlicher, politischer und sozialer Organisation vorherrsche: „Das ist entschieden.“ Die Frage nun aber wäre, ob der Kapitalismus fähig sei, allen Menschen Arbeit zu geben. Badiou: „Nein, dafür ist er unfähig.“ Der Kapitalismus könne nur Arbeit geben, wenn sie Profit bringe, daher würden entsprechende Arbeitszeiten ausgeweitet und Löhne niedrig gehalten. So gäbe es in Frankreich 10% Arbeitslose, trotzdem würde die Politik die Arbeitszeit ausdehnen. Daraus ergeben sich mehrere Probleme: 1. die Situation in der Welt sei für viele nicht lebenswürdig, 2. gebe es Orte, an denen man nicht leben könne, 3. existiere eine globale Situation, die nicht geregelt würde – diese Probleme können nur behoben werden, wenn die monströse Konstruktion des globalisierten Kapitalismus verändert würde.

Auf die Frage nach Alternativen wies Badiou darauf hin, dass eine neue Organisation der Produktion erforderlich sei, deren Idee im 19. Jahrhundert entstand, zwar im 20. Jahrhundert eine negative Erfahrung erfuhr und in vier grundlegenden Punkten zusammenzufassen sei:

  1. Die Organisation der Produktion der Güter müsse der Diktatur des Privateigentums entrissen werden. Dass 62 Menschen über Güter von 3 Mrd. Menschen verfügten, sei pathologisch.
  2. Der Einsatz der menschlichen Fähigkeiten eines jeden Einzelnen sei ungenügend, weil die Arbeit zu fragmentiert und spezialisiert sei. Die Arbeitsteilung müsse infrage gestellt und reorganisiert werden.
  3. Die nationalen Trennungen müssen aufgehoben werden, wie der Kapitalismus müsse auch die Menschheit global werden. Ein echter Internationalismus würde verhindern, dass Menschen vor anderen Menschen Angst hätten.
  4. Die Trennung zwischen Herrschenden und Beherrschten, zwischen der Zivilgesellschaft und dem Staat als soziale Ordnung müsse aufgehoben werden.

Badiou machte deutlich, kein Fürsprecher der Vergangenheit zu sein: Zunächst müsse das Grundproblem des 20. Jahrhunderts benannt werden, um Veränderungen zu ermöglichen. Das Grundproblem war, so Badiou, die Staatsmacht zu erringen: Für die Revolution sollte die politische Herrschaft gestürzt und die Staatsmacht ausgeübt werden. So wurde 1. der Staat mit der Macht identifiziert und mit einem Autoritarismus verschmolzen, statt (nach Marx) abzusterben. Und 2. entstand mit den Nationalstaaten eine staatliche Korruption, die die kommunistische Idee verdarb. Der Gedanke, dass der Staat alle Probleme lösen könne, hätte alles vergiftet, erneut: Es handelt sich um eine Bewegung, nicht um eine Macht! Und dafür bräuchte es neue demokratische, ggf. auch widersprüchliche Freiheiten, um den Staat zu überwachen und einzuschränken. Beispielsweise würde der Staat sich immer auf die Suche nach einem Feind begeben, der die Probleme geschaffen haben soll: passiert jüngst in Frankreich, als der Staat nach den Terroranschlägen am 13. November 2015 in Paris den Krieg erklärt habe: „Man weiß nicht welchen…“. Ein weiteres Beispiel: Nach 25 Jahren Herrschaft der Rechten wurde Francois Mitterrand gewählt, nach drei Jahren war noch immer nichts passiert: „Wenn man den Staat besetzt, dann wird man vom Staat besetzt.“

Badiou führte im Folgenden aus, wie die Vermeidung von Verstaatlichung aussehen könne. Erforderlich seien folgende drei Termini/Ebenen:

  1. die Volksbewegung, ohne die es keine Veränderung gibt,
  2. der Staat und
  3. eine politische Organisation, die weder mit der Bewegung, noch mit dem Staat zusammenfällt, eine Instanz, die zugleich kontrollieren, überwachen, verändern und verwandeln kann.

Diese drei Terme müssen zirkulieren, sie dürfen niemals verschmelzen (wie im 20. Jahrhundert, als der Staat zentralisiert wurde) und würde gemeinsam mit den vier Grundpunkten des Programms (siehe oben) eine Strategie definieren. Wenn übrigens eine Politikänderung durch eine parlamentarische Demokratie als Rahmen des Staates möglich sei, umso besser… Aber sie müsse im Abstand zum Staat entstehen.

Nachdem Badiou die heutige Politik darin erschöpft sah, die nächsten Wahlen vorzubereiten, für die sie bestimmte Mittel benötige, wie etwa die Medien, Geld, Einfluss und ein paar programmatische Elemente, die aber begrenzt und verlogen seien, kam Badiou abschließend auf die Funktion des Theaters zur Erneuerung der Politik zu sprechen: Die künstlerische Ressource bestünde in der Möglichkeit, kollektive Formen zu schaffen. Hierfür seien gerade das Theater und der Film privilegierte Formen. Theater, Film, aber auch andere Formen der Kunst wie die Malerei können mit begrenzten Mitteln Teil der politischen Erneuerung sein. Mit dem Publikum, den Institutionen und den Aktionen würde Kunst den drei bereits vorgestellten Ebenen entsprechen. Auch die vier Punkte des Kommunismus seien in der Kunst zu finden: Kunst kann von allen angeeignet werden, Kunst ist eine universelle Tätigkeit, Kunst ist international und Kunst ordne sich z. B. den Forderungen des Staates nicht unter. Wie die Kunst sei auch die Liebe und die Wissenschaft nach diesen Kennzeichen kommunistisch, nun müsse es auch die Politik mit Hilfe der Künste werden.

Auf die Frage, was diese Felder gemeinsam hätten, antwortete Badiou, dass Kommunismus heiße, gemeinsam unter Verschiedenen zu sein, die Unterschiede würden im Gemeinsamen praktiziert. Kunst schaffe eine partikuläre Universalität, daher könne man auch behaupten, dass hier der Kommunismus schon existiere und zwar, weil Gemeinsames und Uneigennütziges geschaffen würde. Das Theater wiederum bringe die Menschen zusammen und sei die Repräsentation der Möglichkeit des Ereignisses. Jedes Ereignis, d. h. jede Vorstellung passiere nur ein einziges Mal. Man könne, wenn Menschen zusammenkommen und etwas passiere, auch vom Welttheater sprechen. Das Theater reproduziere das Ereignis, das auch eine Massenbewegung sein könne. Und so sei das Theater wie das politische Ereignis immer etwas Teilendes.

