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Performance-Kunst versus Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz

Darf eine Kunstperformance, bei der im öffentlichen Raum eine rote, knielange Pudelmütze getragen wird, tatsächlich durch die Polizei aufgrund des in Österreich jüngst in Kraft getretenen Anti-Gesichtsverhüllungsgesetzes abgebrochen werden?

Am 11. Oktober 2017, gegen 11:00 Uhr, ist auf dem Wiener Stephansplatz jedenfalls genau das der Kunstperformance Hasskäppchen des Berliner Künstlers Daniel Chluba widerfahren.

Wir haben auf Chlubas Wunsch hin den folgenden offenen Brief für ihn verfasst und als Widerspruch an die Landespolizeidirektion Wien gerichtet:

Sehr geehrte XXXXXXXXXXXXXXXXXXX,

in der bei Ihnen unter GZ: VStV/917301582729/2017 geführten Strafverfügung gegen den Berliner Künstler Daniel Chluba zeigen wir hiermit an, dass er uns in dieser Angelegenheit um Beistand gebeten und einhergehend autorisiert hat (siehe Vollmacht), Erklärungen – auch rechtlicher Art – für ihn abzugeben, nicht jedoch für ihn entgegenzunehmen.

Namens von Herrn Chluba widersprechen wir hiermit der Strafverfügung vom 16.10.2017, zugestellt am 18.10.2017, wegen behaupteten Verstoßes gegen § 2 Abs. 1 AGesVG (Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz) nachdrücklich.

BEGRÜNDUNG
Zunächst einmal kann festgehalten werden, dass Herr Chluba sich am 11.10.2017, etwa gegen 10:55 Uhr den Polizeibeamten gegenüber als Künstler zu erkennen gegeben und seine Aktion ausdrücklich als Performance deklariert hat, in welcher er ohne weitere Bekleidung eine knielange, rote Pudelmütze trägt.
In § 2 Abs. 2 des Anti-Gesichtsverhüllungsgesetzes sind dabei eine Reihe von Ausnahmen vorgesehen, auf die hier Bezug genommen wird. Da Kunstperformances im öffentlichen Raum, zumal wenn diese nur aus einer Person bestehen, bislang allenfalls in Diktaturen anmeldepflichtig sind, muss die stattgefundene Kunstperformance Hasskäppchen des Künstlers Daniel Chluba bereits als Unterfall einer strafbefreiten, künstlerischen Veranstaltung gewertet werden. In jedem Fall handelt es sich aber um die Ausübung seines Berufes als Künstler, hier konkret als Aktions- und Performancekünstler und die durch die Polizei identifizierte Gesichtszugverhüllung durch die in der Performance zum Einsatz gebrachte Ganzkörperpudelmütze hatte somit enstprechend der Ausnahmeformulierungen in § 2 Abs. 2 AGesVG berufliche Gründe. Sehen Sie hierzu auch:
http://daniel-chluba.de

Im Übrigen ist Herr Chluba im Rahmen des von Lukas Pusch initiierten Formats der Antist, Zeitschrift der Wiener Avantgarde zu einer Ausstellungsbeteiligung in der Knoll Galerie Wien, Gumpendorfer Str. 18, Vernissage am 08.11.2017, 19:00 Uhr eingeladen, um dokumentierendes Material dieser in Wien durchgeführten Performance auszustellen, wie dies vergleichbar auch zuvor schon unter dem Leittitel Handlungsanweisungen in der Kunst in der Galerie Eigenheim in Berlin vom 13.05. bis 10.06.2017 sowie in Weimar vom 18.08. bis 13.10.2017 der Fall gewesen ist. Sehen Sie hierzu auch die folgenden Einträge im Web-Archiv:
https://web.archive.org/web/20171026175057/http://www.knollgalerie.at/preview.html
https://web.archive.org/web/20170524053501/http://galerie-eigenheim.de/

Zwar bedarf es gemäß der nach Artikel 17a des Österreichischen Staatsgrundgesetzes und Artikel 13 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union zugestandenen Kunstfreiheit und in Österreich damit unmittelbar geltendem Recht keiner etablierten Formensprache, wir können in diesem Fall dennoch auf die lange Tradition dieser Kunstgattung auch in Österreich verweisen. Stellvertretend sei hier auf die Trägerin des Großen Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich, VALIE EXPORT, den Träger des Großen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich, Peter Weibel sowie den Träger des Großen Goldenen Ehrenzeichens mit Stern des Landes Steiermark, Günter Brus verwiesen. Letzterer ist ebenfalls beteiligter Künstler besagter Ausstellung in der Knoll Galerie Wien. So formulierte der Karikaturist und langjährige Präsident der Akademie der Künste Berlin, Klaus Staeck, zum möglichen Wirkungsraum von Kunst treffend: „Die Kunst findet nicht im Saale statt.“

WÜRDIGUNG
Im Verhalten der beteiligten Polizeibeamten am 11.10.2017, um 11:01 Uhr, am Stephansplatz in Wien, sehen wir einen nicht hinnehmbaren Übergriff auf die Kunstperformance Hasskäppchen von Daniel Chluba, da es eine empfindliche Einschränkung der Kunstfreiheit und in diesem Fall zusätzlich einen Verstoß gegen ausformuliertes Recht eines Untergesetzes darstellt.
Auch aus Gründen der Rechtssicherheit müssen wir Sie insofern auffordern, nicht nur die Strafverfügung zurückzuziehen, sondern sich auch beim Künstler, Herrn Daniel Chluba, für diesen Übergriff zu entschuldigen.

Ferner müssen wir monieren, dass die ersatzweise im Falle von Uneinbringlichkeit angedrohte Haftstrafe bereits grundsätzlich gegen Artikel 1 des 4. Zusatzprotokolls der Europäischen Menschenrechtskonvention verstößt, denn hierin ist ein Verbot der Freiheitsentziehung wegen Schulden verbrieft.
Da diese Regelung mit Ihrer angedrohten Höhe von 9 Tagen und 8 Stunden Ersatzhaft gegenüber der verhängten Geldstrafe in Höhe von € 100,-, abzüglich € 0,36 für 49 min erlittener Vorhaft, insgesamt also noch € 99,64, zudem jeden Verhältnismäßigkeitsgrundsatz verletzt, bitten wir Sie, diese Regelung insgesamt zur Nichtigkeitsprüfung und Herstellung einer menschenrechtskonformen Rechtsordnung dem Österreichischen Verfassungsgerichtshof vorzulegen.

SCHLUSSBEMERKUNG
Abschließend zeigen wir an, dass Herr Chluba geplant hat, die Performance Hasskäppchen am 06.11.2017 in der Zeit zwischen 11:00 und 12:00 Uhr erneut auf dem Stephansplatz in Wien stattfinden zu lassen und hierüber auch Presse- und Medienvertreter informiert werden.

Mit freundlichen Grüßen,

gez. erwin liedke [member of board, artLABOR e.V., Berlin]

Jonathan Meese – kurzweilig und dogmatisch

Es ist gut, dass an diesem goldenen Herbst Sonntag-Mittag immer auch der Hauch des Hofnarren mitschwingt, wenn Jonathan Messe, begleitet von seiner Mutter und Ratgeberin, Brigitte Messe, sowie Intendant Thomas Oberender im Foyer des Berliner Festspielhauses mit Pressevertretern durch die von ihm errichteten Installationen wandelt, die seine Opernregie bei „Mond-Parsifal Beta 9-23″* flankieren. Unterstrichen wird seine Rollenbesetzung dabei durch zahlreiche Anleihen an eine Stand-Up Performance.
Wollte man diese Rollenzuschreibung nicht zugestehen, blieben allerdings inkonsistente Eindrücke zurück.


Jonathan Meese, Mutter Brigitte Meese sitzend links

1970 in Tokio geboren, nach der Trennung der Eltern im Alter von 3 Jahren als nur englisch sprechender Knirps mit erheblichen Anpassungsschwierigkeiten nach Deutschland übergesiedelt, ist Jonathan Meese von seinen Positionen äußerst überzeugt und sieht sich dabei gar in Nachfolge von Galileo Galilei, dem zu seiner Zeit auch nicht geglaubt wurde, dass die Erde keine Scheibe, sondern eine Kugel ist, wie Meese an geeigneter Stelle anmerkt. Ihm geht es bei diesem Selbstvergleich um die Irrtümer. Heutige Irrtümer identifiziert er in Parteien, in Politik, in Demokratie, in Religionen.
Parsifal ist der Retter. Und am Ende bleibt nur die Kunst.

