Im moment des agierens und einnehmens erfolgt(e) der moment der missachtung und des zerstoerens.

1. April 2011 – 15:12

Cyprien gaillard, “the recovery of discovery, kunst-werke berlin, 27.3. - 22.5.2011

Zu beginn der vernissage, samstag, 26.3.2011, gegen 17h, war eine 7 meter breite, 7 meter lange, 7 meter hohe stufenpyramide in gleissendem neon-licht zu sehen. Konstruiert aus blau-weissen EFES-kartons, die die stufen der pyramide bildeten und als behaeltnis von 72.000 bierflaschen dienten.

Am ende der vernissage, sonntag, 27.3.2011, gegen 1h war der grosse saal der berliner kunst-werke im erdgeschoss eine massenansammlung von youngstern, die im verlauf des abends die pyramide kaperten und sich ueber die verschiedenen hoehenniveaus mit bierflasche in der hand bis unter die decke der kw schraubten - eingehuellt in tabakwolken und biergeruechen, als highlight dokumentiert durch die eigenen, blitzenden handies.
Von den EFES-pappkartons waren noch zerfleddderte reste zu sehen, einige empfingen bereits im eingangs- bzw. besser gesagt im ausgangsbereich der kunst-werke.

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Vom restlichen gebaeude waren lediglich die toiletten auf etage 1 und 2 geoeffnet.
Die bierspur zog sich durch das gesamte haus - ganz offensichtlich zum leid des kw-personals, aber ganz zur freude all’ derjenigen, die schon immer mal den white cube entweihen wollten oder sich freibier bis zum umfallen wuenschten oder in kombination teil einer kuenstlerischen performance sein wollten, die auch alkoholische freude und spass verursacht…

Angekuendigt war anfangs lediglich abstrakt eine “recovery of discovery” bzw. die kuenstlerische arbeit von cyprien gaillard konnte einen moment der de-/konstruktion eines monuments antizipieren. Deren konkrete form - eine bierskulptur - motivierte innerhalb kuerzester zeit ueber mobile und web (#freibier?) die berliner kunstszene zur partizipation.


Re-Designing the World…

28. September 2010 – 17:51

Zeitgleich zur gelebten demokratie im rahmen von stuttgart 21 eroeffnete der wuerttembergische kunstverein stuttgart am schlossplatz, wenige minuten vom stuttgarter hauptbahnhof entfernt, die ausstellung “Re-Designing the East. Poltiisches Design in Asien und Europa” (bis 9.1.2011).

In 6 raeumlich fokussierten und thematisch ausgerichteten sektionen, sortiert nach 6 laendern, 3 osteuropaeische (ungarn, polen, tschechien) und 2 (sued-ost-)asiatische (thailand und suedkorea) sowie indien wird die beteiligung von designpraktiken an den prozessen politischer bedeutungsproduktion seit den 80er jahren sichtbar gemacht.

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Als untersuchungs- und belegmaterial dienen visualisierungen wie plakate, logos, videos, comics, zeichnungen, diagramme…, die bedeutung herstellen und damit die politischen meinungsbildungs- und aneignungsprozesse, die bestaetigungs- und widerstandsereignisse mit-/konstituieren.

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Einige beispiele:
der aufruf der boykottierung von wahlen (thailand),
die visuelle implementierung tibets in die weltkarte exemplarisch fuer die kommunikation sozialer, humanitaerer oder oekologischer projekte auf copyleft-basis durch den nicht-kommerziellen zusammenschluss design&people,
das re-design von land durch kartierungstechnologien wie google, naver oder daum am beispiel des suedkoreanischen ortes daechu-ri oder auch
das re-design von events wie im fall der juengst 2010 versunkenen fregatte cheonan
Hervorragend kuratiert sind die sektionen indien (durch sethu das), thailand (durch keiko sei) und suedkorea (durch nathalie boseul shin).

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design, vielleicht waere hier der begriff der visualisierung besser geeignet (?), wird somit als konstituierender bestandteil von gestaltung nicht nur auf der bildebene definiert, sondern ebenso als mit-/neu-/retro-gestaltung soziopolitischer figurationen.