Es folgten abschließende Frage aus dem Publikum:

  • Ob nicht aktuell zu beobachten sei, dass die neoliberale Politik den Staat abschaffe: Nein, hierbei würde es sich um die Unterordnung des Staates unter oligarchische Interessen handeln, also nicht um eine Emanzipationspolitik.
  • Ob nicht aktuell zu beobachten sei, dass der Staat seine Kontrollfunktion zugunsten einer Selbstgouvernementalisierung der Zivilgesellschaft verliere: Es sei ungewiss, wie dieser Prozess weiter verlaufe, so Badiou, die Krise sei noch nicht abgeschlossen, vielmehr befürchte er Entscheidungen, die vermutlich negativ ausfallen werden; auch zu beobachten an dem Arabischen Frühling und der Rückkehr zu Militärregimen, Folter und Propaganda nach fünf Jahren.
  • Ob wir nicht besser von Bewegungen im Plural sprechen sollten: D’accord, Bewegungen seien vielfach.
  • Welche Rolle die Universitäten bei einer Politikänderung spielen würden: Universitäten seien kollektive Orte, keine Staatsinstitutionen, daher wichtige Orte zu mobilisieren.
  • Und ob Brecht als Künstler Stalinist gewesen sei: „Ich mag Brecht, trotz seiner Widersprüchlichkeit.“ Er sei ein Guerillakünstler gewesen, er hätte gehorcht, ohne zu gehorchen. Die Kunst, so Badiou abschließend, sei der Ort, an dem das Verbotene gesagt und neue Formen erfunden werden dürften.

Prototyp Black Mountain College

„Unser zentrales und konsequentes Bestreben is es, Methoden zu lehren, nicht Inhalte; den Prozesse gegenüber den Ergebnissen zu betonen; den Studenten zur Erkenntnis zu bringen, dass die Anwendung des Wissens […] für uns wichtiger ist als die Fakten selbst.“ (John Andrew Rice, Gründer Black Mountain College, 1933)

Eine kunsthistorische Ausleuchtung des wohl einmaligen kunst- und lebenspädagogischen Experiments des Black Mountain College von 1933 bis 1957 in der Nähe von Asheville, in den Blue Ridge Mountains im US-Bundesstaat North Carolina, am See Eden gelegen, stand seit längerem an (siehe auch den nur schmalen Eintrag in der deutschen Wikipedia). Nun sind zahlreiche Leihgaben der Josef und Anni Albers Foundation in Connecticut im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen, angereichert um einen Blog sowie um ein Symposium am 25. und 26.9.2015 zum Thema Education.

Nicht zufällig fällt der Beginn des Experiment, das heute als ein „inter- und trans-disziplinäres sowie multimediales“ bezeichnet wird, mit der erzwungenden und im Kollegium beschlossenen Selbstauflösung des Bauhauses zusammen – und wohl auch nicht zufällig endet das Experiment 1957 in der McCarthy-Ära aufgrund eines kommunistischen Generalverdachts unter nicht unähnlichen Umständen wie das Bauhaus in Deutschland unter den Nationalsozialisten. Einige der damaligen Bauhaus-Beteiligten wie Josef und Anni Albers wechselten übergangslos – wenn auch nicht unproblematisch, hatten doch Regierung, Kultusministerium, Devisenamt und das amerikanische Konsulat ein Mitspracherecht – zum 26.11.1933 in den Lehrbetrieb in North Carolina. Ein ausgestellter Briefwechsel zwischen Albers und einem der beiden Gründer Theodore Dreier zwischen dem 28. September 1933 und dem 31. Oktober 1933 gibt eindrucksvoll Auskunft nicht nur über die damaligen Kommunikationswege, die Geschäftssprache, die Verhandlungsformen, die Geschlechterhierarchien und Bezahlungen (1000,- Dollar plus „room and board for yourself and your wife“), sondern auch über die damaligen politischen Verhältnisse in Deutschland wie auch über die finanziellen Möglichkeiten und den Gründergeist für „Methoden“, „Prozess“ und „Wissensanwendung“ statt „Inhalte“, „Ergebnisse“ und „Fakten“. Dreier stellt „a progressive education“, „an adventurous and a pioneering one“, „an experiment“ und „no restrictions on the teaching methods“ in Aussicht, er genrefiziert Black Mountain als „college of liberal arts“ und als „educational organism“ und konstatiert: „we feel that the arts should play an important part both in our communitylife and in the educational process“ – Formulierungen, die 2015 für die Aquise von Spenden für eine Institutsgründung taugen würden. Auch andere Emigranten kamen: der Architekt und Bauhausgründer Walter Gropius, die Psychiater Fritz und Anna Moellenhoff, der Schönberg-Schüler Heinrich Jalowetz, die Musikerin Johanna Jalowetz, Xanti Schawinsky, Cellist und Saxofonist der Bauhaus-Jazz-Kapelle und ehemaliger Mitarbeiter von Oskar Schlemmer.

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John Deweys „Art as Experience“ von 1934 stand Pate für das pädagogisch Konzept am Black Mountain College, das neben der Aneingung von Kenntnissen in Wissenschaft, Kunst, Literatur und Sozialwissenschaften auch eine landwirtschaftliche Selbstversorgung und die Arbeit am Haus, in Garten, Stall und Küche umfasste sowie ein Zusammenleben in einem Gebäude sowie gemeinsame Mahlzeiten von Lehrenden und Studierenden voraussetzte. Dewey setzte sich bereits in seiner Publikation „Demokratie und Erziehung“ von 1916 für die Demokratisierung sämtlicher Lebensbereiche ein und wurde Referenzpunkt der sog. Reformpädagogik, deren Lerneffekt auf Erfahrung aufsetzt: „In Kunst als Erfahrung sind Wirklichkeit und Möglichkeit oder Idealität, das Neue und das Alte, objektives Material und persönliche Antwort, das Individuelle und das Universelle, Oberfläche und Tiefe, Sinn und Bedeutung in einer Erfahrung integriert, in der sie alle von der Bedeutung umgestaltet sind.“ (Dewey 1980, S. 346)

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Somit sind die Endergebnisse der künstlerischen Erfahrungsarbeit (Perspektivstudien in den Medien Zeichnung, Fotografie, Komposition, Tanz, Literatur, Mode, Malerei, Architektur etwa von John Cage, Xanti Schawinsky, Robert Rauschenberg, Cy Twombly, Anni Albers, Richard Buckminster Fuller, Merce Cunningham, David Tudor), die erst der White Cube präsentabel macht (und zum Teil aus der Sammlung Marx stammen), folgerichtig in eine kuratorische Schau des Experiments Black Mountain College eingewoben, die zahlreiche fotografische und filmische Dokumente, leider zu wenige soziologische und operative Aspekte des College umfasst. Die Entscheidung der vom Kollektiv raumlaborberlin entwickelten Ausstellungsarchitektur ist dabei nicht ganz nachvollziehbar: das „Do it yourself“ Prinzip des Black Mountain College ist mit graugestrichenen Holzrahmenkonstruktionen und Sperrholz zwar aufgegriffen, aber doch in eine schicke Hochglanzoberfläche überführt.

