Koloniale Gegenwarten. Zu Milo Raus Kongo-Tribunal

Die Eingangssequenz des Filmes zeigt eine sattgrüne, üppige, wunderschön geomorphologisch geschwungene Hochebene aus der Vogelperspektive, ungeschnitten aufgenommen als extremely long shot (Panorama), wie sie ein Touristikwerbevideo nicht besser hätte in Szene setzen können. Mit dieser Master Szene, die gleichzeitig als Übersichtseinstellung (establishing shot) dient und in die alle weiteren Szenen hineingeschnitten sind, ist der Handlungsrahmen des Filmes und der Grundkonflikt des Gesamtprojektes „Das Kongo Tribunal“ benannt:

Wie ist es möglich, dass die Demokratische Republik Kongo, die zu den rohstoffreichsten Ländern der Welt gehört (Diamanten, Gold, Kupfer, Mangan, Blei, Zink und Zinn) und mit ihren Coltan-, Wolframit und Kassiterit-Vorkommen, die für die Produktion eines nahezu jeden elektronischen Gerätes benötigt werden und daher im Ostkongo seit etwa 20 Jahren zu einem Boom, manche schreiben sogar von einem Goldrausch, führten, zu den ärmsten Ländern der Welt gehört, das im Demokratieindex von 2014  auf Platz 162 von 167 lag und im Index der menschlichen Entwicklung der Vereinten Nationen 2016  auf Platz 135 von 188? 7 Millionen Toten werden seit 1996 geschätzt, die Rede ist von jahrzehntelanger Ausbeutung, Korruption und Bürgerkriegen, Importwirtschaft, Staatsverschuldung, vernachlässigter Infrastruktur, mangelnder Informations- und Pressefreiheit… Der Mapping-Report der Vereinten Nationen zählte zwischen 1993 und 2003 über 600 Menschenrechtsverletzungen im Kongo, dazu zählten Massaker, systematische Tötungen und Genozide.

Die Ein- und Ausgangsthese von Film und Projekt heißt damit: „da, wo der Erdboden am reichsten ist, und die Menschen am ärmsten“ und ist erstens als Gegenüberstellung fortan im Film nicht (mehr) zu überwinden, führt zweitens dazu aus, dass statt von einem Postkolonialismus angesichts des Neokolonialismus‘ keine Rede sein kann, dass drittens unauflösbare Verwicklungen zwischen Kolonisatoren und Kolonisierten existieren und dass viertens damit grundlegende epistemische Verschiebungen vorgenommen werden und zwar durch den Einsatz künstlerischer Mittel.

Spiegelung der Diskussionsteilnehmer im Anschluss an die Filmvorführung am 18.11.2017 an der Berliner Schaubühne.

Am Samstagabend, 18. November 2017, führte der Schweizer Theater- und Filmemacher Milo Rau im Anschluss an die Filmvorführung des „Kongo-Tribunals“ an der Berliner Schaubühne in größerer Runde dazu aus, dass er Zusammenhänge, die überkomplex und nicht darstellbar sind oder zu sein scheinen, in einen Zusammenhang, einen Raum und/oder ein Format bringt, um ihnen genau hier zu begegnen. Das sei auch die künstlerische und dramaturgische Stärke des Tribunal-Formats, mit dem er sich in die Reihe des Nürnberger Tribunals 1945–49, des Vietnam-Tribunals (1966–67, initiiert von Jean-Paul Satre und Bertrand Russell in London, Stockholm und Roskilde), des Irak-Tribunals (2003–05 in Berlin, London, Mumbai, Brüssel …, initiiert von Arudhati Roy) und des Palästina-Tribunals (2014 in Brüssel) stellen möchte. Hieran zeigt sich, dass Rau sich in Tradition derjenigen Untersuchungen sieht, die erstens von Philosophen, Schriftstellern, Friedensaktivisten und Wissenschaftlern einberufen wurden und die zweitens über keine Mittel zur Durchsetzung ihrer Beschlüsse verfügen. Die Nürnberger Prozesse (nicht Tribunal!) fallen allerdings nicht in diese Reihe, da sie durch einen eigens von den alliierten Siegermächten eingerichteten Ad-hoc-Strafgerichtshof, dem Internationalen Militärgerichtshof stattfanden, der rechtshistorisch als Vorläufer des Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien  und für Ruanda gilt.

Rau verweist auf das Fehlen eines Tribunals zum Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan und Tschetschenien und auch eines das Ruanda-Tribunal komplettierende Burundi- und Kongo-Tribunal und markiert damit die Leerstellen der (noch) zu untersuchenden Kriegsverbrechen. Hier scheiterte bisher der Internationale Gerichtshof der UN in Den Haag  ganz offensichtlich an seinem Ziel, Völkerrechtsverletzungen einem Gerichtsverfahren zu unterwerfen und damit der Straflosigkeit im Bereich von Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord ein Ende zu setzen – auch aus dem Grunde, da die USA, Russland, China u. a. die Gerichtsbarkeit des IGH nicht qua einer sog. Unterwerfungserklärung anerkannt haben, obwohl alle Mitgliedsstaaten der UN  automatisch als Vertragsparteien des Statuts des IGH gelten.

Das Kongo-Tribunal ist mittlerweile zu einem multimediales Gesamtprojekt (künstlerische Leitung: Milo Rau, Dramaturgie: Eva-Maria Bertschy) angewachsen und besteht aus einem mehrtägigen Hearing in Bukavu (Hauptstadt der Provinz Süd-Kivu, Ostkongo, am Collège Alfajiri), einem zweiten Hearing in den Sophiensälen Berlin, aus Zeichnungen von Yves Kulondwa (publiziert im Programmheft „Das Kongo Tribunal“, das zur Filmvorführung in der Berliner Schaubühne herausgegeben wurde), einem Film, einem Buch, einer Webseite und einer VR-Installation. Ungeplant hat sich in der Folge der gemeinnützige Verein „Doctivism“ gegründet, der künstlerische, soziale und politische Projekte in eine Verbindung mit dem Format des Dokumentarfilms bringen und zunächst ein erstes Folgeprojekt unterstützten will: Der kongolesische Menschenrechtsanwalt Sylvestre Bisimwa, der in dem Tribunal als Untersuchungsleiter auftrat, wird ab 2018 gemeinsam mit Prince Kihangi, Anwalt für Bodenrecht und Mitglied der Jury des Tribunals in Bukavu, nach dem Vorbild des Kongo-Tribunals fünf weitere zivilgesellschaftliche Tribunale stattfinden lassen, um über diesen Weg der Straflosigkeit in der Demokratischen Republik Kongo zu begegnen und einen Teil von bereits registrierten, aber noch nicht geahndeten Verbrechen aufzuarbeiten und zu dokumentieren. Ziel sei, bei den Betoffenen die Last zu verringern und ein Vertrauen in eine Gerichtsbarkeit zu entwickeln, um im besten Fall mithilfe der internationalen Gemeinschaft ein unabhängiges Tribunal für den Kongo einzurichten. Hierfür werden zunächst DVDs des Films mit einem Suaheli-Voiceover erstellt.

In den Hearings des Kongo-Tribunals trafen die verschiedensten Beteiligten und Beobachter im Rahmen einer inszenierten Gerichtsverhandlung und der hier verhandelten Fälle aufeinander: Umgesiedelte und enteignete Kleinbergbauern, lokale Unternehmer und Coltan-Schürfer, Lokalpolitiker und Regierungsbeamte, Polizisten und aufständische Milizionäre, Menschenrechtsaktivisten und Anwälte machten ihre Aussagen vor einer sogenannten Jury (die sich in Bukavu und in Berlin unterschied) und einem Hohen Gericht, das von Jean-Louis Gilissen, Experte für Internationales Strafrecht, vorsitzend geleitet wurde. Abwesend blieben trotz Einladung die Vertreter der abbauenden, multinationalen Unternehmen, etwa des kanadischen Start-Ups Banjo oder von MPS Alphamin. Beide Unternehmen sind von der kongolesischen Regierung für die Zeit des Minenbetriebs steuerbefreit; die gesetzlichen Regelungen (OECD-Richtlinien für sog. Konfliktmineralien, Dodd-Frank Act), die den Unternehmen, die sog. Konfliktmineralien verwenden, eine Dokumentations- und Publizitätsverpflichtung auferlegen, um sicherzustellen, dass die bewaffneten Konflikte in der DRC nicht durch Rohstoffe finanziert werden, dienten, so die Anwesenden der Hearings und der Filmpräsentation lediglich der Industrie. Außerdem fehlten Vertreter der Weltbank, deren Förderrolle in dem Komplex nicht zu ignorieren ist und (zumindest in Bukavu) Vertreter der UNO, denen vorgeworfen wird, Hilfe verweigert zu haben.

Dem anwesenden Publikum, der Zivilgesellschaft wurde abschließend die Möglichkeit gegeben, sich an der Debatte zu beteiligen. Denn: das Tribunal sollte der öffentlichen Debatte dienen und, wie es in der Erklärung der Menschenrechte und in der Verfassung der DRC verbrieft ist, eine Freiheit der Rede praktizieren. Ziel des Tribunals war, so Rau, denjenigen eine Stimme zu ermöglichen, die bisher ungehört sind: der kongolesischen Bevölkerung.

Und obwohl Rau immer wieder den symbolischen Gehalt des Tribunals betont („It is a symbolic tribunal, a court of the people and for the people, who is ultimately only responsible to the eyes of the public opinion“) und die Hearings selbst von Anweisungen des Regisseurs Rau unterbrochen werden („Ruhe bitte.“ „Aufnahme läuft“, „Action!“), also eines selbstrererenzielle Ebene in Bezug auf das Medium Film in die Wahrnehmung eingezogen wird, statt sie zu verdecken, wurden in der Folge der Innenminister und der Minenminister der DRC entlassen, zu einem späteren Zeitpunkt trat der Gouverneur der Provinz Süd-Kivu Marcellin Cishambo zurück: Ein fiktives Tribunal, das real ist und real wirkt.

Die Frage, ob es sich hierbei um Postkolonialismus oder Neokolonialismus handele, wurde bereits während des Produktionsprozesses (von Esther Slevogt und Sophie Dieselhorst) diskutiert. Denn zwischen den Kolonisatoren und den Kolonisierten sind, wie bereits Gayatrik Spivak herausarbeitete, Komplizenschaften zu beobachten: So liegt das © des Films bei der Schweizer Bernhard Lang AG (Produzent von Spiel- und Dokumentarfilme) und werden die folgenden Tribunale im Ostkongo von der Fruitmarket Filmproduktion unterstützt. Mit der deutschen Fruitmarket Kultur & Medien GmbH (Produzent von hochwertigen Dokumentarfilmen), dem International Institute of Political Murder und der Kongo Tribunal Transmedia, neu jetzt auch mit Doctivism e. V. in Gründung sind Netzwerkarchitekturen gebaut, die auf ihre Zusammenhänge zu untersuchen wären. Rau dazu: „Was wir mit dem ‚Kongo-Tribunal‘ machen, ist kapitalistischer Realismus in Reinform“ und nimmt rhetorisch klug jede mögliche Kritik vorweg. Der Soziologe Harald Welzer, der sich neben anderen (wie der Rechtsanwalt Wolfgang Kaleck) im Anschluss an die Filmvorführung an der Berliner Schaubühne äusserte, hielt sich in dem vom ihm bereits beim Berliner Hearing angesprochenen Verantwortungskomplex auf: Die „double speech“ der westlichen Gesellschaft gehe nicht mehr durch, sie falle ihr selbst auf die Füße…

Reisenotizen zu Klang-Land-(Raum)schaften

Sonntag, 19. November 2017, 20 Uhr, Berliner Sopiensäle. „Der Einlass hat begonnen!“ Kopfhörer werden verteilt, man könne ihn sich einfach überziehen, Lautstärke reguliere sich von selbst. Der große Saal ist zergliedert, MDF-Platten, knapp 3 Meter hoch, knapp 1 Meter breit, sind an Aluminiumrahmen im U-Profil geschraubt. Kabinen, Sperrungen, Unterteilungen bilden sich, locker im Saal verteilt, in unterschiedlichen Figurationen. Auf einigen Aluminiumprofilen sind Smartphones angebracht. Die etwa 50 Besucher (Zuschauer/Zuhörer) tragen ihre Kopfhörer und streifen durch den Raum, erkunden ihn.

Inmitten der begehbaren Installation eine Klangkünstlerin. Ihr Pult besteht aus waagerecht gestapeltem MDF, darauf ein Audiomischpult und ein selbstgebauter, horizontaler Saitenchor, der an einen Pianokasten erinnert. Daneben Gegenstände unterschiedlichsten Materials – Plastik, Borsten, Metall, Holz. Statt der Hebelkonstruktion beim Klavier oder der Zupftechnik bei der Harfe entsteht der Ton hier durch die zielgerichtete Begegnung der Materialien. Liegt vor ihr eine Notation? Mittelbar daneben: ein DJ mit mehreren Plattenspielern und 12-Zoll-Vinylschallplatten – weiß auf schwarz steht darauf geschrieben: Stadt (Land Fluss). Er scratcht mit der Nadel des Plattenspielers, das Vinyl ist in Abständen mit weißer Farbe belegt, die die Nadel ebenfalls abtasten muss.

    

Und überall Smartphones mit Bewegtbildern: Ein Flüchtlingslager? Dreigeschossige Container, offenbar in der Nähe eines Hafens, eines Flusses und einer Schnellstraße – Hamburg? „Stadt (Land Fluss)“. Die temporäre Unterkunft wird aus verschiedenen Perspektiven von einer statischen Kamera in den Blick genommen. Auf manchen Smartphones ist der Aufbau der temporären Architektur aus Stahl zu studieren, auf anderen das Sozialverhalten der Bewohner, Kinder spielen und in der Nähe dieser Bilder sind auch Kinderstimmen über den Kopfhörer zu hören. Eine Soundlandschaft, die sich mit den Bildern koppelt, mit Abstand zu ihnen entkoppelt und mit neuen Bildern im Raum neukoppelt. Manchmal ist eine Männerstimme zu hören, die zur Planbarkeit des Unplanbaren in der Urbanistik referiert und zur Offenheit auffordert, manchmal sind es die spielenden Kinder, manchmal Motorengeräusche vorbeifahrender Autos. Alles in Bewegung, parallel zu den eigenen Bewegungen.

In der anderen Ecke des Saales ein dritter Klangkünstler, mit Technikpult, Synthesizer und Digitaluhr, hinter ihm eine Nebelmaschine. Auf seinem Pult liegen 6 (die Anzahl sehe ich am Ende des Abends) A4-Seiten, die mein Interesse wecken. Eine minutiöse Notation von (wie ich auch erst später sehen werde) 70 Minuten. Ich denke an John Cages Kompositionen, an 4’33“, deren Länge durch das Schließen und Öffnen des Klavierdeckels bestimmt ist, alle verfügen über exakte Partituren. Und an Cages fünf „Imaginary Landscapes“, bestehend aus Geräuschen von Plattenspiegeln, Lautstärkereglern, Konservendosen, Radios, alle zwischen 1939 und 1952.