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aus: pracha suveeranont, language of the others, vernacular thai and designer’s identity

Die einzelsektionen, kuratiert von 6 kuratoren der jeweiligen laender, liefern mit ihren visualisierungen, informationstafeln auf deutsch und englisch sowie den A4-handouts umfangreiche informationen zu laendern, personen, geschichten, historien, ereignissen etc., so dass
nach anfaenglich gefuehlter ueberkomplexitaet die eindrucksvolle ausstellungsarchitektur sinnvolle systematisierungen und strukturierungen bietet.

Unbedingt zu empfehlen!


“zur nachahmung empfohlen!”…

20. September 2010 – 18:54

…ueberschreibt adrienne goehler die von ihr kuratierte ausstellung mit dem untertitel “expeditionen in ästhetik und nachhaltigkeit”. Wunderbar, den (kunsthistorischen und ueberwunden geblaubten) aspekt des ‘nachahmens’ im titel anklingen zu lassen und mit ‘expeditionen’ den prozessualen, experimentellen und betriebsamen status zu betonen; schade, dass auch goehler keinen alternativbegriff zu dem vernutzten der nachhaltigkeit gefunden hat…

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Knapp 50 kuenstler zeigen bis zum 10.10.2010 auf grosszuegigem raum in den uferhallen berlin ihre kuenstlerischen arbeiten und praktiken, die im weitesten sinne im bereich der oekologie angesiedelt sind, technische erfindungen oder politprojekte vorstellen (u.a. jae rhim lees alternatives begraebnissystem, christoph kellers sonnenlicht-reflektions-system fuer urbane, sonnenlose raeume), sich zum klimawandel positionieren (u.a. superflex’ apokalypse-inszenierung in einem mcdonald’s), oekologische veraenderungen dokumentieren (u.a. cornelia hesse-honeggers recherchen und dokumentationen von radioaktiv verseuchten und mutierten wanzen), partizipatorisch-aktionistisch intervenieren (u.a. christin lahrs 1-cent-pro-tag-onlinebanking und marx’-kapitaltransfer an die bundesbank) oder alternative handlungsansaetze anbieten (u.a. the yes men’s kapitalismuskritischen neoaktivistenmethoden, zwischenberichts ‘berliner schoepfung’, einem wasser aus der berliner panke, gudrun f. windloks adoptionsservice fuer europaeer mit bindungsaengsten nach afrika).

an drei kunsthistorische referenzen knuepfen die praktiken an: an beuys’ anpflanzungen von 7000 eichen “stadtverwaldung statt stadtverwaltung” in kassel 1982-1987, an gordon matta-clarks und juan downey frischlufttank (fresh air) aus dem jahr 1972 und an robert smithsons spiral jetty von 1970 in der wueste von utah. die 3 arbeiten sind im rahmen der ausstellung als videos zu sehen.

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Die arbeiten thematisieren, praktizieren oder problematisieren in einem breiten gattungsspektrum nachhaltigkeit: installationen, fotografien, stellvertreter fuer aktionen, dokumentationen von aktionen, aktionen selbst, videos, zeitungen, zeichnungen, grafiken, objekte, rituale und ein lilli green designshop, leider nur zu knapp auf der webseite der ausstellung dokumentiert und archiviert und leider den moeglichkeitsraum des netzes gar nicht nutzend.

Als wunderkammer in der wunderkammer zeigt “das imaginarium: ein theater fuer konstruierte oekologien” eine miniatur-ansammlung von ideen aus den bereichen kunst, architektur und wissenschaft, die sich mit dem oekologischen wandel auseinandersetzen und zum teil schon loesungsansaetze fuer das klimadilemma anbieten. Eine praktizierte inter- und transdisziplinaritaet zwischen dem berliner studio lukas feireiss, der londoner gruppe tomorrow’s thoughts today und dem puerto-ricanischen kuenstler luis berríos-negrón.