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Am Ende der Sackgassenarchitektur ist in grauen Kartons, sorgfältig beschriftet, das Black Mountain Archiv gestapelt, das allerdings wegen vor- und nachmittaglicher Lesungen, Konzerte und Performances von Studierenden verschiedener Hochschulen (u. a. UdK Berlin, HfbK Dresden, Muthesius Kunsthochschule Kiel, Hochschule der Künste Bern, Kunstakademiet Oslo, Konstfack Stockholm) nur zwischendurch für die anderen Ausstellungsbesucher zugänglich ist. Die aktualisierte Aufbereitung und Aktivierung der Inhalte wird mit dem Symposium am 24./25.9.2015 fortgesetzt – nachdem bereits 2014 Creativity besprochen wurde), folgt nun das Thema Education.

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Zu fragen wäre, ob die diese Ausstellung fördernde Kulturstiftung des Bundes auch aus Nachhaltigkeitsgründen mindestens die gleiche Summe in die Gründung eines Bildungsinstituts, das sich am Prototyp Black Mountain College orientiert, zu investieren bereit wäre?

Black Mountain startete im Herbst 1933 übrigens mit einer Spende von 14.500 Dollar, mit 12 Lehrern und 21 Studierenden…

Black Mountain. Ein interdisziplinäres Experiment 1933 – 1957, bis 27.9.2015, Hamburger Bahnhof Berlin

11+x Gründe…

…für meine Skepsis gegenüber den „Aktionen“ vom Zentrum für politische Schönheit und warum es sich nicht um Aktionen, sondern um Skulpturen (Strukturaushärtungen) handelt:

– Das ZPS lässt sich ihre vorweggenommenen, bereits auf gemeinschaftlichem Konsens beruhenden und damit nicht überraschenden Beobachtungen bestätigen. Sie kondensieren, dass
keine syrischen Flüchtlingskinder in Deutschland aufgenommen werden können (Die Kindertransporthilfe des Bundes, 2013),
die EU-Außengrenzen in Form von Zäunen nicht eingerissen werden können (Erster Europäischer Mauerfall, 2014),
die bundesdeutsche Flüchtlingspolitik die ertrunkenden Flüchtlinge im Mittelmeer nicht in ihren Blick nimmt (Die Toten kommen, 2015)

– Das ZPS baut in ihre Szenerien Situationen ein, die aufgrund einer (juristisch, geografisch, organisatorisch, architektonisch) fixierten Nomenklatur verlässlich, vorhersagbar und damit berechenbar und kalkulierbar sind:
Einreißen von EU-Außengrenzen ist nicht möglich
Bundesregierung reagiert auf Einladungen innerhalb weniger Stunden nicht
Repräsentanten sind über das Entfernen der Kreuze für die Mauertoten „not amused“
Demonstrationen in der Bannmeile sind verboten (§ 16 VersG, § 1 BefBezG)
Totentransporte auf Demos sind nicht erlaubt (§1 BestattungsG)
unvereinbarte Installieren von Skulpturen im öffentlichen Raum, hier im Areal des Bundeskanzleramtes, oder das Anlegen von Friedhöfen im öffentlichen Raum sind nicht erlaubt

– Es handelt sich somit bei den Aktionen des ZPS nicht um Wagnisse, Uneindeutigkeiten, Risiken, unvorhersehbare Turbulenzen, da immer eine strukturelle Zuverlässigkeit anwesend ist, die Überraschungen ausschließt. Diese Zuverlässigkeiten werden vorab dialektisch ermittelt: Was ist definitiv nicht möglich?:
die EU-Außengrenzen einzureißen
die Bundesregierung innerhalb weniger Stunden zu einem Event einzuladen
Demos in Bannmeilen
Totentransporte auf Demos
Neuinstallation von Skulpturen im öffentlichen Raum
Anlegen von Friedhöfen im öffentlichen Raum

– Somit finden keine Strukturverschiebungen, sondern Strukturaushärtungen statt. Es wird mittels medialer Wirkung ansichtig gemacht, was bereits bekannt und z.T. ansichtig ist.

– Das Ausgeschlossene wird sichtbar gemacht, aber ausgeschlossen gehalten.

– Grenzen und deren konstituierende Wirksamkeiten werden ansichtig gemacht, aber aufrecht erhalten.

– Aktionen werden in dem Moment abgebrochen, in denen das ZPS in Haftung genommen werden könnte und der Moment einsetzt, in dem eine Prozessualität in Gang gesetzt werden könnte:
Teilnehmer stehen an der EU-Außengrenze wenige Meter vor dem Grenzschutz: „Die Aktion Erster Europäischer Mauerfall ist beendet. Jeder handelt ab sofort auf eigenes Risiko!“
Teilnehmer der Demonstration am 21.6.2015 reissen die Zäune um die Bundestagswiese ein: „Die Aktion Die Toten kommen ist beendet. Jeder handelt ab sofort auf eigenes Risiko!“

– Die Rezipienten bleiben Rezipienten und werden nicht zu Teilnehmern, da ihnen mittels hierarchischer Moralisierung eigene Unzulänglichkeiten unterstellt werden und so eine struktuelle Distanz und Asymmetrie eingezogen wird, die verbleibt. Die Rezipienten werden mit einem Defizit ausgestattet, den diese (unmöglich) auszugleichen haben.

– Es findet keine Resonanzanreicherung der Aktionen statt.

– Populäre Bildproduktion (Schminke im Gesicht dient nicht wie konnotiert der Camouflage, sondern als Aufmerksamkeitsstrategie und Distinktionsmarkierung zu den anderen Anwesenden, z.B. auf der Demo).

– Die laute Protestattitude zieht sich bis in Umgangsformen und geben Auskunft über die Zielsetzung der Aktivitäten (z.B. Hände in den Taschen auf der Beerdigung, CI-geschminkte Gesichter auf der Beerdigung).

3.7.2014: Zwei Whistleblower sagen aus

Geplant war, im Anschluss an die Beobachtung der 4. öffentlichen Anhörung der 11. Sitzung des NSA-Untersuchungsausschusses am 3.7.2014 von 13h bis 0.30h mit einigen wenigen Unterbrechungen einen Artikel zu verfassen, der betitelt hätte sein können mit: „Der BND als Wurmfortsatz der NSA“ oder „NSA – ein totalitäres Vergehen“ oder „NSA: Alles abgreifen!“ oder „Telekom-Handy: Unsicher“ oder „Inszestuöse Beziehungen zwischen Geheimdiensten und Industrie“ oder „Snowden soll zu seiner Sicherheit bleiben, wo er ist“ oder „Snowden ist Lackmus-Test der Demokratie“ oder „Microsoft, Google und NSA – eng verbunden“ oder „Facebook – eine Erfindung der NSA?“ oder „Drohnenprogramme unter Obama in Deutschland getestet“ oder „Alles noch viel schlimmer als befürchtet…“ oder „Wer googelt, füttert NSA“ oder „Auf den 9.6.2013 folgt der 3.7.2014: Zeugenaussagen von 2 Whistleblowern zur NSA“ oder „Innenleben der NSU –  zwei Geheimdienstler geben Einblick“.