Meese lässt sich zunächst ausgiebig darüber aus, wie die Trennung der Bayreuther Festspiele von ihm 2014 vonstatten ging und, dass es sich um eine gegen ihn gerichtete Intrige handelte. Er wurde eingeladen und sollte alle Freiheiten haben, die ein Künstler haben könne. Als sich der erste Ansatz, für ein Frühwerk Wagners das Bühnenbild zu machen, zerschlagen hatte, kam das „Riesenangebot“, für den „Parsifal“ sowohl Bühnenbild und Kostüm als auch die Regie zu übernehmen, begleitet von einer Ausstellung im Haus Wahnfried. „Und plötzlich: Eis, […] Eisgesichter, Angst.“ Die Pläne seien nicht finanzierbar und nicht realisierbar, hieß es. Seine Anregungen, die Finanzierung durch Sammeln mit dem Hut in der Berliner Paris-Bar oder auf eigene Kosten sicher zu stellen, wurden von Katharina Wagner mit der Begründung abgelehnt, dass man so etwas auf dem Grünen Hügel nicht machen würde. Als Gesamtkunstwerk, evolutionär inszeniert, wollte er den „Parsifal“ realisieren. Und mit „Liebe“, wie er an verschiedenen Stellen immer wieder zur Selbstversicherung und auch als Distinktionsmerkmal denjenigen gegenüber in Stellung bringt, die in und um Bayreuth nicht so wollen oder wollten wie er.
(Weiteres hierzu im DLF)

Und dann zeigt sich die Abrechnung mit Bayreuth nicht nur verbal, sondern nahezu über den gesamten 1. Stock des Berliner Festspielhauses verteilt, wo er u. a. drei begehbare Sperrholzboxen ohne Decke und vierte Wand errichtet, mit Videos und bemalten aufblasbaren Objekten, Helmen, Plastikblumen, Kuscheltieren, Kinderbadetüchern etc. arrangiert und u. a. als „Fischbude Bayreuth“ und „Wursttheke Bayreuth“ markiert hat. An der zentralen Wand des Erdgeschoss-Foyers kulminieren schließlich die verschiedenen Linien seines im gesamten Haus auskragenden Kosmos auf Leinwand. Ähnlich sprunghaft wie seine gesamte Performance sind auch die Leitmotive, die sich zum Teil an anderer Stelle als Meeses Dogmen entpuppen: „Kunst ist gleich Liebe“, „Kunst ist gleich Wurst“, „Kunst ist gleich Mond“, „Kunst ist ungleich Politik“, „Kunst ist ungleich Ich“, „Kunst ist gleich Demut“, „Kunst ist gleich S.T.U.N.K.“, „Kunst ist gleich Hmmmm“, „Kunst ist ungleich Lifestyle“ und „Kunst ist ungleich Kultur“.

Eine regelrechte Tirade ergeht über diejenigen, die in Talkshows auftreten und nicht wie er sich diesen verwehrt haben. Auf die Frage, ob er denn Christoph Schlingensief, den er zuvor wertschätzend erwähnte, insofern auch als einen Kultur-Affen qualifizieren würde, antwortet er: „Der hat damit gespielt, mal Kulturaffe, mal Kunst. Also der konnte das auch aushalten, das hat der auch ausgefüllt, der musste in Talkshows gehen. Der hatte ein anderes Anliegen. Also das kann ich so nicht. Also ich geb dann ja auch so alles, ich würde ja den Rahmen auch sofort sprengen. Ich bin ja viel härter als Kinski, weil ich sag ja keinen Unsinn, sondern das ist ja alles fundiert und gegen bestimmte Sachen gerichtet.“

So ist seine gesamte Performance gespickt von Bashings: gegen die Wagnerianer, gegen die Talkshow-Affen, gegen Parteien, gegen die Politik, gegen Religionen, gegen jede Ideologie. Auf Nachfrage bekommt auch Joseph Beuys noch sein Fett weg, denn mit seinen politischen Aktionen durch Gründung der Studentenpartei und Mitbegründung der Grünen habe er einen radikalen Fehler begangen und ist daran auch zugrunde gegangen. Das war Hochverrat an der Kunst, so Meese. Nicht nur kriecht hier aus Meese eine an Adorno angelehnte, erzkonservative Kunstselbstbegrenzung hervor, sie ist vielmehr selbst Ideologie, die er an anderer Stelle so vehement ablehnt. Und sie steht nebenbei bemerkt auch nicht im Einklang mit Grundsatzurteilen des Bundesverfassungsgerichts, das nur einen offenen Kunstbegriff als tauglich befunden hat, um der menschenrechtlich und grundgesetzlich verankerten Kunstfreiheit gerecht werden zu können (BVerfGE 67, 213). Vermutlich wähnte Meese bei Beuys zwar nur einen besonders großen Verrat, denn Hochverrat bezeichnet grundsätzlich einen anderen Sachverhalt, offen bleibt bei diesem Ansatz jedenfalls, was an Kunst eigentlich zu verraten sei.
Ob sich das bei Meese darin findet, dass er schließlich Kim Jong-un zum einzigen „Typen“ erklärt, der noch sein Volk formieren könne, der aus seinem Volk noch Kunst machte, bleibt ebenso ungeklärt wie auch die Frage, wie im Raum der Politik, die nach seiner Dogmatik nie Kunst sein kann, mit Kims Handhabung seines Volkes Kunst entstehe.

Sollten Vertreter überkommener Strukturen schon einmal mit dem Gedanken konfrontiert gewesen sein, durch Künstler oder deren Arbeiten herausgefordert oder gar in Bedrängnis gebracht zu werden, so haben sie von Jonathan Meese wohl eher nichts zu befürchten. Er beschränkt sich mit seinen Materialien, Parolen, Gegenständen und Aktionen auf eine hinlänglich bekannte und tradierte Formensprache der Moderne und lädt plakative Slogans allenfalls verbal mit großem Wort und großer Geste auf. Wenn Thomas Oberender mit Bezug auf den Kontext der Veranstaltung „Immersion“ herausstellt, dass es keinen Raum schaffenderen Künstler als Jonathan gebe, dann entfalten die dargebotenen Werke diese Dimension jedenfalls nicht. Vielmehr liegt über fast allem der Geruch der Abrechnung einer berechtigt oder auch unberechtigt gekränkten Seele mit der Wagner-Institution Bayreuth.

Aber wie eingangs mit der Rollenzuschreibung angesprochen, muss man diese Konsistenzlücken auch nicht in den Blick nehmen.
Vielleicht bleibt dann am Ende seiner Presse-Performance kurzweiliges Entertainment.

*MONDPARSIFAL BETA 9–23 (VON EINEM, DER AUSZOG DEN „WAGNERIANERN DES GRAUENS“ DAS „GEILSTGRUSELN“ ZU ERZLEHREN…)
Oper von Bernhard Lang nach Richard Wagners „Parsifal
Musikalische Leitung: Simone Young
Regie, Bühne und Kostüme: Jonathan Messe
Auftragswerk und Produktion Wiener Festwochen, Koproduktion Berliner Festspiele / Immersion

Devices of Effective Surveillance | Instrumente zur effektiven Überwachung

Die transmediale 2015 ist ein interessantes Beispiel dafür, dass Empörung und Verhaltensänderung nichts oder nicht viel miteinander zu tun haben müssen. Möglicherweise ergibt sich aus Kritik und verbalisiertem Widerspruch gar eine System-Bestätigung denn eine Veränderung oder Modifizierung.

Oder muss man die folgende Beobachtung völlig anders einordnen?