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3 jahre war goehler (zwischen 2002 und 2006 selbst kuratorin des hauptstadtkulturfonds) auf der suche nach finanzieller unterstuetzung, schlussendlich hat die bundeskulturstiftung neben weiteren institutionen wie die bundeszentrale fuer politische bildung oder der berliner senat fuer gesundheit, umwelt und verbraucherschutz die ausstellungsplaene zur umsetzung gebracht. Ein nun von goehler konzipierter “fond aesthetik und nachhaltigkeit” soll vergleichbare schwierigkeiten bei folgeprojekten verhindern, wird doch noch immer ein zusammenhang zwischen kunst und nachhaltigkeit nicht gesehen und verhindern disziplinen-, budget- und ressortgrenzen uebergreifende finanzierungskonzepte.

Die berliner ausstellung (bis zum 10.10.2010) ist mit filmscreenings, gespraechsforen und artist talks kombiniert (termine unter http://z-n-e.info) und wandert im anschluss nach dessau, gartow, pfaffenhofen, neuburg an der donau, ingolstadt. Weitere ausstellungsstationen sind in verhandlung.


Das große john-bock-wunderkammer-imperium…

26. Juli 2010 – 23:16

…bis zum 31.08.2010 in der temporaeren kunsthalle berlin mit dem titel FischGrätenMelkStand.

In einem viergeschossigem geruestbau-labyrinth zeigt die ausstellung in einzelkabinetten aus stoffen, sperrholz, plexiglas, campinganhaengern oder autoreifen mit so wundersamen namen wie “bonjour tristess in der kunstwohlfahrt” oder “im schatten der made”, aber auch in geruestgaengen und -auskragungen in die hoehe und breite insgesamt etwa 150 werke von ueber 60 bock-freunden und -kollegen wie schlingensief, kippenberger, zobernig, ackermann, slominski oder tiravanija.

angereichert wird die unueberschaubare materialschlacht mit kuriositaeten aus der parapsychologie, musealen filmmaschinen, requisiten der filmgeschichte oder filmklassikern wie sergio leones “spiel mir das lied vom tod”. nicht zu vergessen die zeitgleich autorisierten 45 krabbelnden, kletternden, zwaengenden, neugierigen, verwunderten, schwitzenden und amuesierten besucher und viele weitere, vor der sur-/ir-/realen wunderkammer-installation wartende…

Budenzauber oder indiz fuer entdifferenzierungsmassnahmen im kunstsystem? fuer ein entkommen aus der sog. isolationshaft des white cube?

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Urlaubsantraege jetzt stellen!…

26. Juli 2010 – 12:48

…fordert die bremer schwankhalle jetzt freischaffende kuenstler auf, ihre urlaubsreifeerklaerung abzugeben, auf nicht mehr als einer a4-seite plausibel zu begruenden und eine kostenuebernahme des urlaubs zu beantragen.

Alle zwei monate bewilligt eine jury, bestehend aus mitgliedern und gaesten der schwankhalle, eine auswahl der antraege bzw. eine als angemessen erscheinende urlaubs-pauschale. (Hier zur orientierung eine auswahl von genehmigten und abgelehnten antraegen…)

Naechster abgabetermin ist der 30.08.2010.


BewachungBewachung

30. April 2010 – 09:02

…eine Empfehlung:
Lutz Dammbecks Ausstellung “Atlasmacher“, noch bis zum 11.07.2010 im Kunst-Raum des Deutschen Bundestages.

Dammbeck, der sich in seinen Arbeiten (Das Meisterspiel, 1998, Das Netz, 2004, Paranoia, 2006) immer wieder mit dem Geflecht aus Neuen Technologien, Psychologie, Politik und Kybernetik auseinandersetzt, tastet sich in dieser Installlation “Der Atlasmacher” an das Thema der sog. “Re-Education” im westlichen Teil Deutschlands nach 1945 heran. Dass der Ort sich mit seinen Praktiken in das Themenfeld kybernetisch rueckkoppelt, duerfte ihm gefallen…

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“Die Stadt gehört doch eigentlich uns allen…”

28. März 2010 – 01:04

Letzter termin ist vorerst der 16.4.2010 und zwar “mittendrin” im praktizierten “Recht auf Stadt” in hamburg, das hier seit 2008 in anspruch genommen wird. Christoph schaefer, in hamburg lebender kuenstler, wird seine publikation “Die Stadt ist unsere Fabrik”, ein bildessay in 158 zeichnungen (verlegt bei Spector Books Leipzig), im hamburger gaengeviertel praesentieren, das seit august 2009 von 200 kuenstlern besetzt wird.