Nach Lektüre der Berichterstattungen in ZeitTelepolisFAZSüddeutscheSpiegel Online, Bild und vom Deutschen Bundestag haben wir uns entschieden, unsere Aufzeichnungen zur Verfügung zu stellen, um nicht in Folge journalistischer, sprachlicher oder dramaturgischer Aspekte unsere Informationsweitergabe zu beschränken. Zu Gleichem hat sich netzpolitik.org entschieden. Hinzu kommt, dass die stenografisch verfassten Protokolle der Sitzungen nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, es sei denn, der Ausschuss wählt am Ende seiner Untersuchungen Dokumente für die Anlage seines Berichts aus.

2014-NSA-UA

Unsere Notizen folgen partiell der Chronologie und sind Themenkomplexen zugeordnet.

Befragung William Binney
von 13h bis 18.30h (mit 1h Verspätung und einer Unterbrechung wegen einer namentlicher Abstimmung im Plenum des Bundestages)
Kurzes Eingangsstatement von Binney auf englisch
Drei Fragerunden (auf deutsch) von CDU/CSU, SPD, Die Linke, Bündnis 90/Die Grünen
Anschließend auf Wunsch von William Binney eine geheime Befragung zu Kooperationen und Verträgen zwischen NSA und BND, d.h. unter Ausschluss der Öffentlichkeit
Der Vorsitzende Patrick Sensburg weist darauf hin, dass externe Ton- und Bildaufnahmen während der Sitzung nicht erlaubt sind.
Eine Ausschuss eigene Tonaufnahme dient der Überprüfung der stenographierten Protokolle und soll im Anschluss gelöscht werden.
Die Zeugen haben 2 Wochen nach Zusendung des Protokolls Zeit zu kommentieren, zu revidieren, zu ergänzen.
Es wird eine deutsch- und englischsprachige Simultanübersetzung angeboten, die per Kopfhörer für alle Anwesenden zugänglich ist.
Vorsitzender: Patrick Sensburg, CDU/CSU
CDU/CSU: Roderich Kiesewetter, Andrea Lindholz, Tankred Schipanski, Stephan Meyer, Marian Wendt, Tim Ostermann, Nina Warken
SPD: Christian Flisek, Hans-Ulrich Krüger, Burkhard Lischka, Susanne Mittag
Bündnis 90/Die Grünen: Konstantin von Notz, Hans-Christian Ströbele
Linke: Marina Renner, André Hahn
Mitglieder und Grundinformationen zum Untersuchungsausschuss

Person William Binney
71 Jahre alt, [Anm.: im Rollstuhl und mit sich andeutenden Fuß?-/Unterschenkel?-Prothesen]
B.A. in Mathematik an der Pennsylvania State University, Minor in Physik und Chemie
Von 1965 bis 1970 beim US-Militär
1970 kam die NSA auf Binney zu und bat um seine Bewerbung.
Es folgten: Lügendetektortests, Technischer Test, Polygraphische Tests, Puzzletest, psychologische Tests, Überprüfung von Fähigkeiten, Informationen zu integrieren, Loyalitätstest etc.
Ab 1970 war er bei der NSA Regierungsangestellter und zuletzt in der Funktion des technischen Direktors Vorgesetzter von 6.000 Analysten, sein Core-Team bestand aus 12-15 Personen.
Anfänglich war er Analyst bei der „Betrachtung“ der Sowjetunion, des Kaukasus und der DDR. Hier bewertete er die Situation danach, ob von dort eine Bedrohung für die USA ausgehe.
Zweieinhalb Wochen nach 9/11 kündigte er bei der NSA, da er einen Angriff auf die Grundrechte der Verfassung ausmachte.
2002 reichte er eine Beschwerde beim Pentagon wegen Geldverschwendung und Korruption ein – nicht wegen Verfassungsbruch beim Kongress.
Seit 2011 geht er mit Informationen an die Öffentlichkeit: New Yorker, Fox, CNN, Democracy Now.
2014 fordert er mit einem 21-Punkte-Papier beim Präsidenten der USA und bei der EU eine Reform der NSA: Verifizierungsprozesse von Wahrheit seien erforderlich, ausserdem eine gezielte, nicht pauschale Überwachung.
Er nutzt ein Telekom-Handy und fühlt sich damit in Deutschland sehr unsicher.

Unternehmen NSA
NSA sucht an den Unis nach Personal und ist an einem breiten Spektrum von Fachleuten interessiert: Physiker, Mathematiker, Juristen, Kryptographen, Sprachwissenschaftler
Wirbt auch an unterschiedlichen Orten: an Universitäten, in der Werbung, auf Hackerkonferenzen
Es gibt aber auch offene Ausschreibungen.
NSA-Mitarbeiter sind Angestellte des öffentlichen Dienstes mit einem Probejahr.
Einstiegsgehalt in den 70er Jahren: GS-9 oder GS-11 = $11.000 im Jahr
Einstiegsgehalt heute: ca. $50.000
Es gibt keine zusätzlichen Vergünstigungen wie Hardware, Software etc., aber allein die bestandene Sicherheitsüberprüfung ermöglicht einen zügigen Wechsel in die Privatindustrie, wo man erheblich mehr verdienen kann. Bei der NSA kommt die Jobsicherheit hinzu und etwas für die Verteidigung der nationalen Sicherheit zu tun.
Bei guter Beurteilung eröffnen sich gute Aufstiegsmöglichkeiten, entweder in einer technischen Laufbahn oder einer Management-Laufbahn. Um im Technikstrang aufsteigen zu können, musste man eine technische Leistung vollbracht haben.
Nach 1998: schnellere Überprüfungsprozesse der Mitarbeiter wegen der Datenmengen („fast track“: statt 12 Monaten Probezeit nur noch drei bis sechs Monate)
Nach Snowden: Neuüberprüfungen von Mitarbeitern
Heute wird die NSA von sog. Clubs unterstützt. Um Mitarbeiter einzubinden, werden den Familien Freizeitaktivitäten angeboten und Unterstützungs- und Versicherungsarbeit geleistet, dass die NSA „nichts Böses macht“.