    

Neben mir montiert eine junge Frau mit einem Akkuschrauber eine MDF-Platte vom Alurahmen ab. Das Geräusch des Schraubers übertönt die des Kopfhörers. Ich nehme den Kopfhörer ab und sehe, höre und fühle den Unterschied. Wie unter einer Glocke nimmt man mit den Kopfhörern wahr, ein Grundsound, bestehend aus metallischen Geräuschen, einem Puls, Strombewegungen, Schwingungen (glaube ich), darüber je nach Aufenthalt im Raum die dazugemischten Klänge der Klangkünstler. Ohne Kopfhörer ist die Situation seltsam, denn der Raum ist still, bis auf die Geräusche der Akkubohrer, und die Besucher flanieren beinahe lautlos durch den Saal. Ich setze den Kopfhörer wieder auf, fühle mich wieder synchron mit den Ereignissen.

    

Zwei weitere Personen demontieren die MDF-Platten, die begehbare Installation wird durchlässiger, neue Blickachsen entstehen, neue Klangkorridore. Die Bewegtbilder auf den Smartphones haben sich zwischenzeitlich vertikal zweigeteilt, zeigen aber trotz Split Screen (beinahe, nur minimal zeitversetzte) zusammengehörige Handlungen. Hier wird nichts gegenmontiert, konfrontiert, parallel gestellt, die eine Bildseite ist lediglich minimal verschattet. Oder habe ich es vorher nicht bemerkt? Wird es dunkler? Im Bewegtbild? Oder im Saal? Können die rhythmisch streng angeordneten Leuchtröhren unter der Decke sich langsam runterdimmen?

Ich denke an Dan Flavins Installationen aus Leuchtstoffröhren und erinnere angesichts der von der Decke herunterhängenden elektrischen Kabeln, dass Robert Barry für seine räumlichen Installationen Drähte und Nylonfäden verwendete, aber auch akustische Frequenzen und Geräusche mit Edelgasen und radioaktivem Material herstellte. Auf der Empore des Saales sitzt, wie ich bei der Gelegenheit sehe, ein Techniker, der offenbar von oben die gesamte Klangsituation, die Induktionskopfhörer, die Lautstärken, die elektromagnetischen Klänge steuert. Tragen die herunterhängenden elektrische Kabel auch zur Akkustik bei? Sind hier ebenfalls Klänge eingespeist? Und verstärken die großen Stahlträger, die den etwa 400qm großen Saal statisch tragen? In der Ecke der Subwoofer und eine zweite Nebelmaschine. Es wird dunkler – weil die hellen Reflexionsflächen der MDF-Platten fehlen? Die Smartphones werden zu einer eigenen Lichtquelle, darunter sind kleine Lichtklammerspots angebracht. Die Besucher setzen sich mit der Zeit, auf MDF-Stapeln am Rand, in der Mitte, auf den Fußboden. Nachdem sie durch den Raum flaniert sind, finden sie nun Ruhe. Denn es stören keine Disruptionen, alles ist gleichbleibend kontinuierlich, auch die beinahe unmerklichen Änderungen, keine Peaks. Oder entziehen sie sich den immer neuen Bild- und Klangperspektiven?

Mittlerweile stehen nur noch Alugerippe im Raum, in ihnen spiegelt sich das Neolicht. Die Blickachsen zwischen den drei Klangkünstlern sind freigelegt, die drei Personen (oder sind es Performer, die szenische Abläufe einziehen?) mit den Akkuschraubern sind aus dem Bild an den Rand gerückt. Überall kleine rote Punkte der statischen und der noch immer wandernen Kopfhörer. Auch im Bewegtbild ist es dunkler geworden, jemand fegt den Platz in der Dämmerung. Oder konstruiere ich hier Zeit? Genauso, wie ich zuvor den, meinen Raum geschaffen habe? Einige Bilder werden verschwommener, der Mond scheint, es existieren also doch Interrelationen. Auch das Schreiben im Dunkeln fällt (mir) immer schwerer, ich suche nach den Klemmspots, sie reichen als Beleuchtung nicht aus.

    

Nach 70 Minuten verlassen die drei ihre Pulte, das Licht geht an, nachdem noch einige MDF-Platten mit lautem Knall zerstört werden. Ton aus, es wird geklatscht, eingeleitet von einem der drei Performer. Danach laufen die Screens weiter, Abend- und Nachsituationen sind zu sehen, auf 1:50 programmiert (ich habe den Display berührt), bei 1:40 dunkeln sie komplett ab.

Wie darüber schreiben? Wie eine Plausibilität, eine Kausalität, einen Überblick in das Gesehene, Gehörte und Bewegte bringen? Wie die Material- und Formatexperimente formulieren? … indem ich (so entscheide ich später) meine Notizen in ihrer Experimentalität und Fragmentiertet belasse – als Reisenotizen. Nein, es ist keine begehbare Installation (Museum), auch kein filmischer Raum durch die Bewegtbilder (Kino), auch keine Klanginstallation (Festival) oder eine Klangperformance (Konzert), sondern ein Oszillieren dazwischen, unentschieden entschieden bzw. entschieden unentschieden, daher auch final für einen kleinen Moment uneindeutig, ob die Anwesenden wie im Theater applaudieren oder wie im Museum nicht stören. Sie klatschen ein wenig verschämt, dann freudig, anfangs wie in der Kirche, später wie bei einer Performance.

Stadt (Land Fluss), 16. bis 19.11.2017, Sophiensäle Berlin
Künstlerische Leitung: Daniel Kötter (Bewegtbild), Hannes Seidl (Komposition)
Elektromagnetische Klänge: Christina Kubisch
Klangkünstlerin: Andrea Neumann
Turntables: Martin Lorenz
Synthesizer: Sebastian Berweck
Performance: Niklas Herzberg, Rune Jürgensen, Désirée Sophie Meul
Raum: Peter Zoller
Technische Leitung: Norbert Zacharias

Text: Birte Kleine-Benne
Fotos: Wenke Kleine-Benne

Das Reenactment eines Enactments: Der Sturm auf den Reichstag 2017

Teil 2 des Gastspiels Milo Raus in Berlin startete am 7. November 2017 um 15 Uhr auf der Wiese vor dem Bundestag.

Nachdem vom 3. bis 5.11.2017 in der Berliner Schaubühne das „erste Weltparlament der Menschheitsgeschichte“ tagte, 70 Abgeordente aus 20 Ländern zu Kriegen, Sanktionen, Migration, Drohnen, Klimaschäden, Grenzregimen, Landgrabbing, Korruption, Genoziden, Kolonialfolgen, Überwachungssoftware, Gedächtnispolitiken, Naturparks, Freihandel, genveränderten Maissorten und Antinatalismus vortrugen und über 15 Anträge abstimmten, die Teil der „Charta für das 21. Jahrhundert“ werden sollen, sollte am 7. November 2017, 100 Jahre nach der Einnahme des Winterpalasts, Sitz der russischen Zaren in St. Petersburg, der „Sturm auf den Reichstag“ stattfinden.

Wer annahm, dass hier eine politische Aktion stattfinden sollte, indem das Berliner Reichstagsgebäude gestürmt, Rechte eingefordert und ggf., wie anfänglich wohl auch geplant, den Bundestagsabgeordneten die „Charta für das 21. Jahrhundert“ übergeben würde, damit womöglich wie vor 100 Jahren ein Paradigmenwechsel in Gang gesetzt werden könne, musste enttäuscht sein: Knapp 200 Interessierte waren dem Aufruf gefolgt und fanden sich auf der Wiese vor dem Bundestag, genau genommen an der westlichen Flanke der Wiese (Heinrich-von-Gagern-Straße) mit mehr als einhundert Metern Abstand zum Bundestagsgebäude, ein, versammelten sich um einen mit weiß-roten Plakaten beklebten Kleintransporter („Demokratie für alle und alles“) , verstanden aufgrund schlechter Tonqualität zunächst erst einmal nichts, hörten dann Milo Raus Zusammenfassung der „Generalversammlung“ am Wochenende zuvor und die Aussicht auf eine „Charta für das 21. Jahrhunderts“ in etwa zwei Wochen, vernahmen die Reden einiger Abgeordneter der Generalversammlung und erfuhren nach etwa einer Stunde, dass der „Sturm auf den Reichstag“ ab Mitte der Wiese bis zum Absperrzaun vor dem Reichstag stattfände und man sich abschließend hier wieder zu einem Konzert einfinden würde.

Idee und Ziel des „Sturms auf den Reichstag“ war demnach weniger eine (politische oder soziale) Aktion mit In-situ-Potential, die bildlich dokumentiert würde, sondern hier sollte die repräsentative Dokumentation das Ergebnis sein, die die In-situ-Aktion als Bildmaterial benötigte. Gleiches Verfahren fand vor genau 97 Jahren statt, als der russische Theaterregisseur und -theoretiker Nikolaj Evreinov 1920 den Auftrag erhielt, zum 3. Jahrestag der Oktoberrevolution die Einnahme des Winterpalais nachzustellen. Der Winterpalast, der als Sitz der Regierung unter Ministerpräsident Kerensky diente (heute u. a. Sitz der Museumssammlung Eremitage), wurde in der Nacht zum 7. November 1917 von militärischen Truppen der Bolschewiki um Trotzki, Dserschinski und Stalin reibungslos und unblutig eingenommen, die Wachen legten ohne Widerstand ihre Waffen nieder, Kerenski floh, die anderen Regierungsmitglieder erklärten schriftlich, sich aus der Politik zurückzuziehen und die Regierungsgeschäfte wurden bereits um fünf Uhr morgens von den Bolschewiki unter Führung von Wladimir Iljitsch Lenin übernommen. Evreinov verlegte für sein Enactement drei Jahre später die Einnahme des Regierungssitzes in den helllichten Tag, in eine dynamische und spektakuläre Gruppenatmosphäre sowie zentral vor das Gebäude, obwohl der Haupteingang am linken Ende der Fassade lag. Mit 10.000 Mitwirkenden wurde hier eine mehrstündige Aktion theatral in Szene gesetzt und inhaltlich als „Sturm“ inszeniert und medialisiert, der ein revolutionäres Moment statt einen Putsch einiger Weniger verbildlichte. Aus der einen Fotografie des Theaterereignisses wurde durch die Publikationspolitiken in Schulbüchern, Zeitungsreportagen und Ausstellungen ein historisches Dokument, das mit Eisensteins Spielfilm „Oktober. Zehn Tage, die die Welt erschüttern“, mit Musik von Schostakowitsch 1928  zum bildlichen Gründungsmythos der Sozialistischen Oktoberrevolution von 1917 werden sollte.

Während die Oktoberrevolution mit einem Schuss aus dem Panzerkreuzer Aurora startete, begann der Sturm  auf der Wiese vor dem Bundestag mit „one, two, run“. Die etwa 200 Beteiligten, mit Fahnen und Plakaten ausgestattet und von Rau zu einem schmalen Keil choreografiert, liefen in, über und an Film- und Fotokameras vorbei und stoppten ihren Lauf laut jubelnd vor den Absperrgittern des Bundestagsgebäudes. „Komm wir machen mit, das macht doch Spaß, mal über die Wiese zu rennen“, war als ein Motiv für die Aktion zu hören, aus dem später repräsentationales Material entstehen wird, dessen Ergebnis noch unbekannt ist, dem aber die Dekonstruktion von Geschichte bereits  über das Reenactment eingeschrieben ist.

Die Dramatik kam im 5. Akt. Zu Milo Raus General Assembly an der Berliner Schaubühne

An den bekanntermaßen historisch ereignisreichen ersten Novembertagen (2007, 1989, 1974, 1938, 1923, 1918, 1917) fand in diesem Jahr an der Berliner Schaubühne am 3., 4. und 5. November 2017 die Gründungsveranstaltung des selbstinstituierten „ersten Weltparlaments der Menschheitsgeschichte“ statt.

Ausgangsmotiv für dessen Gründung war die Beobachtung, dass es neben den Lokalparlamenten auf globaler Ebene keine demokratischen Strukturen gebe, die den Weltmarkt regulieren, völkerrechtliche Verstöße sanktionieren oder ökologische Entwicklungen kanalisieren können. Diese „Leerstelle“, so der Initiator und Regisseur dieser Veranstaltung Milo Rau, müsse dringend gefüllt werden, um soziale, ökologische, technologische, kulturelle Fragen zu erörtern und mit politischen Entscheidungen zu koppeln. „Demokratie für alle und alles“, hiess somit auch einer der Untertitel der „General Assembly“, die, um die Ausstrahlungskraft des Unternehmens zu verdeutlichen und zu verstärken, an fünf weitere Orte, in das Brüsseler Théâtre National Wallonie, das Hamburger Thalia Theater, auf das Münchener SPIELART Festival, in das Pariser Théâtre Nanterre-Amandiers und in das Nationaltheater Gent (dessen Direktion Rau ab der nächsten Spielzeit übernehmen wird) per Livestream übertragen wurde.

Die Legitimierung des Weltparlaments wird in der begleitenden Publikation (bei Merve verlegt) formuliert. Hier heisst es – und dabei orientiert sich der Autor Nasir Mansoor, stellvertretender Generalsekretär des pakistanischen Gewerkschaftsverbandes und Abgeordneter der „General Assembly“, an Hannah Arendts proklamiertem, einzigen Menschenrecht, des „Rechts, Rechte zu haben“ (1949) – , dass den Menschenrechten das Recht voraus ginge, Rechte „auf Widerstand gegen Unterdrückung“, „zur Teilhabe an Öffentlichkeit und Demokratie“, „zur immer neuen Überprüfung der Menschenrechte“ und auf „Widerstand gegen das öffentliche Unglück und die Verderbtheit der Regierungen“ zu haben. Dieses „Recht, Rechte zu haben“ formuliert und manifestiert die Unmöglichkeit von Neutralität, die wiederum das Engagement für eine gemeinsame Welt, man kann auch sagen, die dessen Performanz begründen und bedürfen. Die „General Assembly“ ist somit eine konsequente Verkörperung und Performierung des Rechts, Rechte zu haben.

70 Abgeordnete aus 20 Ländern (sprachlich koordiniert von Simultandolmetschern und kommentiert von drei Autoren, den sog. „Stenographen“), darunter Wissenschaftler, Schüler, Klimaaktivisten, Kriegsopfer, Anwälte, Whistleblower und Künstler, waren von Rau eingeladen, um in fünf Plenarsitzungen zu vorab festgelegten Themen zu referieren:

1. Sitzung: Diplomatische Beziehungen, Sanktionen und Kriege, 2. Sitzung: Die Regulierungen der globalen Wirtschaft, 3. Sitzung: Migration und Grenzregime, 4. Sitzung: Cultural Global Commons, 5. Sitzung: Natural Global Commons. So informierte Ala’a Shehabi, Aktivistin aus Bahrain, dass das deutsch-britische Unternehmen Gamma International der Regierung Bahrains eine Software zur Überwachung von Regimegegnern verkauft. Der Cyborg-Aktivist Aral Balkan sprach über uns von heutigen Sklaven 2.0, denn das wirklich Relevante, die Daten, gehöre Konzernen. Cian Westmoreland, ehemaliger Drohneningenieur der Ramstein Air Base und jetziger Whistleblower, entschuldigte sich coram publico für seine Täterschaft und rief auf, Drohnen zu zivilen Zwecken einzusetzen. Maxim Shevchenko, russischer Journalist, bewertete den Balkankrieg in den 90er Jahren als eine Expansion der EU zu Lasten Serbiens. Kim Lee, polnische Drag Queen, flehte, dass die Kultur ihr Land Polen und die europäischen Werte retten müsse. Mnyaka Sururu Mboro, Aktivist aus Tanzania, forderte die Rückgabe der Schädel, die aus ehemaligen deutschen Kolonien zu Forschungszwecken unter anderem nach Berlin gebracht wurden. Über 10.000 Schädel befänden sich noch immer im Besitz der Stiftung Preussischer Kulturbesitz. Mihran Dabag, Historiker armenischer Herkunft, beklagte die Doppelmoral der deutschen Regierung hinsichtlich des Völkermordes an den Armeniern und den Herero und Nama. Dieter Gerten, deutscher Geograph, führte zum Wasser als Lebensader und zu möglichen Sparmaßnahmen aus (Konsum reduzieren, weniger Fleisch essen). Hilal Sezgin, Philosophin und Autorin, forderte, dass die Gewässer denjenigen gehörten, die in ihnen leben. Kathrin Hartmann, deutsche Journalistin, informierte über die Folgekosten der deutschen Lebensweise und rief auf, die Privilegien des globalen Nordens abzuschaffen.