Foto: © TransmedialeFoto: © Transmediale

Angesichts der Enthüllungen im Zshg. der Snowden-Dokumente seit Juni 2013 gibt es fast selbstverständlich im Programm der transmediale 2015 ein Panel mit dem Namen ‚Freedom of Information in Reverse‘. Vielleicht mag man es für ein Kunstfestival, dass sich auch aktuellen Fragen widmen möchte, etwas verspätet finden, aber immerhin. Auf dem Panel finden sich die US-Amerikanischen Whistle-Blower William Binney, Thomas Drake und Jesselyn Radack (ebenso Anwältin der beiden Erstgenannten) sowie die Wikileaks-Mitarbeiterin Sara Harrison und der Filmemacher James Spione ein. Hochkarätig besetzt also und somit kaum vorstellbar, dass nicht auch hier die von Binney und Drake als Zeugen im NSA-Untersuchungsausschuss festgestellte enge Zusammenarbeit von US-Unternehmen wie Microsoft, Facebook, Twitter, Verizon, AT&T, CSC und nicht zuletzt Google thematisiert werden dürfte. Wenn sich das Festival mit deren Einladung die Positionen der Gäste zwar nicht zu eigen macht, so lohnt doch ein Blick darauf, welchen Umgang das Festival mit verschiedenen, von dieser Diskussion berührten Fragen findet.

Schalten wir doch dazu mal kurz in den Bereich für Pressevertreter. Seit einiger Zeit müssen sich diese nämlich bei der transmediale akkreditieren und dies nebenbei bemerkt auch kostenpflichtig. In diesem Jahr führt dies zum Ausfüllen des so bezeichneten ‚akkreditation form‘. Hierzu verlässt man allerdings die transmediale-seite und landet direkt bei Google-Doc. Wenn man den Zeugenaussagen von Binney und Drake im NSA-Untersuchungsausschuss und den sonstigen zahlreichen Veröffentlichungen im Zusammenhang der Snowden-Dokumente glauben darf, befinden wir uns somit im Vorhof der NSA. Um zu erfahren, welche Daten die transmediale nun über die bei ihrer Veranstaltung akkreditierten Pressevertreter an Google, respektive den Zeugenaussagen folgend auch an die NSA liefert, genügt ein Klick auf den Button ‚Weiter‘: Vorname, Nachname, Geschlecht, Email-Adresse, Telefon-Nummer, Adresse, Postleitzahl, Stadt, Land, Medienname, Einordnung, ob es sich um Print, Online, Radio, TV o. Presseagentur handelt, welche Position man hierin trägt, ob sich das Interesse auf die Transmediale, den Club Transmediale oder beides bezieht, und worin genau die Spezialinteressen oder wie es im Rahmen von BigData-Auswertungen heisst, die Präferenzen bestehen, Musik-, Konferenz-, Film-, Performance-Programm oder Ausstellung. Abgeschlossen wird das Ganze dadurch, dass man Auskunft darüber gibt, ob und wann man seit 2010 über die Transmediale oder die CTM (Club TransMediale) berichtet hat.

Aber wie bereits zuvor erwähnt, macht sich das Festival selbstverständlich nicht die Positionen der geladenen Gäste zu eigen. Vielleicht muss sich das Festival aber schon am inhaltlichen Schwerpunkt ‚Capture All‘ sowie einzelnen Programmpunkten des Festivals messen lassen: Devices of Effective Surveillance.

transmediale 2015, von Mi. 28.01.- So. 01.02.2015, Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 20, 10557 Berlin

Post-Prism

Man kann sagen, der Name war Programm bei der Diplom-Arbeit von Martin Wecke, die er 2014 im Fach Visuelle Kommunikation an der Universität der Künste Berlin vorgelegt hat. Die Tools auf Post-Prism.net sind operationale Interventionen und bieten interessante technische Ansätze, die die bekannt gewordenen Überwachungs-Maßnahmen von Geheimdiensten aller Länder in gewisse Schranken weisen, zumindest das Erschweren von Überwachung ermöglichen können.

Auf der Ebene ‚Hollow‘ (zu deutsch: Höhle, Aussparung) geht es dabei um die Verarbeitung von Text, auf der Ebene ‚Compost‘ (zu deutsch: Kompost) um den Umgang mit Bildern. Auf einer dritten Ebene mit dem Namen ‚Public Space‘ (zu deutsch: Öffentlicher Raum) veranschaulicht der 1986 geborene Wecke schließlich, was nicht nur für Schnüffler in offenen Netzwerken sicht- und verwertbar wird, sondern inzwischen eines der verbreitetesten Geschäftsmodelle im Zusammenhang von kostenlosen, besser gesagt ohne unmittelbare Bezahlung nutzbaren Internet-Dienstleistungen sowie Smartphone-Apps darstellt: das umfassende Protokollieren von Nutzerdaten- und verhalten und der Verkauf solcher Informationen zur Optimierung von Geschäftsprozessen aller Art.
Denn tatsächlich sind der Kreativität der Auswertung bzw. auch der Zusammenführung unterschiedlichen Datenmaterials keine ersichtlichen Grenzen gesetzt. Oftmals durchaus mit fragwürdigen Schlussfolgerungen, denn im Zshg. von BigData geht es auch um ein neues Glaubensbekenntnis, das Prognostizieren von Nutzerverhalten anhand vorherigen Verhaltens zur Optimierung des eigenen Verhaltens. In Wirtschaftszusammenhängen geht es noch um Fragen, welche Werbung dem Nutzer auf von ihm besuchten Seiten angeboten wird, vielleicht sogar, in welcher Größenordnung Produktionen beauftragt oder Unternehmenressourcen eingesetzt werden. In perfider Form kann das bei Geheimdiensten heißen, dass etwa Profile von Staats- oder Glaubensfeinden erstellt und dann mit allen anderen abgeglichen werden. Zeigen sich Ähnlichkeiten – was dabei als Ähnlichkeiten aufzufassen ist und was nicht, hängt entscheidend von den Vorgaben des Suchenden ab – befinden sich Profil-Ähnliche im Visier von Überwachung und unter Umständen auch im vorbeugenden Gewahrsam. Was das in letzter Konsequenz bedeuten kann, zeigt im Falle der USA das Gefangenenlager Guantanamo Bay eindringlich.

Die Ebene ‚Public Space‘ der Arbeit Post-Prism jedenfalls vermag dem, der sich einmal in einem von Wecke gehackten Netzwerk aufhält, deutlich die von allen aktuellen Beteiligten des Netzwerkes ‚erarbeiteten‘ Daten zu offenbaren. Fast gespenstisch wird das auch noch als ein transparenter Layer im eigenen Browser-Fenster ansichtig. Die folgenden Schemata von Wecke zeigen die Funktionsweise des Zugriffs auf.

Tool3_PublicSpace-Funktion2  Tool3_PublicSpace-Funktion3

 

Wie man mit seinem eigenen Verhalten den Zugriff erschweren kann, zeigen die beiden Ebenen ‚Hollow‘ und ‚Compost‘. Bei letzerer geht es einfach gesagt darum, ein einmal ins Netz gestelltes Bild sukzessive mit jedem Aufrufen des Bildes zu verpixeln und weiter aufzulösen, zu kompostieren bis hin zur völligen Zersetzung.