Massenhafte Datensammlung
Die Vollüberwachung der Gesellschaft stellt die größte Bedrohung der Demokratie seit dem amerikanischen Bürgerkrieg dar.
Seit 10/2001 findet eine massenhafte Datensammlung bei der NSA statt, um Kenntnisse über die Bevölkerung zu erzielen.
Dies ist durch Binney über eine Eidesstattliche Versicherung dokumentiert.
Hierbei handele es sich um einen totalitären Ansatz, wie man dies zuvor nur aus Diktaturen kannte.
Totalitarismus, um die Kontrolle über Bevölkerungen zu gewinnen
Für ThinThread hat er die Logik des Backend-Teils entwickelt. ThinThread zielt darauf ab, Daten aus Glasfaser-Datenleitungen zu gewinnen.
Metadaten sind wichtig, um Beziehungen zwischen allen herzustellen, daraus ergibt sich dann der Metasatz.
Damit wird beobachtbar, wer welche Webseiten aufsucht (z.B. zum Djihad) – hieraus ergeben sich sog. Verdachtszonen.
Daten werden auf einem Graph sichtbar gemacht, um ein Profil zu erstellen.
3 Schritte der Datenerhebung: Sammeln – Analyse – Bericht
2001 folgte die Automatisierung von Analyse.
Binney, der das Design und die Logik für die Flussdiagramme hergestellt hatte, kritisierte 2001, dass zu viele und irrelevante Daten gesammelt wurden, so dass das System dysfunktional würde.
Er wollte auf relevante Daten begrenzen, um z.B. Bluffdale nicht erforderlich zu machen.
Denn das Sammeln von Daten ist nicht nur unnötig, sondern auch unmöglich, da das System unfähig wird.
Binney spricht von einer Meineidspolitik, die die ganze Justiz der USA unterwandert.
Rechtliche Beschränkungen wurden mit Executive Order 12333 ausgehebelt.
Datenerhebung, die zwar vor Gericht nicht erlaubt sind, aber schon seit 2002 vor Gericht verwendet werden, ggf. mit Hilfskonstruktionen, um sie gerichstfest zu machen.
Folge: komplette Unterminierung des amerikanischen Rechtssystems und aller anderer Länder
Auch Bewegungen wie Tea-Party und Occupy sind davon betroffen.
Echtzeituntersuchungen der NSA-Aktivitäten wurden intern sowohl von den Analysten als auch vom Management abgelehnt.
Spionage: „so läuft das“, alle miteinander, nicht auf eine bestimmte Beziehung beschränkt
Gründe der NSA: Terrorismusabwehr, Drogenkampf und Proliferation
Datenerhebung war ursprünglich gegen USA-Bürger gerichtet, später dann weltweit angewendet.
NSA ist mehr mit dem Ausland als mit dem Inland beschäftigt.
Massendatenspeicherung überall und weltweit
Die physische Evidenz der NSA verdeutlicht dies: Fort Meade, Texas San Antonio, weitere Grundstückslegung 2013
Die Kommunikation von Facebook ermöglicht weitere Massenüberwachungen.

NSA – US-Regierung
Zugriff auf NSA-Daten durch FBI, CIA, DHS, DEA, Steuerbehörden, Drogenabteilungen, Heimatschutzbehörden, Strafverfolgungsbehörden…
Täglicher, elektronischer Datenaustausch
Nach Binney verfassungsfeindlich und dysfunktional
Auch heute noch wird ohne Beschränkungen durch Gesetze gesammelt.
Überwachung von Personen mit bestimmten Interessen (Journalisten, Reporter, Kryptologen), auch, um die Quellen zu erfahren
Überwachung von Regierungsmitgliedern dient dazu, Einfluss zu gewinnen:  Daten bedeuten Macht und Macht bedeutet Einfluss.
Ein historisches Beispiel für die Beeinflussung von Entscheidungsfindungsprozessen: FBI Chef J. Edgar Hoover
Aktuelle Beispiele: Angela Merkel, Eliot Spitzer, David Petraeus – was man heute nicht verwenden kann, nutzt vielleicht später als Hebel in Verhandlungen.
NSA ist das Datenverwaltungssystem der Regierung.
Es findet keine parlamentarische Kontrolle statt.
Es existiert kein Mechanismus zur Verifizierung der Nachrichtendienste.
Die Philosophie der NSA lautet: Was technisch möglich ist, wird gemacht – ohne Rücksicht auf Gesetze.

Historisches
Im Kalten Krieg: keine Glasfasern, sondern Funk: Echelon, Wellen
Glasfaser ab Mitte der 90er Jahre
Ab 1998: Fähigkeit, massenhafte Informationen zu sammeln
Nach 9/11 massive Ausweitung
9/11 war der Auslöser, um eine Massendatensammlung der ganzen Welt zu implementieren.
Motiv: Angst vor Terror
Nach 9/11 kann man sich das so vorstellen: Vizepräsident Dick Cheney fragt George Tenet [von 1997-2004 Director der CIA] und Michael V. Hayden [von 1999-2005 Chef der NSA]: Was können wir machen? Darauf antworten beide Geheimdienstler: Gebt uns ein paar Tage und wir sagen Euch unsere Möglichkeiten. Nach wenigen Tagen kam das Angebot, Massenüberwachung durchzuführen. Bush, Cheney, Hayden und Tenet waren in diesen Entscheidungsprozess involviert. Ohne Legitimation durch das Parlament wurde eine anlasslose Massenüberwachung durch präsidiales Dekret von Präsident George W. Bush eingeführt.
Alle Schutzmaßnahmen wurden über den Haufen geworfen: Alles abgreifen!
Es existierten keine Beschränkungen mehr, totalitäres Vorgehen
Von konkreten Zielen wie Einzelpersonen oder Gruppen hin zu allen Daten der sieben Milliarden Menschen der Welt
Wort-Auswahl führte zur Beobachtung von Personen
Nichts wird weggeschmissen, selbst Daten aus dem 2. Weltkrieg sind noch vorhanden, ggf. Speicherauslagerung auf Magnetbändern. Zur Erfassung der Metadaten von Kommunikation der gesamten Weltbevölkerung braucht man nicht mehr als ein Viertel dieses Sitzungssaales. Für die Aufzeichnung der Inhalte braucht es Datenparks, aber die sind seither gebaut worden.
Bisher ist kein Kurswechsel wie von der US-amerikanischen Regierung angekündigt zu sehen, alles geht so weiter.

Technisches
ThinThread: NSA-Ausspähprogramm, mit dem Ziel, maximale Datenmengen aus den Glasfasern zu gewinnen, wurde 2 Jahre lang eingesetzt, besteht aus 2 Teilen: Sammlung und Analyse
Trailblazer: wurde eingestellt, weil nichts erreicht wurde
Stellar Wind: NSA-Programm, dessen Daten aus ThinTread übernommen wurden
Splitter eingesetzt in bedeutenden Knotenpunkten der Datennetze. In Europa z.B. in Frankfurt, Kopenhagen, Stockholm, Amsterdam und 80-100 in den USA
Um an Informationen ranzukommen, existieren 3 Wege: kommerzielle Kooperationen mit Kommunikationsunternehmen, mit Partnerdiensten anderer Länder oder durch Alleingänge durch Faserbau
Alleingänge sind aber eher selten, da weltweit Kooperationswünsche existieren.
Kooperationen mit Firmen nach dem 2. Weltkrieg haben Tradition: Projekt Shamrock
Ausserdem: Ringtausch von Daten unter Geheimdiensten
Inzestuöse Beziehung zur Industrie
Das Abgreifen von Daten ist ohne Wissen der Betreiberfirmen möglich, und zwar durch Hard- und Softwareimplantate.
Nach wie vor wird alles überwacht: Radiowellen, Satelliten, Glasfaser.
Suchbegriffe liegen in allen Sprachen vor.
Prism: Kooperation mit Providern, die es zur Zeit von Binney nicht gab

NSA – BND
1985: erster Besuch Binneys beim BND, um die Beziehungen zwischen NSA und BND zu vertiefen
Seither Austausch von Daten, aber auch von Technik
Zusammenarbeit mit dem Leiter Dr. Meier, mit General Schadewey (?) und General (?)
Ab 1998 konnten wir im großen Stil Daten generieren. Der BND hatte ab 1999 Zugang zum Quellcode von ThinThread, um die Kooperation zu intensivieren. Private Anbieter hatten parallel Software entwickelt, die Vergleichbares konnte. Ab 2000 wurde das von der NSA generierte Daten-Backend so wertvoll, dass man es mit niemandem mehr unbegrenzt geteilt hätte.