In einer strikten Choreografie, die von der, auf der konstituierenden Auftaktsitzung gewählten Präsidentin und ihren zwei Vizepräsidenten, von der Menschenrechtsaktivistin Khushi Kabir aus Bangladesch, dem brasilianischen Politikwissenschaftler Diego Costa und dem ehemaligen stellvertretenden Landreformminister Namibias Bernadus Swartbooi geleitet wurden, folgten auf die 5-minütigen Referate 5-minütige Nachfragen der sieben politischen Beobachter (Armen Avanessian, Tariq Ali, Ulrike Guérot, Wolfgang Kaleck, Chantal Mouffe, Anu Muhammad und Bishof Jo Seoka) sowie der Abgeordneten. So strukturierten sich straff und rigoros die fünf drei-stündigen Plenarsitzungen, in denen die 15 vorab verfassten Anträge zu den fünf Themen inhaltlich umkreist, dann zur Abstimmung gegeben und ggf. mit einem Appendix erweitert wurden, um diese in eine „Charta für das 21. Jahrhundert“ münden zu lassen. Im Verlauf der drei Tagen wurden 11 Anträge angenommen, 2 abgelehnt und 2 für unfertig befunden.

Während sich die Inszenierung des Ablaufs an demokratischen Plenarsitzungen orientierte (die konstituierende Sitzung ein Präsidium wählte, die Stimmen ausgezählt wurden, restriktiv auf die Einhaltung der Zeit geachtet wurde, die Schlusssitzung die Beschlüsse zusammenfasste und das Präsidium für die nächsten Tage die Charta in Aussicht stellte), griff auch die Inszenierung des Raumes diese Sprache auf: Auf der Bühne waren das Podium für das Präsidium der Generalversammlung, der Arbeitstisch für die Stenographen sowie ein Stehpult für die Vortragenden angeordnet, links und rechts aber von einem sichtbaren Unterschied flankiert, nämlich den Kabinen für die Simultanübersetzer ins Deutsche, Englische und Französische sowie zwei Videoleinwänden und einem Display für die stenografischen Beobachtungen, außerdem einer fahrenden Kamera auf Stativ mit Kamerafrau. Vor der Bühne waren drei Stuhlreihen für die Abgeordneten sowie eine Anzahl von Tisch- und Stehmikrofonen installiert, seitlich davon ein Fraktionsaufbau für die politischen Beobachter, ebenfalls mit Mikrofonen ausgestattet. Hinter einer blauen Kordel dann begann der ansteigende Zuschauerraum, der im Gegensatz zu den Abgeordneten in dunkleren Lichtverhältnissen das Geschehen beobachtete und bis auf wenige Zwischenrufe und Pfiffe sich in eine stille Rolle begab. An den Wänden hingen Banner („Eine Welt – ein Parlament“, „Un mundo – Un parlamento“) und das rot-weisse Logo der General Assembly: der Schriftzug auf englisch, deutsch und französisch, eingefasst von einem halbrunden Plenum, bestehend aus unterschiedlich großen Einzelbausteine.

Fast nahm man an, sich in der perfekten Simulation einer anregenden parlamentarischen Verhandlungs- und Abstimmungssituation zu befinden, wenn nicht immer wieder Einwände oder auch Verbesserungsvorschläge zu organisatorischen Abläufen durch die Abgeordneten eingebracht worden wären (keine Dialoge, zu ungenaue Formulierung der Anträge, wer trifft die finalen Formulierungen?) und wenn sich nicht im 5. Akt am Abgeordneten Tugrul Selmanoglu, Anhänger der türkischen Regierungspartei AKP, die „Geister schieden“: seine auf Nachfrage formulierte Leugnung der Völkermordes an den Armeniern führte zu seinem Ausschluss. Nachdem zunächst unter allen Beteiligten – und hier mischte sich auch das Publikum ein – nach einer vernünftigen Lösung im Umgang mit inakzeptablen Positionen gesucht  und auch kurzzeitig metaierend thematisiert wurde, welche Gesprächsformen auch Empörungen und Emotionen zuließen, entschied Milo Rau, Selmanoglu auszuschließen, um ihm kurze Zeit später wieder Einlass zu gewähren, ihm dann aber eine Erklärung zu verwehren und er die Versammlung dann verließ. Diese Situation, dass erstens zunächst das Präsidium durch Regieanweisungen über ein Headset den Konflikt mit der Frage nach der Völkermordleugnung zuspitzte, dass zweitens im Moment des Konflikthöhepunktes nach dem Regisseur gerufen wurde, der dann fortlaufend, auch stille Entscheidungen traf und diese nachträglich erklärte, dass drittens in diesem Zusammenhang von einigen Abgeordneten die Einladungspolitik und die Sprecherverteilung kritisiert wurde (Selmanoglu hatte die Gelegenheit, an drei unterschiedlichen Tagen, in drei Sitzungen zu sprechen) und viertens bei der Gelegenheit auch gerügt wurde, dass ein weißes und männliches Team diese Veranstaltung geplant und organisiert hätte, ließ Risse in die Veranstaltung bringen, die Rau später (meines Erachtens zu Unrecht, denn hier handelte es sich um konzeptionelle und organisatorische Gründe) mit den Paradoxien des demokratischen Prozesses selbst wie auch mit dem Widerstreit von Utopie und Realität, Meinung und Fakt, Ernst und Spiel, also politisch und künstlerisch erklärte. Das mag auch die Ursache sein, dass in diesem Moment sowohl politische als auch künstlerische Kritik an Rau geübt wurde, ein Abgeordneter wiederholt in den Saal rief: „It’s just theater!“, eine Abgeordnete im Windschatten der Aufregung versuchte, gegen den zu dem Zeitpunkt abzustimmenden Antrag zu intervenieren, ein politischer Beobachter die Grundsatzfrage zur Abstimmung stellen wollte, wie mit der Leugnung von Genoziden umgegangen werden soll, im Publikum diskutiert wurde, ob die Einladung von Selmanoglu einer Dramatisierung in Form von Erregung und Empörung dienen sollte und die Grenzen zwischen Inszenierung und Publikum kurzzeitig wankte, als einzelne Stimmen forderten, dass hier gemeinsam abzustimmen sei. Diese Grenze wurde durch Raus Regieverhalten aufrecht erhalten: Rau ließ, um in der Sprache zu bleiben, die Bilder laufen und traf hinter den Kulissen die Entscheidungen.

Wolfgang Kaleck, Anwalt und Mitbegründer des European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR), wies in seiner Abschlussrede in der Schlusssitzung auf weitere Kritikpunkte hin: die Politik der Einladung wäre intransparent, das Publikum wäre nicht beteiligt, ein zu breites Themenspektrum sei (nicht) diskutiert und die Sprechzeitverteilung nicht divers genug verteilt worden. So faltete die Veranstaltung an Ort und die Stelle selbstreferentielle Perspektiven in ihre Form ein, mit der Aussicht, diese auf den nächstfolgenden Sitzungen zu berücksichtigen.

Kaleck sprach aber auch von einer konstruktiven Mischung aus „Größenwahn und staatsbürgerlicher Selbstermächtigung“. Anu Muhammad, Wirtschaftsprofessor und Oppositioneller aus Bangladesch, wies darauf hin, dass hier erstmalig eine transnationale Autorität gegründet wurde, die lokalen Widerstand mit globaler Koordinierung zu kombinieren in der Lage sein könnte. Chantal Mouffe, belgische Politikwissenschaftlerin, sprach von einer pluri- (statt uni-) versen Welt und verwies auf ihr Theoriekonzept, dass die antagonistische Demokratie (Freund-Feind) in eine agonistische Demokratie umzuwandeln wäre. Auch sie forderte Politiken von unten nach oben, so dass eine nächste Ausdifferenzierung die Bildung von Regionalparlamenten (Europas, Südamerikas, Afrikas…) sein könnte, die den Pluralismus zu erhalten in der Lage wären, um diese dann in einem „Weltparlament“ zu koordinieren. Bishop Jo Seoka aus Südafrika honorierte, dass das Theater hier den Raum gegeben hätte, sich mit dem Thema Demokratie zu beschäftigen und bemerkte, dass er robuste Debatten und reichhaltigen Input erlebt hätte, dass nicht Gewinnmargen, sondern die Menschen im Vordergrund standen und dass noch immer der Kolonialkomplex die Ursache aller Probleme sei. Er rief abschließend alle Teilnehmer auf, sich der „Charta für das 21. Jahrhundert“ anzuschließen.

Vorerst allerdings wird am 7. November 2017, ab 15 Uhr, auf der Wiese vor dem Reichstag in Berlin der Reichstag erstürmt. In einem Reenactment soll auf den Tag genau, einhundert Jahre nach dem Sturm auf den Winterpalast in St. Petersburg (1920 von Nikolai Evreinov als Fotografie inszeniert) reenactet werden, um, so die Ankündigung der Veranstaltung, neue wirkmächtige Bilder für das neue Jahrhundert herzustellen.

Nachtrag: Am 7.11.0217 teilte Milo Rau im Vorfeld des „Sturms auf den Reichstag“ mit, dass die „Charta für das 21. Jahrhundert“ in zwei Wochen fertiggestellt und, sofern die politischen Beobachter sie für vollständig befunden haben, abgeschlossen werden soll. Die „General Assembly“ soll in den nächsten Jahren in anderen Ländern fortgesetzt werden, bis dahin soll entschieden sein, wie die Abgeordneten (aus-)gewählt und das „Weltparlament“ in eine tatsächlich legitimierte Institution umgewandelt werden könne.

Performance-Kunst versus Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz

Darf eine Kunstperformance, bei der im öffentlichen Raum eine rote, knielange Pudelmütze getragen wird, tatsächlich durch die Polizei aufgrund des in Österreich jüngst in Kraft getretenen Anti-Gesichtsverhüllungsgesetzes abgebrochen werden?

Am 11. Oktober 2017, gegen 11:00 Uhr, ist auf dem Wiener Stephansplatz jedenfalls genau das der Kunstperformance Hasskäppchen des Berliner Künstlers Daniel Chluba widerfahren.

Wir haben auf Chlubas Wunsch hin den folgenden offenen Brief für ihn verfasst und als Widerspruch an die Landespolizeidirektion Wien gerichtet:

Sehr geehrte XXXXXXXXXXXXXXXXXXX,

in der bei Ihnen unter GZ: VStV/917301582729/2017 geführten Strafverfügung gegen den Berliner Künstler Daniel Chluba zeigen wir hiermit an, dass er uns in dieser Angelegenheit um Beistand gebeten und einhergehend autorisiert hat (siehe Vollmacht), Erklärungen – auch rechtlicher Art – für ihn abzugeben, nicht jedoch für ihn entgegenzunehmen.

Namens von Herrn Chluba widersprechen wir hiermit der Strafverfügung vom 16.10.2017, zugestellt am 18.10.2017, wegen behaupteten Verstoßes gegen § 2 Abs. 1 AGesVG (Anti-Gesichtsverhüllungsgesetz) nachdrücklich.

BEGRÜNDUNG
Zunächst einmal kann festgehalten werden, dass Herr Chluba sich am 11.10.2017, etwa gegen 10:55 Uhr den Polizeibeamten gegenüber als Künstler zu erkennen gegeben und seine Aktion ausdrücklich als Performance deklariert hat, in welcher er ohne weitere Bekleidung eine knielange, rote Pudelmütze trägt.
In § 2 Abs. 2 des Anti-Gesichtsverhüllungsgesetzes sind dabei eine Reihe von Ausnahmen vorgesehen, auf die hier Bezug genommen wird. Da Kunstperformances im öffentlichen Raum, zumal wenn diese nur aus einer Person bestehen, bislang allenfalls in Diktaturen anmeldepflichtig sind, muss die stattgefundene Kunstperformance Hasskäppchen des Künstlers Daniel Chluba bereits als Unterfall einer strafbefreiten, künstlerischen Veranstaltung gewertet werden. In jedem Fall handelt es sich aber um die Ausübung seines Berufes als Künstler, hier konkret als Aktions- und Performancekünstler und die durch die Polizei identifizierte Gesichtszugverhüllung durch die in der Performance zum Einsatz gebrachte Ganzkörperpudelmütze hatte somit enstprechend der Ausnahmeformulierungen in § 2 Abs. 2 AGesVG berufliche Gründe. Sehen Sie hierzu auch:
http://daniel-chluba.de

Im Übrigen ist Herr Chluba im Rahmen des von Lukas Pusch initiierten Formats der Antist, Zeitschrift der Wiener Avantgarde zu einer Ausstellungsbeteiligung in der Knoll Galerie Wien, Gumpendorfer Str. 18, Vernissage am 08.11.2017, 19:00 Uhr eingeladen, um dokumentierendes Material dieser in Wien durchgeführten Performance auszustellen, wie dies vergleichbar auch zuvor schon unter dem Leittitel Handlungsanweisungen in der Kunst in der Galerie Eigenheim in Berlin vom 13.05. bis 10.06.2017 sowie in Weimar vom 18.08. bis 13.10.2017 der Fall gewesen ist. Sehen Sie hierzu auch die folgenden Einträge im Web-Archiv:
https://web.archive.org/web/20171026175057/http://www.knollgalerie.at/preview.html
https://web.archive.org/web/20170524053501/http://galerie-eigenheim.de/

Zwar bedarf es gemäß der nach Artikel 17a des Österreichischen Staatsgrundgesetzes und Artikel 13 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union zugestandenen Kunstfreiheit und in Österreich damit unmittelbar geltendem Recht keiner etablierten Formensprache, wir können in diesem Fall dennoch auf die lange Tradition dieser Kunstgattung auch in Österreich verweisen. Stellvertretend sei hier auf die Trägerin des Großen Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich, VALIE EXPORT, den Träger des Großen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich, Peter Weibel sowie den Träger des Großen Goldenen Ehrenzeichens mit Stern des Landes Steiermark, Günter Brus verwiesen. Letzterer ist ebenfalls beteiligter Künstler besagter Ausstellung in der Knoll Galerie Wien. So formulierte der Karikaturist und langjährige Präsident der Akademie der Künste Berlin, Klaus Staeck, zum möglichen Wirkungsraum von Kunst treffend: „Die Kunst findet nicht im Saale statt.“

WÜRDIGUNG
Im Verhalten der beteiligten Polizeibeamten am 11.10.2017, um 11:01 Uhr, am Stephansplatz in Wien, sehen wir einen nicht hinnehmbaren Übergriff auf die Kunstperformance Hasskäppchen von Daniel Chluba, da es eine empfindliche Einschränkung der Kunstfreiheit und in diesem Fall zusätzlich einen Verstoß gegen ausformuliertes Recht eines Untergesetzes darstellt.
Auch aus Gründen der Rechtssicherheit müssen wir Sie insofern auffordern, nicht nur die Strafverfügung zurückzuziehen, sondern sich auch beim Künstler, Herrn Daniel Chluba, für diesen Übergriff zu entschuldigen.