Tool2_Compost
‚Hollow‘ hingegen beschäftigt sich mit Texten, die gemeinsam im Internet verfasst werden. Legt man diese bei den bisherigen Anbietern in den wiederum ohne unmittelbare Bezahlung nutzbaren Clouds ab, so dürften sämtliche Inhalte vom Anbieter sowie von Geheimdiensten auch noch für andere Zwecke ausgewertet werden. Martin Wecke hat nun eine Verschiebung eingezogen. Bei ‚Hollow‘ werden Texte nicht mehr innerhalb eines Content-Containers verarbeitet, sondern innerhalb der URL selbst. Ein erarbeiteter Text wird über verschiedene Komprimierungs- und Codierungs-Algorithmen in eine verschlüsselte URL umgesetzt. Der erarbeitete Text, nein, jedes einzelne Zeichen des Textes ist für die spezifische URL bedeutsam.
Zur Verdeutlichung: Der Text ‚Uberwachung‘ führte gerade zur URL:
http://post-prism.net/h0110w/#/DwSwfAqgRgpgTgdwIYGMAWBXAdgc2AenCAA=
Der Text ‚Überwachung‘ führt gerade hingegen zur URL:
http://post-prism.net/h0110w/#/DwSwfAOwRgpgTgdwIYGMAWBXAdgc2AenCAA=

Zwar bringt dieser spezielle Ansatz Kommunikationserfordernisse gegenüber den am Text Beteiligten mit sich, denn wie soll sonst jemand den aktualisierten Text auffinden, als ‚Proof of Concept‘, wie Wecke seine künstlerische Arbeit einordnet, stellt es aber eine Grundlage her. Eine Begrenzung stellt zudem die Verarbeitung von URLs in unterschiedlichen Browsern dar. Zwar sehen die Internet-Spezifikationen zunächst keine Begrenzung von URL-Längen vor, in der Praxis fällt die Verarbeitung jedoch in unterschiedlichen Browsern unterschiedlich aus. Während sich mit Firefox durchaus URLs von 65.000 Zeichen Länge und damit abhängig von der Komprimierungsmöglichkeit des Textes bis zu 300.000 Zeichen realisieren lassen, verarbeitet der Internet Explorer von Microsoft nur URL-Längen von maximal 2.000 Zeichen. Apples Safari bewegt sich, so  Wecke, von der verarbeitbaren URL-Länge irgendwo dazwischen. Texte mit ungefähr 3.000 Zeichen sollten mit ‚Hollow‘ aber in jeder Browserkonstellation umsetzbar sein.

Der Code der drei Prototypen ist Open Source verfügbar, damit nachprüfbar und für eigene Projekte weiterentwickelbar: https://github.com/post-prism-net

Bild-Quellen: Dokumentation der Diplomarbeit Post-Prism, Martin Wecke, UdK Berlin, 2014

Urlaubsanträge jetzt stellen!

Die Bremer Schwankhalle fordert jetzt freischaffende Künstler auf, ihre Urlaubsreifeerklärung abzugeben, auf nicht mehr als einer A4-Seite plausibel zu begründen und eine Kostenübernahme des Urlaubs zu beantragen.

Alle zwei Monate bewilligt eine Jury, bestehend aus Mitgliedern und Gästen der Schwankhalle, eine Auswahl der Anträge bzw. eine als angemessen erscheinende Urlaubspauschale. Hier zur Orientierung eine Auswahl von genehmigten und abgelehnten Anträgen.

Nächster Abgabetermin ist der 30.08.2010.

Der Zauber-Photograph

Julius von Bismarck (Jahrgang 1983) studiert experimentelle Mediengestaltung in der Klasse von Joachim Sauter an der Universität der Künste Berlin. Und von Bismarck hat eine Rückwärts-Photographie-Maschine entwickelt, ein photographischer Hack auf eine allgegenwärtige Medienmaschinerie.
Nebenbei hat er seine Maschine als Patent angemeldet und gleich noch den Prix Ars Electronica 2008 in der Kategorie Interactive Art abgeräumt.

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artLABOR: Es ist ja ein durchaus hochtechnischer Bereich, in dem sich deine Arbeit ‚Image Fulgurator‘ bewegt. Kannst du uns den Prozess deiner Arbeit ein wenig näher bringen?

JvB: Oft habe ich die Inspiration aus der reinen Technik. Also ich belese mich über Technik oder ich bastel und habe dann technische Ideen, wo mir bewusst wird, dass man daraus etwas Künstlerisches machen koennte. Oder wo ein spezieller, neuer Effekt entsteht, der mehr als die Summe der Teile ist und wo ich versuche, diese künstlerisch zu verwerten. Und dann denke ich mir ein Konzept aus, was im Ausstellungskontext oder Stadtraum Sinn machen könnte.
Manchmal ist es aber auch so, dass ich von der anderen Seite herangehe, dass ich etwas künstlerisch spannend finde oder auch politisch oder medial mich ein Thema interessiert und ich dafür nach Techniken suche, die man benutzen könnte. Also es geht von beiden Seiten aus.

artLABOR: War dieser zweite Weg so einer, der jetzt zum Fulgurator geführt hat?

JvB: Das war ein Mischmasch. Es ging von 2 Seiten gleichzeitig, einerseits habe ich ein paar unveröffentlichte Arbeiten zuvor gemacht, die gingen technisch in eine ähnliche Richtung. Da habe ich auch mit Blitzen gearbeitet, auch mit einer Projektion, genauer einer Blitzprojektion. Und andererseits habe ich ein großes Bedürfnis, etwas medial im Stadtraum zu machen. Eigentlich kam daher die Idee, künstlerisch auf den medialen Ausverkauf des Stadtraumes zu reagieren.
Und dann lief es aus mehreren Arbeiten zusammen, die ich vorher gemacht habe. Und bling, hey, da kann ich ja meine Motivation befriedigen, indem ich die Techniken, die ich eh schon beherrsche, zu einem Objekt zusammenbastele. Die Idee war geboren und es sind mir noch gleich viel mehr Inhalte eingefallen, die man damit machen kann. Ich war aber gerade mit einem anderen Projekt beschäftigt, das heisst, ich habe erst einmal die Idee notiert und sie auch gar nicht für so sensibel erachtet. Weil ich ganz viele Ideen habe, die vielleicht, wenn man sie irgendwann mal umsetzt, etwas Phantastisches ergeben können. Aber nur, wenn man sie umsetzt.
Ja und im folgenden Semester hatte ich dann die Zeit, sie umzusetzen und je mehr ich mich mit der Idee beschäftigte, desto klarer wurde mir, was es eigentlich bedeutet.

artLABOR: Wenn ich das jetzt richtig verstanden habe, ist am Anfang dieses Prozesses schon eine textliche Niederschrift einer Idee?

JvB: Ja.

artLABOR: Ist das bei allen deiner Arbeiten so?

JvB: Eigentlich schon. Ich hab manchmal so Tage, wo ich nur nachdenke und dann schreibe ich es auf oder eigentlich – ich bin Legastheniker – in so einer Mischung aus Schrift und unglaublich schlechten Zeichnungen. Und davon habe ich ein Heft voll. Immer wenn ich Zeit habe, eine neue Arbeit zu machen oder ein bestimmtes Thema anliegt, dann durchsuche ich es danach, was passen könnte.

artLABOR: Du schreibst es also nicht digital z.b. im Laptop auf, sondern immer in einer analogen Skript-Form?

JvB: Genau, ja. Ideen in Rohform sind fast so eine Art Gehirnteil, der noch so roh ist, dass man überhaupt nicht will, dass es jemand sieht. Das heisst, das würde ich auf einem Computer gar nicht ablegen, weil mir das viel zu unsicher wäre, die Ideen zu verlieren oder sie zu vergessen.
Wenn ich mein Skizzenbuch verliere, dann ist das so ein Gefühl, als hätte ich einen Teil meines Gehirns verloren. Ich glaub, das kennt man als Kreativer generell, dass man so ein Heft als Gedächtnisstütze nutzt. Im Grundstudium hier an der UdK war das die erste Aufgabe. Besorgt euch ein Skizzenbuch, wo ihr alle eure Ideen reinschreibt. Und das habe ich gemacht. Wenn ich dieses Skizzenbuch nicht führen würde, hätte ich, glaube ich, keines meiner Projekte bisher machen können.
Das gute an einem Notizenblock ist, dass man ihn immer in der Tasche haben kann.

artLABOR: Okay, das heisst, du hast ihn jetzt auch dabei?

JvB: Heute früh hab ich mit Schrecken festgestellt, dass er nicht in meiner Tasche ist. Ich habe jetzt gerade wieder das Gefühl, dass ich ihn verloren haben könnte. Aber ich hoffe, ich find ihn wieder. So ein Skizzenblock ist auch schön zeitbasiert, weil man ja Seite für Seite vorgeht. Ach, da hatte ich doch letztes Jahr diese Idee. Dann blätter ich zurück und dann finde ich es da. Sehr praktisch.

artLABOR: Der nächste Schritt bei der Umsetzung, ist das dann so ein Experimentieren oder Spielen mit einer Grundidee?