Schattenwelt
Wir haben uns in die Schattenwelt bewegt.
Vermutlich werden alle abgehört.

Snowden
Snowden hat später als Binney für die NSA gearbeitet, sie kennen sich daher nicht persönlich.
Snowden-Dokumente sind echt, das zeigen auch die Abteilungsnamen und sonstige Indizien auf den Dokumenten.
Dokumente verunmöglichen endlich abzustreiten.
Es handelt sich um Beweismaterial, um Unterlagen aus 1. Hand.
Snowden würde in den USA keinen fairen Prozess bekommen, er soll besser bleiben, wo er ist.
Auch in Deutschland wäre er gefährdet.

Verschlüsselungen
Wenn die Verschlüsselung nicht öffentlich ist, kann die NSA einiges zu tun bekommen, ansonsten gibt es immer Hintertüren. Und wer verschlüsselt, gerät grundsätzlich ins Visier der NSA.

Empfehlungen/Forderungen
Wir müssen die Werte der freien Welt zurückkämpfen!
Es müssen Richtlinien aufgesetzt werden: statt massenhafter gezielter Überwachung, Prozess der Verifikation

Es folgten gegen 18.30h die Presse-Statements der Obleute Kiesewetter, Flisek, Renner und von Notz, mit einer Zugabe von Ströbele, der darauf aufmerksam machte, dass 1. die Dokumente, die sich in Snowdens Besitz befänden, nach Aussagen von Binney echt seien und 2. NSA-Daten nach Binney ohne gesetzliche Grundlage in Gerichtsprozessen Verwendung fänden.

2014-NSA-UA Presse

Befragung Thomas Drake
20.25 bis 0.30h mit einer Unterbrechung von 30 Minuten (von 20.45 bis 21.15) wegen einer erneuten namentlichen Abstimmung im Parlament
5-minütiges Eingangsstament der Anwältin Jesselyn Radack, Anwältin von Binney und Drake, die auf die hohen Risiken ihrer Mandanten infolge ihrer Ausagen vor dem Untersuchungsausschuss aufmerksam macht.
2,5 stündiges Eingangsstament von Drake, auf Englisch, mit zum Teil deutschen Versatzstücken, das zwei Mal durch einen Lichtausfall unterbrochen wird.
Eine Fragerunde (auf deutsch) von CDU/CSU, SPD, Die Linke, Bündnis 90/Die Grünen, die ein Mal durch einen Lichtausfall unterbrochen wird. Mit einem Blick auf die Uhrzeit und einem Verweis auf Fragen ggf. zu einem späteren Zeitpunkt an den Zeugen wird die Fragerunde 0.30h beendet.

Person Thomas Drake
57 Jahre alt
In den 90er Jahren im Pentagon, danach bei der CIA, von 2001 bis 2008 für die NSA als Senior Executive gearbeitet, außerdem als Gastprofessor für Verhaltenswissenschaft der National Defense University NDU
12 Jahre Erfahrungen mit technischer Programmentwicklung, Softwareengineering…, Berater in Silicon Valley
Ausführender Programmdirektor von ThinThread
Zuvor: Abhöraktionen der DDR und NVA, hat dafür deutsch und militärisches Russisch gelernt
2006 ging Drake mit Mitteilungen über Verschwendungen der NSA an die Presse.
Seither: Ermittlungen gegen Drake mit massiven Folgen (Verlust von Eigentum, von Bankkonten, von Freunden, verbunden mit Hausdurchsuchungen etc.)
Verlust seiner Bürgerrechte und Drake rezitiert hierzu Franz Kafka: Die Wahrheit über Sancho Pansa (1917) und verweist auf Stephan Wackwitz: Ein unsichtbares Land (2003)

Militarisierte Überwachung
Wieviel Freiheit wollen wir im Namen der Sicherheit opfern?
Verfassungsverletzung in industriellem Maße
Ultimative Überwachung seit 9/11
Bush- und Obama-Architektur der militarisierten Überwachung
Gefährdung der Demokratie
Beginn des panoptischen Überwachungsstaates
Massenüberwachung nicht nur von Verbrechern, sondern von allen
NSA unterwandert die Privatsphäre aller Menschen
Regierung verteidigt die Verfassung nicht mehr, alles ist auf den Kopf gestellt
Wie einst Machiavelli ausführte: Es findet derzeit eine Revolution von oben und zwar mit Aufrechterhaltung der bestehenden Fassade statt.
Motiv: Bedarf nach Unterdrückung
Wunsch nach Kontrolle des Netzes durch die USA
Seit 9/11: Beschleunigung der Aufträge an die Wirtschaft zur Entwicklung von Programmen zur Überwachung
Zentralisierung von Macht, die nicht dem Recht entspricht
Fehlende Kontrollmechanismen
Wer kontrolliert hier eigentlich wen?: Die Bevölkerung den Staat? Der Geheimdienst den Staat?
Überwachung ist eine Wachstumsindustrie
In der digitalen Welt ist jeder ein Ausländer, da unsere Daten ständig nationale Grenzen überschreiten.
Neben Google, Verizon, AT&T, Facebook und Twitter gibt es auch eine enge Zusammenarbeit mit Computer Sciences Corporation [Anm.: besser bekannt unter dem Namen CSC]. Für die Kooperationen ist eine geheime NSA-Abteilung zuständig. Selbst der Name dieser Abteilung wechselte häufig, zumindest hieß sie auch einmal Corporate Relations Office. Die Kooperationen werden bei der NSA als Staatsgeheimnis und auch innerhalb der Unternehmen streng vertraulich gehandhabt und sind damit nur ganz wenigen Unternehmens-Mitarbeitern bekannt.
Google war wegen seiner Suche für die NSA wichtig.
So gibt es von Seiten der NSA langjährige, enge Beziehungen zu Google und auch zu Microsoft.
Ringtausch von Daten zwischen Geheimdiensten wie NSA und BND und BfV, wenn regionale Dienste an ihre Grenzen des Rechts stoßen
Hierbei handelt es sich sowohl um Metadaten als auch Kommunikationsinhalte.