Ferner müssen wir monieren, dass die ersatzweise im Falle von Uneinbringlichkeit angedrohte Haftstrafe bereits grundsätzlich gegen Artikel 1 des 4. Zusatzprotokolls der Europäischen Menschenrechtskonvention verstößt, denn hierin ist ein Verbot der Freiheitsentziehung wegen Schulden verbrieft.
Da diese Regelung mit Ihrer angedrohten Höhe von 9 Tagen und 8 Stunden Ersatzhaft gegenüber der verhängten Geldstrafe in Höhe von € 100,-, abzüglich € 0,36 für 49 min erlittener Vorhaft, insgesamt also noch € 99,64, zudem jeden Verhältnismäßigkeitsgrundsatz verletzt, bitten wir Sie, diese Regelung insgesamt zur Nichtigkeitsprüfung und Herstellung einer menschenrechtskonformen Rechtsordnung dem Österreichischen Verfassungsgerichtshof vorzulegen.

SCHLUSSBEMERKUNG
Abschließend zeigen wir an, dass Herr Chluba geplant hat, die Performance Hasskäppchen am 06.11.2017 in der Zeit zwischen 11:00 und 12:00 Uhr erneut auf dem Stephansplatz in Wien stattfinden zu lassen und hierüber auch Presse- und Medienvertreter informiert werden.

Mit freundlichen Grüßen,

gez. erwin liedke [member of board, artLABOR e.V., Berlin]

Berechtigte Angst vor Bildern

Am Abend des 15.10.2017 – drei Tage vor dem 30. Jahrestag der sogenannten Todesnacht von Stammheim  – strahlte die ARD in ihrem laufenden Programm den Tatort „Der rote Schatten“ aus. Der vom SWR produzierte Beitrag in der Regie von Dominik Graf spielt in Stuttgart, Ermittlerduo Lannert und Bootz (Richy Müller und Felix Klare) werden mit einer scheinbaren Beziehungstat konfrontiert, die sich zunächst zu einer innerfilmischen Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte und dann zu einer medialen Auseinandersetzung in BILD, Spiegel Online und FAZ ausweitet.

Der Plot ist gerade aufgrund der wiederholten Verstrickungen von V-Leuten und staatlichen Behörden wie im Fall von Benno Ohnesorg , des NSU und jüngst von Anis Amri  brisant (ein seit den 1970er Jahren für den Verfassungsschutz gegen die RAF agierender V-Mann wird bis heute von Polizeibehörden und Staatsanwaltschaft trotz dringenden Mordverdachts geschützt), soll an dieser Stelle nicht interessieren.

Interessieren sollen die den ersten 60 Minuten folgenden 10 Minuten des insgesamt eineinhalbstündigen Filmes, in der Spielfilmdramaturgie der 2. Plot Point am Ende des zweiten Aktes, der nach der Exposition (1. Akt) und vor der Auflösung (3. Akt) mit der Konfrontation den größten Akt darstellt:

01:00:05 beginnt im häuslichen Milieu ein Gespräch zwischen Kommissar Lannert und Strobel (Michael Hanemann), einem ehemaligen Mitarbeiter des LKA Baden-Württemberg, wie er sich vorstellt (und vom Drehbuch mit einem Namen zwischen Strobl und Ströbele bedacht ist), der als Ermittler nach der Nacht von Stammheim u. a. für die Untersuchungen der Zellen in der JVA Stammheim zuständig war. Strobel erzählt Lannert zunächst die Variante, dass die Wärter erpresst wurden, ihm es aber nicht gelang, sie zu überführen. Dazu werden Bilder gezeigt von der JVA Stammheim, vom siebten Stock des Hochsicherheitstrakts der JVA, auf dem die RAF-Mitglieder zusammengelegt waren, von damaligen Pressekonferenzen, von Pressematerial der Ankunft des Schahs von Persien Mohammad Reza Pahlavi auf dem Flughafen Tempelhof im Juni 1967, von den begleitenden Demonstrationen in Berlin (vermutlich vom 2. Juni 1967) gegen den Staatsbesuch des Schahs, das Pressefoto des an dem Tag erschossenen Benno Ohnesorg, Fotos von Gudrun Ensslin und Andreas Baader, Archivmaterial ihrer Gerichtsprozesse in der neugebauten Mehrzweckhalle des JVA Stammheim, kombiniert mit Tondokumenten von Ensslins Erklärungen zu den Anschlägen der RAF, die als Tonbänder im Landesarchiv Baden-Württemberg archiviert sind, die polizeilichen Fahndungsfotos von Ensslin, Baader, Meinhof und Raspe, die Inhaftierung von Andreas Baader und Holger Meins am 1.6.1992 nach einer Schießerei in Frankfurt/Main, die Inhaftierung Ensslins am 7.6.1972 in einer Hamburger Boutique, Straßenproteste gegen die Isolationshaft von Meins, dessen Beerdigung nach seinem Hungertod im November 1974 in Hamburg, Rudi Dutschkes „Holger, der Kampf geht weiter!“ an Meins Grab, Tagesschau-Nachrichten, O-Töne von Passanten auf der Straße, der Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback am 7.4.1977 in Karlsruhe, der dazugehörigen Schlagzeile in BILD: „Er lag vier Stunden in seinem Blut“, der Entführung des Arbeitgeberpräsidents Hanns Martin Schleyers am 5.9.1977 in Köln-Braunsfeld, der Entführung der Landshut am 13.10.1977, der Schleyer-Ansprache unter dem RAF-Banner, der Rede des damaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt im Deutschen Bundestag zur Rechtfertigung der Entscheidung, sich nicht von Terroristen erpressen zu lassen, der Sondernachricht des DLF am 18.10.1977, 0:38, dass die Landshut in Mogadischu/Somalia befreit worden sei und abschließend der Tagesschau-Nachricht, dass sich Baader, Ensslin und Jan-Carl Raspe in Stammheim ermordet haben und Irmgard Möller schwer verletzt sei.

Quelle: Bundesarchiv, Plak 006-001-058 / Grafiker: unbekannt >> .

Der ehemalige LKA-Mitarbeiter Strobel weist dann auf begründete Hinweise hin, dass die Terroristen in der Nacht von Stammheim abgehört wurden, demnach gewusst wurde, dass sie über Waffen verfügten: „Soll das staatlich geförderter Selbstmord sein?“ In der Todesnacht habe man mitgehört, und diesmal setzt die Kamera in 8-mm (mit beidseitigem schwarzen Rand und einseitiger Perforierung) ins Bild: Raspe, „der war Elektriker und konnte das“, spricht in ein Mikro, Ensslin, mit Kopfhörern ausgestattet, antwortet. Strobel spekuliert, dass sie zum Selbstmord aufgerufen hätte und zwar zur Mobilisierung gegen den Staat, „der letzte Tritt gegen die Macht“. Es wird gezeigt, wie eine Waffe aus einem Plattenspieler herausgelöst wird, sich Baader in den Hinterkopf schießt (01:06:36), sich Ensslin am Fenster ihrer Zelle hinter einem Vorhang erhängt, sich Raspe in die Schläfe schießt und Möller hadert – diese re-enacteten Bilder werden wiederum mit offiziellem Pressematerial kombiniert: „Der Staat hat’s gehört – und hat nichts gemacht, möglicherweise“, kommentiert der LKA-Beamte und verschluckt sich am Weisswein. „Offiziell war es 7:48, als der erste Tote, nämlich Andreas Baader beim Öffnen der Zellentüren gefunden wurde. Aber man hat’s ja vorher schon gewusst. […] Der Todeszeitpunkt von Andreas Bader wurde zwischen 0:15 und 10:15, am 18.10.77, und der von Gudrun Ensslin zwischen 1:15 und 11:55 […].“ Und wieder wechselt das Bild zu Originalaufnahmen dieser Zeit, in die Zellen, als Tatorte markiert…

„So junger Mann, wollen Sie noch was hören“, leitet der ehemalige LKA-Beamte eine zweite Version ab 01:08:17 ein, nimmt einen weiteren kräftigen Schluck und schenkt sich erneut ein. Er erzählt bis 01:10:46, dass zwei Justizbeamten in dieser Nacht Dienst hatten. Einer schlief und der andere, so weist ein als geheim deklariertes Vernehmungsprotokoll des LKA Baden-Württemberg hin, wurde kurz nach Mitteilung der Befreiung der Landshut durch ein GSG 9-Kommando um 0:05 MEZ telefonisch abbeordert, der Innenwache im langen Flügel behilflich zu sein. Wieder werden diese Erzählungen mit Aufnahmen des siebten Stocks in 8-mm ins Bild gesetzt. Strobel, erzählt, dass der kurze Flügel, in dem die Inhaftierten einsaßen, für drei Stunden ohne Aufsicht war. Auf die Frage des Kommissars, ob sie sich nun selbst getötet hätten oder ob sie getötet wurden, entscheiden sich die Bilder, letzteres zu zeigen, und zwar in einer Mischung aus Bewegtbild und Stills: Mehrere vermummte Männer stürmen durch die Stammheimer Flure, in die Zellen, bewirken zu viert Baaders Selbstmord, erhängen Ensslin gegen ihren körperlichen Widerstand, überwältigen und ermorden Raspe und verletzten Möller mit letztlich nicht tödlichen Stichwunden. Kombiniert wird diese bildliche Erzählung mit bedrohlichen Klängen (Percussion, Glocken, Trommeln, Schüssen). „Wissen Sie, dass sind alles Enden einer Geschichte, die keinen Abschluss hat.“

Diese Geschichte, die – folgt man der hegemonialen Geschichtsschreibung – sehr wohl einen Abschluss und zwar einen einzigen Abschluss hat, der bereits mit den Nachrichten am Morgen des 18.10.1977 verlautbart wurde, wird hier mit filmischen Mitteln geöffnet: Die erste Version (von 01:00:05 bis 01:08:17) ist in linearer Montageform angefüllt mit Dokumentationsmaterial (Foto, Film, Ton) und erzählt das herrschende Narrativ (nach). Mit dokumentarischen visuellen und auditiven Argumenten, das mit der afilmischen Wirklichkeitsschreibung korrespondiert, wird hier das Nichtfiktionale konstruiert. Die zweite Version (von 01:08:17 bis 01:10:46) ist ebenfalls ästhetisch mit Parametern der Authentizität ausgestattet (wackelnde Kamera, Unschärfe, Körnung, nur diegetischer Ton), hinzu kommen die Dynamik, Spannung und Vertonung eines Politthrillers. Während in der ersten Version Dokumentar- und Spielfilm (8mm) miteinander kombiniert wird, wird in der zweiten Version der Spielfilm (8mm) zur Dokumentation eingesetzt. Das bedeutet, dass die zweite Version durch die vorangehende erste Version authentifiziert und vom Fiktiven (Erfundenen) ins Fiktionale (Mögliche) überführt wird, sich so eine mögliche Wirklichkeit zwischen Fiktion und Dokumentation ereignet. Die Collage/Montage heterogener, fiktionaler und nichtfiktionaler Materialien zeigen ihre Brüche, Fugen und Kollisionen und tragen eine bruchstückhafte Konstruktion von Bedeutung vor, zumal der Film auf einen Ort zwischen Film und Wirklichkeit verweist.

Diese filmische Möglichkeit, die mit ihren Mitteln der Fiktion und Imagination die hegemoniale Geschichtsschreibung öffnet, wird nun wiederum afilmisch zu schließen versucht, und zwar von Personen, die um ihren Anteil an der hegemonialen Geschichtsschreibung bangen: Stefan Aust, Journalist und anerkannter RAF-Experte, Gerhart Baum, zur damaligen Zeit Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium, und Frank-Walter Steinmeier, seinerzeit Student der Rechtswissenschaften in Gießen und aktuell Bundespräsident, veranschlagen dafür nicht nur eine ungewöhnlich rabiate Sprache („gefährlicher Unsinn“, „Propaganda“, „unerträglich“, „unverantwortlich“) und auffällige Positionen neben der Verfassung, die mit Art. 5 Abs. 3 GG die Kunstfreiheit garantiert, sondern auch das Konzept einer Unterscheidung von Fiktion und Nichtfiktion, wie sie zwar heute noch dominiert, aber aus dem späten 18. Jahrhundert stammt.

Auf die Wirkung von Bildern wies 1994 schon der US-amerikanische Bildwissenschaftler W. J. T. Mitchell hin, der in seiner „Picture Theory“ mit dem Jahr 1991 eine veränderte Bildpolitik diagnostizierte: 1991 startete mit dem kriegspopularisierenden CNN-Spektakel von Desert-Storm im 2. Golfkrieg (abstrakt, ferngesteuert) und endete mit einem kinematografischen Re-enactment der Ermordung Kennedys, dem Blockbuster JFK–Tatort Dallas von Oliver Stone (körperlich, leiblich, intim): Zwei Ereignisse, die Mitchell als „America’s Culture Wars“ bezeichnet: „In short, for Americans who watch television news, 1991, was a year of war and publicity, not just the publicizing or representing of war, but the waging of war by means of publicity and representation.“

Diese Turning Points sowohl in der amerikanischen Geschichte als auch in der Geschichte des amerikanischen TVs nahmen mittels visueller Repräsentationen Einfluss auf die öffentlichen Diskurse. Statt noch die Berichterstattung des Vietnam-Krieges mit entstellten und verstümmelten Körpern dominieren zu lassen, verschwand seit und mit der Berichterstattung des Irakkriegs 1990/91 der menschliche Körper aus dem Bild: „This was a war without bodies or tears for the American public.“ Man hätte die Politik der Berichterstattung des Vietnam-Krieges geändert, so Mitchell, um nicht erneut die Unterstützung und Akzeptanz der amerikanischen Bevölkerung noch wie beim Vietnamkrieg zu verlieren.

Mittels einer filmischen Möglichkeit nun wird durch die Pluralisierung der Versionen in Grafs Tatort eine geschlossene Geschichtserzählung aufgebrochen und der Scheingegensatz zwischen Inszenierung und Dokumentation dekonstruiert. Daher haben Aust, Baum und Steinmeier zu Recht Befürchtungen, dass ein Mögliches in das Bildgedächtnis von 9,27 Mio Zuschauern (Marktanteil von 27,2%) einsickert und eine Revision der Geschichte versucht, indem sie zwar die eine Erzählung bestätigt, aber durch eine zweite Erzählung labilisiert.

Der Tatort ist bis zum 14. November 2017 in der ARD-Mediathek  zu sehen.

Der rote Schatten, 90 Min
Regie: Dominik Graf
Buch: Paul Grothe und Dominik Graf

Stefan Aust, RAF-Experte geht auf ‚Tatort‘ los, 15.10.2017, BILDplus >>

Gerhart Baum, Die deutsche Geschichte ist kein ‚Tatort‘, 17.10.2017, Spiegel Online >>

 

The Medium is the Montage!

Wie sich wohl die Passionsgeschichte einer Frau, in Bewegtbildern, kombiniert mit Kammer- und Vokalmusik aus dem 15. und dem 21. Jahrhundert, in einem umgenutzten Kirchenbau auswirken mag? Wie wohl die anwesenden – musikalischen, filmischen und architektonischen – Künste sich inmitten von mächtiger Religionsgeschichte behaupten können? Und wie wohl die verschiedenen Künste in ihren medialen Verfasstheiten unter- und miteinander agieren?