JvB: Ja genau, man fängt an, technische Prototypen zu bauen. Und vielleicht funktioniert’s, wie man es sich gedacht hat. Eigentlich war es im Fall des Fulgurators genau so. Es hat einfach funktioniert, wie es eigentlich ganz selten ist. Bei meinen anderen Arbeiten war es eigentlich eher so, dass man beim Machen merkt, dass das eigentliche Konzept so nicht aufgeht, aber dann ein ganz neues Konzept daraus entsteht und z.b. für etwas anderes gut funktioniert. Dann muss man den Inhalt anpassen oder das Konzept anpassen an das, was man technisch erschaffen hat. Beim Fulgurator war es aber so, dass meine erste Idee sehr nah an dem war, was ich im Endeffekt gebaut habe. Von der Form sah es anders aus, als ich es mir am Anfang vorgestellt habe, aber im Endeffekt funktionierte alles noch viel besser, als ich es erhofft hatte.

obamaBerlin

artLABOR: Kannst du diese Idee, auch ohne zu dicht an die Patentfragen heranzukommen, in ein paar Sätzen zusammenfassen?

JvB: Alles, was die Grundidee betrifft, ist schon patentiert. Das Patent ist zwar noch in der Anmeldephase – und das dauert Ewigkeiten – aber ich habe es damit schon veröffentlicht. Also, die Grundidee war, durch eine Projektion ein Objekt zu verändern, in dem ich etwas projiziere und das aber nur, wenn es photographiert wird. Das wird über eine Synchronisation realisiert, dass das Bild nur dann projiziert, wenn in der Umgebung ein Blitz wahrgenommen wird. Und das wird über einen Lichtsensor gemessen. So ist sichergestellt, dass die Projektion nur dann da ist, wenn ein Blitz und damit irgendwo eine Kamera ist, bei der gerade der Verschluss geöffnet ist. Das kann man so genau timen, dass es für das menschliche Auge kaum sichtbar ist. Aber auf einem Photo.

artLABOR: …und spielt mit der Latenzzeit zwischen Blitz und Aufnahme, wo du dich quasi zwischensetzt?

JvB: Genau, es ist aber schon ein wenig komplizierter. Früher war es so: Verschlussvorhang geht auf. Blitz zündet. Dann wird die Belichtungszeit abgewartet. Verschlussvorhang geht zu.

Meine Projektion wird auch durch einen Blitz ausgelöst, da ist also keine Lampe sondern eine Xenon-Blitzröhre drin. Mein Verschluss ist immer offen und sobald ich den Blitz einer anderen Kamera bemerke, lös ich einfach meinen Blitz aus. Also, Verschlussvorhang geht auf. Der Blitz der Kamera blitzt. Ich bemerke den Blitz und verarbeite die Information. Löse meinen Blitz aus. Das passiert alles während der Verschlussvorhang offen ist. Danach geht der Verschlussvorhang zu. Das geht bis zu ziemlich kurzen Belichtungszeiten, also eigentlich geht es immer.

Allerdings haben moderne Kameras Mehrfach-Blitze, da sie Messblitze vorschalten. Die blitzen also erst mal, ohne dass sie ein Photo machen und messen die Helligkeit, damit der Blitz dem Objekt, was man photographiert, letztlich angepasst werden kann. Das sieht man mit dem Auge gar nicht. Was wie ein Blitz aussieht, sind eigentlich mehrere Blitze und wenn man sich im Millisekundenbereich bewegt, würde das dann zu einer falschen Auslösung führen. Deshalb musste ich ein Programm schreiben, das die Blitze analysiert und dann automatisch immer zum letzten Blitz auslöst.
Da ist ein kleines Programm im Fulgurator, ein Micro-Controller, der im Grunde genommen Blitze zählt und zeitlich einordnet. Und ich hab dann rumexperimetiert, damit es einfach bei allen Kamerasorten passt.

artLABOR: Du sagtest, das Ganze spielt sich im Millisekunden-bereich ab. Wie klein ist dieses Zeitfenster?

JvB: Ja, das ist sehr schön. Wenn man ein Photo mit einer normalen Belichtungszeit von meinetwegen einer 250tel Sekunde aufnimmt, kann man das als mensch gar nicht mehr wahrnehmen, eigentlich kann man fast von einer Gleichzeitigkeit sprechen. Wenn man sich allerdings intensiv damit beschäftigt und ein Oszilloskop anschließt, dann geht da natürlich eine ganz andere Zeitdimension auf. Eine Millisekunde ist eine tausendstel Sekunde und die Belichtungszeit einer Kamera meist eine 250tel. Das eigentlich Spannende daran ist, dass ein Photo ja nicht die Abbildung einer Realitaet ist, sondern nur die Abbildung eben dieser bestimmten kurzen Zeit, die aber der Wahrnehmung des Menschen nicht entspricht.
Genau das nutze ich aus, indem ich eine kurze Veränderung der Wirklichkeit vornehme, die das Photo betrifft, die Wahrnehmung des Menschen aber nicht.
Von manchen Leuten sagt man, dass sie nicht photogen sind, weil sie immer mit ihren Augenlidern auf einen Blitz reagieren, dass immer ein Auge geschlossen ist, wenn sie photographiert werden. Und das total bescheuert aussieht. Genau diesen Fehler der Photographie nutze ich aus bzw. ich zeige ihn eigentlich damit auf.

artLABOR: Wie kam es zu dieser Idee, ein im durchaus engeren Sinne Verfahren einer künstlerischen Arbeit patentieren zu lassen?

JvB: Ich kam selber nicht auf die Idee, weil ich noch nie darüber nachgedacht hatte, etwas zu patentieren. Man lässt ja etwas patentieren, wenn man damit Geld verdienen will und meistens auch, wenn man schon Geld hat. Es ist nämlich sehr teuer, etwas zu patentieren. D.h. eigentlich kam es für mich gar nicht in Frage. Ich hab eigentlich im industriellen Sinne gar nicht vor, damit Geld zu verdienen, sondern sehe meine Maschine eher als Objekt, als technischen Kommentar. Also kein Produkt, das verkauft werden kann. Und dafür sind Patente eigentlich da. Aber ich hab’s einem Professor gezeigt und der hat gesagt: das musst du sofort patentieren.

artLABOR: …Joachim Sauter?

JvB: Ja, genau. Sonst benutzt es jede Guerillia-Marketing-Agentur, um überall Werbebotschaften zu streuen. Und dagegen hilft natürlich ein Patent.
Dann hat er einen Kontakt zu einem Anwalt hergestellt. Und es gibt in Deutschland auch eine Verfahrenshilfe, wo einem, wenn man kein Geld hat, bzgl. der anfallenden Kosten geholfen wird. Deshalb war es für mich letztlich nicht teuer.

artLABOR: Ist das vergleichbar mit Prozesskostenhilfe?

JvB: Ich glaub‘ schon, wahrscheinlich. Ich hab das selbst nicht beantragt, sondern der Anwalt hat das gemacht.

artLABOR: Und Joachim Sauter, in dem Sinne ja ein Vertreter der Universität, dein Lehrender, hat dir da schon sehr stark unter die Arme gegriffen?

JvB: Der Patentanwalt ist auch der seiner Firma art+com. Wir sind da zusammen hingegangen.

artLABOR: Ist das das erste Mal gewesen, dass aus seiner Klasse etwas patentiert worden ist.

JvB: Ich weiss nicht genau. Ich glaube aber, dass es in Zukunft öfter passieren könnte. Problem ist aber, dass patentierte Sachen und universitäres Arbeiten nicht so gut zusammengehen. Wenn man an der Uni arbeitet, zumindest wird uns das hier nahegelegt, soll man sehr offen arbeiten und schon während des Produktionsprozesses öffentlich dokumentieren. Ich hab es zum Glück aus Faulheit nicht gemacht. Wenn man nämlich etwas veröffentlcht hat, darf man es nicht mehr patentieren.

artLABOR: Wenn man die Perspektive eines Patentes aufgezeigt bekommt, ist man dann versucht, alles erst einmal zu verschließen?