In sechs kapiteln erzaehlt schaefer in unterschiedlichen dichten und geschwindigkeiten die geschichte des urbanen: Beginnend vor 60.000 jahren - vor 5.000 jahren dann die erfindung der stadt (als verdichtete unterschiedlichkeit), uchisar und ischtar tempel in assur, ueber london, paris und kowoloon walled city… Angelehnt an henri lefebvres theorie der revolution der staedte (frz. 1970, dt. 1990), nach der raum ein soziales produkt sei und erst durch soziales handeln entstehen wuerde, sich hieraus zwingend etwa das recht der anwesenheit oder das des zugangs ergebe (holm), zeichnet sich schaefer mit aquarellstiften vom ur-schlamm bis in die hamburger “Recht auf Stadt” bewegung und versteckt nicht seine abneigung der “glitschigen postfordistischen verhaeltnisse”.

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2002 war schaefer mit seinem Park Fiction-Projekt auf der Documenta 11 zu gast, das seit mitte der neunziger jahre an der schnittstelle von kunst, urbanismus und aktionismus in hamburg eine “kollektive wunschproduktion” zu ermitteln und umzusetzen versuchte. Resultat ist der heutige, gemeinsam mit den anwohnern geplante und gestaltete Antonipark, der seit 2005 am elbhochufer als oeffentlicher park in dem dicht besiedelten gebiet eine idee des erweiterten kunstbegriffs der sozialen plastik joseph beuys gibt.

Hierin setzt sich exakt das in szene, was lefebvre in den siebziger jahren heraufziehen sah: Im postindustriellen zeitalter, so die these, wuerde die stadt selbst zum zentralen produktionsort (schaefer kreiert hieraus den titel seiner publikation: “Die Stadt ist unsere Fabrik”). Subkulturen, kuenstler und kreative wuerden zu erfindern von orten und produzenten von kollektiven raeumen. “Welche alternativen lassen sich zum neoliberalen urbanisierungsmodell entwickeln, das fortgesetzt schwarze loecher produziert: finanzkrisen, verschuettete stadtarchive, marketing-idiotismen?”, fragt schaefer und freut sich in dem 6. kapitel seiner publikation vorerst ueber die derzeitigen geschehnisse in hamburg.

…2008 in gang gesetzt, dann im juni 2009 mit einer vernetzung von initiativen als RaS (Recht auf Stadt) formiert, seither als multitude fuer eine soziale, gerechte und demokratische stadt und gegen die offizielle politik der gentrifizierung im einsatz, als versuch, sich gegen die privatisierung von stadt und staedtischem raum zu wehren. Die initiative Komm in die Gänge (seit august 2009) und das manifest Not In Our Name, Marke Hamburg (oktober 2009), das sich gegen den werbefeldzug der marke hamburg in der standortpolitik ausspricht, sind nur zwei der handlungen, die den hamburgischen raum aktuell selbst performieren und das mit leidenschaft:
“Señoras y Señores! - die Städte der Multitude werden Orte der Leidenschaft sein oder, Ladies and Gentlemen — sie werden nichts sein!”

Die Stadt ist unsere Fabrik
Christoph Schäfer
304 Seiten, 158 Zeichnungen, deutsch / english
Spector Books Leipzig 2010 ISBN: 978-3-940064-95-0
28.00 eur

Weitere literaturempfehlungen zum thema:
Deleuze/Guattari, Rhizom, 1977.
Hardt/Negri, Empire - die neue Weltordnung, 2000 (dt. 2002).
Richard Florida, The Rise of the Creative Class. And How It’s Transforming Work, Leisure and Everyday Life, 2002.
Hardt/Negri, Multitude, Krieg und Demokratie im Empire, 2004 (dt. 2004).


Rethink in Copenhagen - the opening

16. Dezember 2009 – 15:38

YouTube-Kanal von Rethink09