Diese Fragen standen nicht am Anfang des 1. ForumKonzertes des Rias Kammerchores Berlin am 20.10.2017, sondern entfalteten sich im Verlauf des Abends, als sich eine (inhaltliche, architektonische, künstlerische, religiöse, kunsthistorische …) Dimension nach der anderen zeigte:

In der evangelischen Schinkel-Kirche St. Elisabeth in Berlin-Mitte, ein Kirchenbau aus den Jahren 1832 bis 1834, 1945 durch Bombenangriffe auf Berlin bis auf die Außenwände komplett ausgebrannt und erst Anfang der 1990er Jahre nach Mauerfall gesichert und saniert, wurde der Stummfilm „La Passion de Jeanne d’Arc“ von 1928 mit Musik von Josquin Desprez und Philip Mayers aufgeführt. St. Elisabeth gehört zur Evangelischen Kirchengemeinde am Weinberg und wird seit ihrer Sanierung nicht nur als Sakralraum, sondern auch als Kulturraum genutzt. In der Apsis des Schinkelbaus, die in Maß und Form dem Vorbild altchristlicher spätrömischer Basiliken folgt und im Gegensatz zu den verputzten Außenwänden als pure Ziegelwand, also ohne Ausmalung auftritt, diente eine zentral gehängte Leinwand dem Screening als Projektionsfläche.

        © Tim Bartholomäus, 2017.

Der französische Schwarz-Weiss-Stummfilm „La Passion de Jeanne d’Arc“ aus dem Jahr 1928 in der Regie von Carl Theodor Dreyer, mit Maria Falconetti in der Titelrolle, der die Leidensgeschichte der französischen Nationalheldin Jeanne d’Arc (1412 bis 1431) ins Bild setzt und 2012 in die Top Ten der „besten Filme aller Zeiten“ gewählt, wurde musikalisch kombiniert mit collagierten Kompositionen des Renaissance-Komponisten und -Sängers Josquin Desprez (1450 bis 1521), also einem ungefähren Zeitgenossen Jeanne d’Arcs. Das Vokalquartett aus Sopran, Alt, Tenor und Bass (Stephanie Petitlaurent, Susanne Langner, Volker Nietzke und Andrew Redmond) sang in zeittypischer Kontrapunkt-Technik, vornehmlich im polyphonen Satz, manchmal mit einem Wechsel zu kurzen homophonen Abschnitten, mit emphatischer Akzentuierung und syllabischem Gesang, seltener vierstimmig. Der vokale Gesang wurde begleitet von drei Instrumentalisten des Sheridan Ensembles, dem Flötisten Gergely Bodoky, der Cellistin Anne Carewe und dem Percussionisten Oli Bott, die ebenfalls kontrapunktisch und zwar mit klanglichen, melodischen und rhythmischen Mitteln der zeitgenössischen Musik auftraten. Wenn diese nicht zwischen Gesang und Bild vermittelte und überbrückte, stach sie wie die Renaissancekompositionen als ein gemeinsames Klanggeflecht ebenso pointiert, sparsam, akzentuiert und streng in den Raum. Philip Mayers, künstlerischer Leiter dieser Aufführung, dirigierte diesen Abend und vermittelte zwischen Bewegtbild, Gesang, Musik und Klang.

Zwei Beobachtungen dieses an Erkenntnissen reichen Abends stelle ich heraus:

1 Kontext: Es war faszinierend zu beobachten, dass das Publikum auf die Re-Textualisierung des Kirchenraumes mit seiner Kirchen- und Religionsgeschichte reagierte, an der Leidensgeschichte Jeanne d’Arc Anteil nahm, die inquisitorischen Kirchenbonzen ablehnte, beim spritzenden Blut ihres Aderlasses zusammenzuckte, den Anblick ihres brennenden und verkohlenden Körpers auf dem Scheiterhaufen vermied –zusammengefasst, dass die Affekte des Publikums angesichts dieser grausamen Epoche kirchlicher Verfolgungen angesprochen waren – die Kontextualisierung des Raumes als Kultur- und Veranstaltungsraum war dann aber doch augenscheinlich übermächtig. Eine, vielleicht auch nur kurze, situative Überschreibung des Kulturraumes zugunsten des Sakralraumes bzw. der Machtarchitektur Kirchenraum fand nicht statt. Der projizierte filmische Inquisitionsprozess in der Apsis der Kirche reaktivierte und rekapitulierte nicht den Ort der Aufführung und führte nicht zu einer Auskragung des Macht-/Wissens-/Angst-/Wahrheits-/Glaubens-/Geständnis-Komplexes in den Aufführungsraum (wie er etwa von Michel Foucault auf seine diskursiven Wirkmächte hätte untersucht werden können bzw. im Ansatz in „Überwachen und Strafen“ 1975 untersucht wurde). Die Apsis blieb eine lediglich architektonische Apsis, transformierte nicht zu einem Altarraum, der ansonsten mit der Lebens- und/oder Leidensgeschichte Jesu Christi (meist als Flügelaltar gemalt und/oder mit Schnitzwerk ausgestattet oder als Kruzifix in plastischer Darstellung erzählt) aufgeladen ist.  (Da Jeanne zu ihrem eigenen Schutz in Männerkleidung auftrat, ließe sich hier auch das Gender-Thema perspektivieren, wie es Judith Butler in Fortsetzung der Machtanalysen Foucaults untersucht hat.) Hier wurde die Apsis nun kurzzeitig mit der Leidensgeschichte der „Tochter Gottes“, wie sich Jeanne in ihrem Gerichtsprozess bezeichnete, gefüllt und fand Eingang in kurzzeitige Empfindungen, Affektionen und Perzeptionen des Publikums.

Gründe hierfür waren sicher nicht nur die auf 25 Grad hochgeheizten Räume und die acht, die Raumpfeiler von unten anleuchtenden, warmen Lichtstrahler, die Kinositzordnung und der tradierte, direkte Blick des Publikums auf die Musiker und Sänger, die Rückenansicht des Dirigenten und seine 180-Grad-Drehung am Ende der Veranstaltung, der Beifall, die Verbeugung, der Abgang der KünstlerInnen… Gründe waren auch das präformative Eingestelltsein des Publikums auf eine kulturelle Veranstaltung (auf ein Filmscreening und dessen musikalischer Begleitung), ein zeitlicher und reflexiver Abstand zu den im Film geschilderten Ereignissen, deren mediale, nämlich filmische Aufbereitung – Faktoren, die im Zusammenhang museologischer Forschung, also auf die Effekte von Museologisierungen ausgerichtet, von den Curatorial Studies, also auf die Wirkungen kuratorischer Entscheidungen ausgerichtet, oder auch von wahrnehmungstheoretischen Studien aufgenommen und fortgesetzt untersucht werden könnten.

2 Intermedia: Spannend war auch zu beobachten, dass und wie Text, Bild, Film, Gesang, Musik, Klang, Architektur und Inszenierung hier aufeinander stießen und sich zueinander verhielten.

Zunächst zu den Einzelmedien: Der Schwarz-Weiss-Stummfilm, wie üblich mit eingeschobenen Texttafeln weiss auf schwarz ausgestattet (das Französische wurde synchron mit deutschen Untertiteln ebenfalls weiss auf schwarz textlich übersetzt), zeigte Bilder, die 1928 mit expressionistischen Stilmitteln gedreht wurden. Dabei wurde nicht die Lebens-, sondern die Leidensgeschichte Jeanne d’Arcs ins Bild gesetzt: der Vorwurf der Ketzerei, ihre Gerichtsverhandlung unter Vorsitz des Bischofs von Beauvais, ihre Schuldigsprechung am 19. Mai 1431 wegen Aberglaubens und Irrlehren, ihr Aufenthalt in der Folterkammer, ihr Aderlass, ihr Abschwören angesichts der drohenden Enthauptung und letztlich ihre Verbrennung und ihr Todeskampf am 30. Mai 1431 auf dem Scheiterhaufen auf dem Marktplatz von Rouen. In Hard Edge (flächig, geometrisch), starkem Hell-Dunkel-Kontrast, kontrastreicher Beleuchtung, einem wiederkehrenden Wechsel von starker Körnung und Unschärfe, geometrischer Strenge, sich wiederholenden, kommentierenden Kameraperspektiven, der Konzentration auf Gesichter und deren Mimik, übertriebene gestische Spielweisen der Darsteller etc.  wurden Jeannes Qualen seelischer, physischer und sozialer Herkunft überdeutlich inszeniert. Diese Bilder wurden mit einer mehrstimmigen, sparsamen, akzentuierten Vokalmusik kombiniert, manchmal wurden Textsequenzen des Filmes („Amen“) von den Sängern synchron aufgenommen, gesungen,  gesprochen, geflüstert. Querflöte, Cello und Percussion emotionalisierten und unterstützten, fügten zusammen und montierten, dynamisierten und entschleunigten. Die Polyphonie des Gesangs wurde mit expressiven Mitteln der Neuen Musik, mit deren Klangfarben, Rhythmus und Dynamik kombiniert und traten nicht weniger kontrastierend, sprunghaft, zugespitzt, prononciert und dringlich auf – manchmal monophon (ein klagendes Cello), seltener homophon im Zusammenspiel mit dem Gesang und gemeinsamer Motive, meist als flirrender, blitzender, exzentrischer Klang. Im Effekt entstand ein Klangbild, das zwischen Kompositionen der Renaissance und der Gegenwart nicht mehr unterscheiden ließ und sowohl Dissonanzen in der Renaissancemusik als auch Harmonien in der Neuen Musik herausarbeitete. Zusätzlich dazu diente die Neue Musik als stilistisches und ästhetisches Mittel der Kombination von Renaissancemusik und expressionistischem Bewegbild, Interrelationen mit dem Raum in Form von Raumresonanzen wurden nicht in Gang gesetzt. Die Aufführung fand in der unverputzten Backsteinarchitektur von St. Elisabeth statt, Screening und Musiker waren in der Apsis des Chores, im Altarraum, auf einer leicht erhöhten Bühne platziert, das Publikum in dem längsrechteckigen, einschiffigen Saalbau. Allein die Tatsache, die Einzelkünste hier separat formulieren zu können, weist darauf hin, dass diese, obwohl sie zusammentreten und in einem gemeinsamen Konzept fusionieren, weiterhin in ihrer medialen Differenz beobachtbar sind. Das mediale Nebeneinander und konzeptionelle Miteinander kann mit Dick Higgins (1984) als Intermedia bezeichnet werden, vorausgesetzt wird, dass es zeitgleich in einem ästhetischen, institutionellen oder technischen Rahmen stattfindet.

Und obwohl allein die physischen und materialen Vorteile eindeutig ausfallen müssten, beherrschte das Bild, genauer das Bewegtbild die Szenerie. Das mag an der zentral gehängten 4:3-Leinwand, die die überlebensgroße Projektion auffing, gelegen haben oder  an den Größendimensionen der Motive (die Kamera konzentrierte sich bevorzugt auf Gesichter oder auch nur auf deren Teile, auf Münder, Augen, Nasen, Augenbrauen) oder an dem expressionistischen Prinzip des Filmes oder an der zentralisierenden, an der Leinwand orientierten Sitz- und Blickordnung des Publikums  oder an dem Veranstaltungstitel, der den Film in den Fokus nahm und untertitelte: „mit Musik von Josquin Desprez und Philip Mayers“ oder an der zeitgenössischen Nähe des Massenmediums Bewegtbild im Vergleich zu Vokalgesang oder Kirchenarchitektur oder an der filmischen Bewegung bzw. deren Illusion oder an der kulturellen Priorisierung der visuellen Wahrnehmung. Dennoch ist ersichtlich, dass die eingangs gestellten Fragen, die den Komplex Musik-, Religions-, Kunst-, Architektur-, Film- und Aufführungsgeschichte eröffneten, Folge des Zusammentreffens aller beteiligten Künste war. Auch das ist der intermedialen Konzeption anrechenbar: Auch wenn sich die Differenzen der medialen Verfasstheiten (noch) zeigen, so können sich doch schon erste Uneindeutigkeiten ankündigen; eine mediale Transformation (Medialisierung) hat noch nicht stattgefunden, kann sich allerdings (transmedial) schon andeuten.

Intermedia führt diese potenziell neue Form als Ergebnis der Medialisierung stets mit sich – in diesem Fall dürfte es sich aber nicht, so schlage ich vor, um eine Kunst- oder Mediengattungsform, sondern um eine Kulturtechnik handeln: Denn wesentlich ist m. E. weniger der Blick auf eine potenziell neue Form oder Gattung als vielmehr auf die Technik der Montage, die mehrfach zum Einsatz kommt: Diese Technik wurde sowohl als Kompositionsprinzip von Desprez und Mayers als auch als filmisches Prinzip als auch als Kombinationsprinzip der Einzelkünste angewendet und ragt daher als das Organisationsprinzip dieses Abends heraus. Daher lautet meine These, dass es sich um einen Abend im Medium der Montage handelte. Mit McLuhan formuliert: The Medium is the Montage! Um dieses Medium aufzugreifen und auch in/mit der Aufführungsinszenierung zu praktizieren, empfehle ich für vergleichbare Situationen eine gelockerte Raumordnung, eine dezentralisierte Blickordnung, eine stärkere Brechung der hierarchisierten Künste, eine stärkere kuratorische Berücksichtigung des Ortes und einen lauteren räumlichen Klang.

Diese Überlegungen werden mit dem 2. ForumKonzert am 26.1.2018 um 20 Uhr im Märkischen Museum Berlin fortgesetzt.

Spivak zu Du Bois und mehr…

In ihrem Vortrag „Running After Du Bois“ am 17. Oktober 2017 in der American Academy in Berlin sprach Gayatri Chakravorty Spivak über:

W. W. D. Du Bois >>
Pan-Bewegungen >>
Nahum Dimitri Chandlers Forschungen zu Du Bois (2013,  2015) >>
Bhimrao Ramji Ambedkar >>
Kant
Aufklärung
Subalternität
Antonio Gramscis Definition der Subalternen >>
Class, labour, race and power
Gender politics
Jacques Derrida
Bengalische Literatur
Frantz Fanon >>
Agency
Universalität
Law and justice
double binds >>
über vieles mehr und auch über sich selbst:

Jonathan Meese – kurzweilig und dogmatisch

Es ist gut, dass an diesem goldenen Herbst Sonntag-Mittag immer auch der Hauch des Hofnarren mitschwingt, wenn Jonathan Messe, begleitet von seiner Mutter und Ratgeberin, Brigitte Messe, sowie Intendant Thomas Oberender im Foyer des Berliner Festspielhauses mit Pressevertretern durch die von ihm errichteten Installationen wandelt, die seine Opernregie bei „Mond-Parsifal Beta 9-23″* flankieren. Unterstrichen wird seine Rollenbesetzung dabei durch zahlreiche Anleihen an eine Stand-Up Performance.
Wollte man diese Rollenzuschreibung nicht zugestehen, blieben allerdings inkonsistente Eindrücke zurück.


Jonathan Meese, Mutter Brigitte Meese sitzend links

1970 in Tokio geboren, nach der Trennung der Eltern im Alter von 3 Jahren als nur englisch sprechender Knirps mit erheblichen Anpassungsschwierigkeiten nach Deutschland übergesiedelt, ist Jonathan Meese von seinen Positionen äußerst überzeugt und sieht sich dabei gar in Nachfolge von Galileo Galilei, dem zu seiner Zeit auch nicht geglaubt wurde, dass die Erde keine Scheibe, sondern eine Kugel ist, wie Meese an geeigneter Stelle anmerkt. Ihm geht es bei diesem Selbstvergleich um die Irrtümer. Heutige Irrtümer identifiziert er in Parteien, in Politik, in Demokratie, in Religionen.
Parsifal ist der Retter. Und am Ende bleibt nur die Kunst.