JvB: Das ist eine Sache, die mich stark behindert und bedrückt, für viel Bauchschmerzen gesorgt hat. Diese Angst, dass meine Idee schadhaft genutzt werden kann. Oder jemand anderes damit Millionen verdient und ich keinen Pfennig davon sehe. Ich weiss zwar nicht, ob man damit Millionen verdienen kann, aber vielleicht hat ja jemand eine Idee, wie man das machen kann. Ich hab zwar jetzt dieses Patent, aber kein grosses Budget und keine Anwalts-Armee, mit der ich Großunternehmen verklagen könnte.
Ich hab es dann im Internet veröffentlicht, ohne zu ahnen, dass es gleich einen Riesen-Boom gibt. Es hat ja den Ars Electronica-Preis gewonnen und so wurde es da veröffentlicht, aber nicht mit einer detaillierten Beschreibung. Da ich aber nicht wollte, dass diese grobe Beschreibung andere Leute zu Nachbauten inspiriert und die dann denken, es wäre ihre eigene Idee gewesen, habe ich mich dann entschlossen, es gleich vollständig mit einer technisch detaillierten Beschreibung zu veröffentlichen. Um damit auch klar zu machen, dass ich der Autor bin. Dann kam es zu einer recht großen Reaktion im Internet, haufenweise in technischen Blogs und Leute haben es nachgebaut. Und da hatte ich schon ein wenig dumpfes Gefühl und Bauchschmerzen. Oh Gott, was machen die alle mit meiner Idee. Andererseits ist es natürlich auch ein Zeichen für Erfolg. Dass man etwas Wichtiges erfunden hat, wenn plötzlich viele Menschen etwas damit machen wollen oder es nachbauen.

artLABOR: Du weisst also von verschiedenen Leuten, dass sie nach dieser Anleitung das Gerät mit ihren technischen Möglichkeiten umgesetzt haben?

JvB: Wenn man es ganz einfach hält, ist es auch wirklich einfach nachzubauen. Mit ganz normalen Phototeilen erhält man ein funktionierendes Gerät, dass aber nicht wirklich brauchbar ist. Es funktioniert dann eher wie ein physikalisches Show-Experiment in der Schule. Um es wirklich zu benutzen, muss man schon noch einiges mehr machen. Also, das Grundprinzip habe ich zwar ausdrücklich beschrieben, aber in meinem jetzigen Gerät ist schon technische Raffinesse drin, die das Ganze erst gut funktionieren lässt.
Mein ursprünglicher Ansatz war übrigens, eine fertige Bauanleitung ins Internet zu stellen. So, dass Leute damit arbeiten können oder Aktivisten damit Aktionen machen können.

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Aber dann wurde mir bewusst, dass es damit auch für jede Firma offen ist, die damit kommerziellen Schindluder treiben könnte. Also wollte ich um jeden Preis vermeiden, dass ich eine neue Möglichkeit schaffe, Leute noch mehr durch Werbung zu nerven. Deshalb zunächst die Entscheidung: Es wird kein Open-Hardware Projekt.
Es gibt natürlich auch Creative Commons, was derzeit immer beliebter wird. Vom Prinzip kann man da ja bestimmte Rechte vergeben und andere nicht, also die Rechtestruktur designen. Das Problem ist, dass sich das nicht unbedingt mit dem Patentrecht verträgt. Z.b., was passiert, wenn ich Rechte durch ein Patent gesichert habe und dann einzelne über Creative Commons wieder freigebe? Ist dann das ganze Patent ungültig oder nur dieser einzelne Bereich?

artLABOR: Man könnte eine Freigabe ja auch so regeln, dass man bestimmte Nutzungen, auch widerrechtliche Nutzungen nicht verfolgt, hingegen, alsbald es kommerziell genutzt wird oder in einer Weise, wie man es nicht möchte, man es dann eben verfolgt.

JvB: Ja, so würde ich es sowieso handhaben. Mit Creative Commons wäre aber für Leute, die es nutzen wollen, gleich klar ersichtlich, werde ich oder kann ich verklagt werden oder eben nicht. Und momentan ist es so, dass sie zu mir kommen und um Erlaubnis fragen müssten. Und ich kann es nicht grundsätzlich erlauben für unkommerzielle Nutzungen, weil das im Patentrecht nicht vorgesehen ist.

artLABOR: Im Trailer auf der Projekt-Site sieht man die Einblendung einer Textbotschaft. Es wäre doch sicher auch möglich, jede Form von Bild zu projizieren, also etwa, dass man hinter dem Brandenburger Tor plötzlich Alpen zu sehen bekäme?

JvB: Alles was man photographieren kann, kann man auch im Fulgurator nutzen. Es hängt grundsätzlich von der Qualitaet des Objektes ab, auf welches man projiziert. In den Himmel kann man nichts machen, weil es da einfach verloren gehen würde. Es muss schon irgendeine Fläche geben. Wenn die Fläche z.b. grau ist, kann man darauf wirklich gut Bilder projizieren. Wenn die Fläche zu hell ist, dann kann man nur wenig erkennen, weil sie schon sehr hell belichtet wird. Ist sie sehr dunkel, wird sehr viel Licht geschluckt, dann kann man auch nur noch sehr plakative Sachen machen. Es gibt aber auch Lichtsituationen, wo man einen Menschen irgendwohin projizieren kann, der aussieht, wie ein echter Mensch. Es hängt also sehr von der Situation ab.
Ich arbeite inzwischen mehr mit Symbolen, weil sie eingänglicher sind und auch spannendere Assoziationen entstehen, als wenn ich mit einem Text arbeite. Aber im Prinzip kann man alles machen.

artLABOR: Bleiben wir bei dem Beispiel des Brandenburger Tors, welches ja Durchlässe hat. Könnte man, wenn man vorher ein Bild so gestaltet, dass die Durchgänge verschlossen sind, ein geschlossenes Brandenburger Tor herstellen?

JvB: Nein, die Durchgänge sind ja Luft und auf Luft kann ich nicht projizieren. Es ist auch eine Frage, wie nah der Fulgurator am Photographen dran ist. So kann man sogar etwas auf eine Menschenmenge projizieren. Das geht aber nur, wenn der Fulgurator da ist, wo der Photograph steht, weil es sich dann nicht verschiebt. Sofern im Winkel ein Unterschied besteht, muss es immer eine ebene Fläche sein, auf die ich fulguriere

artLABOR: Du hast eben sogar eine verbalisierte form des Begriffes benutzt…

JvB: …ja, fulgurieren.

artLABOR: Was hat der Begriff für einen Ursprung oder ist es ein Kunstwort?

JvB: Es ist eigentlich eine Übersetzung ins Lateinische. Fulgus heisst Blitz, Fulgurator heisst Blitz-Schleuder oder Blitz-Schleuderer. Und Image-Fulgurator dementsprechend Bild-Blitz-Schleuder. Und das macht es eigentlich. Es schiesst Bilder mit einem Blitz, anstatt dass es sie einfängt. Für mich ist es auch eine Art Rückwärts-Photograph. Der erste Name war auch Rückwaerts-Kamera.

artLABOR: Gab es Diskussionen, ausgelöst aus dem Spannungsfeld zwischen dem technischen Verfahren einerseits und dem Schutzbereich der künstlerischen Arbeit andererseits?

JvB: Das ist tatsächlich ein spannender Punkt. Weil es auch mein Arbeiten ganz gut beschreibt. Bei anderen Arbeiten von mir gibt es ähnliche Probleme, dass sie z.b. nicht so direkt in die Kunstwelt einzuordnen sind, weil sie nicht so funktionieren, wie ein ’normales‘ Kunstwerk, demnach auch nicht so einfach in einer Galerie verkaufbar sind. Andererseits auch nicht unbedingt als technische Erfindung patentierbar sind. Denn, um etwas patentieren zu können, muss eine Erfindung einen Sinn haben. Kunst ist aber oft auf den ersten Blick aus einer wirtschaftlichen Sicht sinnlos. So gibt es Sachen, die machen für mich zwar als Kunstwerk keinen Sinn, als wirtschaftliche Erfindung oder als Produkt auch nicht, aber für mich schon. Beim Fulgurator weiss ich noch nicht genau, in welche Richtung es da gehen wird. Aber gerade Objekte, die so zwischen allem stehen, finde ich spannend. Und ich hoffe, dass es für solche Sachen in Zukunft auch einen größeren Markt gibt. Einer, der auch künstlerisch ist.

artLABOR: Haben sich schon Unternehmen, Geheimdienste oder auch Militärs bei dir gemeldet?