Historisches
Nach 9/11 wurde ein großangelegtes Überwachungsprogramm, zunächst unter dem Namen Stellar Wind und unter dem Deckmantel des Notfalls, installiert.
Das entspricht den Ereignissen in der Weimarer Republik.
9/11 ist das Äquivalent des Reichstagsbrandes 1933: präsidiale Direktive der Ermächtigung der NSA.
Beides waren Trigger-Events.

Deutschland
Deutschland hat Erfahrungen mit Überwachungsregimen und Diktaturen und muss seine Geschichte aktivieren.
Die Deutschen sind verdammt, die Geschichte zu leben!
Der BND ist der Wurmfortsatz der NSA.
Die Stasi dient als Modell für die staatliche Überwachung.
Die Stasi war wie ein Oktopus, der den Staat durchdrang.
Die NSA übertrifft die Stasi.
„Vergangenheitsbewältigung“ – ein Wort, das nur im Deutschen existiert.
Plädoyer für den deutschen Umgang mit dem vorliegenden Thema aufgrund der deutschen Vergangenheitsbewältigung
Datenschutz existiert in Deutschland seit den 70er Jahren: Datenschutzgesetze, Recht auf informationelle Selbstbestimmung…
Wer ist der deutsche Edward Snowden, der den BND leakt?
Es scheuen sich viele, ein Opfer zu bringen.
Deutschland muss handeln, um die eigene Souveränität zu sichern.
Es handelt sich um einen Lackmustest der Demokratie.
Deutschland muss den IT-Sektor stärken.
Da in Deutschland viele Glasfaserkabel durchs Land laufen, besteht ein hohes Kooperationsinteresse anderer Länder mit Deutschland.
Deutschland nimmt eine zentrale Rolle in der Überwachungsindustrie ein, verfügt über eine wichtige Kommunikationsinfrastruktur.
Drohnenprogramme (unter Obama ausgeweitet) wurden in Deutschland getestet:
Deutschland diente als Plattform für Tests, d.h. die Drohnen wurden auf deutschem Boden erprobt und sie wurden von deutschen Diensten wie dem BND unterstützt. Der BND hat Daten zugeliefert, die für die Durchführung der Operationen von Bedeutung waren.
Deutschland ist Komplize.
Abkommen zwischen NSA und BND von 2002
Abkommen zwischen FBI und BKA

Empfehlungen/Forderungen
Parlamentarische Kontrolle von Geheimdiensten
Kanäle und Schutz für Whistleblower
Öffentliche Diskussion der rechtlichen Sicherheit
Empfehlung des Echelon-Berichts
Einhaltung und Kopplung an die Europäischen Menschenrechtskriterien
BND muss seine Aktivitäten öffentlich machen
NSA-Untersuchungsausschuss muss auch die Kooperationen zwischen NSA und BND beleuchten

Post-Prism

Man kann sagen, der Name war Programm bei der Diplom-Arbeit von Martin Wecke, die er 2014 im Fach Visuelle Kommunikation an der Universität der Künste Berlin vorgelegt hat. Die Tools auf Post-Prism.net sind operationale Interventionen und bieten interessante technische Ansätze, die die bekannt gewordenen Überwachungs-Maßnahmen von Geheimdiensten aller Länder in gewisse Schranken weisen, zumindest das Erschweren von Überwachung ermöglichen können.

Auf der Ebene ‚Hollow‘ (zu deutsch: Höhle, Aussparung) geht es dabei um die Verarbeitung von Text, auf der Ebene ‚Compost‘ (zu deutsch: Kompost) um den Umgang mit Bildern. Auf einer dritten Ebene mit dem Namen ‚Public Space‘ (zu deutsch: Öffentlicher Raum) veranschaulicht der 1986 geborene Wecke schließlich, was nicht nur für Schnüffler in offenen Netzwerken sicht- und verwertbar wird, sondern inzwischen eines der verbreitetesten Geschäftsmodelle im Zusammenhang von kostenlosen, besser gesagt ohne unmittelbare Bezahlung nutzbaren Internet-Dienstleistungen sowie Smartphone-Apps darstellt: das umfassende Protokollieren von Nutzerdaten- und verhalten und der Verkauf solcher Informationen zur Optimierung von Geschäftsprozessen aller Art.
Denn tatsächlich sind der Kreativität der Auswertung bzw. auch der Zusammenführung unterschiedlichen Datenmaterials keine ersichtlichen Grenzen gesetzt. Oftmals durchaus mit fragwürdigen Schlussfolgerungen, denn im Zshg. von BigData geht es auch um ein neues Glaubensbekenntnis, das Prognostizieren von Nutzerverhalten anhand vorherigen Verhaltens zur Optimierung des eigenen Verhaltens. In Wirtschaftszusammenhängen geht es noch um Fragen, welche Werbung dem Nutzer auf von ihm besuchten Seiten angeboten wird, vielleicht sogar, in welcher Größenordnung Produktionen beauftragt oder Unternehmenressourcen eingesetzt werden. In perfider Form kann das bei Geheimdiensten heißen, dass etwa Profile von Staats- oder Glaubensfeinden erstellt und dann mit allen anderen abgeglichen werden. Zeigen sich Ähnlichkeiten – was dabei als Ähnlichkeiten aufzufassen ist und was nicht, hängt entscheidend von den Vorgaben des Suchenden ab – befinden sich Profil-Ähnliche im Visier von Überwachung und unter Umständen auch im vorbeugenden Gewahrsam. Was das in letzter Konsequenz bedeuten kann, zeigt im Falle der USA das Gefangenenlager Guantanamo Bay eindringlich.

Die Ebene ‚Public Space‘ der Arbeit Post-Prism jedenfalls vermag dem, der sich einmal in einem von Wecke gehackten Netzwerk aufhält, deutlich die von allen aktuellen Beteiligten des Netzwerkes ‚erarbeiteten‘ Daten zu offenbaren. Fast gespenstisch wird das auch noch als ein transparenter Layer im eigenen Browser-Fenster ansichtig. Die folgenden Schemata von Wecke zeigen die Funktionsweise des Zugriffs auf.

Tool3_PublicSpace-Funktion2  Tool3_PublicSpace-Funktion3

 

Wie man mit seinem eigenen Verhalten den Zugriff erschweren kann, zeigen die beiden Ebenen ‚Hollow‘ und ‚Compost‘. Bei letzerer geht es einfach gesagt darum, ein einmal ins Netz gestelltes Bild sukzessive mit jedem Aufrufen des Bildes zu verpixeln und weiter aufzulösen, zu kompostieren bis hin zur völligen Zersetzung.