Meese lässt sich zunächst ausgiebig darüber aus, wie die Trennung der Bayreuther Festspiele von ihm 2014 vonstatten ging und, dass es sich um eine gegen ihn gerichtete Intrige handelte. Er wurde eingeladen und sollte alle Freiheiten haben, die ein Künstler haben könne. Als sich der erste Ansatz, für ein Frühwerk Wagners das Bühnenbild zu machen, zerschlagen hatte, kam das „Riesenangebot“, für den „Parsifal“ sowohl Bühnenbild und Kostüm als auch die Regie zu übernehmen, begleitet von einer Ausstellung im Haus Wahnfried. „Und plötzlich: Eis, […] Eisgesichter, Angst.“ Die Pläne seien nicht finanzierbar und nicht realisierbar, hieß es. Seine Anregungen, die Finanzierung durch Sammeln mit dem Hut in der Berliner Paris-Bar oder auf eigene Kosten sicher zu stellen, wurden von Katharina Wagner mit der Begründung abgelehnt, dass man so etwas auf dem Grünen Hügel nicht machen würde. Als Gesamtkunstwerk, evolutionär inszeniert, wollte er den „Parsifal“ realisieren. Und mit „Liebe“, wie er an verschiedenen Stellen immer wieder zur Selbstversicherung und auch als Distinktionsmerkmal denjenigen gegenüber in Stellung bringt, die in und um Bayreuth nicht so wollen oder wollten wie er.
(Weiteres hierzu im DLF)

Und dann zeigt sich die Abrechnung mit Bayreuth nicht nur verbal, sondern nahezu über den gesamten 1. Stock des Berliner Festspielhauses verteilt, wo er u. a. drei begehbare Sperrholzboxen ohne Decke und vierte Wand errichtet, mit Videos und bemalten aufblasbaren Objekten, Helmen, Plastikblumen, Kuscheltieren, Kinderbadetüchern etc. arrangiert und u. a. als „Fischbude Bayreuth“ und „Wursttheke Bayreuth“ markiert hat. An der zentralen Wand des Erdgeschoss-Foyers kulminieren schließlich die verschiedenen Linien seines im gesamten Haus auskragenden Kosmos auf Leinwand. Ähnlich sprunghaft wie seine gesamte Performance sind auch die Leitmotive, die sich zum Teil an anderer Stelle als Meeses Dogmen entpuppen: „Kunst ist gleich Liebe“, „Kunst ist gleich Wurst“, „Kunst ist gleich Mond“, „Kunst ist ungleich Politik“, „Kunst ist ungleich Ich“, „Kunst ist gleich Demut“, „Kunst ist gleich S.T.U.N.K.“, „Kunst ist gleich Hmmmm“, „Kunst ist ungleich Lifestyle“ und „Kunst ist ungleich Kultur“.

Eine regelrechte Tirade ergeht über diejenigen, die in Talkshows auftreten und nicht wie er sich diesen verwehrt haben. Auf die Frage, ob er denn Christoph Schlingensief, den er zuvor wertschätzend erwähnte, insofern auch als einen Kultur-Affen qualifizieren würde, antwortet er: „Der hat damit gespielt, mal Kulturaffe, mal Kunst. Also der konnte das auch aushalten, das hat der auch ausgefüllt, der musste in Talkshows gehen. Der hatte ein anderes Anliegen. Also das kann ich so nicht. Also ich geb dann ja auch so alles, ich würde ja den Rahmen auch sofort sprengen. Ich bin ja viel härter als Kinski, weil ich sag ja keinen Unsinn, sondern das ist ja alles fundiert und gegen bestimmte Sachen gerichtet.“

So ist seine gesamte Performance gespickt von Bashings: gegen die Wagnerianer, gegen die Talkshow-Affen, gegen Parteien, gegen die Politik, gegen Religionen, gegen jede Ideologie. Auf Nachfrage bekommt auch Joseph Beuys noch sein Fett weg, denn mit seinen politischen Aktionen durch Gründung der Studentenpartei und Mitbegründung der Grünen habe er einen radikalen Fehler begangen und ist daran auch zugrunde gegangen. Das war Hochverrat an der Kunst, so Meese. Nicht nur kriecht hier aus Meese eine an Adorno angelehnte, erzkonservative Kunstselbstbegrenzung hervor, sie ist vielmehr selbst Ideologie, die er an anderer Stelle so vehement ablehnt. Und sie steht nebenbei bemerkt auch nicht im Einklang mit Grundsatzurteilen des Bundesverfassungsgerichts, das nur einen offenen Kunstbegriff als tauglich befunden hat, um der menschenrechtlich und grundgesetzlich verankerten Kunstfreiheit gerecht werden zu können (BVerfGE 67, 213). Vermutlich wähnte Meese bei Beuys zwar nur einen besonders großen Verrat, denn Hochverrat bezeichnet grundsätzlich einen anderen Sachverhalt, offen bleibt bei diesem Ansatz jedenfalls, was an Kunst eigentlich zu verraten sei.
Ob sich das bei Meese darin findet, dass er schließlich Kim Jong-un zum einzigen „Typen“ erklärt, der noch sein Volk formieren könne, der aus seinem Volk noch Kunst machte, bleibt ebenso ungeklärt wie auch die Frage, wie im Raum der Politik, die nach seiner Dogmatik nie Kunst sein kann, mit Kims Handhabung seines Volkes Kunst entstehe.

Sollten Vertreter überkommener Strukturen schon einmal mit dem Gedanken konfrontiert gewesen sein, durch Künstler oder deren Arbeiten herausgefordert oder gar in Bedrängnis gebracht zu werden, so haben sie von Jonathan Meese wohl eher nichts zu befürchten. Er beschränkt sich mit seinen Materialien, Parolen, Gegenständen und Aktionen auf eine hinlänglich bekannte und tradierte Formensprache der Moderne und lädt plakative Slogans allenfalls verbal mit großem Wort und großer Geste auf. Wenn Thomas Oberender mit Bezug auf den Kontext der Veranstaltung „Immersion“ herausstellt, dass es keinen Raum schaffenderen Künstler als Jonathan gebe, dann entfalten die dargebotenen Werke diese Dimension jedenfalls nicht. Vielmehr liegt über fast allem der Geruch der Abrechnung einer berechtigt oder auch unberechtigt gekränkten Seele mit der Wagner-Institution Bayreuth.

Aber wie eingangs mit der Rollenzuschreibung angesprochen, muss man diese Konsistenzlücken auch nicht in den Blick nehmen.
Vielleicht bleibt dann am Ende seiner Presse-Performance kurzweiliges Entertainment.

*MONDPARSIFAL BETA 9–23 (VON EINEM, DER AUSZOG DEN „WAGNERIANERN DES GRAUENS“ DAS „GEILSTGRUSELN“ ZU ERZLEHREN…)
Oper von Bernhard Lang nach Richard Wagners „Parsifal
Musikalische Leitung: Simone Young
Regie, Bühne und Kostüme: Jonathan Messe
Auftragswerk und Produktion Wiener Festwochen, Koproduktion Berliner Festspiele / Immersion

Die Räumung der Volksbühne

Am 28.9.2017 wurde nachmittags auf Wunsch des Intendanten der Volksbühne Chris Dercon die Räumung der besetzten Volksbühne durch die Polizei Berlin vorgenommen.

Informationen zum Verlauf der sieben tägigen Besetzung

Presseschau Stand 28.9.2017

Weitere Informationen zur Besetzung:

Initiator: Glitzer zu Staub,  facebook: VB61-12

Zeit: 22.9. bis 28.9.2017

Ort: Sternfoyer, Treppenhaus, Roter Salon der Volksbühne Berlin

Selbstgewählter Untertitel: „Kunstperformance und Soziale Plastik“

Thema: „To whom does the city belong? What conditions do we want to work, live and act in? How can we defend our vision of a city in which all people flourish peacefully in equitable living conditions?“ „The Volksbühne stands for solidarity, communal production, and the advancement of free, creative work.“ „The Volksbühne is the new center of anti-gentrification. People who stand under the threat of displacement, or have already been displaced, will find here an informed community that will support their resistance. We reject all forms of violence and militance. The Volksbühne is a peaceful place for discussion and a peaceful place for arguments, a place for dissensus and congress.“

Vorbereitung: 9 Monate

täglich 14h Vollversammlung

UnterstützerInnen >>

Die selbsternannte Besetzung der Volksbühne

Parallel zur Bundestagswahl 2017 und dem Berlin Marathon hat am Freitagnachmittag, 22.9.2017, die Aktivistengruppe „Staub zu Glitzer“ das Gebäude der Berliner Volksbühne, nach Eigenaussagen, besetzt.

Über Weiteres informiert im Detail die nachkritik

    

Ein gescheiterter documenta-De-Kolonialisierungs-Versuch

Der folgende Text ist im Konjunktiv II verfasst.

Es hätte sich, wie programmatisch von dem künstlerischen Leiter der documenta 14 Adam Szymczyk (gemeinsam mit weiteren 15 Kuratoren geplant und) im Oktober 2014 in der Kunsthochschule Kassel angekündigt wurde, um eine kuratorische Variante der Dekolonialisierung von neokolonialen und neoliberalen Haltungen, von Kunstgroßausstellungen und damit des Kunstbetriebs, von etablierter Kunstgeschichte, künstlerischen Themen, bevorzugten Formaten und Medien, Institutionen und Gewissheiten, uniformen Erzählungen und universalen Definitionen handeln können, …

Parlament der Körper, Fridericianum.

…wenn die documenta ihrer Konzeptankündigung entsprechend sowohl eine zeitliche als auch eine räumliche, aber auch eine disziplinäre, historische und kulturelle Verschiebung vorgenommen hätte . Das Leitsystem der documenta 14, für das sich Linien kreuzen und Schnittpunkte bilden, wäre hierfür als Matrix einsetzbar gewesen. Für eine konzeptionelle Zerfaserung, Irrung, Rasterung und Bündelung reicht eine lediglich quantitative Erweiterung um einen zweiten Ausstellungsort (Athen) und eine zeitliche Verlängerung (um 63 Tage) nicht. Die Destabilisierung des documenta-Konzepts des einen einzigen Spektakels an einem festen Ort (Kassel) mit einer klaren zeitlichen Setzung (100 Tage) ist nicht mit einer Ort-Zeit-Anhäufung in Gang zu setzen, das bewies schon Enwezor 2002 mit seiner Documenta11 der fünf Plattformen. Auch die Ergänzung der bekannten Ausstellungsorte Kassels in Nähe des Fridericianums um Industriehallen, Pavillons und ehemalige Industriefabriken im Norden Kassels konnte keine Enthierarchisierung der etablierten Ausstellungsorte und -geschichten in Gang setzen, wie sie im diskursiven „Parlament der Körper“ als Zielvorgabe ausgegeben wurde.

Banu Cennetoglu, BEINGSAFEISSCARY, 2017, Fridericianum.

…wenn die Überlegung, „von Athen zu lernen“, so das Ausgangskonzept, die Arbeitsthese und der Titel der documenta 14, sich nicht in einer Solidarisierung und Ideologisierung erschöpft hätte, die sich auf eine Vorzeichenänderung kapriziert hat, um mit der Normativität und Hegemonie des Nordens zu brechen. Fand hier nicht vielmehr eine Mythologisierung und eine Exotisierung statt, wie sie Bestandteil kolonialistischer Konzepte sind? Stellt sich nicht auch nach der documenta 14 unbeantwortet die Frage, wie eine Kritik an der Normativität des Westens und der ökonomischen Spaltung Europas zu formulieren ist? Und wie ist die kuratorische Entscheidung, im Fridericianum die Sammlung des Athener Nationalen Museums für Zeitgenössische Kunst (EMST) zu präsentieren, die zuvor in Athen unter Kuratorschaft von Katerina Koskina gezeigt wurde, einzuschätzen? Kann ein Replacement und ein Teilen von Kunstsammlungen und Kunstgeschichten, hier am Gründungsort der documenta und im ersten öffentlichen Museum in Kontinentaleuropa, dem Fridericianum, mehr sein als nur eine symbolische und damit repräsentationale Geste?

Bill Viola, The Raft, 2004, Fridericianum.

…wenn thematische Linien sich hätten stärker verbinden können. So hätten sich künstlerische Positionen, die sich mit Flucht und Migration auseinandersetzten, mit Positionen zum NSU und damit zu Rassismus und rechtsextremem Terror sowie mit Positionen zu Europa und Globalisierung zu einem Narrativ komprimieren können, das unser Zeitalter als ein Zeitalter der Dekolonialisierung und damit auch die sog. Flüchtlingskrise als ein aktuelles Kapitel der Dekolonialisierung hätte erzählen lassen. Damit wären folgende Positionen aufeinander getroffen:
– Angela Melitopoulos Vierkanal-Video „Crossing“ von 2017, das zu Flüchtlingslagern auf griechischen Inseln informiert,
– auf die „Gesellschaft der Freund_innen von Halit“, die in ihren Videos zum Mord an Halit Yozgat in Kassel und dem NSU recherchieren,
– auf Bouchra Khalilis Digitalvideo „The Tempest Society“ von 2017, das über szenische Lesungen subaltern Stimmen leiht,
– auf Romuald Karmakars neueste Videoarbeit „Byzantion“, die sakrale Gesänge des Marien-Hymnus Agni Parthene in einer Kirche in Griechenland und einer in Russland auf einem dreiteiligen Videoscreen miteinander vergleicht,
– auf Theo Eshetus „Atlas Fractured“ von 2017, einem projizierten Video mit Ton, das sich mit der frühen und gegenwärtigen Berliner Kolonialpolitik in Form des Humboldtforums auseinandersetzt,
– auf Köken Erguns Zweikanal-Videoprojektion „I, Soldier“ von 2017, die türkische Soldaten mit Hip-Hop-Pop-Kultur militarisiert zeigt,
– auf Hans Ragnar Mathisens gezeichnete Karten, die Ortsbezeichnungen der Kolonisatoren durch Sami-Namen ersetzt…
Auch hierbei hätte es sich um die Matrix handeln können, die das vorherrschende Narrativ der Homogenitäten etwa von Bevölkerungen oder Kulturen hätte destabilisieren können. Die Vielzahl von Positionen und Informationen hätten sich zu einer Erzählung der aktuellen Epoche zusammenfügen können, die noch nicht erzählt wurde. Etwa die des „BEINGSAFEISSCARY“ (aus Buchstaben des Fridericianums plus sechs weiteren nachgebildeter Schrift) von Manu Cennetoglu.

Bouchra Khalili, The Tempest Society,  2017, Gottschalk-Halle.