JvB: Guerillia-Marketing Agenturen haben sich bei mir gemeldet. Ich habe mich zum Teil auch mit denen getroffen, um mal zu hören, was sie sich vorstellen. Die kamen ganz schnell, die waren eigentlich die ersten, die sich gemeldet haben. Dann hat sich aus den USA ein Porno-Produzent gemeldet, der das ganze vertreiben wollte. Natürlich hab ich auch Angst, dass sich viele Leute nicht gemeldet haben und jetzt an ihrer finanziellen Auswertung arbeiten, ohne es mir mitzuteilen. Es haben sich auch Leute gemeldet, die gesagt haben: Wir wollen es nachbauen, unkommerziell für private Zwecke – das dürfen wir trotz deines Patentes – dürfen wir? Nett, dass ihr es mir gesagt habt, ich kann es euch ja eh nicht verbieten.

artLABOR: Also fuer private Zwecke kann man es nachbauen?

JvB: Erst, wenn jemand damit Geld verdient oder an die Öffentlichkeit geht, kann ich etwas dagegen machen. Militärs haben sich aber noch nicht gemeldet.

juliusvonbismarck2

artLABOR: Was sagst du Leuten, die dir Manipulation vorwerfen?

JvB: Genau das mach ich und das ist auch mein Ziel. Ich setze dem gesamten Medienapparat, den man sich als einen großen Scheunendrescher vorstellen kann, der Bilder einsaugt und hinten zusammen mit einer Aussage verbrämt den Menschen unterjubelt, etwas voran. Ich füttere diese Medienmaschine, meine Manipulation stelle ich also ganz vorn an.

Artwork: Image Fulgurator, Apparat zur minimal-invasiven Manipulation von Photographien.
Artist: Julius von Bismarck
web: http://www.juliusvonbismarck.com/fulgurator/

‚Contergan-Film‘ – Hanseatisches Oberlandesgericht ändert Urteile des Landgerichts Hamburg weitgehend ab

Nachfolgend der Wortlaut der Pressemitteilung vom 10.04.2007 der Gerichtspressestelle des Hanseatischen Oberlandesgerichtes Hamburg:

Der Pressesenat (7. Zivilsenat) des hanseatischen Oberlandesgerichts hat als zweite Instanz heute in vier einstweiligen Verfügungsverfahren zum so genannten ‚Contergan-Film‘ Urteile verkündet und diese mündlich – wie folgt – kurz begründet.

Firma Grünenthal GmbH
Der Senat hat in den Verfahren der Firma Grünenthal GmbH gegen die Zeitsprung Film u. TV Produktion GmbH bzw. den WDR (Aktenzeichen 7 U 141/06 und 7 U 143/06) die einstweilige Verfügung des Landgerichts Hamburg mit Ausnahme weniger Filmpassagen aufgehoben. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass die einstweilige Verfügung zu einer Zeit erging, als der Film noch nicht vorlag und dass einige der Szenen, die ursprünglich im Drehbuch vorhanden waren und verboten wurden, nicht oder verändert in den Film übernommen worden sind. Insofern hat sich die Firma Grünenthal GmbH im Ergebnis in größerem Umfang durchgesetzt, als dies nunmehr den Anschein hat.

Der Senat hat bei seiner Abwägung insbesondere berücksichtigt, dass es sich bei dem Spielfilm um ein Kunstwerk handelt, welches nicht den Anspruch erhebt, in allen Details die damaligen Ereignisse dokumentarisch abzubilden. Das der Grünenthal GmbH zustehende Recht der Unternehmenspersönlichkeit ist zudem hier von relativ geringem Gewicht, da die dargestellten Ereignisse bereits rund 40 Jahre zurückliegen und kein Mitglied der Firmenleitung aus der damaligen Zeit noch für das Unternehmen tätig ist. Daher kommt ein Verbot nur dort in Betracht, wo das Unternehmen besonders schwerwiegend in seinem Unternehmenspersönlichkeitsrecht verletzt wird.
Der Film enthält in der jetzigen Fassung Szenen, in denen dem Unternehmen zu Unrecht im Zuge der damaligen Auseinandersetzung – insbesondere mit dem Anwalt der Geschädigten – infame und skrupellose Methoden unterstellt werden. Diese Darstellung ist geeignet, die Firma Grünenthal GmbH auch heute noch schwer in ihrem Ansehen zu schädigen. Dies muss sie nicht hinnehmen. Der Senat hat daher das Verbot hinsichtlich dieser Szenen aufrechterhalten.
Eine vergleichbare schwere Persönlichkeitsrechtsverletzung enthalten die übrigen angegriffenen Passagen des Films nicht.

Schulte-Hillen
In den Verfahren Schulte-Hillen gegen Zeitsprung bzw. WDR (Aktenzeichen 7 U 142/06 und 7 U 144/06) hat der Senat das Verbot des Landgerichts Hamburg insgesamt aufgehoben. Auch hier ist darauf hinzuweisen, dass das urspüngliche Drehbuch weitere Szenen mit unwahren Aussagen enthielt, die auf das landgerichtliche Verbot hin nicht in den Film übernommen worden sind. Insoweit hat auch Herr Schulte-Hillen mit seinem Anliegen im Ergebnis zum Teil obsiegt.

Der Senat geht davon aus, dass für einen gewissen Kreis Herr Schulte-Hillen als Urbild der Filmfigur Paul Wegener erkennbar ist, wobei aber bereits durch die andere Benennung der Filmfigur aber auch durch eine Vielzahl anderer Abweichungen deutlich wird, dass es sich bei Paul Wegener um eine eigenständige Figur und nicht um ein Abbild Schulte-Hillens handeln sollte. Insofern ist er vergleichbar mit einer Romanfigur.
Da der Zuschauer trotz der Nennung des Namens des Medikaments Contergan und seines Herstellers nicht erwartet, dass „noch dazu nach Ablauf von rund 40 Jahren“ die damaligen Gespräche und Handlungen gleichsam dokumentarisch wiedergegeben werden, führt nicht schon jede Abweichung von der damaligen Realität zu einem Unterlassungsanspruch. Unter Berücksichtigung der verfassungsmäßig garantierten Freiheit der Kunst kann vielmehr nur eine schwere Persönlichkeitsrechtsverletzung zu einem Verbot führen.
Eine solche schwere Verzerrung des Persönlichkeitsbildes des Antragstellers enthält der Film nach Ansicht des Senats nicht. Die beanstandeten Szenen werden ohnehin überwiegend vom Zuschauer nicht als realitätsgetreu wahrgenommen und enthalten zudem keine Aussagen, die Herrn Schulte-Hillen (über die Figur des Paul Wegener) schwer herabzusetzen vermögen.

Gegen diese Urteile können keine Rechtsmittel eingelegt werden.

Rückfragen:
Sabine Annette Westphalen
Tel.: 040/42843-2017
Fax: 040:42843-4183
eMail: Pressestelle[at]olg.justiz.hamburg.de

+ + + Ende der Pressemitteilung + + +

WEITERFÜHREND
Contergan : bei Wikipedia
Contergan : bei Google

Der 7. Senat gemäß Geschäftsverteilungsplan
Vorsitzende Richterin am OLG Dr. Raben
Richter am OLG Kleffel (Stellv. der Vorsitzenden)
Richterin am OLG Lemcke
Richter am OLG Meyer

John Cage glaubt …

„Ich glaube, die moderne Kunst hat das Leben zur Kunst gemacht, und jetzt finde ich es an der Zeit, dass man das Leben (mit Leben meine ich hier Dinge wie öffentliche Verwaltung, gesellschaftliche Regeln und Ähnliches), die Umwelt und überhaupt alles in Kunst verwandelt, anders gesagt, sich ihrer annimmt und aus einem bloßen Durcheinander etwas schafft, das unsere Existenz erleichtert, anstatt uns alle unglücklich zu machen.“ [Richard Kostelanetz, John Cage im Gespräch, Köln: DuMont, 1991, S. 163] kunstundboden.de

Wehe, wer die Hymne wässert !