Tool2_Compost
‚Hollow‘ hingegen beschäftigt sich mit Texten, die gemeinsam im Internet verfasst werden. Legt man diese bei den bisherigen Anbietern in den wiederum ohne unmittelbare Bezahlung nutzbaren Clouds ab, so dürften sämtliche Inhalte vom Anbieter sowie von Geheimdiensten auch noch für andere Zwecke ausgewertet werden. Martin Wecke hat nun eine Verschiebung eingezogen. Bei ‚Hollow‘ werden Texte nicht mehr innerhalb eines Content-Containers verarbeitet, sondern innerhalb der URL selbst. Ein erarbeiteter Text wird über verschiedene Komprimierungs- und Codierungs-Algorithmen in eine verschlüsselte URL umgesetzt. Der erarbeitete Text, nein, jedes einzelne Zeichen des Textes ist für die spezifische URL bedeutsam.
Zur Verdeutlichung: Der Text ‚Uberwachung‘ führte gerade zur URL:
http://post-prism.net/h0110w/#/DwSwfAqgRgpgTgdwIYGMAWBXAdgc2AenCAA=
Der Text ‚Überwachung‘ führt gerade hingegen zur URL:
http://post-prism.net/h0110w/#/DwSwfAOwRgpgTgdwIYGMAWBXAdgc2AenCAA=

Zwar bringt dieser spezielle Ansatz Kommunikationserfordernisse gegenüber den am Text Beteiligten mit sich, denn wie soll sonst jemand den aktualisierten Text auffinden, als ‚Proof of Concept‘, wie Wecke seine künstlerische Arbeit einordnet, stellt es aber eine Grundlage her. Eine Begrenzung stellt zudem die Verarbeitung von URLs in unterschiedlichen Browsern dar. Zwar sehen die Internet-Spezifikationen zunächst keine Begrenzung von URL-Längen vor, in der Praxis fällt die Verarbeitung jedoch in unterschiedlichen Browsern unterschiedlich aus. Während sich mit Firefox durchaus URLs von 65.000 Zeichen Länge und damit abhängig von der Komprimierungsmöglichkeit des Textes bis zu 300.000 Zeichen realisieren lassen, verarbeitet der Internet Explorer von Microsoft nur URL-Längen von maximal 2.000 Zeichen. Apples Safari bewegt sich, so  Wecke, von der verarbeitbaren URL-Länge irgendwo dazwischen. Texte mit ungefähr 3.000 Zeichen sollten mit ‚Hollow‘ aber in jeder Browserkonstellation umsetzbar sein.

Der Code der drei Prototypen ist Open Source verfügbar, damit nachprüfbar und für eigene Projekte weiterentwickelbar: https://github.com/post-prism-net

Bild-Quellen: Dokumentation der Diplomarbeit Post-Prism, Martin Wecke, UdK Berlin, 2014

Ein etwas anderer Blick auf den NSU-Prozess am Münchner OLG

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– Ort: Nymphenburger Str. 16, München
– Prozessbeginn: 9.30h
– Nächste Termine:

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– Weitere Informationen online: http://www.justiz.bayern.de/gericht/olg/m/presse/archiv/2013/03918/index.php
– für Zuhörer am besten gegen 7.30/8h anwesend sein
– Personalausweis wird kopiert und mit alphabetisch sortierten Namensregistern verglichen

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– Überprüfung mit Metalldetektoren
– Abtasten des Körpers durch Polizeibeamte
– Nur kleines Gepäck (Notizblock, Kugelschreiber) wird zugelassen
– restliches Gepäck inkl. ausgestelltem Handy wird im Austausch mit einer Nummer verwahrt
– schmale Treppe Richtung Tribüne
– Tribüne links: Zuhörer
– Tribüne rechts: Pressevertreter (Steckdosen vorhanden)
– Zugang von der Gesamttribüne zu den Toiletten (2 Kabinen für die Damen), einem Kaffeeautomaten und einem Aufenthaltsbereich
– TV-Kameras verlassen nach Eintritt der Angeklagten den Raum
– 3 Ein- bzw. Ausgänge: über dem rechten Ausgang das Kreuz und eine für alle sichtbare Uhr
– 8 Richter in schwarzen Roben sitzen mittig vor 3 Regalen mit schwarzen Aktenordnern, die weiss etikettiert und mit einem rotem Punkt versehen sind
– rechter Hand etwas tiefer gesetzt 4 Staatsanwälte in rot
– davor der Tisch für Zeugenbefragungen, leicht angeschrägt zum Richtertisch
– die Opferanwälte sitzen unterhalb der Tribüne
– davor ein Tisch für Sachverständige
– links: die Anklagten E., G., W., Z. und S. (Namen sind vollständig auf Namensschildern zu lesen) mit ihren Anwälten
– Stühle: schwarze Sitzfläche, orangene Rückenlehne
– Wandfarbe: eierschalen
– Angeklagte Z. teilt sich mit ihren Verteidigern eine rote Dose mit roten Bonbons, eine schwarze Dose mit weissen Bonbons und eine schwarze Dose mit schwarzen Bonbons der Firma Pulmoll
– ansonsten: Dextroenergy (Aprikose und Orange), Fisherman (rot/weiss, grün/weiss)
– Wasser in Plastikflaschen des Labels „ja!“
– Angeklagte trinken Wasser aus Tetra Paks in Plastikbechern
– vornehmlich PC, seltener Apple
– alle Rechtsvertreter protokollieren parallel zu den Befragungen auf ihren Rechnern
– Verteidiger von Z. arbeiten ausschliesslich digital, Verteidigerin S. notiert ihre extrahierten Fragen parallel handschriftlich
– Angeklagte werden von 8 Polizisten (darunter 1 Polizistin) bewacht, ausserdem 2 weitere uniformierte Justizangestellte
– jeweils unterschiedlicher Habitus der Beteiligten (vgl. Bourdieu 1982, 1997)
– eine Kamera oberhalb des Richtertisches filmt die Ereignisse im Saal
– 2 Videoprojektionen links und rechts des Richtertisches zeigen die Bilder auf grauem Farbuntergrund, Bereich der Angeklagten ist mit einem hellgrau monochromen Farbtrapez überdeckt
– die Personen der erste Reihe der Besuchertribüne sind in der Projektion zu sehen

Weiteres:
Presse des OLG München: http://www.justiz.bayern.de/gericht/olg/m/presse/aktuell/
Kontakt zur Presse des OLG: Pressestelle@olg-m.bayern.de
Übersicht über den Pressespiegel: http://blog.zeit.de/nsu-prozess-blog/

Erkenntnisse durch den Abgleich des 20. Prozesstages mit der dazugehörigen Berichterstattung (Spiegel Online, Zeit, Süddeutsche):

– Bei der Rezeption der medialen Berichterstattung ist zu berücksichtigen, dass es sich um eine Auswahl an Informationen, eine mediale Aufbereitung sowie eine Verdichtung der Ereignisse im Gerichtssaal mit der Aktenlage handelt.

– Die diskursiven Faktoren (Wer spricht? Wie wird gesprochen? Wann wird gesprochen? Wie wird gerungen? Wie wird konstatiert? Worauf wird geachtet? Wann wird geschwiegen? …) könnten in der Berichterstattung stärker berücksichtigt werden.