…wenn registriert worden wäre, dass von den ausgewählten künstlerische Positionen diejenigen am stärksten sind, die als Recherchemedium, Dokumentationsmedium oder Archivierungsmedium operierten und gemeinsam einen Atlas der Gegenwart erstellten. Ich erwähne hier
– Angela Melitopoulos Vierkanal-Video „Crossing“ von 2017, das Bilder und Informationen u. a. aus den Flüchtlingslagern Pipka und Moria auf Lesbos liefert (Konzept und Text: Maurizio Lazzarato)
Stefanos Tsivopoulos’ „Precarious Archiv“ von 2015, einem Archiv politischer Großereignisse der Weltgeschichte zwischen 1963 und 2002
Vangelis Vlahos’ „1981“ von 2007, ein Archiv, das Fotos kultureller und politischer Ereignissen der Zeitung „Elftheros Kosmos“ aus der Zeit zwischen Oktober 1981 und Juni 1982 zeigt
Oliver Resslers Installation „What Is Democracy?“ von 2007–2009, bestehend aus einer Achtkanal-Videoinstallation, die etwa 20-minütige Interviews zu der titelgebenden Frage mit politisch Aktiven an verschiedenen Standorten der Welt zeigt
Mary Zygouris „The Bound-up Project“ von 2017, mit dem sie über politische und poetische Strategien des Archivs das zerstörte Material der griechischen Performancekünstlerin Maria Karavela zu rekapitulieren versucht
Maria Eichhorns zur documenta 14 gegründetes Rose Valland Institut, das unrechtmäßige Besitzverhältnisse von Kunstwerken, Grundstücken, Immobilien, Unternehmen etc. in Deutschland recherchiert und dokumentiert
– Auszüge aus Allan Sekulas dokumentierender „Fish Story“ (1990–1995), hier 19 Farbfotografien, seiner mehrjährigen künstlerischen Forschung zu den Arbeitsbedingungen der Handelsschifffahrt exemplarisch für einen globalisierten Kapitalismus
Agnes Denes’ „Matrix of Knowledge“ von 1970, ihren analytischen und systematisierenden Zeichnungen philosophischer Begriffe und Apparate
Máret Ánne Saras Vitrinen mit Dokumenten des Rentierzuchtgesetzes und des Prozesses von Saras Bruder gegen das Norwegische Ministerium für Landwirtschaft und Lebensmittel, in dem er gegen die vom norwegischen Rentierhaltungsgesetz 2007 zwingend vorgeschriebene Tötung von Renen klagte
Arin Rungjangs filmische Recherchen zu einem Demokratiedenkmal in Bangkok, das Inbegriff der politischen Verwerfungen in Thailand im 20. Jahrhundert ist.
Stattdessen stellte die Ausstellung vorwiegend auf Verschlüsselungen und Kryptisierungen ab. In diesem Zusammenhang sei erinnert, dass etwa für Susan Sontag „interpretatorische Unternehmungen größtenteils reaktionär, stickig sind“ und „der Strom der Kunstinterpretationen unser Empfindungsvermögen [vergiftet]“, Interpretieren würde, so Sontag, „die Welt arm und leer machen – um eine Schattenwelt der ‚Bedeutungen‘ zu errichten“. (Sontag 1980, 15)

Köken Ergun, I, Soldier, 2017, Fridericianum.

…wenn nicht konzeptlos Einzelpositionen zu Einzelposten gemacht worden wären, indem sie dicht an dicht, ohne thematischen oder motivischen Zusammenhang nebeneinander gestellt wurden. So standen in der Neuen Galerie der subtile Broodthaers (Ardoises magiques, Magie, Künstlerbuch, 1973 und Dokumente) in unmittelbarer Nähe zu den plakativen, 203 C-Prints umfassenden „Real Nazis“ (2017) von Piotr Uklánski und der informativen Dokumentation einer Performance von Sokol Beqiri aus 2017.

…und wenn nicht in der gleichen Institution ständige Ausstellungsstücke wie Barlachs Bronzen (Russische Bettlerin, 1907) oder die acht Länderfiguren aus Marmor (allegorische Frauenfiguren, „die die acht traditionellen Kulturnationen, die griechische und römische Antike, Italien, Frankreich, Deutschland, Spanien, die Niederlande und England“ darstellen) von der documenta 14 als Ausstellungsstücke okkupiert und überschrieben worden wären.

…wenn die geringe Zahl systemischer oder ökologischer Arbeiten bemerkt worden wäre. Lediglich drei Arbeiten ermöglichten eine Rezeptionssituation, die nicht in der dualistischen Gegenüberstellung von ‚erkennendes Subjekt‘ und ‚zu erkennendes Objekt‘ mündete:
Irena Haiduks in den USA eingetragenes und in Belgrad ansässiges Unternehmen „Yugoexport„, das unter anderem schwarze Borosana-Schuhe, Handtaschen und Damenoberbekleidung verkauft, deren Verkaufspreis sich an der finanziellen Situation der ErwerberInnen orientiert. Hinzu kommen Installationen, Skulpturen und intelligent uneingelöste Performance-Versprechen.
Otobong Nkangas Kreislauf einer Seifen-Produktion, -Installation, -Performance und -Distribution „Carved to Flow
– die Gründung des „Rose Valland Institute“ durch Maria Eichhorn, das die Documenta-Öffentlichkeit aufruft, NS-Raubgut im ererbten Besitz zu recherchieren und diese Informationen dem Institut zu übermitteln.

…wenn künstlerische Arbeiten, wie von der kolumbianischen Künstlerin Beatriz González, dem kolumbianischen Künstler Abel Rodríguez, dem kambodschanischen Künstler Khvay Samnang, der mongolischen Künstlerin Nomin Bold, dem mongolischen Künstler Ariuntugs Tserenpil oder dem norwegischen Künstler Hans Ragnar Mathisen und der Sámi Artist Group, nicht im Naturkundemuseum Ottoneum aus- bzw. eingelagert worden wären. Die institutionelle Rahmung, die Nachbarschaftsverhältnisse in dieser Gruppenausstellung wie auch die Saaltexte markierten diese künstlerischen Positionen als indigene und inkludierten sie somit in ethnologische Diskurse.

…wenn die documenta Halle als schwierig zu kuratierender Ort anerkannt worden wäre und das Kuratorenteam sich den ortsspezifischen Schwierigkeiten gestellt hätte – statt die Arbeiten von Igo Diarra und La Medina zu Ali Farka Touré im Eingangsbereich oder  Listening Space Kassel im 1. Stock der Halle zu verwirken.

André du Colombier, ohne Titel, undatiert, documenta Halle.

…und wenn der größte Raum der documenta Halle großzügig und zwar nur mit der zarten, fragil erscheinenden, 39cm hohen und 23,5m langen Stickerei „Historja“ von Britta Markant-Labba (2003–07) zusammen mit der raum- und ortsspezifischen Arbeit von „le gens d’uferpan“, einem Holzeinbau unter dem Titel „Scène à l’italienne (Proscenium) – Handlungsweise des Neuen Forschungs- und Gestaltungsprinzips“ (seit 2014), der die documenta Halle stört, überbrückt, konturiert, fließen lässt, der Sitzgelegenheiten und Aussichtspunkte, Randkontakte und Verteilungen bietet, kuratiert worden wäre.

…wenn auch selbstreferenziell kunstbetriebliche Dekolonialisierungen etwa der Konzepte Einzelkünstler und Werk, Urheberschaft und Originalität, von etablierten Medien und Formaten als Inbegriff der modernen Ausstellung und damit umfassendere Dekolonialisierungen etwa der weißen, europäischen, männlichen, marktorientierten Kunstgeschichte und mit ihr der Ausstellungs- und Präsentationsgeschichte stattgefunden hätten.

So bleibt, von einer in Ästhetik und Ausdruckssprache, Format- und Medieneinsatz, Displaywahl und Präsentation konservativen, wenn nicht reaktionären documenta 14 zu sprechen, die aktuelle Themen und einhergehend relevante KünstlerInnen ausblendet (Digitalisierung, Klimawandel, Nachhaltigkeit, soziale Ungerechtigkeit), mediale Aktualisierungen ignoriert (VR, Installationen, Interaktionen, künstlerisch-wissenschaftliche Arbeiten, systemische Experimente…), Ökologisierungen des Rezeptionsverhaltens (also das Er- und Anerkennen von Nachbarschaftsverhältnissen) nicht praktiziert, den Einsatz von Komplexitäten in der Produktion, Präsentation oder auch in der Rezeption rückgängig macht, stattdessen wieder ganz auf den Einsatz von „dead ends“ zielt und damit hinter bereits erarbeiteten Perspektiven zurückfällt.
 

Text: Birte Kleine-Benne
Fotos: Erwin Liedke

Ortsspezifische Klangarchitekturen in progress

1610 publizierte Monteverdi seine „Vespro della Beata Vergine“ (Marienvesper) gemeinsam mit der „Missa in illo tempore“ unter dem Titel „Sanctissimae Virgini Missa…“, in deutschsprachiger Übersetzung: „Messe der Heiligsten Jungfrau zu sechs Stimmen für Kirchchöre und Vesper für mehrere Stimmen mit einigen geistlichen Gesängen für Kapellen oder Fürstengemächer geeignet“, und widmete sie Papst Paul V.

2017 trifft Justin Doyle für sein Antrittskonzert als Chefdirigent und künstlerischer Leiter des RIAS Kammerchor Berlin im Rahmen des Musikfests Berlin drei grundlegende Entscheidungen:

© Matthias Heyde, 2017.

(I) Wie auf dem Deckblatt explizit im Titel erwähnt, eignet sich laut Urheber die Werksammlung sowohl für sakrale als auch für profane Bauten. Doyle entscheidet, die eine Komposition im noch jungen Pierre Boulez Saal und die andere in der nachbarschaftlichen St. Hedwigs-Kathedrale aufzuführen. Zwar trennen beide Bauten nur 60 Jahre in ihrem Entstehungsdatum, allerdings sind ihre Funktionszuordnungen eindeutig: Der Pierre Boulez Saal ist der von Frank Gehry entworfene Kammermusik-Saal der 2015 gegründeten Barenboim-Said-Akademie, die Stipendiaten aus den Ländern des Nahen Ostens ausbildet. Untergebracht ist die Akademie wie auch der Saal in einem mehrgeschossigen, früheren Magazingebäude der Staatsoper Unter den Linden und strukturiert sich als ein quaderförmiger Saal mit einem ovalen, schwebenden Rang. Die St. Hedwigs-Kathedrale am Bebelplatz ist die Bischofskirche des Erzbistums Berlin. Der Rundbau mit Kuppel nach Plänen von von Knobelsdorff und Legeay wurde zwischen 1747 und 1773 nach dem Vorbild des Pantheons in Rom errichtet und nach seiner Zerstörung 1943 in den 1950er Jahren wieder aufgebaut. Während es sich bei der einen Architektur um einen Sakralbau handelt, fällt die Zuordnung der anderen Architektur doch nicht ganz so einfach: Wird hier nicht dem Humanismus gehuldigt? Edward Said, US-amerikanischer Literaturtheoretiker palästinensischer Herkunft und einer der beiden Namensgeber der Akademie, publizierte 1978 mit dem diskursanalytischen „Orientalism“ eines der Gründungsdokumente der Postcolonial Studies, deren erste Generation (Edward Said, Homi K. Bhabha, Stuart Hall und Gayatri C. Spivak) an den Narrativen Emanzipation und Aufklärung festhielt.

(II) Wie die Grenzen zwischen profaner und sakraler Architektur fließen, so sind auch die Grenzen zwischen weltlicher und geistlicher Musik uneindeutig – trotz päpstlicher Widmung, die die Forschung annehmen lässt, dass Monteverdi sich nach 20 Arbeitsjahren in Mantua nun für eine Anstellung in Rom interessiert haben könnte: Doyle entscheidet, die mittlerweile populäre Marienvesper mit der weniger bekannten, etwa 40-minütigen Missa aufzuführen – beide, darauf verweist das Titelblatt, können auch unabhängig von liturgischen Einsätzen in fürstlichen Gemächern („cubicula“) gesungen werden. Während die Vesper zur Marienverehrung viele Gemeinsamkeiten mit der Opernmusik Monteverdis aufweist und Monteverdi den kanonisierten Aufbau einer Vesper mit Concerti im monodisch-konzertanten Stil (gespielt von der Capella de la Torre unter Leitung von Katharina Bäuml) anreichert, ist die Missa im „stile antico“, also in der traditionellen Technik in einem polyphonen, strengen Stil komponiert. Die Messvertonung wird in St. Hedwig aufgeführt (an einem Freitagabend nach der Messe und an einem Samstagnachmittag vor der Messe), die Vespermusik im Kammermusiksaal, der eine Aufführungsabend startet mit der einen, der andere mit der anderen. Und so wird der Fanfareneinzug der Zinken, die Toccata aus Monteverdis „L’Orfeo“ von 1607, die Boyle der Missa vorweg gestellt hat, mal zur Overtüre des gesamten Abends, deren Motiv sich über die Missa hinweg bis in die Marienvesper zieht, mal wird sie zu einem komprimierenden Intermezzo zwischen den beiden Kompositionen.

(III) Wie die Reihenfolge der Anordnung variiert, so ist auch die Auswahl, der Aufbau und die Reihenfolge dynamisch. Doyle entscheidet, den kanonisierten Aufbau der Marienvesper (Invitatorium, fünf Psalme, ein Hymnus und ein Magnificat) in traditioneller Kompositionstechnik nicht nur wie Monteverdi mit vier zwischen den Psalmen eingefügten Concerti aufzuführen, sondern zusätzlich um Instrumentalstücke zu erweitern, die nicht Teil der Überlieferung sind. Hierbei handelt es sich um Kompositionen von Zeitgenossen und Kollegen Monteverdis, von Salamone Rossi (vom Hof in Mantua) und von Biagio Marini (vom Markusdom in Venedig). Und so ist auch die Missa und ihre fünf Ordinariumssätze (Introitus, Kyrie, Gloria, Sanctus, Agnus Dei) unter anderem um die Toccata aus „L’Orfeo“ wie auch um eine Sinfonia von Rossi ergänzt. Doyle nimmt damit eine Positionierung hinsichtlich der Diskussionen in der Forschung vor, die in Frage stellt, ob es sich bei der Marienvesper um ein abgeschlossenes Gesamtwerk mit einer definierten Reihenfolge handelt. Monteverdis Entscheidung, im Originaldruck von 1601 nicht nur zwei Möglichkeiten zur Aufführung der Vesper (mit Instrumenten oder mit einem begleitenden Generalbass), sondern auch zwei Versionen des Magnificats (mit Instrumentalbegleitung oder mit Orgelcontinuo) anzubieten, lässt vermuten, dass auch er nicht ein geschlossenes, zusammenhängendes und unveränderliches Werk konzipierte, sondern vielmehr ein, wie man heute formulieren würde, Work in progress oder (mit Umberto Eco, 1973) ein offenes Kunstwerk, ein „opera aperta“. Dieses trägt, mit Michel Foucaults Ausführungen zu „Was ist ein Autor?“ von 1969, eine Reihe von Zeichen, um es einem eindeutigen Autor, hier einem Urheber bzw. Komponisten zuzuweisen. In der Grammatik sind es Personalpronomen, Adverbien der Zeit und des Ortes oder auch Verbkonjugationen, bei Monteverdi sind es Melodienlinien, Echoanmutungen oder auch das Zinken-Ritornell.