Italienischer Staatsanwalt beschlagnahmt gleich 2mal das selbe Kunstwerk

GRUNDSÄTZLICHES
Auch die italienische Verfassung [hier in deutscher Übersetzung]
gewährleistet die Kunstfreiheit durch …
Artikel 33: Kunst und Wissenschaft sind frei und können frei gelehrt werden.
Gleichermaßen verbindet die Verfassung durch …
Artikel 2: Die Republik anerkennt und gewährleistet die unverletzlichen Rechte des Menschen sowohl als Einzelperson, als auch innerhalb der gesellschaftlichen Gruppen, in denen sich seine Persönlichkeit entfaltet.
… auch mit den Menschenrechten und damit mit den darin erweiterten Garantien für die Kunst.

FALLSTUDIE
Aber der Reihe nach. Das italienische Künstlerduo goldiechiari, bestehend aus Sara Goldschmied [1975] und Eleonora Chiari [1971] wurde im Rahmen der Gruppenausstellung Group Therapy vom Bozener Museion und seiner Kuratorin Letizia Ragaglia zur Präsentation ihrer Arbeit ‚Confine immaginato‘ eingeladen. Bestandteil der Installation ist ein Zusammenschnitt unterschiedlicher Audiospuren, was zunächst einmal noch nichts Besonderes ist.
Hier aber handelt es sich nach Auskunft der Künstlerinnen um Spülgeräusche von etwa 16 unterschiedlichen Toiletten sowie um die Klänge, die Autorennsport-Fans spätestens seit Michael Schumachers zahlreichen Siegen für das italienische Ferrari-Team vertraut sind. Die Melodie des Inno di Mameli, auch Fratelli d’Italia [zu deutsch: Brüder Italiens] genannten Liedes, welches 1847 der Feder des damals 20-jährigen Freiheitskämpfers Goffredo Mameli entsprang, wenig später von Michele Novaro vertont wurde und fortan als Kampflied der Freiheitskämpfer gegen das österreichische Kaisertum diente, wurde von den Künstlerinnen elektronisch erzeugt den Wassergeräuschen beigemischt.

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Nicht leicht zu identifizieren, so Direktor Dr. Andreas Hapkemeyer, aber Allesandro Urzi, Journalist, Politiker der AN [allianza nationale] und Mitglied des Südtiroler Landtages fiel es nicht nur auf, er sah die Hymne verunglimpft.
Die nachfolgende Anzeige löste eine Besichtigung des Staatsanwaltes [Name nicht bekannt] aus und so standen umgehend Beamte [Namen nicht bekannt] mit einem Dekret vor der Tür des Bozener Museion und ließen sich eine DVD mit dem 1:30min langen Audio-File aushändigen.
Sowohl das ausstellende Museion als auch die Künstlerinnen wurden der Schmähung bezichtigt.
Nur der Richter [Name nicht bekannt] sah es anders und begründete dies u.a. damit, dass es nicht Absicht der Künstlerinnen gewesen sei, die Hymne zu verunglimpfen. Also wurde die DVD wieder ausgehändigt und in die Gruppenausstellung zurückgeführt. Eine Woche nach diesem Urteil standen erneut Beamte [Namen nicht bekannt] mit einem Dekret vor der Tür des Museion und beschlagnahmten wiederum die DVD. Diesmal stand nicht mehr die Hymne, sondern das italienische Volk im Zentrum des Schmähungsvorwurfes, angeklagt jetzt nur die Künstlerinnen, nicht mehr das Bozener Museion.

FRAGEN
Eine interessante Konstellation, die zu vielen Fragen anregt:
1. Inwiefern stehen die Menschenrechte und die Verfassung in einer hierarchischen Position zu nachgeordneten Gesetzen?
2. Inwieweit sind Richter und Staatsanwälte geeignet und legitimiert, Beurteilungen von Kunstwerken vorzunehmen?
3. Inwieweit sind Handlungen Staatsbediensteter auch an die Wahrung von Verfassungs- und Menschenrechten gebunden?
4. Wie weit sind staatliche Entscheidungsstellen ausgebildet in Fragen der Beurteilung komplexer Zusammenhänge? [siehe hierzu auch Emission Online Dissent Clearing – EODC]
5. Inwieweit dürfen sich staatliche Stellen in künstlerische Rechte einschränkende Handlungen verweben?
6. Ist es möglich, dass künstlerische Arbeiten problematische Gesetzeskonstruktionen offenbaren?
7. Inwieweit muss künstlerische Praxis als Grenzanalyse ungebunden und frei sein?

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Kann es tatsächlich um die geäusserten Vorwürfe von Alessandro Urzi oder dem Staatsanwalt gehen und was eigentlich sind Schmähungen oder Verunglimpfungen? Plakativ formuliert, könnte man sagen: Wenn man etwas in den Dreck zieht. Wird die Hymne in den Dreck gezogen? Wird das italienische Volk mittels der Hymne in den Dreck gezogen?
Nun, rund um den Globus ist wohl bekannt, worin die Funktion eines Badezimmers und im besonderen die der Wasserspülung einer Toilette besteht. Auch wenn man sicher im Zshg. des Werkes von Goldiechiari nicht unnötig die ‚Toilette‘ in den Vordergrund denken muss, so dienen die Wasserspülvorgänge, dessen Geräusche hier u.a. Gegenstand der Wahrnehmung werden, im Zusammenhang menschlicher Ausscheidungsvorgänge der abschließenden Reinigung; hier gleich in 16-facher Ausführung. Zeigt sich also an der Beurteilung durch den Rezipienten eher dessen eigene Gedanken-welt?
Immerhin sei für diesen Fall entlastend für den Rezipienten ins Feld geführt, dass im Rahmen der Installation von Goldiechiari dieser selbst den Reinigungsvorgang erst in Gang setzt.

DATEN, FAKTEN
Künstlerinnen: Goldiechiari http://www.goldiechiari.com
Titel der Arbeit: Confine immaginato [zu deutsch: Imaginäre Grenze, in english: Imagined border]
Ausstellung: Group Therapy vom 15.09.2006 – 07.01.2007
Ausstellungsort: Museion in Bozen http://www.museion.it
Museumsdirektor: Andreas Hapkemeyer
Kuratorin: Letizia Ragaglia
Inno di Mameli: http://de.wikipedia.org/wiki/Inno_di_Mameli
Anzeige durch: Allesandro Urzi [Journalist, Politiker]
1. Beschlagnahmung: 19.10.2006 [nach Künstlerangaben]
1. Gerichtsbeschluss: 06.11.2006 [nach Künstlerangaben]
2. Beschlagnahmung: 16.11.2006 [nach Künstlerangaben]

Human Rights – Artikel 27

Artikel 27
1. Jeder hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft frei teilzunehmen, sich an den Künsten zu erfreuen und am wissenschaftlichen Fortschritt und dessen Errungenschaften teilzuhaben.
2. Jeder hat das Recht auf Schutz der geistigen und materiellen Interessen, die ihm als Urheber von Werken der Wissenschaft, Literatur oder Kunst erwachsen.

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
Vereinte Nationen, Generalversammlung 10. Dezember 1948 Resolution 217 A (III)

Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Tag der Deutschen Einheit 2006

… Ich habe die Erfahrung gemacht, dass manche beim Recht, frei ihre Meinung zu sagen oder zu schreiben, eine unnötige Schere im Kopf haben, dass gleichsam die weisse Fahne gehisst wird, bevor auch nur irgendetwas zu passieren droht. Wie anders ist denn die entscheidung um die Absetzung der Mozart-Oper in Berlin zu werten? Über Geschmack lässt sich trefflich streiten. Es gibt in Deutschland auch kein Verbot, sich verletzt zu fühlen. Man muss auch nicht in eine Oper gehen. Aber über die Freiheit der Kunst, über die Freiheit der Rede, der Presse, der Meinung, der Religion lässt sich nicht streiten. Hier kann und darf es keine Kompromisse geben.


Zur Rede der Bundeskanzlerin