Dieser Work in progress nun findet sich auch in der Entscheidung wieder, den Ort zu wechseln und wie in einem Prozessionszug zu abendlicher Zeit keine hundert Meter durch Berlins Mitte und ihre Kulissen, Geschichten und Gegenwärtigkeiten zu flanieren, flankiert vom Bebel-Platz, der Ort der Bücherverbrennung 1933, an die Micha Ullmans unterirdisches Denkmal der leeren Bücherregale aus Beton erinnert, der Staatsoper Unter den Linden, die wie auch Schinkels Friedrichswerdersche Kirche, jüngst in die Schlagzeilen des Berliner Missmanagments und der stadtplanerischen Fehlentscheidungen geraten sind. Der Work in progress findet sich aber auch innerhalb der zwei Lokationen wieder, wenn beide Räume durch Bewegungen, Wanderungen, Platz- und Gruppierungswechsel der Solisten und Musiker akustisch durchschritten und vermessen werden. Oder wenn die Räume durch Auf- und Zerteilungen sowie durch ihre ortsspezifischen Besonderheiten in Architektur, Material und Einrichtung zu Klangkörpern performiert werden. Oder wenn der RIAS Kammerchor aus der Unterkirche von St. Hedwig (die nach den künftigen Neugestaltungsplänen geschlossen werden soll) steigt und dazu den der Messe vorangestellten gregorianischen Introitus aufführt. Oder wenn die Capella de la Torre ihrem Namen entsprechend die Tocata aus „L’Orfeo“ von der Empore der Kathedrale herab spielen. Oder wenn die Gesangs- und Instrumentalsolisten im Kammermusiksaal in unterschiedlichsten Stimm- und Instrumentalkombinationen ihre räumlichen Positionen in Parkett und Empore wechseln, um Wechselgesänge zwischen den Saalstandorten in Gang zu setzen und klangliche Resonanzen, Schwingungen und Nachhall des Saales zu erkunden. Oder wenn Justin Doyle mit ganzem Körpereinsatz und lustvollen Bewegungen Geschwindigkeiten, Lautstärken, Dynamiken, Zeitverschiebungen und Expressionen von Chor und Orchester dirigiert und diese beinahe tänzerische Körperlichkeit in der räumlichen Nähe und akustischen Zwischenintimität des Pierre Boulez Saals anders rezipiert werden muss als unter der Kuppel der Kathedrale.


© Matthias Heyde, 2017.

So entstehen ortsspezifische (site-specific) Klangarchitekturen, die auf ihre Formen, Geometrien, Materialien, sozialen Bezüge und Funktionen hinweisen und die nachbarschaftlichen Verhältnisse herausarbeiten. Hier werden zusätzlich in Folge der Ortsspezifizität klanglich, musikalisch, musikhistorisch, architektonisch und liturgisch humanistische, aufklärerische und emanzipatorische Ideale verehrend, aber nicht konservierend performiert. Mit Lust, Freude und Beweglichkeit wird experimentiert und aktualisiert und werden mit Said (zeitliche, räumliche, mentale, kognitive…) Zwischenräume (Bhabha: „Third Spaces“) aufgestoßen, die intermediär bisherige Oppositionen außer Kraft zu setzen in der Lage sind und auf Differenzen und Hybriditäten abzielen. Ein kontrapunktisches Schreiben/Lesen, wie es Said in seinen Texten praktiziert, geht von der Annahme aus, dass Geschichte niemals nur aus einer Perspektive erzählt werden kann, sondern immer polyphon zu denken ist. Insofern kann die Aufführung von Marienvesper und Missa auch als eine sowohl musikalisch als auch architektonisch kontrapunktische Aufführungstechnik verstanden werden, mit der Doyle seinen Beitrag zu aktuellen Forschungsdebatten in den Musikwissenschaften, aber auch in den Politikwissenschaften oder den Postcolonial Studies leistet. Hier kann und sollte weitergearbeitet werden…

Solisten: Dorothee Mields (Sopran), Hannah Morrison (Sopran), Thomas Hobbs (Tenor), Andrew Staples (Tenor), Volker Arndt (Tenor), Andrew Redmond (Bass), Stefan Drexlmeier (Bass)

Die Marienvesper ist am 23.9.2017, ab 20 Uhr via Deutschlandfunk Kultur zu hören. Im Anschluss folgt ein Gespräch zwischen Justin Doyle und Ruth Jarre.

Was war eigentlich modern gewesen? Monteverdi, Scharoun und Gardiner

Vorbemerkung:
Was als Konzertbesuch begann, mündete nach drei Monteverdi-Opern in der Berliner Philharmonie,  aufgeführt im Rahmen des Musikfests Berlin 2017,  in einen kunstwissenschaftlichen Kurzessay. Denn die Begegnung von Monteverdi-Komposition, Scharoun-Architektur und Gardiner-Musikproduktion setzte aufgrund der Anhäufungen und Verschaltungen von Asymmetrien in Musikgeschichte, Aufführungspraxis und Architektur Gedanken in Gang, die um den Begriff des Modernen kreisten. Scharoun triggerte bzw. katalysierte in Regie von Sir Gardiner Spezifika von Monteverdi, so dass von einer In-situ-Inszenierung mit übergreifenden Erkenntnisgewinnen die Rede sein kann. Daher:

Was war eigentlich modern gewesen?

Die Menge der Vielzahl an Bedeutungen von ‚modern‘ erschwert es, eine eindeutige Antwort auf die Frage zu formulieren, was eigentlich ‚modern‘ war:
Für das Adjektiv hat jüngst noch einmal Klaus Bartels die in diesen Begriff eingebaute Differenz herausgestellt: Das lateinische ‚modernus‘ (neu, neuzeitlich, gegenwärtig) stammt vom lateinischen Adverb ‚modo‘ (eben, jetzt, eben gerade, eben erst, kurz zuvor, kurz hiernach), das an eine Geste des Abstands zwischen Daumen und Zeigefinder geknüpft war, hinzu kommt die Doppelbedeutung des lateinischen ‚modus‘ als Maß und Art und Weise. Modern war zunächst nichts anderes als die Abgrenzung zum überlieferten Alten. Der Begriff transportiert also automatisch einen Referenzbegriff, wie es etwa auch die Begriffe White Cube, Umwelt oder Kontext praktizieren.
Überdies existieren differierende bzw. erweiternde Definitionsvorschläge, modern sei ein Programm oder eine Strategie oder ein Konzept oder ein Stil…
Im Substantiv ‚Moderne‘ findet eine Stabilisierung und Abgrenzung statt: von einer abgeschlossenen Epoche oder einem Zeitalter in der Vergangenheit ist die Rede, dabei nehmen die einzelnen Disziplinen ihre je eigene Datierung und Historisierung vor: In der Philosophie fällt die Moderne mit der Aufklärung zusammen, die literarische Moderne beginnt mit dem 20. Jahrhundert, in der Musik ebenfalls, die Soziologie setzt die Moderne mit der Neuzeit gleich und die Kunstgeschichte differenziert mit der Klassischen Moderne einen Stil aus.

Die jüngsten Aufführungen von Monteverdis „Opern“ („L’Orfeo“ von 1607, spielt in Thrakien und Unterwelt in mythischen Zeiten, „Il ritorno d’Ulisse in patria“ von 1641, spielt in Ithaka in mythischen Zeiten und „L’incoronazione di Poppea“ von 1653, spielt in Rom 62 n.Chr. unter Kaiser Nero) verdeutlichten in situ, was ‚modern‘ bedeutet:

Monteverdis Musik, in der musikalischen Leitung und Regie von Sir John Eliot Gardiner praktiziert eine Unordnung, einen Bruch mit Vorherigem, eine Hybridisierung. Sie bricht mit der Eindeutigkeit und Ordnung des vorherigen Kanons und nimmt damit implizit eine Formung von Zeit vor: ein vorher und ein nachher statt eines kontinuierlichen Flusses ohne Konturen. Es entstehen Mischformen in szenischer Darstellung, Musik und Komposition, die in Kenntnis fortgesetzter, historischer Separierungen oder abermaliger Brüche (Modernen) erst retrospektiv als Hybridisierungen anerkannt werden können und in genau diesem Moment das Moderne wieder aufheben. So sind Mehrstimmigkeiten von Madrigalen, Tänzen, Chören, Arien, Duetten und Rezitativen zu hören, die manchmal auch miteinander zu verschmelzen scheinen. Strophenlieder und Arien  wechseln einander ab. Vokalpolyphonien treffen auf einen monodischen Stil, das Zusammenspiel von Linie, Melodie und Harmonie ist strukturell offen. Neben kontrapunktischen Kompositionen sind akkordische gesetzt, die Abwesenheit von Tempobezeichnungen und Angaben zur Dynamik in der ohnehin spartanisch aufgesetzten Partitur (die nur als Gesangs-und Basslinie notiert ist) eröffnet Gestaltungsspielräume – übrigens auch der Instrumentation, denn anders als der Druck von „L’Orfeo“ enthalten die Abschriften der beiden anderen Kompositionen keine Instrumentationsangaben. Die Situationen sind mal mehr, mal weniger szenisch inszeniert (eine Variante, die Gardiner „halbszenisch“ bezeichnet). Die Sänger sind mal Teil des Chors, mal Individual als Solisten, mal sind die Stimmen mit den Figuren zusammengelegt und übereins, mal bricht diese Zuordnung auseinander. Mal wenden sich die Figuren in direkter Ansprache aneinander oder ans Publikum, gefolgt von introspektiven Monologen oder Dialogen. Mal singt die textverständliche Stimme als Countertenor, mal bricht sie in einer Figur zum Mezzosopran um. Schallverteilungen im Raum folgen auf Resonanzen und Nachhall. Monteverdi lebte nicht nur zwischen zwei Epochen, auch sein künstlerisches Werk ist zwischen zwei kunstgeschichtlichen Epochen aufgespannt und trifft in der Berliner Philharmonie-Inszenierung auf einen nächsten Bruch, in Architektur, Konzerthallenbau und Aufführungspraxis.

Diese Brüche, diese konzentrativen Momente der Neufaltung, der Unvorhersagbarkeit, der Optionen, der Unordnung sind dasjenige, was als modern bezeichnet werden kann. Modern, so kann als Definition vorgeschlagen werden, ist ‚inter‘: nicht mehr und noch nicht, sind Asymmetrien in Zeit und Raum. Das bedeutet auch, dass, alsbald die Unordnung als solche benannt und sortiert wird, die Mischformen in ihrem Inter-Zustand geordnet und aus diesem herausgeführt werden, das Moderne vorüber ist und in einen Zustand überführt werden kann, der eine Systematisierung nach weiteren Kriterien anregt und anbietet. Die Definition kann also fortgesetzt werden: Modern ist eine Übergangsphase, die in dem Moment beendet ist, in dem die Asymmetrien symmetrisiert und die Brüche nivelliert werden, in dem mit Entfaltungen und Ausdifferenzierungen fortgesetzt wird. Modern findet also zwingend in der Vergangenheit und aus der Retrospektive statt. Modern ist ein Referenzpunkt mit eingebauter Differenz, ein Kippmoment, der ein Maß (modo) und zwar sowohl die Zeitspanne vor dem Referenzpunkt als auch die Zeitspanne nach dem Referenzpunkt berücksichtigt. Ein nur kurzer Moment in der Inszenierung der ‚Poppea‘ deutete eine Asymmetrie an, als Michal Czerniawskis Countertenor der ‚Nutrice‘ inmitten der sexuellen Begierden seiner Figur der Amme zum Mezzosopran umbrach, so dass beinahe ein vorher und ein nachher im heutigen Fluss der Zeit, also etwas Modernes entstanden wäre. Allerdings weist Bruno Labour darauf hin, dass die Rezeption des Modernen immer nur zeitversetzt erfolgen kann, denn sobald wir unsere Aufmerksamkeit auf sämtliche Verfahren, sowohl auf das Hybridisieren als auch das Separieren, lenken, „hören wir sofort auf, gänzlich modern zu sein“. In dem Moment, in dem „uns rückblickend bewusst wird“, dass hier mehrere Verfahren am Werk sind bzw. am Werk gewesen sind, „hören wir auf, modern gewesen zu sein“. (Latour 2008, S. 20)

Wie aber wurde erzählt?

Das Narrativ der drei noch erhaltenen (von insgesamt zehn) Opern Monteverdis wird in dieser Inszenierung von Sir Gardiner und Elsa Rooke (Regie) über Licht*, Kostüme**, Tonarten, Dualismen und Instrumenteneinsatz hergestellt: Die drei Pointen zur Liebe – einer schwärmerisch unglücklichen Liebe zwischen Orpheus und Eurydike, an seiner Begierde gescheitert, einer glücklichen Liebe zwischen Odysseus und Penelope, auf Zuverlässigkeit gründend und einer grenzenlosen, körperlichen Liebe zwischen Nero und Poppea, durch Konsequentialität realisiert, daneben noch weitere Varianten von eifersüchtiger, glückloser, selbstzerstörerischer und/oder komplizierter Liebe –, diese drei Pointen also (Begierde, Zuverlässigkeit und Konsequentialität) werden in dieser Inszenierung erzählt, indem durch den Lichteinsatz in „L’Orfeo“ eine Ober- und eine Unterwelt konstruiert wird, indem durch den Einsatz von Tonalität und Tonarten Freude (e-Dur) und Schmerz (a-Moll) entsteht, indem durch den Materialeinsatz der Kleider ein Dualismus wie Weibliches (seidig, fließend, glänzend) und ein Männliches (stumpf, streng) behauptet wird, indem der Instrumenteneinsatz funktionalisiert wird (Streicher vs. Bläser), indem Einzelfiguren heraustreten und mit ihrer Stimme zusammengelegt werden (Orpheus, Caronte, Odysseus, Penelope, Poppea, Seneca), indem die Faktur der Musik durch die Psychologie der Figuren bestimmt ist.

© Carolina Redondo, 2017.

Diese Inszenierungen finden nun inmitten der Asymmetrieanhäufungen der Berliner Philharmonie statt. Scharouns Bau aus den frühen 1960er Jahren verweigert wie viele seiner Nachfolgebauten in Sydney, Paris und Hamburg, die Übersicht, das Zentrale, das Symmetrische, die Aufführungskonventionen und damit auch die sozialen Klassifizierungen des Publikums. In der Mitte der unregelmäßig ansteigenden, terrassenförmigen Logen ist das Podium platziert, die Mitte des Podiums hält auch Sir Gardiner als Dirigent des Monteverdi Choir und der English Baroque Soloists frei. Eine mittige Schneise durch das Orchester aus 6 Violinen, 4 Violen, 1 Cello, 1 Viola, 1 Kontrabass, 2 Blockflöten, 2 Trompeten (Zinken), 1 Dulzian, 2 Cembali, 4 Barockgitarren und 1 Harfe ermöglicht die halbszenische Inszenierung, den Gang der Darsteller des Chors und der Solisten über das gesamte Podium, in Länge wie Breite, von einem zum anderen Publikum. Der Fluchtpunkt dieser Inszenierung ist damit frei (nicht leer) und kann dynamisch mehrfach im Verlauf der Inszenierungen belegt werden: mit „Possente spirto“, die Koloraturarie des Orpheus im 3. Akt, mit dem finalen Liebesduett von Odysseus und Penelope oder auch dem von Nero und Poppea „Pur ti miro, Pur ti godo“. Wollte man allerdings von einem konzeptionellen statt einem räumlichen Zentrum sprechen, so wäre das Motiv des Zyklus‘ zu nennen, der durch die drei Kompositionen und die drei beinahe aufeinander folgenden Abende (Samstag, Sonntag und Dienstag) kreiert wurde. Schon 2012 wurde in Berlin diese Verklammerung praktiziert, als in der Komischen Oper in der Regie von Barrie Kosky die „Monteverdi-Trilogie“ an einem Tag aufgeführt wurde, hierfür allerdings das Genre der Operette, wenn nicht des Musicals gewählt wurde.

*Lichtdesign: Rick Fisher
**Kostüme: Isabella Gardiner, Patricia Hofstede

Zur Kommunikation zeitgenössischer Kunst | For communication of Contemporary Art